Der Kamponghäuptling, zu dem ich im Jahre 1877 gerufen wurde, um ihm in seiner schweren Krankheit (Carcinoma vesicae) Hülfe zu leisten, war gestorben; sein Körper war auf das Feld gebracht und in einem hölzernen Sarge der Verwesung übergeben. Nach dieser Zeit sollte das Todtenfest beginnen. Eile hatte es damit nicht, weil die Wittwe zu alt war, um an eine zweite Heirath zu denken, und weil ein solches Fest viel Geld kostet. Nebstdem hatten sie gehört, dass Muarah Teweh aufgelassen werden sollte; sie konnten dann vielleicht zu Ehren der Verstorbenen einige Sclaven opfern, wie es bei den unabhängigen Dajakern damals noch üblich war. Da jedoch noch Ende 1878 das Fort Teweh bestand und noch immer keine Anstalten zum Verlassen der Boven-Dusson genommen wurden, entschlossen sie sich endlich, für ihn das Todtenfest zu halten, ohne Sclaven zu opfern; denn der Geist (liau) wurde zwar in den ersten 24 Stunden nach seinem Tode vom Charon (Tampon Telon) nach dem »Wolkensee« gebracht, aber die Seele, welche erst nach Ablauf des Todtenfestes dahin gebracht wird, um sich mit der »liau« zu vereinigen und die Freuden des Himmels zu geniessen, blieb, so lange der Sarg des Verstorbenen nicht bestattet ist, unbefriedigt schweben. Die Wittwe ist, so lange das Todtenfest nicht gegeben ist, »pali«; ihre Kinder sind »pali«, d. h. sie sind unrein und werden von den Sanggiangs (gute Geister) nicht erhört. Nebstdem muss die Wittwe die Trauerkleider, d. h. stets ein Kopftuch und schwarze Kleider tragen (unmittelbar nach dem Tode trägt sie jedoch weisse und erst später schwarze Kleider). Das sind genug Ursachen, um das Todtenfest sobald als möglich zu geben, d. h. sobald die grossen Ausgaben, welche damit verbunden sind, gedeckt werden können. Unser Häuptling hatte keine Sclaven officiell, d. h. er hatte nur »Schuldner, welche ihre Schuld durch Arbeit auf dem Felde und in dem Hause zu tilgen sich verpflichtet hatten«; diese aber beim Todtenfeste seines Vaters zu opfern, wagte er nicht wegen Anwesenheit des Forts; er wählte also dazu Karbouwen (indische Büffel), welche dasselbe Schicksal erlitten, als den Sclaven zugedacht war. Sie wurden an einem Opferstock festgebunden, und ihnen gegenüber nahmen die Männer in voller Kriegsrüstung in einer Reihe Platz; einer nach dem andern sprang aus der Reihe hervor, und unter dem Jubelgesang der Bliams und Bassirs schwang er seine Lanze gegen den unglücklichen Stier, der, nur leicht verwundet, ein fürchterliches Gebrüll ausstiess.

Ein fürchterlich schöner und doch erbärmlicher Anblick war es, ein solch colossales plumpes Riesenthier mit seinen gutmüthigen Augen und seinen massiven Hörnern machtlos und wehrlos gefesselt zu sehen und preisgegeben dem mordlustigen Spiele der Menschen. Wir Europäer sassen auf einem hohen Gerüst und waren ausser Gefahr, auch wenn es dem Büffel gelungen wäre, seine Fesseln zu brechen und in blinder Wuth sich auf seine Quäler zu stürzen. Drei Jahre später sah ich dieses. Ein Karbouw sollte geschlachtet werden; die Sundanesen (Bewohner des Westens von Java), welche seinen Kopf mit dicken Stricken auf dem Blocke festhalten sollten, liessen plötzlich die Stricke los, mit einem wilden Angstschrei zog sich der Büffel aus der Schlinge und stürzte in die umgebende Menge, welche sofort auf die nächsten Bäume flüchtete; ich selbst hatte noch Zeit, mein Pferd zu besteigen, welches mich bald ausser Gefahr brachte. Wenn man im täglichen Leben einer Heerde dieser Riesenbüffel begegnet, oder sie im Sumpfe baden sieht, während nur ein kleiner Bube die ganze Heerde leitet und sie wäscht, dann bewundert man den sanften Charakter dieser Ungeheuer, welche jedoch ihrer Kraft sich ganz gut bewusst sind. In Tjilatjap fuhr ich mit meinem Mylord, welcher mit zwei Pferden bespannt war, durch eine Heerde von diesen Riesenbüffeln; um keinen Millimeter wichen sie aus, so dass das Spritzbrett meines Wagens zertrümmert, ohne dass nur ein Karbouw auch nur ein Haar breit zur Seite gedrängt wurde.

