Im Jahre 18... wurde in W. eine grosse Caserne gebaut, ohne dass man für Aborte gesorgt hatte. Als die Mannschaften die Caserne bezogen und vergebens nach diesen Räumlichkeiten sich umsahen, erst an diesem Tage wurde dieser Mangel entdeckt. Errare est humanum, und doch ist dies ein unverzeihlicher Fehler gewesen, weil Jedermann beim Miethen einer Wohnung an diese unentbehrlichen Räume denken soll und muss; umsomehr in Indien, wo eigenthümliche Verhältnisse und auch andere Gebräuche berücksichtigt werden müssen. So z. B. ist der Gebrauch des Papiers zur Reinigung wenig oder gar nicht bekannt; die Eingeborenen benützen Wasser selbst nach dem Verrichten eines kleinen Bedürfnisses. Die Vorzüge dieses Gebrauches, tjèbok genannt, gegenüber dem des Papieres, sind so in die Augen springend, dass es keines Wortes zur Begründung bedarf. Für Männer mit Hämorrhoiden und für Frauen mit weissem Fluss hat das Wasser in diesem Falle selbst einen so grossen hygienischen Werth, dass ich auch in Europa diese Art von Reinigung solchen Patienten recommandiren würde. Ich habe ja nur ein einziges Mal in Indien eine Blenorrhoea recti gesehen, und zwar bei einem alten europäischen Matrosen. Bei Frauen kann ja das Secret des weissen Flusses auf die benachbarten Schleimhäute übergreifen; wie häufig dieses in Europa geschieht, lässt ein Aufsatz in der W. M. W. No. 23 und 24 vom Jahre 1898 vermuthen; in Indien aber sah ich es niemals, und ist kaum denkbar, weil die eingeborenen Prostituées sich eben nach allen Entleerungen mit Wasser reinigen.
Zu diesem Zwecke befinden sich in jedem Aborte eine gewisse Anzahl Weinflaschen mit Wasser gefüllt; öfters hält man zum Zwecke der Desinfection auch Flaschen mit 5% roher Carbolsäure im Aborte vorräthig; ich selbst bekam einen Officier zur Behandlung, welcher irrthümlicher Weise eine Flasche Carbolsäure (anstatt Wasser) zur Reinigung gebraucht hatte. Diese 5% Auflösung hatte keine weiteren schädlichen Folgen als den augenblicklichen Schmerz. Solche Verwechselungen sind natürlich leicht zu vermeiden. Ich hatte beim Beziehen meines »Hauses« keine Wahl mehr über die Bauart meines Abortes; der Bauplan des ganzen Hauses war ja schon lange vorher durch die Regierung genehmigt. Ich will auch den technischen Theil nicht besprechen, weil in der Bauhygiene von dem Capitän der Genie G. W. F. de Vos Jeder diesbezüglich hinreichende Belehrung findet, der ein Haus und einen Abort nach den Forderungen der Hygiene bauen will. Dieses Buch ist aus dem Jahre 1892 und erwähnt darum noch nicht die letzten Erfindungen auf diesem Gebiete. Wenn aber auch die Häuser keine Wasserleitung haben, so liesse sich doch ohne bedeutende Kosten ein modernes Closet in jeder Privatwohnung anbringen, welches unbedingt allen Anforderungen nicht nur der Hygiene und Zweckmässigkeit, sondern auch der Aesthetik und Reinlichkeit entspricht. Diese wären jedoch nur von den Europäern in Gebrauch zu nehmen; für den Eingeborenen ist das Hocken eine solche Gewohnheit, dass er nie einen Abort gebraucht, bei dem er sitzen muss. Es ist darum zweckmässig, für die eingeborenen Bedienten den Abort nach »indischem« Modell einzurichten.[21]
