Beiden Geschlechtern ist eine grosse Gewandtheit des Körpers eigen; ob sie »rein« europäisches Blut in sich haben, oder von gemengter Abstammung sind, in beiden Fällen sind die Kinder körperlich besser entwickelt als in Europa. Während meines langen Aufenthaltes habe ich ja nur eine Eingeborene gesehen, welche einen Buckel hatte; unter den europäischen Kindern habe ich kein einziges missgeformtes gesehen, und nur sehr selten sah ich ausgesprochene Skrophulosis. Von Rhachitis habe ich keinen Fall gesehen. Wer gewisse Krankheiten sucht, der findet sie natürlich. So hatte ein dänischer Arzt mit aller Bestimmtheit in einem Falle von Rhachitismus gesprochen, weil ein mageres Kind stark entwickelte Epiphysen der Rippen hatte, während ich darin nur ein Kind mit schwach entwickeltem Fettpolster sehen konnte. Die wichtigsten Factoren zur Entstehung von der englischen Krankheit fehlen ja in Indien: schlechte Volksnahrung und das Zusammenleben in engen, schlecht ventilirten Räumen. Im Gegentheil. Die Kinder leben das ganze Jahr in der freien Luft, und ihre Hauptnahrung ist der Reis. Auch ihre Kleidung ist eine zweckentsprechende und befördert in jeder Hinsicht die freie Entwicklung des Körpers. Die Knaben und Mädchen tragen nämlich ein weisses Gewand, welches, ich möchte sagen, ein Hemd mit Hosenröhre ist; werden die Mädchen grösser, bekommen sie darüber noch ein Hemd; im Hause gehen sie natürlich blossfüssig oder mit Pantoffeln herum, und nur bei besonderer Gelegenheit ziehen sie Schuhe, Strümpfe und einen Hut an. Die Kinder eignen sich dadurch eine solche körperliche Gewandtheit an, dass der Einfluss auf den Charakter sich geltend macht. Abgesehen davon, dass z. B. selbst Mädchen aus dem niedrigsten Stande eine gewisse Freiheit und Eleganz in der Bewegung zeigen, wie sie ihre Altersgenossen in Europa nicht kennen, so ist ihr Selbstvertrauen ein grosses und auch berechtigtes; führt ein solches Mädchen der Zufall in die höchsten Kreise, ist sie nicht verlegen in ihrem Gespräche und nicht in ihren Bewegungen; beim Tanze zeigt sie sich so graziös, als jede Dame aus den höchsten Kreisen es nur wünschen kann, und der Fächer ist in ihren kleinen, wohlgepflegten, zierlichen Händen eine ebenso gefährliche Waffe als in den einer Salondame. Das rabenschwarze, dichte, lange Haar einer Nonna (halbeuropäische Dame), die dunkelbraunen, grossen Augen mit der lichtblauen Sclera, die schneeweissen, regelmässigen Zähne, die wohlgeformte Büste, die breiten Hüften, der kokette, sanft sich schmiegende Gang, die zierlichen, kleinen Füsse und die wohlgepflegten Hände und Nägel, die eleganten Pantoffeln, der eng umschliessende Sarong, welcher deutlich die Formen der stark entwickelten Hüften zeigt, und die mit Spitzen besetzte Kabaya, welche nur theilweise den schön geformten Busen bedeckt, sieh da — eine indische Venus.
Der indische Don Juan[30] verwendet auch sehr viel Sorgfalt auf seine Toilette und noch mehr Geld. In Batavia z. B. wird er bei dem ersten europäischen Schneider seine weisse Hose und Rock machen lassen, weil dessen Schnitt elegant ist; er bezahlt zwar drei- bis viermal soviel als beim chinesischen oder eingeborenen Schneider; aber es ist wahr, er ist elegant in seiner weissen Kleidung, Lackschuhen und grossen Manschetten. Sein rabenschwarzes Haar, seine dunkeln Augen stehen im angenehmen Contrast zur Weisse seiner Zähne und seiner Toilette. Der Sinjo, so nennt man nämlich den halbeuropäischen Mann, wird auch immer mit mehr Erfolg bei den Nonnas flirten als der europäische Freier.
8. Capitel.
Urbewohner von Borneo — Eisengewinnung bei den Dajakern — Eisenbahn auf Borneo — Landbaucolonien — Jagd in Borneo — Im Urwalde verirrt — Wilde Büffel — Medicin auf Borneo — Aetiologie bei den Dajakern — Taufe bei den Dajakern — Dukun — Doctor djawa.
