Der Höhenunterschied beeinflusst aber zum grössten Theil alle jene Factoren, welche in ihrer Totalität den Begriff Klima bedingen. Das solare Klima, d. h. das Klima, welches Indien zufolge seiner Lage und geographischen Breite haben sollte, kann den Hygieniker weniger interessiren, als das factische oder physische Klima, welches durch die Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, Luftdruck, Regenmenge, Windrichtung, Verunreinigung der Luft durch Staub, Kohle und Miasmen bedingt ist, das sind Factoren, welche nur theilweise von der geographischen Breite abhängen. Zum grossen Theil werden sie auch beeinflusst von der geologischen Art des Bodens von Berg und Wald u. s. w.

Wenn man also von einem Tropenklima — und zwar mit Recht — spricht, dann versteht man immer darunter das Klima der Ebene und der Küste; mit der Erhebung über dem Boden sinkt die Temperatur nicht unbedeutend und damit auch jener Factor des Klimas, welcher einerseits den grössten Einfluss auf den Charakter des Klimas nimmt, andererseits aber auch am besten bekannt und studirt ist, weil wir einen festen bequemen Maassstab dafür haben: das Thermometer. Im Jahre 1891 besuchte ich einen Kaffeepflanzer auf dem Berge Lawu (Mittel-Java), ungefähr 1000 Meter über dem Meere; Nachmittags um 5 Uhr wurde es mir zu kalt im Freien, ich musste mich ins Zimmer zurückziehen und die Fenster schliessen lassen.

Also, im Gebirge kann schwer von einem Tropenklima gesprochen werden. (Auf dem Gipfel des Sumbing wurden 5° C. und des Morgens selbst Reif beobachtet.) Auch die Flora verliert im Gebirge ihren tropischen Charakter; Erdäpfel, Kohl, Zwiebeln, javanische Eiche (von denen schon Friedmann 27 Arten kannte), Lorbeerbaum, Sassafras u. s. w. nehmen den Bergen Javas den tropischen Charakter; von den Farrenkräutern kann dasselbe nicht gesagt werden, weil sie ungeheuer gross werden. Ich hatte in Magelang (Mittel-Java) einen »Farrenbaum«, dessen Stengel mehr als zwei Faust dick war und dessen Blätter eine Laube waren, unter welcher man bequem sitzen konnte. Noch will ich aus dieser Höhenregion den Tjemorobaum (Casuariana Junghuniana) erwähnen, weil er, wie die europäische Trauerweide, die passendste Zierpflanze eines Kirchhofes ist. Wenn ich ihn auch nicht, wie andere Schreiber erzählen, bis zu einer Höhe von 30 Metern sah, so fesselte er jedesmal meine Aufmerksamkeit, wenn ich vor einem solchen Baume stand. Seine langen, schlaff herunter hängenden Nadeln, sein schlanker gerader Baum geben ihm einen düsteren Anblick, und wenn der Wind durch die feinen, rauhen, nadelförmigen Zweige streicht, stimmt er uns ebenso viel wie sein Anblick zum Ernst und zur Trauer.

Wenn also bei so veränderter Welt der Fauna und Flora auch die Temperatur, die Regenmenge, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft und des Bodens, die Verunreinigung der Luft durch Staub, Kalkpartikelchen und Miasmen sich so ändern, dass von einem Tropenklima nicht mehr gesprochen werden darf, so ergiebt sich daraus die Nothwendigkeit, übereinstimmend mit dieser neuen Welt auch sein tägliches Leben einzurichten. Ich sah nicht nur in Magelang, welches 384 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sondern auch höher im Gebirge (z. B. 1000 Meter), die Eingeborenen keine anderen Kleider gebrauchen, als in Batavia. Sie zogen einfach ihren Sarong über die Brust und legten sich ohne andere Kleidung oder Bettdecke in ihre luftigen Bambushütten auf die Baleh-Baleh schlafen. Aber wir Europäer können, noch mögen dieses thun; unser Organismus ist feiner; er reagirt sofort auf solche schädlichen Einflüsse; wir werden krank. Es ist gewiss anzuempfehlen, dass Malariapatienten sich ins Gebirge flüchten, entweder um in der Reconvalescenz schneller zu Kräften zu kommen und sich zu erholen, oder um von den Fieberanfällen befreit zu werden. Wie oft geschieht es jedoch, dass diese Patienten im Gebirge erschöpfende Diarrhoen bekommen und zurück nach dem warmen Küstenklima verlangen; ich selbst sah in Sindanglaya und Salatiga die Patienten in derselben luftigen Kleidung in der Galerie sitzen oder ins Bad gehen, welche sie in Batavia oder Surabaya trugen, und dabei mit Wollust von der »entzückend herrlichen frischen Luft« dieses Ortes sprechen. Ich selbst konnte in diese Hymne einstimmen, aber trug unter der Nachthose eine Unterhose und zog Strümpfe an. Auch ich genoss von dieser »herrlichen frischen Luft«, dass ich um 11 Uhr einen Spaziergang machen konnte, dass die Transpiration auf ein Minimum reducirt war und dass der rothe Hund mich nicht quälte. Der Appetit wurde besser, man ermüdet nicht so schnell, die Respiration ist freier, man schläft besser, der Gang wird elastischer, man urinirt mehr, mit einem Worte: Die Lebensenergie ist erhöht, und die Lebenslust ist grösser. Wir werden im dritten Theile sehen, dass darum oder wenigstens theilweise aus dieser Ursache die Regierung im Gebirge (zu Malang, Magelang und Tjimahi) die Depots der Truppen verlegte, aber den grossen Fehler beging, den Unterschied zwischen europäischen und eingeborenen Recruten nicht zu berücksichtigen, was die Acclimatisation derselben betrifft.

