Ich kann nicht umhin, den Verlauf dieses Dramas zu erzählen, wie er mir von den Epigonen der Dajakschen Helden mitgetheilt wurde.
Im Jahre 1857 war Sultan Adam gestorben und hatte seinen Sohn Prabu Anam[22] vorher auf Drängen seiner Frau Njaih Ratu Komala Sari zum Thronfolger ernannt, obzwar die holländische Regierung ihren gerechtfertigten Einwand dagegen erhoben hatte. Er wurde seines Thrones verlustig erklärt und Tamdschit Illah, ein Enkel des Sultans Adam, zum Sultan des Bandjermasingschen Reiches ernannt, obwohl er von mütterlicher Seite nicht von fürstlicher Abstammung war; nebstdem war sein Stiefbruder Hidajat, der dieses Vorrechtes sich erfreuen konnte, zum Reichsverweser ernannt worden, ohne durch seine Geistesgaben auch nur im Entferntesten dazu geschickt zu sein. Allgemeine Unzufriedenheit herrschte hierauf im ganzen Südosten Borneos, welche natürlich von Hidajat im Geheimen genährt wurde. Der damalige Resident von Bandjermasing, Graf von Bentheim Tecklenburg, wusste so wenig von dem drohenden Unwetter, dass er 1859 auf eine diesbezügliche Anfrage von Batavia mit dem Dampfer Ardjuno das Bulletin dahin schickte: »Politische Zustände günstig.« Der Landes-Commandant jedoch sandte Ende März einen genauen Bericht über die Gährung im Reiche, und den 29. April kam der Oberst Andresen mit 300 Mann in Bandjermasing an, um das militärische und civile Commando auf sich zu nehmen. Unterdessen hatte der Aufstand, welcher zu Gunsten der Thronfolge des Hidajat unternommen war, fürchterliche Ausbreitung gewonnen; in Pengaron wurde der Ingenieur der Kohlenminen ermordet, im Süden von Martapura fielen alle Europäer, 21 an der Zahl, zum Opfer; am Kapuasflusse erlitt ein Missionar mit seiner Frau dasselbe traurige Schicksal u. s. w. Endlich wurden die Truppen Herr des Aufstandes; beide Kronprätendenten, Hidajat und Illah, wurden nach Java verbannt und das Reich am 14. December 1859 direct der holländischen Colonie einverleibt. Jetzt war es natürlich die höchste Zeit, die Weisheit des Residenten N.. leuchten zu lassen und das »militärische« Element sofort zu beseitigen. Resident Nieuwenhuizen trat an die Spitze der Regierung, und Major Verspyk wurde »nur« der militärische Commandant von der südöstlichen Hälfte von Bandjermasing.
Der Krieg war jedoch nur mit den malayischen Fürsten beendigt. Die Dajaker der Dusson ilir und ulu, welche diese zur Theilnahme an dem Aufstand gegen die Holländer überredet hatten, legten ihre Waffen nicht nieder. Sie fürchteten, unter dem holländischen Scepter ebenso ausgesogen zu werden als unter dem malayischen Tyrannen; nebstdem hatten sie »Blut gekostet«. Zahlreiche Köpfe von angesehenen Europäern zierten ihre Wohnungen. Verlieren konnten sie nicht viel, weil sie keinen Handel trieben, keine Magazine hatten, keine Fabriken, welche leer stehen blieben; sie konnten nur gewinnen, wenn sie den Raubkrieg fortsetzten. Der Herr Bangkert, welcher in Marabahan Assistent-Resident war, sah in den einzelnen Truppen der Dajaker, welche bei Amuntai, Barabei, Buntok und längs des Martapuraflusses schwärmten, nur noch »einzelne böswillige Marodeure«, und versicherte gegenüber dem Residenten Nieuwenhuizen, dass es ihm ein Leichtes sei, den dajakschen Häuptling Suropatti wieder zur Unterwerfung zu bringen, weil er mit ihm vor 7 Jahren ewige Freundschaft beschworen habe.