Ueber die Urbewohner Borneos, welche auf der niedrigsten Stufe der menschlichen Civilisation stehen, den Olo-Ott (D), wissen nur wenige Europäer aus Autopsie etwas Positives mitzutheilen. Der Reisende Dr. Bock nennt sie Orang (M) Punang, während Dr. Karl Schwaner, welcher in den Jahren 1843–1847 das Innere Borneos durchkreuzt hatte, auch von den Olo-Ott spricht, welcher Name mir während meines Aufenthaltes in Teweh viel geläufiger war als der des Dr. Bock. Die Berichte der Frau Ida Pfeifer können kaum jemals in Betracht gezogen werden, weil sie nicht nur, wie die meisten Reisenden, nur das Ziel kannte, in möglichst kurzer Zeit die möglichst grosse Strecke zu durcheilen, sondern auch, weil sie in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Norden Borneos nur einen malayischen Bedienten als Dolmetsch hatte, welcher ein wenig englisch sprach und von keinem der dajakschen Dialekte kaum den Namen kannte. Hin und wieder mag ein »gebildeter« Dajaker einige Worte der malayischen Sprache verstanden haben; ob aber durch solchen Dolmetsch über Religion, Erbrecht, Tradition, Geschichte und Sagen etwas Verlässliches mitgetheilt werden kann, muss unbedingt bezweifelt werden. Auch meine Quelle über das Leben und Treiben der Olo-Ott ist nicht die reinste. Wenn der Fürst von Siang mir gegenüber die Sprache dieser Waldmenschen mit dem Grunzen eines Schweines vergleicht, so tritt schon die Voreingenommenheit deutlich in den Vordergrund. Wie ich schon vor 14 Jahren mittheilte, lebten sie damals und vielleicht heute noch im Walde, ohne jede staatliche, gesellschaftliche Einrichtung, in einzelnen Familien auf den Bäumen oder in aus Laub und Atap geformten Hütten, und zwar nicht allein an den zwei Quellen des Baritu, sondern auch östlich davon, im Gebirge, nahe den Quellen des Lahey, Tohop, Marawy, Tahudja und Ossoh bis an die Grenze des Volkes Pari, welche zwischen den höher stehenden Bewohnern des obern Laufes des Baritu und dem Reiche Kutei leben.
Wie mir der Fürst von Siang weiter mittheilte, sind diese Waldmenschen hell von Farbe und gross von Statur und leben von Pflanzen, Früchten und Weichthieren der Sümpfe, kennen das Feuer, ohne darum Fleisch oder andere Speisen zu kochen, und auch das Familienleben erhebt sie nur ein wenig über die ersten primitivsten Elemente der Civilisation. Aber den Werth des Goldes kennen sie schon sehr gut und gebrauchen es zum Tauschhandel. Der Verkehr mit der Aussenwelt findet in einer eigenthümlichen Weise statt, wenn ich den allgemeinen Mittheilungen im obern Laufe des Baritu Glauben schenken darf. Uebrigens hatte ich in Muarah Teweh einen malayischen Bedienten, welcher nach einem Jahre den Abschied von mir nahm, um, wie er sagte, mit den Olo-Ott Handel zu treiben. Ungefähr 1½ Jahre später kam er mich in Buntok aufsuchen und erzählte mir alles, was er von den Olo-Ott wusste. Es war nichts Neues, aber es bestätigte die Mittheilungen, wie ich sie früher wiederholt gehört hatte.
Nachdem er meinen Dienst verlassen hatte, war er nach Bandjermasing gegangen und hatte dort aus seinen Ersparnissen einen grossen Kahn gekauft, welcher mit einer Decke aus Atap versehen war. Es war ihm genug Geld übrig geblieben, um noch einen Vorrath an Salz zu kaufen, und bunte Glasperlen und billige Leinenwaaren von allen möglichen Farben bekam er auf Credit. Nebstdem miethete er zwei Bekompeyer, welchen er einen Theil seines Gewinns versprach, und so zogen sie stromaufwärts. Viel Lebensmittel brauchte er nicht mitzunehmen; denn bis Teweh konnte er, wenn auch nur in vereinzelten Kampongs, doch immerhin oft genug Gelegenheit finden, seinen Reisvorrath zu ergänzen; in Teweh selbst konnte er von den Soldatenfrauen alle möglichen Lebensmittel erstehen. Uebrigens brauchte er gar keine Entbehrung zu leiden. Hier und da standen am Ufer Palmenbäume, von welchen seine Begleiter die Cocosnüsse holten, welche ihm das Oel für die Nachtlampe und zum Bereiten einzelner Speisen lieferten. Die Klapper[31] (Kalapa S) gab ihnen einen erfrischenden Trank; ihre jungen Blattsprossen sind ein angenehmes Gemüse, besonders wenn sie in Essig eingelegt sind, und von der Arengpalme werden die