Das Baden ist in Indien ein grösseres Bedürfniss als in Europa; durch die höhere Temperatur ist eine grössere und intensivere Transpiration bedingt, und es ist eine alltägliche Erscheinung, einen Kuli mit nacktem Oberleib an der Arbeit zu sehen, während ihm der Schweiss in fingerdicken Strömen herabfliesst; und doch ist die pigmentreiche Haut weniger zum heftigen Schwitzen disponirt als die des blonden Europäers; vielleicht ist es ein post und doch kein propter hoc, d. h. vielleicht ist die Acclimatisation die Ursache, dass Eingeborene, halb europäische und auch europäische Menschen, welche nach langer Anwesenheit unter den Tropen einen dunklern Teint bekommen, weniger schwitzen, als die Orang Baru, welche während des Anfangs ihrer indischen Laufbahn in so heftiger Weise transpiriren, dass sie oft an den erschöpfenden Schweiss der Phthisiker denken lassen; zur Regenzeit ist auch die Transpiration intensiver als zur Trockenzeit, weil der niedrige Feuchtigkeitsgehalt der Luft im Ostmonsun das Verdampfen der Flüssigkeit befördert. Der Schweiss riecht intensiv sauer und zeigt auch eine saure Reaction, und besonders bei Frauen zur Zeit der Menstruation; in der Regel ist die Transpiration am stärksten in der Achselhöhle und am Bauche, wo die Kleider eng anschliessen, obwohl Krause angiebt, dass die grösste Menge von Schweissdrüsen sich an der Flachhand und Fusssohle befinden (2236–2685 auf den ☐″). Hier färbt der Schweiss die Leibwäsche von lichtgelben bis beinahe dunkelbraunen Flecken; wiederholt habe ich Frauen unter Behandlung bekommen, welche glaubten, einen intensiven Fluss aus der Vagina zu haben, weil sie braune Flecken in der Unterhose hatten, und auch Männer, deren Gewissen nicht rein war, welche ähnliche Flecken im Hemde hatten und an einer »leichten russischen Blenorrhoe« zu leiden glaubten. Es war nichts anderes, als der Schweiss. Wie weit der Inhalt der Talgdrüsen sich mit diesem vermengt hat, weiss ich natürlich nicht; denn auch im Schweisse gesunder Menschen findet man unter anderem Harnsäure, Harnstoff, ja selbst manchmal Indigo.
Thatsächlich besteht ein Vicariiren zwischen der Hauttranspiration und dem Secerniren der Nieren. Auf meiner letzten Seereise bekamen wir bei unserer Einfahrt in das Rothe Meer unerwartet eine niedrige Temperatur. Auffallend war es, wie mit dem Zurücktreten der Schweissmenge eine grössere Secretion der Nieren verbunden war; dasselbe geschieht, wenn man in Indien selbst aus der Ebene ins Gebirge reist; je höher man kommt, desto ergiebiger ist die Function der Nieren.
In Europa verliert man, nach Séguin, täglich durch die Haut 1⁄67 seines Körpergewichtes; wie gross der Gewichtsverlust in Indien sei, ist mir nicht bekannt, aber gross, sehr gross muss er sein, denn man muss ein-, oft zweimal des Tages die Wäsche wechseln, und wenn man, wie z. B. der Arzt, einen Beruf im Freien ausübt, selbst dreimal. Wie oft geschieht es selbst, dass man in der Nacht aufstehen muss, um die wenige Wäsche, welche man anhat, zu wechseln?!
Es bedarf also keiner weitern Motivirung, dass das tägliche Baden in Indien einem dringenden Bedürfnisse entspreche; ja noch mehr, es ist Regel, dass man zweimal des Tages badet, und manche Menschen thun dieses selbst dreimal des Tages. Es ist aber ungesund, sofort nach dem Verlassen des Bettes und vor Aufgang der Sonne sein Bad zu nehmen. Vor Sonnenaufgang sollte man überhaupt das Zimmer nicht verlassen, weil die nächtliche Luft von den Miasmen geschwängert wird. Nebstdem sind die Poren der Haut durch das Schlafen hinter den Mosquitonetzen und durch die reichliche Transpiration geöffnet, die Haut und die Leibwäsche ist feucht und der plötzliche Uebergang in die kühle, mit Miasmen geschwängerte Luft, vor dem Aufgang der Sonne, muss schädlich sein. Es empfiehlt sich daher, die Nachtwäsche zu wechseln und den Aufgang der Sonne abzuwarten, und erst unmittelbar vor dem Anlegen der Kleider sein Bad zu nehmen. Die meisten Damen sind in dieser Hinsicht vorsichtiger als die Männer; sie nehmen ihr erstes Bad erst nach Ablauf der grössten häuslichen Arbeit, d. i. zwischen 10 und 11 Uhr, wenn das »Haus« aufgeräumt ist und die weitere Arbeit der Köchin überlassen werden kann.
