Aber auch die Fauna ist so üppig, dass selbst im täglichen Leben gegen ihren zu grossen Reichthum Maassregeln genommen werden müssen. Gegen die Riesen des Urwaldes hat der Einzelne in seinem »Hause« nur selten sich zu schützen; denn sie ziehen sich vor dem Menschen zurück; auf der Jagd nach ihnen habe ich natürlich so manche Vorsichtsmaassregeln nehmen müssen, um nicht umgekehrt ihnen eine Beute zu werden; aber die grosse Welt der kleinen Thiere giebt im »Hause« den Menschen viel zu schaffen. Zahlreiche Eidechsen sieht man auf den Mauern herumlaufen; diese sind jedoch gern gesehene Gäste, weil sie uns in der Jagd gegen die Mosquitos und andere Insecten helfen. Wenn zur Zeit der Kenteringe vor dem Regen grosse Schwärme von fliegenden Ameisen (Larong) die brennenden Lampen des Abends umkreisten und auf den Tisch mit dem Verlust ihrer Flügel niederfielen, da machte es mir immer viel Vergnügen, den grossen Appetit meiner zahmen Eidechsen zu bewundern. Scheu waren sie nicht und fürchteten sich vor mir nicht im Geringsten. So lagen sie auf dem Tische auf der Lauer, und sobald eine Ameise auf den Tisch fiel, weil sie sich an dem warmen Lampencylinder verbrannt hatte, stürzten sie aus ihrem Schlupfwinkel und verschlangen die Ameise. Zu ihrer Lieblingsspeise gehört auch die Walang sangit (Stenocoris varicornis), welche einen fürchterlichen Gestank verbreitet und oft bedeutenden Schaden den Reisfeldern verursacht. Zu den tolerirten und aus denselben Ursachen gern gesehenen Gästen gehören die Frösche, welche in die Veranda gesprungen und hin und wieder auch ins Haus kommen; denn auch sie verzehren eine grosse Menge der Insecten; Wanzen habe ich nur in den Spitälern gesehen; aber die Ameisen sind eine fürchterliche Plage der Hausfrau, sowie die »weissen Ameisen«, besser Termiten (termes fatalis) genannt, in ihrer Gefrässigkeit geradezu gefährlich werden. Von diesen sah ich oft 1 Meter hohe Nester, welche so hart waren, dass sie mit der Hacke zertrümmert werden mussten, um das Innere besichtigen zu können. Es war ein Erdhügel aus Lehm mit zahlreichen, labyrinthähnlichen Gängen. In der Mitte lag die Königin, welche von den Malayen gern gegessen wird. Aber auch die Larongs sind ein Leckerbissen der Javanen und Malayen. Zur Zeit des Schwärmens werden im Hause weisse Lavoirs unter die Lampe mit Wasser gefüllt gestellt. Die schwärmenden »weissen Ameisen«, wie der Holländer die Termiten nennt, versengen an der Lampe die Flügel oder die Füsse, oder sie fallen, erschöpft durch die ausstrahlende Wärme der Lampen, nieder und werden im Wasser aufgefangen; die Flügel werden, wenn sie nicht schon abgefallen sind, herausgerissen und die Termite selbst in Oel mit oder ohne Mehl gebacken. Ich konnte mich niemals dazu entschliessen, mich durch Kosten von ihrem mandelähnlichen Geschmacke, den sie haben sollen, zu überzeugen. Ob die javanischen Gourmands jemals einen europäischen Feinschmecker in ihre Gilde aufnehmen werden? Ich bezweifle es. Beinahe täglich kann man im Kampong oder selbst in seinem eigenen Garten 2–3 Mitglieder seiner Bedienten auf dem Boden hintereinander sitzen sehen, welche auf dem Kopfe ihres Vordermannes gewisse ungeladene Gäste suchen und verspeisen.

Bekannt ist es, dass die Termiten grossen Schaden anrichten können, wenn man ihrem gefrässigen Triebe keine Grenzen setzt. Mir gelang dies immer, so dass ich während meines 21jährigen Aufenthaltes in den Tropen nicht den geringsten Schaden durch die râjaps erlitt. Meine Kästen liess ich niemals an den Mauern stehen, sondern in einer Entfernung von 2–3 cm.; die Füsse derselben ruhten entweder in zinnernen Näpfen, welche mit Wasser oder Petroleum gefüllt waren, oder auf kleinen zinnernen Platten; auch die Kisten und Koffer standen nicht auf dem Fussboden selbst, sondern auf Ziegeln; jede Woche wurden alle Kästen, Koffer und Kisten zur Seite geschoben zur Controle, ob die Termiten sich unter denselben nicht angesiedelt hätten; täglich wurden die Matten von dem Fussboden aufgenommen, um nach Oeffnungen zu suchen, aus welchen sie ins Haus hätten dringen können. Oft genug sah ich dann zwischen den Fugen des Fussbodens kleine Sandhügelchen mit einer Oeffnung, in welcher die Termiten aus- und eingingen. Ich goss in die Löcher Petroleum oder Carbolsäure (5% Auflösung), um für lange Zeit von ihrem Besuche verschont zu bleiben.