unreifen Früchte gebraten gern gegessen. Der Strom hat übrigens einen solchen Fischreichthum, dass man es sich kaum vorstellen kann. Er konnte also täglich, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, die herrlichsten Fische, gekocht oder in Klapperöl gebraten, sich verschaffen. Die Früchte für seinen Nachtisch verschaffte er sich auch, ohne sie bezahlen zu müssen; das Brandholz zum Kochen seiner Mahlzeiten holte er sich vom Ufer oder sammelte sich das Treibholz, welches er auf der Decke des Kahnes trocknen liess; also waren die täglichen Bedürfnisse ohne Schwierigkeiten gedeckt. Aber gefährlich war sein Unternehmen, das ihn den Kopf hätte kosten können. Vielleicht war er Fatalist wie jeder Mohammedaner, und ich möchte sagen, wie jeder Bewohner der Tropen; vielleicht calculirte er, dass zur Zeit seines Ausfluges Mangkosari selbst der Kopfjagd entgegentrat, um die Gunst der Regierung zu erwerben (vide [Seite 63]), mit einem Worte: Er wagte es. Oberhalb Teweh passirte er den Lahey, von welchem Fluss ein Weg nach der Ostküste Borneos führt. Hier, im eigentlichen Gebiete des Dusson (= Baritu) ulu, mit ungefähr 10000 Menschen, war er ausserhalb des schützenden Armes der holländischen Regierung; dann (oberhalb des Stromes Makujong) beginnt das Reich der Fürsten Murong und Siang, welche erst im Jahre 1879 die Souveränität der holländischen Regierung anerkannt haben. Hier wird viel Rottang, Guttapercha, Eisenholz und andere Bauhölzer, von denen 60 Sorten auf Borneo gefunden werden, gewonnen, Eisen und Goldstaub gefunden (Diamanten kommen mehr im östlichen Theile vor); von hier werden Wachs, Honig und Schwalbennester in den Handel gebracht; aber die Industrie ist beinahe Null. Nur Matten, Djukungs (Canoës), Pfeile und Pfeilgift werden hier erzeugt und Eisen aus dem Erze geschmolzen. Der Landbau beschränkt sich auf die nothwendigste Menge des Reis und Pflege der Obstbäume, und im übrigen werden hier — Feste gefeiert.
So wenig die Industrie wegen ihrer geringen Entwicklung auf die Wohlfahrt des Landes Einfluss nimmt, so sehr verdient mit einigen Worten von ihrer Eisen-Industrie gesprochen zu werden, weil die Dajaker mit den primitivsten Mitteln Eisen und Stahl gewinnen, welches dem besten Material von Europa nicht nur gleichkommt, sondern es sogar übertrifft.
Auf meiner Fahrt nach Surabaya zeigte mir der Schiffscapitän eine sogenannte »Negaraklinge« (Negara ist ein Nebenfluss des Baritu, welcher sich ins linke Ufer gegenüber Marabahan in diesen Strom ergiesst), und schlug mit ihr in einen gusseisernen Pfeiler des Schiffes eine Scharte, welche vielleicht einen Centimeter tief war!
Schon der Schmelzofen ist so einfach als möglich; er besteht aus 1 Meter hohem Lehmcylinder, dessen Wände ungefähr 10 Centimeter dick sind und 20 cm über dem Boden zwei Oeffnungen haben, eine für das Rohr des Blasbalges, die andere für den Abfluss der Schlacke, der innere Raum ist jedoch nicht cylinder-, sondern pyramidenförmig, mit einer Basis, welche ungefähr um 100 ☐cm kleiner ist als die obere Oeffnung. Beim Füllen des Ofens wird pulverisirte Holzkohle auf den Boden gestreut mit einer Grube in der Mitte zur Aufnahme des flüssiggewordenen Eisens; die Röhre des Blasrohres muss bis zur Mitte der Grube reichen. Darauf wird Holzkohle geworfen und auf diese das Eisenerz gelegt, welches vorher im Holzfeuer geröstet und in kleine Stücke zerschlagen wurde. Die Kohle wird hierauf angezündet und die Ausflussöffnung des Ofens geschlossen. Der Blasbalg wird in Bewegung gesetzt (mit 40–50 Schlägen in der Minute), hin und wieder wird die Ausflussöffnung geöffnet, um die Schlacke herauszuholen, ungefähr nach jeder Stunde wird neues Erz mit Kohle gemengt in den Ofen geworfen und dieses bis gegen Sonnenuntergang fortgesetzt. Der Feierabend tritt nicht früher ein, als bis das geschmolzene Eisen mit grossen Zangen aus dem Ofen herausgenommen, auf dem Boden, welcher mit fein gestampfter Schlacke bedeckt ist, mit hölzernem Hammer zu einem Würfel (von ungefähr 30 Kilo) bearbeitet, in 10 Stücken vertheilt und so lange gehämmert und von der Schlacke befreit wird, bis es dem Waffenschmied geliefert werden kann.