Induamban jedoch, die Tochter eines Häuptlings der Dusson ulu, hatte ewige Feindschaft den verhassten Blanken geschworen; der Krieg dauerte schon beinahe ein Jahr und noch kein einziger europäischer Schädel wurde ihr angeboten, ihr, der Tochter des Gusti Leman, des angesehensten Häuptlings im Gefolge Suropattis. Nur den Kopf einer malayischen »Soldatenfrau« und eines javanischen Soldaten hatte ihr Freier ihr zu Füssen gelegt; sie müsse jedoch auch den eines holländischen Officiers bekommen. Sie zog von Lager zu Lager, nur bekleidet mit dem Saloi und der Glasperlenschnur um den Knöchel des rechten Fusses. Ihr rabenschwarzes, glänzendes Haar liess sie frei über die Schultern flattern, und wenn Abends die Männer halb trunken vom Tuwak vor dem Lager Wache hielten, erschien sie mit glühenden Augen, fasste krampfhaft ihre Brüste und hob ihren rechten Fuss gegen die Schildwacht mit den Worten: »Dies für einen holländischen Officier.« Sie erzählte auch, dass sie schon siebenmal den Flug des Antang (Falken) beschworen habe, und jedesmal sei er gegenüber den rechten Pfeilen erschienen, dass die Töchter der Sonne (Mahatara) ihr Vornehmen guthiessen, dass sie vor Sonnenuntergang zum Bigal (Flussraub) und nicht zur Kajau (Kopfjagd durch Lauern im Walde) ausziehen müssten, dass, sie wisse es aus guter Quelle, ein Feuerschiff Suropatti werde abholen, dass alle Officiere und Bangkert in ihre Hände fallen werden, und dass auch sie, ihre Freunde, welche jetzt im Lager zu Amuntai versammelt, an diesem Bigal theilnehmen könnten, und dass sie dem Bringer des Kopfes des ersten Officiers nicht nur für immer angehören wolle, sondern dass sie den Kopf in Stücke schneiden und jedem ihrer Freunde ein Stück schenken wolle. Sie wisse dies sicher, denn ein Sanggian habe ihr (im Traume) ein viereckiges, gelbes glänzendes Steinchen gezeigt, welches hinter dem Opferstock des letzten Todtenfestes liegen sollte. Kaum war dieses am achten Tage beendet, wartete sie den Sonnenuntergang ab, und als Alle sich in den Kampong zurückgezogen hatten, um mit den Bliams und Bassirs zu ....., da sei sie hinter den Opferstock gegangen und fand diesen gelb glänzenden Stein. Dabei zog sie wild die Brüste auseinander, zwischen welchen, auf einem dünnen Rottangschnürchen befestigt, ein gelbes Steinchen zum Vorschein kam.
Kaum mehr denn eine Nacht blieb sie in demselben Lager; am Ufer des Teweh war sie heute, morgen zog sie nach den Ufern des Montalat, an den Ufern des Kapuas und Kahajan theilte sie die freudige Botschaft mit, anfangs December den Kopf eines hohen Officiers in Händen zu haben. In ihrem kleinen Canoe übersetzte sie den Baritu und hatte nebst ihrem Saloi nur noch den Tudong ([Fig. 2]), einen grossen Strohhut in der Form einer Futterschwinge, welche ihr Vater bei einem Becompeyer erbeutet hatte, um endlich wieder an der Mündung des Teweh die Nachricht abzuwarten, ob und wann Suropatti zur Unterredung mit Bangkert eintreffen werde. Anfang December kam ein Bote von Suropatti, welcher mittheilte, dass nach der dritten Einladung des Herrn Bangkert der Fürst beschlossen habe, bei Teweh eine Conferenz zu halten, und zwar sollte dieses den 10. December geschehen. »Illa-la-hap« stiess Induamban beim Hören dieses Berichtes aus, nahm zwei Ruderer auf, um in Eilmärschen die Orang Tabayan, O. Anga, O. Njamet und selbst an der Quelle des Teweh die O. Bonoi aufzusuchen und sie sofort zur Reise nach der Mündung des Teweh zu veranlassen, während zwei ihrer Liebhaber stromabwärts bis Buntok zogen, um alle Dajaker am 10. December, Alt und Jung, Mann und Frau, zwischen dem Teweh und Montalat in den Atassans sich verbergen zu lassen. Thatsächlich erschien den 9. December Abends das Kriegsschiff »Onrust«[23] vor der Mündung des Montalat; die Anker wurden fallen gelassen, und mit gezücktem Säbel betraten die Schildwachen das Deck. Die Officiere und der Assistentresident Bangkert gingen um 6½ Uhr zur Abendtafel, ohne auch nur zu ahnen, dass sie von Hunderten und Hunderten lüsterner Augen belauscht wurden. Suropatti war noch nicht erschienen, und so beschloss Bangkert, den folgenden Morgen ihm bis Teweh entgegenzufahren. Induamban und die Hunderte Dajaker folgten lautlos dem Schiffe, welches wegen der zahlreichen Krümmungen und der Sandbänke nur langsam fahren konnte. 