Aber auch der zweite Naturforscher beging eine hygienische Sünde, weil er mit den veränderten klimatischen Verhältnissen nicht rechnete. Dieses ist ja die wichtigste Bedingung, die Acclimatisation ohne bedeutenden Schaden für Körper und Seele zu ermöglichen. Dazu gehört aber auch Zeit, und mit Recht spricht der Volksmund von einem Pikol (= 125 Pfd. = 62½ Kilo) Reis, den man gegessen haben muss, um nicht mehr zu den Orang-Baru (= Neulingen) gerechnet zu werden. Ein Pikol hat 100 Kattie; der Eingeborene isst täglich 1 Kattie Reis, und der Europäer aus besserem Stande, weil er zum Reis noch vieles andere isst, ½ Kattie; der Volksmund fordert also zur vollständigen Acclimatisation 6 Monate Zeit.
Das ist ein Zeitraum, welcher gewiss hinreichend ist, um in die Verhältnisse des Tropenlebens sich einbürgern zu können.
Als ich zum ersten Male nach Singapore kam und dort die englischen Herren und Damen Nachmittags im offenen Wagen herumfahren und Lawn tennis spielen sah, war mir diese Lebensweise unverständlich, weil in Holländisch-Indien Jedermann, dem die Geschäfte dies erlauben, um diese Zeit sein Mittagschläfchen hält, zu diesem Zwecke die Haus- oder Nachttoilette anzieht und darnach ein Bad nimmt, und erst kurz vor Sonnenuntergang spazieren geht. Seitdem sind 16 Jahre verflossen, und die Erfahrung hat meine Ansichten darüber radical verändert Ich bin nämlich zu der Ueberzeugung gekommen, dass die Bewegung in der freien Luft auch in Indien nicht nur nicht schädlich, sondern sogar »gesund« sei. Die Pflanzer sind die gesündesten Menschen auf Java und erreichen das höchste Alter; die Beamten, Handelsleute und jene Officiere, welche ihr Leben nur im Bureau zubringen, sind in der Regel sehr anämisch, haben eine grosse Leber oder Hämorrhoiden oder beides, und sind oft nichts anderes als Treibhauspflanzen, welche bei jedem Windzug sich unwohl fühlen. Ich selbst befand mich am wohlsten zur Zeit, als ich sogenannten Garnisonsdienst hatte, d. h. den ganzen Vormittag von 6 Uhr ab von Caserne zu Caserne und von Haus zu Haus gehen musste. Viele Menschen fürchten den Spaziergang oder die Arbeit in der freien Luft oder unter den »versengenden Strahlen der Tropensonne« wegen des etwaigen Sonnenstiches und -Fiebers. Die »versengenden Sonnenstrahlen« verbrennen aber die Plasmodien, verhindern also das Entstehen von Fieber und sind der grösste Feind der Miasmen der Sümpfe. Aber auch die Gefahr von Sonnenstich ist nicht so gross als allgemein angenommen wird. Wie viel tausende und tausende von Kuli arbeiten auf dem Felde, nur mit einem Strohhut auf dem Kopfe und einer kurzen Hose auf dem Leibe, ohne einen Sonnenstich zu bekommen? Die meisten und besten Militärhygieniker wissen, dass zur Entstehung des Sonnenstiches eine Menge von Factoren zusammen wirken müssen, und geben darum zahlreiche prophylaktische Maassregeln an, welche sich bewährt haben. Schon Robertson Jackson behauptete mit Recht, dass Menschen im heissen Klima ebenso viel arbeiten können, als im gemässigten, womit meine Erfahrung gänzlich übereinstimmt.
Ich habe den Jahresausweis des Sanitätschefs der indischen Armee von 1895 vor mir, und zufolge diesem waren nur vier Soldaten in diesem Jahre am Sonnenstich erkrankt, wovon einer starb; ich habe im Jahre 1887 eine Expedition auf Atjeh mitgemacht, bei welcher ich am 5. April um 4 Uhr ausrücken musste und um 1 Uhr nachmittags nach Hause kam, ohne nur einen Mann verloren zu haben, obwohl der ganze Weg über einen baumlosen Wall sich zog; im Jahre 1895 machte ich in Java die grossen Manöver mit, wobei wir von 6 Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittags manövrirten, und nur 9 Mann waren ausgefallen wegen Retentio urinae, Diarrhoe u. s. w., aber keiner darunter litt an Sonnenstich. Die prophylaktischen Maassregeln, welche genommen wurden, waren folgende: Sofort hinter der Stadt öffneten sich die Reihen, so dass die Soldaten nicht in geschlossenen Gliedern marschirten, sondern frei und ungezwungen sich bewegen konnten. Die Halscravate und Röcke wurden geöffnet, so dass die Circulation des Blutes am Halse nicht behindert wurde; die Soldaten hatten in ihren Feldflaschen Thee mitgenommen, und vor dem Ausrücken wurde Sorge getragen, dass kein Schnaps dafür eingetauscht wurde. Die Temperatur unter dem Helmhute ist auch nicht bedeutend grösser gewesen, als die Aussenluft, weil für Ventilation des Hutes gesorgt war. Bei jedem Rasten konnte die Mannschaft Thee oder Wasser nach Belieben trinken. Die lockere Marschordnung verhinderte, dass »durch das Zusammendrängen vieler Menschen die Wärmeabgabe beschränkt wird, weil dadurch die natürliche Luftbewegung gestört und eine Art von Stagnation einer warmen und feuchten Atmosphäre in der Umgebung der einzelnen Körper begünstigt wird« (Roth und Lex 3. Band S. 407) und eine Anhäufung von Kohlensäure stattfindet. Die häufigsten Hitzschläge kommen ja vor in geschlossenen, schlecht ventilirten Räumen, wo die Luft von der ausgeathmeten Kohlensäure der übergrossen Menschenmenge vergiftet wird.