Lästig sind die schwarzen Ameisen, welche von Vielen gern gesehene Gäste sind, weil, wie man behauptet, sie die Termiten vertreiben. Thatsache ist, dass ich beide niemals zu gleicher Zeit in meiner Wohnung hatte. Die schwarzen Ameisen scheinen eben aussergewöhnlich stark entwickelten Riechnerv zu haben. Es ist oft unglaublich, wie sicher und schnell diese Ameisen ihre Beute finden. Lässt man z. B. die Zuckerbüchse unbewahrt Abends auf dem Tische stehen, so ist den andern Morgen die Oberfläche schwarz von Ameisen; Man muss also die Zuckerdose immer in einer Schale mit Wasser stehen lassen. Aber nach einigen Tagen hilft dieses Präservativ auch nicht mehr, wenn die Zuckerschale nebstdem nicht gut geschlossen ist. Man sieht dann auf dem Wasser Leichen von Ameisen schwimmen, auf welchen die lebenden sorglos ihre Näscherei aufsuchen. Nach der Ansicht der Eingeborenen opfern sich einige Ameisen dem Tode durch Ertrinken, um mit ihrem Leichnam eine Brücke zu bauen, auf welcher ihre Brüder zu dem Zucker gelangen können. Natürlich ist der Speisekasten immer und ewig ihren Einfällen ausgesetzt und selbst, wenn seine Füsse in Näpfen, mit Wasser und Petroleum gefüllt, stehen. Die Eingeborenen behaupten, dass in einem solchen Falle die Ameisen, durch den Geruch der Speisen angelockt, sich vom Plafond auf den Kasten fallen lassen; ich fand jedoch eine andere Erklärung dieser eigenthümlichen Erscheinung. Die Hausfrau lässt nämlich im Eifer ihres Amtes die Thür des Kastens offen stehen, welche sich an die Mauer anlehnt; von dieser finden sie dann ihren Weg in den Kasten. Man erwehrt sich also der schwarzen Ameisen am besten, wenn man auf dem Tische keine Speisen stehen lässt, den Speisekasten in einiger Entfernung von der Mauer und seine Füsse in einen Napf mit Petroleum stellt; Wasser zu diesem Zwecke zu gebrauchen, ist darum nicht praktisch, weil es von den Hunden, Katzen und Ratten in der Nacht ausgetrunken wird. Sind die »weissen Ameisen« auch gefährlicher als die schwarzen Ameisen, weil sie alles zerstören, was aus dem Thier- und Pflanzenreich stammt (Banknoten und hölzerne Schiffe fielen schon ihrer Fresswuth zum Opfer), so sind die schwarzen Ameisen wieder lästiger, weil sie eine ununterbrochene Aufmerksamkeit der Hausfrau erfordern, um die Speisereste vor ihren Angriffen zu beschützen. Leider sind diese nicht die einzigen Feinde, gegen welche die Hausfrau einen steten Kampf führen muss. Die drei Factoren, welche die Entwicklung der Bacterien ermöglichen, organische Stoffe, Wärme und Feuchtigkeit, befinden sich in Indien zu allen Zeiten und an allen Orten. Dadurch verderben die Speisen sehr leicht und sehr schnell unter den Tropen. Nach 48 Stunden sind Fleisch und Fische schon ungeniessbar. In Essig eingelegte Gurken u. s. w. haben in wenigen Tagen eine dicke Schimmelauflage, wenn der Verschluss der Gefässe nicht luftdicht ist. Wenn auch die Gurken u. s. w. unter der Schimmelschicht nicht verdorben waren, so ekelte mich der Anblick so sehr, dass ich sie immer habe wegwerfen lassen. Mit Milch zubereitete Mehlspeisen können kaum 24 Stunden lang bewahrt werden, weil sie darnach sauer werden. Fette Fleischspeisen werden nach 2 Tagen ranzig. Das sind Verhältnisse, welche den Hausfrauen viele Sorgen bereiten, wenn ihnen von den Männern ein gewisser Grad von Sparsamkeit auferlegt werden muss.

