Seit diesen 23 Jahren hat die europäische Mode die alte Einfachheit der indischen Wohnung verdrängt; gepolsterte Möbel, schwere Tapeten, Phantasiestühle und schwere Vorhänge herrschen in den Privatwohnungen der reichen Europäer ebenso wie in Holland. Ich habe seitdem das Innere dieses Hauses nicht mehr gesehen; ich weiss also nicht, ob auch der Armee-Commandant für sein kleines Empfangszimmer sich dieser Mode unterworfen hat. Damals jedoch imponirte es mir durch seine Einfachheit und noch mehr durch seine kalte, düstere, saubere Ausstattung; ebenso kalt und gemessen war die Begrüssung durch den Armee-Commandanten van Neve. Nachdem ich auf diese Weise mich meiner »dienstlichen« Verpflichtungen entledigt hatte, fuhr ich in der Stadt herum, um einen Totaleindruck von ihr zu bekommen.

Zunächst fuhr ich zurück zum Waterlooplatz mit der Waterloosäule und dem Monumente von J. P. Koen (oe = u), welchem (als viertem General-Gouverneur) die Gründung Batavias[10] unrichtiger Weise zugeschrieben wird. Es ist ein grosser viereckiger Platz, welcher von drei Seiten mit Häusern umgeben ist; hier werden die Militär-Paraden abgehalten, und die Stabsmusik hält hier jeden Sonntag Nachmittag ein Concert im Freien. Diese Concerte waren damals das Rendez-vous der Haute volée, der jeunesse dorée und aller Babu’s mit ihren schutzbefohlenen Kindern. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, solchen Militär-Concerten unter freiem Himmel beiwohnen zu können. Es ist ein buntes Gewimmel und könnte, auf eine Bühne gebracht, ein schönes, farbenreiches Ballet darstellen. Zunächst erscheinen die diversen Babu’s mit europäischen, javanischen, chinesischen und malayischen ([Fig. 1][11]) Kindern; sie selbst haben eine lange, bunte Kabaya, einen bunten Sarong, der mit einem gelben oder blauen, seidenen Bande oder einem silbernen oder vergoldeten Gürtel über den Hüften befestigt ist; sie sind braun in allen Schattirungen, haben dunkelschwarzes Haar, welches in einen Knoten am Scheitel geknüpft ist, mit einer langen, silbernen Nadel darin, das Ohrläppchen hat ein Loch, beinahe so gross wie ein Zehn-Hellerstück, die Augen sind schwarz, die Lippen hin und wieder von dem Sirihsaft roth gefärbt, die Zähne sind schwarz und abgefeilt, oder nach europäischer Mode weiss. Die Büste ist voll und der Gang etwas kokett, die Füsse sind klein, wohlgeformt und ohne Bekleidung, und die zierlichen, mit Ringen versehenen Hände schwingen wie das Pendel einer Uhr auf und ab.

