Viele sind in Indien nervös, sie sind gejagt, Präcordialangst macht sie scheinbar zu Pessimisten, die gestörte Darmfunction macht sie zum Hypochonder (durch Autoinfection?). Eine Musik von mittelmässiger Kunst regt sie auf; unerwartete Ereignisse treiben ihnen die Thränen ins Auge, geringe körperliche Anstrengung verschnellt ihnen den Puls und lässt sie eine Ermüdung fühlen, welche factisch nicht vorhanden ist; viele ergeben sich mit einem gewissen Fatalismus einer Trägheit, welche sie beschönigen wollen; sie unterwerfen sich bereitwillig dem monotonen Tropenleben als unvermeidliche Folge der grossen Wärme so lange — als es ihnen gefällt. Aber ein Tanzabend lässt Alt und Jung die ganze Nacht Terpsichore huldigen, die Abreise eines Bataillons Soldaten lässt dieselben Menschen einen Marsch von einer Stunde machen, um dann noch 2–3 Stunden lang unter den Strahlen der glühenden Tropensonne auf dem Einschiffsplatz zu stehen; eine bevorstehende Prüfung lässt sie Tage, Wochen und Monate lang neben ihrer Berufsarbeit viele Stunden täglich studiren,[28] und Stunden lang sah ich die zartesten Damen auf die Ankunft des Königs von Siam warten, ohne deswegen denselben Abend den Festlichkeiten zu Ehren dieses Gastes aus dem Wege zu gehen.
Ist der Holländer an und für sich ceremonieller als z. B. der Süddeutsche, noch mehr ist er es in Indien, wo bis vor wenigen Jahren gar kein Mittelstand existirte; da jeder Europäer damals zu der bevorzugten Rasse der »Wolanda« gehörte, fühlte sich ein Jeder als ein »tuwan«, als ein Herr und nahm die Gewohnheiten und Gebräuche der Beamten- und Officierswelt an, deren Kreise ihm häufig in patria verschlossen waren. Dies hat sich, wie schon erwähnt, seit einigen Jahren verändert. Der kleine Kaufmann, der Schuhmacher und Schneider »empfangen« nicht und gehen auch nicht mehr zu den Empfangsabenden der Officiere und Beamten. Dieses »Formelle« im äusseren Auftreten war jedoch von einer Freiheit in der Sprache begleitet, welche an das »Unsittliche« grenzte. Auch dieses hat sich geändert und gebessert; wenn auch in den besten Kreisen anstandslos von Darm- und Uteruskrankheiten gesprochen wird, die ewigen Witze über das sexuelle Leben beschränken sich, wenigstens in den besseren Kreisen, gegenwärtig auf die jungen Männer.
Diese Ungenirtheit in der Conversation ist eine der Ursachen gewesen, dass die Holländer in patria ihre Landsleute »aus dem Osten« für Menschen niederer Kategorie betrachteten. Von dem Spiessbürger, der mit Geringschätzung von der »Indischen« spricht, welche »fingerdick« den Staub auf den Möbeln liegen lassen solle, oder dem Arbeiter, welcher in »dem colonial« per se einen Säufer oder ein verkommenes Individuum sieht, bis zu dem Arzt, welcher seinen Collegen »aus Indien« kaum jemals ebenbürtig oder gleichwerth anerkannt hat, weil er in »de Oost« nur für die Reichsthaler lebe, in allen Kreisen zeigte sich diese Geringschätzung der »indischen« Menschen.
Das Geschlechtsleben ist von Seite der Männer erhöht und von der der Frauenwelt nicht geringer als in der Zone des gemässigten Klimas. Zunächst ist es nicht wahr, dass per se jede europäische Dame an Fluor albus leide. Eine halbeuropäische Dame behauptete sogar, dass »indische« Damen niemals an Fluor albus leiden, es sei, dass er verdächtigen Ursprunges sei. Noch vor dem Erscheinen des Buches »Die Frauen in Java« von Dr. C. H. Stratz drängte sich mir die Erfahrung auf, dass auch in Indien bei den europäischen Frauen der Fluor albus ebenso häufig vorkommt als in Europa, und dass der Verdacht Noggerath’s, in solchen Fällen die Quelle desselben bei der nicht ausgeheilten chronischen Blennorrhoe der Männer zu suchen sei, auch in Indien raison d’être habe. Aber auch Dr. Stratz, welcher ein grösseres gynäkologisches Material unter den Händen hatte, hat unter den europäischen Damen seiner Praxis, welche also krank waren, nur 50% der Fälle an einem Fluor albus leidende gesehen. Da viele europäische Frauen, welche in Indien geboren sind, und da die sogenannten halbeuropäischen Frauen oft Tage, Wochen und manchmal Monate lang kein Mieder anziehen und unter der Kabaya nur ein Unterleibchen (Kutang) tragen und blossfüssig, oder wenigstens ohne Strümpfe sich bewegen, wird weder die Blutcirculation in den Füssen gestört, noch werden die Brustorgane zusammen- und die Bauchorgane nach unten gedrückt, und die Prolapsi uteri sind bei diesen Damen ebenso als bei den eingeborenen Frauen aves rari. (Auch auf die Haltung des Körpers nehmen die indischen Toiletten einen sichtbaren Einfluss; die Füsse sind ideale Füsse; ein so schöner Fuss, wie ich ihn bei manchen eingeborenen oder halbeuropäischen Frauen sah, kommt sehr selten in Europa vor. Die halbeuropäischen Damen haben eine aufrechte Körperhaltung mit hervorstehendem Bauche, und die Arme schlingern, mit nach vorn gehaltenen Händen, wie ein Pendel hin und her.)