In Buntok musste ich viele Conserven gebrauchen, weil weder von den eingeborenen noch von den sogenannten Soldatenfrauen viele Sorten Grünzeug gepflanzt wurden. Physolen (Katjang), Spinat (Bajem), aubergines (terong = Solanum melongena), Gurken, Wassermelonen, Labu (Lagenaria idolatrica), junge Bambus kamen auf meinen Tisch; ebenso klein war die Abwechslung in den Fleischspeisen: Huhn, Ei, Fisch und Beefsteak; ich musste also zu Conserven meine Zuflucht nehmen, um hin und wieder junge Erbsen oder Spargel zu essen, oder californische Birnen, Kirschen, Aepfel und Pfirsiche zum Nachtisch zu haben, oder aber eine andere Fleischsorte geniessen zu können als Huhn und wiederum Huhn u. s. w. u. s. w. Späterhin und zwar auf Java war eine Conserve auf meinem Tisch eine grosse Ausnahme, es sei denn, dass ich Gäste hatte.

Eine wichtige Rolle spielte die Milch. Wir hatten auf Borneo keine Kuh, also auch keine Milch; die Rinder, welche uns das Rindfleisch lieferten, wurden von Bengalis über Java und von Madura importirt und niemals zur Zucht gebraucht; von Bandjermasing wurden sie in grossen Kähnen nach Buntok und Teweh geschleppt, was oft wochenlang dauerte. Sie waren bei ihrer Ankunft oft so mager, dass wir sie Kleiderstöcke nannten, weil man auf die Hüfte factisch einen Hut aufhängen konnte. Da diese Rinder das erlaubte Minimum an Gewicht gewöhnlich hatten, so gab sich der chinesische Lieferant keine Mühe, diese Thiere fetter werden zu lassen. Das Gras war in Buntok wegen der immerwährenden Ueberschwemmung mit theilweise gemischtem Fluss- und Seewasser schlecht; er hätte also die Rinder mit Reis mästen müssen; er that es nicht; so geschah es selten, dass das Rind nach dem Schlachten, nach der Enthäutung und nach der Entfernung der Eingeweide, des Kopfes und der Füsse mehr als 75 Kilo wog. Nun, solche Rinder wären auch nicht besonders geschickt für die Gewinnung einer guten Milch gewesen; Ziegenmilch konnten wir ebenso wenig als Eselinnen- oder Pferdemilch bekommen; Karbouwen sah ich auch nicht in Buntok, also wir mussten Milch aus Conserven zum Kaffee und Thee nehmen. War auch diese nicht zu bekommen, so quirlte ich in meinen Morgenkaffee ein Ei, welches selbst ein angenehm schmeckendes Surrogat für Milch ist. Weniger für Erwachsene als für Säuglinge ist ja Milch eine Lebensfrage. Es kommt wohl selten bei den dajakschen und malayischen Müttern ein vollständiger Mangel an Milch vor; ich wenigstens habe kein einziges Mal gehört, dass eine eingeborene Mutter ihr Kind nicht säugen konnte; dass sie jedoch zu wenig oder zu schlechte Milch haben, sah ich öfters; sie helfen sich dadurch, dass sie das Kind mit einem Brei vollstopfen, welcher aus weichgekochtem Reis, Pisang und Zucker besteht. Die Zweckmässigkeit dieser Kinderernährung lässt sich theoretisch bestreiten; ob aber die Sterblichkeit unter den eingeborenen Kindern eine grössere oder kleinere sei als unter den Europäern, ist gar kein Zweifel, wenn wir auch keine statistischen Ausweise darüber haben. Java hatte im Anfange dieses Jahrhunderts 5 Millionen Seelen, heute 25 Millionen; die Sterblichkeit kann also nicht gross sein. Aber es ist eine kleine und schwache Rasse; dieses spricht nicht für die Zweckmässigkeit der vegetabilischen Kinderernährung. Nebstdem ist es bekannt, dass die eingeborenen Kinder einen Hängebauch haben, der unter dem Namen »Reisbauch« bekannt ist.