12 Uhr schlug es, und noch Niemand war zu sehen. Nach Tisch zog sich Bangkert aus und ging sein Nachmittagsschläfchen thun, als um 2½ Uhr der laute Werdaruf der Deckwacht ihn aus seinem ersten Schlaf unsanft riss. Ohne weitere Kleidung anzulegen, also nur mit einem Sarong bekleidet, eilte er auf das Deck und sah drei grosse Kähne mit der holländischen Flagge dem Schiffe sich nähern. Einer davon trug jedoch die Flagge umgekehrt.[24] »Suropatti kommt also sich unterwerfen,« rief er dem Schiffscapitän frohlockend und jubelnd zu, welcher bei dem Werdarufe der Schildwache schnell die Uniform anzog, um beim Empfang des Fürsten gegenwärtig zu sein. Als er jedoch den Herrn Bangkert nur im Sarong gekleidet sah, zog er sich in seine Cajüte zurück, um sich seiner überflüssigen Epauletten zu entledigen. Unterdessen hatte das Schiff gestoppt, den Anker und die Falltreppe fallen lassen, und mit lautem Tabéh Tuwan,[25] Tabéh Tuwan hatten sich Suropatti, Bangkert und der Commandant begrüsst. Auf dem Decke stand ein Tisch, auf welchem Bangkert und Suropatti sich niedersetzten, das Gefolge setzte sich auf den Boden nieder, und bei einem Gläschen Genevre begannen die Unterhandlungen.
Zu dem Gefolge, welches abwechselnd auf dem Decke sass oder hockte (Djongkok), gehörten auch der Vater (?) und der Geliebte Induambans. Von den Verhandlungen der beiden Männer verstand das Gefolge nur einzelne Worte, weil sie in der malayischen Sprache geführt wurden; als aber ein Mandur mit Säcken Ringgis = ryksdaalders = 2 fl. 50 auf dem Decke erschien, wurde es ihnen deutlich, dass Suropatti sich unterwerfen würde, und als der Vater Induambans spöttisch den Geliebten seiner Tochter frug, ob er noch den Saloi hätte, welchen sie ihm als Gegengeschenk seiner Liebeswerbung gegeben hatte, sprang dieser mit einem durchdringenden Schrei auf die Füsse, zog seinen Mandau und fasste den Schiffsarzt, welcher in diesem Augenblick auf Deck erschien, bei den Haaren und schlug ihm den Kopf ab; zu gleicher Zeit erschienen von dem gegenüberliegenden Antassan zahlreiche Djukungs, aus welchen die Dajaker wie Katzen das Schiff erkletterten, in ihrer Mitte mit gezogenem Mandau Induamban, Suropatti erfasste den Kopf Bangkerts, und ebenso schnell flog die Bande der Dajaker in das Zwischendeck, um Alles zu ermorden. Während Induamban mit dem Kopfe des Schiffscapitäns in der hocherhobenen Hand bigal, bigal rief, stürzte sich ein javanischer Bedienter ins Wasser und entkam als Einziger dem traurigen Blutbade. 44 europäische, 11 eingeborene Matrosen, 6 Officiere und der Assistenz-Resident Bangkert waren in wenigen Minuten den Mördern zum Opfer gefallen. Im Februar 1860 zog eine Expedition nach Lotongtor, um die Dajaker dafür zu züchtigen. Wieder wusste Niemand, was die Dajaker mit dem ausgemordeten Schiffe gethan hatten. Sie wussten nicht, dass die Kanonen mit dem Pulvervorrath von den Dajakern ans Ufer gebracht wurden und in Lahey, ungefähr zwei Stunden oberhalb Muarah Teweh, zur Batterie aufgepflanzt wurden. Als die Kriegsschiffe an Lahey vorbeifahren, bekam das erste Schiff einen Schuss aufs Deck, ohne dass es glücklicher Weise kampfesunfähig wurde; sofort wurden die Matrosen ausgeschifft und nahmen im Sturm die Festung und sahen zu ihrer Ueberraschung nicht nur die Kanonen und Munition von dem »Onrust«, sondern auch die grossen eisernen Querbalken, welche die zwei grossen Schaufelräder des Schiffes verbanden.