Das Bad selbst ist ein sogenanntes Schiffsbad (siram M), d. h. man begiesst den Körper mit Wasser. Wannenbäder werden überhaupt nur von einzelnen Kranken genommen; selbst in den grossen Spitälern badet der grösste Theil der Patienten in dieser Weise oder gebraucht eine Douche. Die Eingeborenen und die Chinesen nehmen gern ein Flussbad oder erfrischen sich öfters des Tages unter einem Pantjoran (M). Das sind kleine Bäche, welche mit einem Abzugrohr, gewöhnlich einem halben Bambusrohr, versehen, das Wasser in einer Höhe von ungefähr 1 Meter auf den Körper fallen lassen. Da diese Bäche gewöhnlich im Gebirge vorkommen, so ist das Wasser zwar krystallhell, aber so kalt, dass ich nur mit Schüttelfrost davon Gebrauch machen konnte. Ein Schiffsbad in der Ebene z. B. hat 25–27° C.; die Pantjoran in Sindanglaya (im Gebirge der Preangerregentschaft), welches beinahe 1100 Meter über dem Meere liegt, hatte ein so kaltes Wasser, dass ich keinen Augenblick unter dem Sturzbad verweilen konnte, obzwar im Bassin selbst der Aufenthalt geradezu erquickend war. Auch in Salatiga befindet sich ein solches Bad, welches durch sein helles, frisches Bergwasser zu den besten indifferenten Bädern gehört, welches dem durch die Wärme der Ebene erschöpften Organismus neue Energie und neue Lebenslust giebt. Salatiga und Sindanglaya sind auf Java bekannte Luftkurorte, wo Malaria- und Leberkranke in der Reconvalescenz Kräftigung des Organismus suchen. Leider tragen die meisten Menschen keine Rechnung mit der Temperaturdifferenz und gebrauchen dieselbe Haustoilette als in der warmen Ebene. Erkältungen sind also sehr häufig und zwar die des Darmes, so dass die armen Patienten durch die Diarrhoe gezwungen werden, das »Bergklima« zu verlassen.
Auch mein »Haus« hatte ein Badezimmer, in welchem ein gemeisseltes 3 Cbm. grosses Wassergefäss sich befand; der Flur war mit Cement bedeckt; ein Kleiderrechen war das einzige Möbelstück. Ich liess also noch einen Spiegel aufhängen, liess auf den Boden hölzernes Rost auflegen, weil man auf dem nassen Cementboden leicht ausgleiten kann, den Filtrirstein mit grossem Topf hineinstellen und aus Zinnblech einen Schöpfer machen, mit welchem ich mich siram konnte. Das Wasser erhielt ich aus einer Rinne, welche das Regenwasser auffing, oder aber aus dem Ziehbrunnen, welcher hinter dem Hause stand.
Auf [Seite 18] sprach ich von dem Antassan Lotongtor, als von einem historischen Orte, weil sich dort die traurigen Reste des Kriegsschiffes »Onrust« befänden. Im Jahre 1877 war noch nicht einmal im October die Regenzeit eingetreten; der Ostmonsun war so ausgesprochen trocken gewesen, dass der grosse Strom Dusson im oberen Laufe nicht nur für Dampfer, sondern selbst für Schleppkähne nicht mehr befahrbar war. Wir bekamen Nachricht, dass bei Lotongtor das Wrack des »Onrust« zu sehen sei; in zwei kleinen Kähnen gingen ich, Lieutenant X. und der Bezirkshäuptling Dakop dahin, um es zu besichtigen. Der Kessel stand mehr als ½ Meter über der Wasserfläche, und wir beide mussten mit den schärfsten Worten den Indifferentismus der holländischen Regierung verurtheilen, welche es nicht der Mühe werth gefunden hat, und zwar in 18!! Jahren Zeit, das Wrack beseitigen zu lassen. Eine traurige Siegestrophäe der Dajaker, welche selbst ihre Enkel zu neuer Heldenthat und zu neuem Morden anfeuern musste! Dakop tauchte in das Wasser und fand noch eine goldene Uhr und ein Medicinfläschchen im Wracke; erstere wurde nach Bandjermasing gesendet, während ich das Medicinfläschchen dem Sanitätschef der Kriegsmarine zukommen liess. Wie es doch möglich sei, dass ein europäisches Kriegsschiff mit Mann und Maus von wilden Dajakern ausgemordet werden könne, wird so mancher fragen. Der antimilitärische Geist der Holländer war an diesem schaurigen Drama ebenso schuld, wie 23 Jahre später, als auf Sumatras Nordküste nach den siegreichen Feldzügen des Generals Karl van der Heyden dieser das Obercommando in die Hände des Civilbeamten Pruys van der Hoeven legen musste und die Atschinesen sofort wieder zum Angriffe übergingen. Wie ein rother Faden zieht sich durch die ganze Geschichte Indiens die Ungeduld der holländischen Regierung, das kaum unterworfene oder eroberte feindliche Land, und wäre es nur für eine kurze Zeit, in den Händen des zielbewussten, kräftigen Militär-Commandos zu lassen. Kaum hat sich ein Feind de facto oder nur zum Schein unterworfen, erscheint der Regierungs-Commissar, der Resident oder wie er sonst heissen möge, und die militärische Macht wird zum Polizeidienst degradirt.