»Nein, nein, Sie gehen heute dahin; ich habe jetzt keine Zeit, weiter mit Ihnen darüber zu sprechen; Sie gehen! Adieu!«
Aber sie ging nicht, und auf einmal fing sie wieder so zu lachen an, dass ihre grosse Fleischmasse wieder in fürchterliche Wellenbewegungen gerieth, und endlich hörte ich sie brummen: »Ein Mof, ein Mof.«[13] »Nun ja,« rief ich, »ich bin ein Mof, was soll aber das Lachen bedeuten?«
»Hören Sie! Voriges Jahr wohnte bei mir Dr. X., der auch ein Mof ist, und dem ich befahl, zum Empfangsabend des Armee-Commandanten zu gehen. Was denken Sie, was dieser Mof that, als er bei dem grossen Empfange des Generals B. dessen Frau vorgestellt wurde? Nein, ich sage es Ihnen nicht, rathen Sie, so viel kann ich Ihnen nur sagen, dass die Fächer aller Damen sofort vor die Augen gehalten wurden, und ein Kichern und ein Lächeln wie ein kleiner Sturm durch den Saal sich fortpflanzte, bis endlich eine der Damen selbst vom Sessel aufsprang, um in der Vorhalle ihrer vom Lachen erschütterten Leber Luft zu machen. Sie errathen es nicht? Nun, so will ich es Ihnen sagen: Er küsste Mevrouw B. die Hand! Das thut man bei Euch in Mofrica, aber nicht in Holland und nicht bei uns in Indien. Das darf man nicht in Gesellschaft thun, das darf man nur im Geheimen und verstohlen thun, wenn man allein ist, das ist eine Liebeserklärung, nein, das ist keine Liebeserklärung mehr, das ist schon der erste Act des Liebens selbst, der zweite Act ist das Küssen des Mundes.«
»Und der dritte Act?« frug ich.
»Sie Schalk!« (ondeugd) rief sie und wackelte weiter.
Natürlich folgte ich als gehorsamer Orang-baru (Neuling) allen ihren Anweisungen und, da der Empfang der Familie des Sanitätschefs und der übrigen »hohen« Herren und Damen auf mich einen günstigen Eindruck gemacht hatte, schloss ich den zweiten Tag meines Aufenthaltes in Indien befriedigt in den Armen von Morpheus.
Der dritte Tag brachte mir ein Abenteuer, dem ich damals mehr Gewicht beilegte, als ich es heute thun würde, indem mein Tagebuch davon als von einer Lebensgefahr erzählt, der ich mit grosser Noth entronnen war.
Einer meiner Reisegenossen ging mit der »Friesland« nach Surabaya, von wo aus er das Endziel seiner Reise im Innern des Landes erreichen sollte. Da ich durch keine dienstlichen Angelegenheiten verhindert war, wollte ich ihn aufs Schiff begleiten, um noch einmal — und zwar zum letzten Male — die Stätte zu sehen, auf welcher ich 42 Tage lang mit Sehnsucht den Tag erwartete, an welchem ich die grosse Seereise überstanden hatte und eine neue Carrière anfangen sollte. Nebstdem konnte ich auch den nördlichen Theil der Neustadt und die Altstadt besichtigen, welche am Tage der Ankunft wegen vorgerückter Abendstunde nur in flüchtigen Umrissen sich gezeigt hatten.
Vor dem Hôtel lagen damals die Rails der Tramway, welche bis zur Douane in der alten Stadt führten. Heute ist es eine Dampftramway mit ziemlich netten Waggons; damals waren es alte schmutzige Kasten, welche von drei kleinen mageren Pferden gezogen wurden. Mitleid musste jeder mit diesen drei »Katzen« haben, welche bei »jeder Halt« die grösste Mühe hatten, diese grossen gefüllten Kästen in Bewegung zu bringen.
Neben den Rails lag ein Trottoir, und daran schloss sich das tiefe Bett des Tjiligon, welcher stets ein (von Lehmerde) gelb gefärbtes Wasser führt; der Stadttheil an seinem rechten Ufer heisst Nordwyk (y = ei), während das Javahotel, das Hotel der Nederlanden, das Justiz-Ministerium und das des Innern, die Bureaux des Palastes des General-Gouverneurs (dessen südliche Front bis auf den Königsplatz reicht) und die »Harmonie« (Civil-Casino) in Ryswyk liegen. Längs dieser Gebäude ging die Tramway, welche durch die Vorstadt Molenvliet nach der Altstadt führte. Bei der Douane fand ich den Herrn L., welcher mit einigen Freunden auf mich wartete, um gemeinsam in einem Kahn auf dem »Canal« die Fahrt nach der Rhede anzutreten. Der Herr L. war der malayischen Sprache mächtig genug, um mit dem Steuermann des Nachens den Preis von 3,50 fl. für die Hin- und Rückreise zu bedingen.