Eine Amme würde ich in Indien, wenn auch nicht unbedingt zurückweisen, so doch als ultimum refugium in Reserve halten, wenn die künstliche Ernährung nicht gelingen sollte; denn eine europäische Amme wird vielleicht niemals zu bekommen sein, und mit einer eingeborenen Amme sind so viel Unannehmlichkeiten verbunden, dass ich vorläufig jeder Frau abrathen muss, ausser in der dringendsten Noth durch eine eingeborene Amme ihr Kind säugen zu lassen. Vielleicht entschliesse ich mich doch später dazu, die Leidensgeschichte einer französischen Dame zu erzählen, welche in Magelang (Java) entgegen meiner Warnung eine eingeborene Amme zu ihrem Kinde nahm, dreimal sie wechselte und endlich ihr Kind mit der von mir angegebenen Conservemilch nicht nur glücklich über die Zeit des Wechsels in der Nahrung brachte, sondern auch zu einem kräftigen und gesunden Mädchen entwickeln sah. Ich liess von der überall käuflichen Swiss condensed milk anfangs 1 : 17 (die ersten 4 Wochen) und später aufsteigend bis 1 : 10 eine Auflösung machen und gab davon 50 Ccm. in der ersten Woche, um bis 200 Ccm. per Dosis zu steigen. Diese Milch hat mir wiederholt so vortreffliche Dienste geleistet, dass ich die letzten Jahre zuerst zu diesem Surrogat der Muttermilch meine Zuflucht nahm, und in zweiter Reihe zur Kuhmilch, wo diese, wie z. B. auf Java, in hinreichender Quantität, aber oft in schlechter Qualität zu bekommen ist.

Wenn man seine eigene Kuh hat und das Melken controlliren kann, so hat man doch noch Schwierigkeiten damit; nur zu oft geschieht es, dass die Kuh entweder krank wird, oder wenigstens sich den Magen verdirbt; sie bekommt Diarrhoe und der Säugling, welcher ihre Milch trinkt — wird auch krank. Wenn auch unter den schweizerischen Kühen, welchen diese Conserven ihren Inhalt verdanken, die eine oder andere Kuh krank wird, so vertheilt sich ihre Milch auf die grosse Menge; ich will mich jedoch anderer theoretischer Erklärungen enthalten, weil für mich die Thatsache spricht, dass in Indien unter den zahlreichen Ersatzmitteln der Muttermilch die condensirte Milch mir die besten Resultate gegeben hat.

Um nur eines Falles zu gedenken: Im Jahre 189.. kam in Ngawie der Lieutenant X., welcher eine tuberculose Frau hatte, mit einem ½ Jahr alten Kinde in Garnison. Das Kind war eine Mumie, obzwar es mit Eiweiss genährt wurde. (Eiweiss kann nur für einige Tage ein Surrogat der Muttermilch sein, für die Dauer regt es zu wenig die Peristaltik des Magens und der Därme an.) Sofort liess ich die Ernährung mit Eiweiss trotz des Sträubens der Eltern aussetzen und liess dem Kinde erwähnte condensirte Milch, und zwar in einer Auflösung 1 : 12 geben. Das Kind vertrug die Milch gut und schon nach wenigen Wochen entwickelte sich ein kräftiges Fettpolster.

Eine zweite Ursache, warum ich in Indien geradezu vor dem Gebrauche der Kuhmilch für Säuglinge warnen muss, ist die Thatsache, dass sie, ich möchte sagen fast immer, mit Wasser aus dem Sumpfe (Sawahfeld), oder aus den Riols, mit Zuckerwasser, Cocosmilch oder selbst mit Gyps verfälscht wird. Selbst wenn man seine eigene Kuh hat, aber beim Melken nicht dabei steht, ist man seiner Sache nicht sicher, weil der Bediente, der damit betraut ist, einen Theil der Milch unterschlägt, um sie zu verkaufen, und, um das gewöhnliche Maass seinem Herrn abzuliefern, die Milch verfälscht. Uebrigens hat die erwähnte condensirte Milch diesen Vortheil, dass man eventuell einen Soxhletapparat entbehren kann. Man braucht ja keinen Vorrath an Milch zu halten, während die von der Kuh gewonnene Milch nicht allein sofort gekocht, sondern auch in gut verschlossenen Flaschen zum Zwecke der Sterilisirung bewahrt werden muss. Wenn man keinen Soxhlet besitzt, gebraucht man in Indien häufig die Fläschchen von Eau de Cologne von ungefähr 200 Ccm. Trotz ihres Reichthums an Zucker hält sich die condensirte Milch 2, selbst 3 oder 4 Tage in Indien, bevor Schimmel darauf kommt; also für jeden Fall so lange, dass ein Kind die Büchse zu Ende gebrauchen kann. Man kann ja aus einer Büchse 2–3 Liter Milch gewinnen, und da nebstdem so eine Büchse 30–40 Kreuzer in Java kostet, und eine Flasche Milch von 750 Ccm. mit 25 Kreuzern bezahlt wird, so verdient auch vom ökonomischen Standpunkte aus diese Milch in Indien den Vorzug vor der käuflichen Kuhmilch.