Warum ich niemals bis jetzt Ziffern aus der indischen Statistik und nur aus dem militärischen Leben anrührte und es auch weiterhin nicht thun werde, bedarf einiger Worte der Erklärung, wenn nicht auch der Entschuldigung. Sie haben eben gar keinen wissenschaftlichen Werth. In erster Reihe stammen nämlich alle statistischen Mittheilungen aus der Feder eingeborener Schreiber, welche keine Ahnung von der Bedeutung und dem Werth einer statistischen Wissenschaft haben; das kann bei einem europäischen Schreiber auch der Fall sein; aber der eingeborene Beamte vermisst jeden sittlichen Ernst, um seiner Aufgabe gerecht zu werden. Ein Vaccinateur brachte mir die Impfungsergebnisse seines Bezirkes, worin 95% der Picqure sich zu guten Pusteln entwickelt hatten; ich äusserte meine Ueberraschung über diesen günstigen Erfolg; »Pigimana sukah, tuwan Doctor.« Wie es dem Herrn Doctor beliebt, bekam ich zur Antwort. Ich begriff diese Antwort damals nicht und legte die Tabellen auf den Tisch; drei Tage später bekam ich eine »verbesserte Ausgabe« von 25% gelungenen Einimpfungen!! Wenn nicht jede Frage über die Verhältnisse u. s. w. eines Bezirkes an einen Beamten ganz neutral gestellt wird, so wird er immer jene Antwort geben, welche er glaubt, dass der höhere Beamte zu erhalten wünscht.


Die Holländer in Indien und in Europa zeigen vielseitige Unterschiede; die Verhältnisse bestimmen den Menschen, und so beeinflussen die indischen Zustände auch den Charakter der Holländer. Wie weit das Klima darauf Einfluss nimmt, will ich nicht untersuchen, weil es meine Kräfte überschreitet, und weil man so leicht in den Fehler verfällt, post hoc, also propter hoc zu urtheilen.

Der blonde Teint der Europäer färbt sich leicht nach längerem Aufenthalt in den Tropen, während bald die gesunde rothe Hautfarbe einer blassen anämischen weicht. Untersuchungen aus letzter Zeit bewegen sich auf dem Unterschied, ob Blutarmuth, oder nur Mangel an Blutfarbstoff, oder nur ein krankhafter Zustand der peripheren Capillaren die Ursache dieser blassen Hautfarbe sei. Hier muss ich sofort beifügen, dass die Behauptung, die braune Rasse könne nicht erröthen, unrichtig ist, und dass ich Gelegenheit hatte, malayische Frauen aus psychischen Ursachen »roth« werden zu sehen. Es war nicht die starke Röthe des Zornes (bei einer blonden Frau), auch nicht das zarte Erröthen einer schamhaften Jungfrau Albions. Es war ein viel feineres zartes Roth, das sich über das Gesicht, und selbst den Hals, ergoss.

Den Einfluss des Tropenklimas auf das Herz zu studiren, hatte ich keine Gelegenheit, obschon ich drei Jahre in der Superarbitrirungs-Commission sass und alle Soldaten, welche vor ihr erschienen, untersuchte. Denn mir fehlte der Befund des Herzens vor ihrer Erkrankung und vor ihrer Abreise nach Indien. Die so oft behauptete grössere Venosität des Blutes konnte ich direct nicht nachweisen, weil mir die Mittel zur Untersuchung fehlten; aber sie besteht wahrscheinlich in hohem Grade; denn die passiv-congestiven Zustände aller Bauchorgane sind thatsächlich eine häufige Erscheinung.

Die Grösse des Herzens nimmt einen Einfluss auf das Temperament und den Charakter des Menschen; die Biologie liegt auf diesem Gebiete noch brach; aber ich wage mich auf dieses Terrain, weil ich den Unterschied in der Psyche der Europäer in Indien und in Holland auf den Einfluss der gesteigerten Herzthätigkeit zurückführe, welche wiederum die Ursache eines gesteigerten Nervenlebens ist.