7. Capitel.
Acclimatisation — Sport in Indien — Sonnenstich — Prophylaxis gegen Sonnenstich — Alcoholica — Bier — Schwarzer Hund — Mortalität beim Militär im Gebirge und in der Ebene — Klima — Statistik — Erröthen der Eingeborenen — Geringschätzung der „Indischen“ — Fluor albus, Menstruation — Gesundheitslappen — Erziehung der Mädchen — Indische Venus — Indischer Don Juan.
Die Frage der Acclimatisation hat schon viel Tinte und Papier gekostet, und doch ist dieses Thema noch nicht erschöpfend behandelt, obzwar selbst Virchow schon vor 30 Jahren zu dieser Frage Stellung genommen hat. Die thierische Zelle besitzt im Allgemeinen eine ungeheure Fähigkeit, sich in die extremen Verhältnisse zu schicken. Momentan sind zwei Aerzte auf Java, welche kurz vor ihrer Abreise nach Indien eine Nordpolexpedition mitgemacht haben. Derselbe Maschinist, welcher im Schiffsraume bei dem Ofen steht, verträgt fünf Minuten später den Aufenthalt auf dem Decke, obschon er vielleicht eine Temperatur unter Null dort findet. Pictet und Young (Comptes rendus Bd. 98 S. 747) sahen Bacterien, welche −70° 108 Stunden und −130° 20 Stunden aushielten, während wiederum ±100° Wärme nöthig ist, um sie sicher zu tödten. Aber auch der menschliche Geist erfreut sich einer Elasticität, die oft unglaublich ist. Wie viel tausend und tausende Menschen führen Jahre lang ein Leben voll Schmerz, Verdruss und Elend, ohne ein Opfer des geistigen Todes zu werden. Also muss gesagt werden: Die Acclimatisation ist im Allgemeinen für Jedermann möglich. Wie aber der Maschinist während des Aufenthaltes beim Ofen stark transpirirt und beim Aufenthalt auf dem Deck durch die Kälte leidet, so ist auch für Jedermann die Acclimatisation mit gewissen Beschwerden verbunden. Um aber bei demselben Beispiel zu bleiben: gerade wie der Maschinist vom Ofen weg nicht sofort und in derselben Toilette aufs Deck gehen wird, ebenso ist es für Jedermann nöthig, den Acclimatisationsprocess mit Vorsicht und entsprechend den Lehren der Hygiene zu leiten und unterstützen, d. h. mit andern Worten, der Mensch muss den neuen Verhältnissen entsprechend seine Lebensweise einrichten und zwar entsprechend seiner Constitution und seinen Gewohnheiten.[26]
Bekannt ist es, dass vor ungefähr 23 Jahren zwei englische Naturforscher nach Afrika gingen und dort ein eigenthümliches Leben führten; der Eine nahm sofort das ganze Thun und Lassen der Eingeborenen an, so dass er selbst dieselben, d. h. keine Kleider gebrauchte. Der Andere jedoch behielt soweit seine heimathlichen Gewohnheiten, dass er Abends im Frack zu Tische ging. Der Erstere stützt sich auf die allgemein geäusserte Regel, dass man sich überall in die Sitten und Gebräuche des Landes fügen und schicken müsse. Das ist richtig, aber damit ist noch nicht gesagt, sie kritiklos anzunehmen. Der Erstere hat geradezu unrichtig gehandelt, weil seine Constitution eben eine andere war als die der Eingeborenen; denn, um nur ein Symptom von tausend anderen hervorzuheben, bei einer Temperatur von 37° C. wird der Eingeborene ohne anstrengende Arbeit nicht transpiriren, während der Europäer in Schweiss gebadet sein wird; kommt nun, sagen wir, ein leises Zephyrwehen, so wird der Eingeborene es nicht fühlen, der Europäer jedoch frösteln und vielleicht eine Erkältung von grösserer oder kleinerer Intensität bekommen.