Die Menstruation beginnt bei den Mädchen, welche in Indien geboren sind, sehr früh, nach van der Burg in einem Alter von
in Indien | in Niederland | ||
| 10–14 | Jahren | 53·63%!! | 20·88% |
| 15–18 | „ | 13·15% | 54·77% |
| 19 und darüber | 2·97% | 21·34%. | |
Die Periodicität unterliegt grösseren Schwankungen als in Europa, weil z. B. oft schon nach 21–22 Tagen die Menses zurückkehren, und ebenso ist die Intensität eine stark abwechselnde; grosse Blutverluste, welche selbst für Abortus gehalten werden, wechseln mit jenen Fällen ab, in welchen kaum einiges Blut in den gebrauchten Tüchern gesehen wird. Diese dürfen nicht, wie in Europa die »Gesundheitslappen«, mit Holzwolle oder Aehnlichem gefüllt sein, oder aus dickem Stoff bestehen, weil durch das starke Transpiriren eine Maceration der Haut stattfindet und einen Pruritus vulvae erregt. Der Einfluss des Klimas auf die Libido bei den Frauen ist nur schwer nachzuweisen, und wird auch in Europa nur nach der persönlichen Erfahrung der einzelnen Gynäkologen beurtheilt. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass die geschlechtliche Erziehung der Mädchen in Indien mit viel grösseren Schwierigkeiten zu kämpfen hat als in Europa. Der intensive Verkehr mit den eingeborenen Bedienten macht die Mädchen »früh reif« und eröffnet ihnen die Perspective des geschlechtlichen Lebens in einem frühen Alter und füllt einen grossen Theil ihres Denkens und Fühlens mit den Genüssen der Liebe aus, während selbst zahlreiche Fälle bekannt sind, dass die männlichen Bedienten, wenn auch keinen »Gebrauch« von der Unerfahrenheit dieser jungen Mädchen machen, doch mit Worten und Geberden ihre Sinneslust reizen. Wenn in Europa so etwas geschieht, ist sich der Bediente seiner Schuld bewusst, und es geschieht darum nur ausnahmsweise; der javanische oder malayische Bediente jedoch, oder die Zofe oder Köchin dieser Nation sieht darin nur ein unschuldiges Wortspiel u. s. w., weil seine Töchter von dem Tage der Beschneidung an in alle Geheimnisse der Ehe und Liebe eingeweiht werden und immer an den Gesprächen der alten Frauen theilnehmen können. Wenn also die in Indien geborenen Frauen sinnlicher sind als jene, deren Wiege in Europa stand, so muss es erst bewiesen werden, ob das Klima oder die Erziehung daran schuld ist. Soweit meine Erfahrung reicht, möchte ich den grösseren Factor in der Erziehung suchen.
Was die Fruchtbarkeit der europäischen Frauen angeht, dafür kann ich keine Belege bringen. Unrichtig ist jedoch die Behauptung von Dr. van der Burg, dass sie sich in extremen Grenzen bewege, d. h. dass sie entweder steril sind oder sich eines grossen Kindersegens erfreuen (Seite 295).[29] Was »die Neigung zu Abortus« betrifft, so hat dieses auch andere Ursachen, als das Klima.
Auch bei den Männern wird die Geschlechtslust frühzeitig erweckt und genährt; der Säugling, welcher unruhig ist wird von der »babu« masturbiert, um ihn einschlafen zu lassen. Sobald der Knabe sprechen kann, wird er (in zahlreichen Fällen) erst in malayischer Sprache sich ausdrücken; er bleibt unter dem Zwange der Verhältnisse den grössten Theil des Tages in der Gesellschaft der Bedienten, deren beschränkter Ideenkreis nur zwei Themata kennt: das Spiel und die Liebe. Geht der Knabe in die Schule, so eröffnet sich ihm eine neue Welt von Gedanken und Ideen; aber die Welt der Sinneslust wird so früh ihm erschlossen, dass die weitere Erziehung die Sinnlichkeit mildern, aber nicht unterdrücken kann; ob die Onanie häufiger vorkomme als in Europa, will ich bezweifeln, weil dies beinahe unmöglich ist; aber die Gelegenheit zum Coitus ist den jungen Knaben so viel gegeben, dass ich annehmen muss, dass der Onanie in Indien viel früher und viel häufiger eine Grenze gesetzt wird als in Europa.
Thatsache ist es, dass oft halberwachsene Knaben schon den Genuss der freien Liebe kennen, und dass ich, wie manche andere Aerzte, Schüler der Realschule wegen Gonorrhoe zur Behandlung bekam. Von dem Scrotum wird behauptet, dass es in der Regel schlaff herabhänge; aber ich glaube, dass die Altersunterschiede hier wie dort ihren Einfluss nicht verleugnen; das Smegma des Präputialsackes zersetzt sich sehr leicht, und thatsächlich sind die Balanitiden sehr häufig bei den Männern, welche sich nicht gewöhnt haben, den Präputialsack täglich zu reinigen. (Ich habe selbst einen alten Beamten gekannt, welcher einen ringförmigen Stein im Präputium hatte und von der operativen Entfernung desselben nichts wissen wollte.) Ob die Geschlechtslust bei den Männern viel höher sei als in Europa, trotz der »erschlaffenden Wärme«, möchte ich kaum bezweifeln. Peccatur intra et extra muros Trojae, in Indien aber ist die Gelegenheit zu sündigen gross, und nur zu oft hört man von den indischen verheiratheten Don Juans, dass alle Tage Beefsteak zu essen langweilig sei, und dass der Mensch gern Veränderungen habe; und dennoch muss ich behaupten, dass unter den ernsten Männern meiner Bekanntschaft die eheliche Treue ebenso hoch gehalten wurde als ceteris paribus dieses in Europa der Fall ist.