Endlich hatte der letzte der anwesenden Dajaker seine Lanze in das Herz des Karbouws gestossen, mit einem fürchterlichen Gebrüll, dem sofort das Todesröcheln folgte, stürzte der Riesenbüffel zusammen, und Alt und Jung stürzte sich auf ihn, um Stücke abzuschneiden und kochen zu lassen. Während dieser Zeit begann der Reigentanz; die dajakschen Schönen waren zu Ehren der anwesenden Gäste (der Resident, Assistent-Resident, Controleur und wir zwei Officiere) in Festgewand, mit Sarong, Badju und Selindang gekleidet und umstanden einen Opferstock, auf welchem eine Ziege angebunden war. Die weibliche Jugend umzog tanzend in einem Reigen den Altar, indem sie in der einen Hand die Tóte hielten und darauf bliesen, und mit der anderen Hand die der Nachbarin berührten; unter dem ohrzerreissenden Schalle der Pauken und der kupfernen Becken sangen sie ihr illa-la-hap, blieben stehen, beugten sich und drehten den Körper rechts und links, um wie eine Sprungfeder aufzuschnellen. Um diesen Reigen bewegten sich drei Bassirs mit vorausgestreckten Armen, in welchen grosse kupferne Ringe hingen, und die dritte Reihe bestand aus zwei — Clowns; sie trugen nur eine Schwimmhose und hatten eine Maske vor dem Gesicht.

Den ernsten Gesang der Bassirs begleiteten diese Bajazzos mit Sprüngen und ekelhaften körperlichen Bewegungen; bald näherten sie sich den Mädchen und ahmten unter dem schallenden Gelächter der Frauen die Bewegungen des Coitus nach, bald brachten sie ein Gläschen Genevre an die Lippen einer Schönen und liessen sie das Gläschen in einem Schluck leer trinken, und bald carikirten sie die Bewegungen der Bassirs. Ich habe noch nie so ein widerliches, ekelhaftes Fest gesehen, als dieses Todtenfest bei den Dajakern; ich muss jedoch beifügen, dass nur diesen einen Tag wir Europäer officiell Zeuge waren (es dauerte ja 8 Tage), und dass nicht nur zu Ehren der Todten solche Orgien gefeiert werden, sondern bei jeder Gelegenheit; das für das Todtenfest charakteristische Abholen der Leiche von dem Felde, das Aufbahren der ausgetrockneten Leiche, das Schmücken derselben u. s. w. haben wir nicht gesehen, ebenso, als wir Abends nach Fallen der Sonne die Bassirs und Bliams nicht ihre Rollen vertauschen sahen. Sie haben aufgehört, Zauberer zu sein, und beim Scheine der kleinen Harzflammen beginnen jene schon angedeuteten Orgien, welche zwar in Europa nicht unbekannt sind, aber doch nur von Wenigen geübt werden. Wenn Rousseau etwas von diesen »Naturmenschen« gewusst hätte, wäre in seinem Emil niemals ihnen eine Hymne gesungen worden.

Nach Perelaer lautet die erste Strophe des Liedes, welches die Bassirs beim Todtenfeste sangen, wie folgt:

Dedari liau olo matai, tandjong ambon dari liau[20]

Balongkangnihau tandjong danom manawan.

6. Capitel.

Ameisen und Termiten in den Wohnungen — Verderben der Speisevorräthe — Milch-Ernährung der Säuglinge — Aborte Tjebok — Transpiration in den Tropen — Baden — Siram = Schiffsbad — Antimilitärischer Geist der Holländer — Das Ausmorden der Bemannung des Kriegsschiffes „Onrust“, von den Dajakern erzählt.

Bei der Einrichtung eines »Hauses« muss man in Indien auf vieles bedacht sein, das in Europa kaum in Betracht gezogen wird; die üppige Flora und Fauna der Tropen z. B. können des Guten zu viel leisten. Abgesehen von der Gefahr, in seinem Garten Bäume und Früchte zu halten, welche durch ihre Grösse beim Herabfallen geradezu gefährlich werden können, ist es nicht rathsam, wogegen so häufig gesündigt wird, auf den Mauern Schlingpflanzen anzubringen; es nesteln sich darin zahlreiche Insecten, welche bei Gelegenheit ins Zimmer kriechen. Ein schöner Baum ist der [Seite 101] erwähnte Waringinbaum; mit seinem mächtigen Laub und den zahlreichen Luftwurzeln wird er oft ein stattlicher, herrlicher Baum; seine Wurzeln aber pflanzen sich weit unter dem Boden fort und unterminiren die Grundmauern; sie müssen also in bedeutender Entfernung von dem Hause (wenigstens 20 Meter weit) gepflanzt werden. Eine gleiche Gefahr bieten die mächtigen Rhizophoren, welche ein gutes Brennmaterial liefern; da sie jedoch nur in neugebildetem Alluvialboden gedeihen, und da selten ein »Haus« in diesem gebaut wird, so ist diese Gefahr der Mangroven nur eine theoretische. Auch ist es nicht empfehlenswerth, stark riechende Blumen im Hause zu halten, obzwar die Ventilation der Wohnungen intensiver ist als in Europa. Halbeuropäische Frauen und noch mehr die Eingeborenen gebrauchen gerne Odeurs, welche geradezu betäubend sind und selbst Kopfschmerzen verursachen, z. B. die Blüthe der melatti (eine Jasminumsorte), welche sogar von den malayischen und javanischen Dichtern in allen Tonarten besungen wird.