Die jungen Marssöhne gesellen sich selten zu ihnen, es sei denn, dass sie geradezu Heiratspläne haben; denn die Staffage der Küche durch einen Soldaten ist nicht üblich. Der eingeborene Soldat, leicht an seiner Hautfarbe und blossen Füssen erkennbar, denkt gar nicht an das Flirten; er lauscht der Musik und steckt seine Cigarette an (aus den Blättern der Nipahpalme konisch zugedreht) und wirft hin und wieder einen Blick jener Schönen zu, welche sein Herz erobert hat, ohne vorläufig seiner Umgebung auch nur durch eine Miene den Sturm seiner Gefühle zu verrathen. Der europäische Soldat, der neben ihm steht, ist schon weniger schüchtern und zurückhaltend. Er wird seiner Bewunderung oder seinen Gefühlen gewiss Worte verleihen, wird sofort sich ihr nähern und sie vielleicht durch ein leises Lispeln jener zahlreichen »Panton« verrathen, welche die Liebenden einander zuflüstern. Bald erscheint das halbeuropäische Gigerl, und die »Nonna«; in schöner weisser Hose und Rock, mit tadellos glänzenden Lackschuhen und grossen Manschetten mit goldenen Knöpfen ist der »Sinju« sich seines Sieges bei den Frauen bewusst; er ist interessant, seine blendend weissen Zähne, sein rabenschwarzes Haar und seine glänzenden Augen, sein eleganter Bau und Wuchs lassen seine platte Nase und hervorstehenden Jochbeine und Oberkiefer ganz vergessen, und als echter Don Juan beginnt er sofort unter den anwesenden Nonnas die schönste sich auszusuchen. Diese sind schön, elegant und geradezu verführerisch. Schlank gebaut, haben sie eine schöne Büste und glänzende Augen und schwarze Haare, die kleinen zierlichen Füsse stecken in reich verzierten chinesischen Pantoffeln mit goldenen Absätzen und mit feinen Strümpfen. Ein golddurchwirkter seidener Sarong umschliesst ihre grossen Hüften, eine elegante kurze weisse Kabaya mit Spitzen besetzt verhüllt nur theilweise ihre schöne Büste, und zahlreiche Ringe, Ohrringe und Haarnadeln zieren Kopf und Hände und ein dunkelblauer oder dunkelrother Sonnenschirm schützt sie vor den Strahlen der scheidenden Sonne. — Zu Pferde erscheint bald ein junger Lieutenant oder ein reicher Chinese oder Araber; Equipagen auf Equipagen fahren vor mit europäischen, javanischen, chinesischen oder armenischen Damen, bleiben stehen, und bald umgiebt sie ein Schwarm junger Leute, und sie flirten und flirten, bis Cupido seine Köcher erschöpft hat.

Unterdessen hat die »Stabsmusik« ihr Programm beendet, es ist sechs Uhr geworden und der Schwarm ergiesst sich in die benachbarten Strassen.

Auf dem Waterlooplatz fällt das »grosse Haus« (= groote huis) auf, weil es ein Stock hoch ist und beinahe die ganze östliche Front des Platzes einnimmt. Es wurde Anfangs dieses Jahrhunderts vom Marschall Daendels erbaut und vom Burggrafen du Bus de Ghisignies vollendet. Gegenwärtig beherbergt es den grössten Theil der Gouvernementsbureaux: die Rechnungskammer, das Kriegs-, Finanz- und Cultusministerium, die Landeskasse, das Steueramt u. s. w. Die Loge und das Militär-Casino schliessen sich zu beiden Seiten diesem grossen, aber nicht schönen Gebäude an; Officierswohnungen, die römische Kirche und die schon oben erwähnten Gebäude begrenzen den stattlichen, grossen Platz. Auf dem Kreuzwege, welcher auch zum Königsplatz führt, steht das unansehnliche Denkmal[12] für Bali.

Ich liess dann den Kutscher den Weg zum Königsplatz nehmen, den mir einige Reisegenossen als den grössten der Welt bezeichnet hatten. Soweit meine Erfahrung reicht, ist dies factisch der Fall; es ist ein grosses, grasbedecktes Feld in Trapezform, dessen Schenkel jeder ungefähr 1½ km lang ist, während die eine der Parallelen nur 1 km, und die zweite (die südliche) ebenfalls in 20 Minuten zu gehen ist. Ausser dem Vorzug, dass dieser Platz mehr als 1,000,000 ☐Meter gross ist, hat er gar keine schönen Eigenschaften; denn es ist nur eine grosse Grasfläche, welche an der Nordseite durch eine kleine Parkanlage (gegenüber dem Palaste des Generalgouverneurs) und einen schönen artesischen Brunnen unterbrochen wird. Bei meiner Rundfahrt konnte ich nicht einmal unterscheiden, ob an der gegenüberliegenden Seite ein Mann oder eine Frau gehe; die Gebäude, welche an und für sich niedrige Häuser ohne Stockwerk sind, werden ebensowenig deutlich gesehen, so dass selbst die Frage offen bleibt, ob die bedeutende Grösse dieses Platzes ein Vorzug genannt werden könne. Nebstdem ist er besonders arm an öffentlichen Gebäuden; die armenische Kirche, die Willems-Kirche, eine kleine Eisenbahnstation und auf der Westseite die Museen mit dem »Elefanten«, einem Geschenke des Königs von Siam (aus dem Jahre 1870), sind die einzigen Gebäude, welche von dem gewöhnlichen altgriechischen Stile abweichen.