Niemand braucht sich also zu fürchten, bei Beobachtung einzelner hygienischer Maassregeln in den Tropen einer mässigen Bewegung sich zu befleissigen, seinen Geschäften nachzugehen, und so weit er es in Europa gewöhnt war, dem Sporte zu huldigen, durch welchen er seine Muskelkraft in Uebung erhält, seine Widerstandskraft gegen schädliche Einflüsse erhöht und sein Selbstvertrauen stärkt.
Was das Essen betrifft, muss ich den europäischen Neuling aufmerksam machen, dass die starken Gewürze für ihn überflüssig, ja selbst schädlich sind. Wenn er einen guten Appetit hat, so producirt sein Magen eine hinreichende Menge des sauren Saftes und braucht also zu erhöhter Secretion nicht angeregt zu werden. Stellt sich zeitweilig Appetitmangel ein, dann ist es noch immer Zeit genug, zum Lombok u. s. w. zu greifen. Er wird also auch nicht so leicht in den Fehler verfallen, zu viel zu essen, das, wie wir [Seite 67] sahen, eine reichliche Quelle zum Entstehen von Magen-, Leber- und Darmkrankheiten giebt.
Auch der Alcohol stumpft die Acidität des Magensaftes ab, und darum ist es rathsam, aller Alcoholica sich zu enthalten. Kleine Mengen von Wein werden ihm jedoch nicht schaden, weil, um ein Beispiel anzuführen, ¼ Liter Wein ungefähr nur 20 Gramm Alcohol enthält, der übrigens durch die freie Säure theilweise neutralisirt wird, während ein Gläschen Cognac oder Rum bei einem Alcoholgehalte von 56–77% (Volumen) schon 36–40 Gramm Alcohol repräsentirt. Wenn ich den Alcohol als Genussmittel anerkenne, das entbehrlich ist und selbst schädlich werden kann (durch zu grosse Mengen), so muss ich noch mehr das Bier als unbedingt schädlich für den Gebrauch in den Tropen zurückweisen, weil es Fett ansetzt und zur Vergrösserung der Leber und zur Retention der Galle Anlass giebt. Nur für ärztliche Zwecke, wie z. B. für milcharme Wöchnerinnen, darf es in den Tropen getrunken werden.
Das Trinkwasser entspreche den auf [Seite 21] angedeuteten Anforderungen.
Die Kleidung muss sich immer den zeitlichen Temperaturverhältnissen anpassen. Niemals gebrauche man die weissen Kleider ohne Leibwäsche; es ist gewiss kein ästhetischer Anblick, einen Menschen vor sich zu sehen, dessen Transpiration mit den bekannten Zeichnungen rings um die Schulter, am Rücken und eventuell an anderer Stelle des Körpers markirt zu sehen; aber auch sehr »ungesund« ist es, ohne Flanellhemd (mit oder ohne Aermel, je nach Gewohnheit) sich Erkältungen auszusetzen. Am meisten wird vergessen, der niedrigen Temperatur im Gebirge und auch in der Ebene in den frühen Morgenstunden während der trockenen Zeit Rechnung zu tragen; selbst in Samarang, also an der Küste (Javas) beobachtete ich manchmal des Morgens um 6 Uhr 16° C. Es war eine angenehm erfrischende kühle Temperatur, und doch muss ich es Jedermann anrathen, in solchen Fällen niemals das Schlafzimmer zu verlassen, ohne unter der Nachttoilette auch Strümpfe und Leibwäsche anzulegen; wenn um 7½ oder 8 Uhr die Luft wärmer geworden ist, kann ja von dieser Vorsichtsmaassregel Abstand genommen werden.
Das Baden wurde ebenfalls schon besprochen und zwar [Seite 122].