Junge Männer, welche nach Indien gehen, um einen Beruf auszuüben, also dauernd oder für viele Jahre dort zu weilen, mögen sobald als möglich heirathen; das Surrogat der Ehe, d. h. mit einer Haushälterin zu leben, hat in den letzten Jahren glücklicher Weise stark abgenommen, aber es besteht noch, und ist dieses auch ein nothwendiges Uebel, so kann gegenwärtig dem leicht abgeholfen werden. Wenn ich auch den moralischen Standpunkt nicht verleugnen will, weil die Ehe die Basis des gesellschaftlichen Lebens ist, so will ich dennoch mehr die praktische[27] als die sittliche Seite dieser Frage besprechen. Das Concubinat mit einer eingeborenen, oder chinesischen, oder halbeuropäischen Frau demoralisirt die Männer. Wieso dieser Process in Holländisch-Indien zu dem Namen »schwarzer Hund« kam, ist mir nicht bekannt; sollte der »rothe Hund« (Vide [Seite 10]) eine Beschwerde des Körpers und der »schwarze Hund« die der Seele bedeuten? Die Männer werden durch diese Frauen oft so demoralisirt, dass, wie ich es wiederholt sah, sie in ihrem ganzen Denken und Fühlen auf das Niveau eines rohen, ungebildeten Eingeborenen kamen! Nebstdem besitzen diese Frauen eine aussergewöhnlich hohe Kunst, ihre »Männer« unter den Pantoffel zu bekommen. Jede europäische Frau kann diesbezüglich noch vieles, sehr vieles von einer »Njaih« lernen. Zur Illustration dieser Behauptung will ich nur zwei Fälle aus meiner Erfahrung mittheilen. Lieutenant A. wohnte in einem Fort; seine Wohnung hatte nur eine Aussicht und zwar auf den Fluss. Er durfte niemals bei der Palissade stehen, weil auf dem Flusse das Badehaus und der Abort der Soldaten sich befand. »Es schicke sich nicht, dass der Lieutenant die Soldatenfrauen dahin gehen sehe,« behauptete seine chinesische Haushälterin, und dieser Pantoffelheld hat 1½ Jahr lang in seiner Wohnung nur die vier kahlen Wände aus Bambus gesehen!

In B. war Ball bei dem Resident. In der vorderen Veranda des Residentenhauses tanzten die Officiere und Beamten, während vor derselben die Bedienten dem bunten Treiben zusahen. Unter diesen befand sich so manche Haushälterin, deren Herz in Eifersucht oder in Furcht leidenschaftliche Gluth ins Gesicht jagte. Das Auge der Eifersucht sieht scharf. Die Haushälterin des Lieutenant X. ertrug den Anblick nicht mehr, dass ihr »Mann« die Taille seiner Tänzerin umfasste und mit liebevollen Blicken ihre schön geformte Büste betrachtete; sie eilte nach Hause und kehrte sofort zurück; aber nicht allein; hinter ihr folgte der Bediente mit einem Topfe, der aber nicht leer war. Der Bediente wurde in den Tanzsaal geschickt, um den Lieutenant X. herauszurufen. Er kam und bekam den Inhalt des Topfes auf sein schuldiges Haupt. Auch in Europa schwingen die Frauen manchmal (?) den Pantoffel, der, mit Sammt bekleidet, oft genug ein heilsamer Sporn für einen energielosen, denkfaulen Mann ist; so sehen wir auch in Indien, dass die besten Soldaten jene sind, welche »eine Haushälterin« haben. Im Allgemeinen aber ist der Pantoffel, den eine eingeborene Haushälterin über ihrem »Mann« (lakki M) schwingt, nicht mit Sammt und Seide gefüttert; es ist ein hölzerner Pantoffel, der mitunter selbst mit grossen Nägeln beschlagen ist.

Zur leichten Acclimatisation Maass im Geschlechts-Genusse zu empfehlen, ist selbstverständlich; aber die Gluth der Tropensonne, die Monotonie des täglichen Lebens, die reichliche Gelegenheit, welche Diebe schafft, und das üppige Leben lassen Bacchus mit Venus nicht nur unter den Dajakern, wie wir sahen, sondern auch unter den Europäern einen festen Bund schliessen.

Ich muss es wiederholen, ein verständiges Leben, welches den Anforderungen der Hygiene entspricht, ermöglicht eine leichte und ungefährliche Acclimatisation und eine nicht viel kleinere Lebensdauer in Indien als in Europa. Im Jahre 1895 starben von 17216 europäischen Soldaten 261 Mann, das ist 1·51%.

Im Jahre 1894 starben, wie Stabsarzt Mydracz mittheilt, in der Schweiz 0·2, Deutschland (ohne Bayern) 0·2, Holland 0·29, Oesterreich 0·36, Nordamerika 0·54, Russland 0·55, Spanien 0·82 und in England 0·84 pro Mille der Kopfstärke. Das ist also ein grosser Unterschied in der Mortalität zwischen den indischen und diesen europäischen Armeen. Diese 1·5% Mortalität verliert aber viel von ihrem Schrecken, wenn man die Verhältnisse berücksichtigt. Im Jahre 1895 erlagen ja viele den Wunden und Erkrankungen vom Kriegsschauplatze Atjeh und Lombok. Aber auch der Unterschied zwischen einer Armee, welche aus Freiwilligen besteht, und einer solchen, welche allgemeine Dienstpflicht hat, macht sich diesbezüglich geltend. Die Assentirung ist nämlich bei Freiwilligen mit grösseren Schwierigkeiten verbunden, als bei jenen, welche der allgemeinen Dienstpflicht unterstehen. Diese simuliren, um von dem Militärdienst befreit zu werden; jene jedoch dissimuliren, um wegen des hohen Handgeldes angenommen zu werden. (Ich sass drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und habe also nach beiden Richtungen hinreichende Erfahrungen.) Wenn der freiwillige Soldat sein Handgeld verprasst hat, dann gefällt ihm oft das militärische Leben nicht mehr; er beginnt also Krankheiten zu simuliren, während er vielleicht bei der Aufnahme diese oder jene Krankheit dissimulirt hat.

Die Sterblichkeit ist gegenwärtig also unter dem Einfluss der verbesserten Hygiene und dem verminderten Missbrauch des Alcohols nicht viel grösser als in Europa, aber auch bedeutend kleiner als in früheren Jahren. Im Jahre 1828 starben (nach van der Burg) von 1000 europäischen Soldaten 294!! und im Jahre 1895 (nach dem officiellen Jahresausweis) 15!!

Eine zweite Frage drängt sich Jedermann auf, welche ebenfalls durch den statistischen Ausweis beantwortet werden könnte und zwar, ob im Allgemeinen die im Gebirge oder in der Ebene gelegenen Garnisonen gesünder seien resp. eine kleinere Sterbeziffer aufzuweisen haben. Die Statistik lässt uns diesbezüglich im Stich. Im Jahre 1895 waren unter den 261 gestorbenen europäischen Soldaten

20 in Weltevreden (Küste) = 1·2% des Standes
47 Surabaya (Küste) = 6·9%
30 Kota Radja (Küste) = 2·2%
29 Ampenan (Küste) = 3·9%
25 Magelang (Gebirge) = 1·4%
14 Samarang (Küste) = 2·0%
16 Malang (Gebirge) = 1·2%
10 Padang (Küste) = 2·0%

Wir sehen also aus dieser Statistik, dass der Höhenunterschied keinen bedeutenden Einfluss auf die Sterblichkeit der europäischen Soldaten genommen hat; denn die drei grössten Städte Javas liegen auf der Küste, und zwar auf der Nordküste dieser Insel; und doch zeigen sie untereinander einen so grossen Unterschied in der Sterblichkeit, dass sich noch andere Factoren geltend machen müssen.

Ich will sofort bemerken, dass Surabaya kein artesisches Wasser hat, das die zwei anderen Städte schon seit Decennien besitzen, und dass seit Einführung desselben der Gesundheitszustand in Batavia und Samarang in auffallender Weise sich gebessert habe.