Ich beendete meine Rundfahrt; es war 11½ Uhr, und die Sonne war mir schon lästig geworden; ich hatte nämlich die Kappe des Mylord zurückgeschlagen, um eine freie Aussicht über alle Strassen und Häuser geniessen zu können. Ohne es natürlich zu ahnen, befand ich mich in der Nähe des Hotels und fuhr (auf der Nordseite des Königsplatzes) in den Hofraum des Hotels bis vor die Thüre meines Zimmers. Ich stieg aus, zog nicht nur meine dunkle Uniform, sondern auch meine Leibwäsche aus, welche von dem Schweiss geradezu durchtränkt war, und trat in Haustoilette, d. h. in Nachthose und Kabaya, in die Veranda. Mein Mylord stand noch vor der Thür, und auf dem Bocke sass der Kutscher mit unerschütterlicher Ruhe und Grandezza, ohne im Geringsten eine Ueberraschung ob meiner Toilette zu zeigen. Mutter Spandermann machte dieser stummen Pantomime zwischen uns Beiden ein Ende durch den Befehl, dass ich nach Tisch zu Hause bleiben und schlafen gehen müsse, und dass sie es nicht erlaube, dass ich in der Hitze der Mittagssonne wieder spazieren fahren und mir das Fieber auf den Leib holen wollte. Ganz bescheiden bemerkte ich, dass ich dies auch gar nicht beabsichtige und durch einen Wink dem Kutscher angedeutet habe, die Pferde in den Stall zu bringen. »Haben Sie ihm ein Trinkgeld gegeben?« »Nein!« »Und wie haben Sie ihm den Wink gegeben?« Ich wiederholte meine Handbewegung, ohne ihre Frage zu verstehen. Noch mehr überrascht war ich, als sich diese dicke Dame vor Lachen schüttelte und einmal um das andere Mal rief: »Orang-Baru, Orang-Baru.« Endlich kam die Wellenbewegung dieser Fleischmasse in Ruhe, und mit verständnissvollem Lächeln gegen den Kutscher theilte sie mir mit, dass diese Handbewegung, und zwar mit der Fläche nach unten, für den Malayen gerade das Zeichen sei, näher zu kommen oder zu bleiben, und zum Beweise dafür winkte sie in gleicher Weise einem fernstehenden Bedienten, herbeizueilen.

Ich gab dem Kutscher ¼ Gulden Trinkgeld und hatte dafür eine doppelte Lection bekommen und zwar: wie man den malayischen Bedienten winke, und dass das Trinkgeld als ein Symptom der Civilisation auch nach Indien seinen Weg gefunden habe.

Auch für die weitere Eintheilung des Tages sorgte Mutter Spandermann: »Um 12½ Uhr wird die Glocke für die Reistafel geläutet; Sie kommen in weissen Kleidern zu Tisch; der Bediente, welcher Ihr Zimmer aufräumt, wird bei der Table d’hôte hinter Ihrem Sessel stehen und Ihnen alle Schüsseln zureichen, welche Sie als Orang-Baru essen dürfen und müssen; ich sage auch müssen, weil Sie sich an die indische Küche gewöhnen müssen; wer weiss, wie lange es noch dauert, dass Sie in einer grossen Stadt bleiben werden; sobald als möglich werden Sie auf die Aussenbesitzungen gesendet, und es bleibt dann die Frage offen, ob Sie essen werden können, was Sie wünschen, oder ob Sie alles essen werden müssen, weil Sie keine Wahl haben werden. Doch à propos; heute ist Empfangsabend beim Sanitätschef; um 6½ Uhr ziehen Sie sich Frack und weisse Handschuhe an, nehmen wiederum einen »Wagen« und fahren nach Parapatan, wo der Sanitätschef Sie seiner Frau und allen übrigen Damen vorstellen wird. Machen Sie mir ja keine Schande, und machen Sie allen jungen Damen gut den Hof, sonst sind Sie verloren; denn in die Conduitliste wird von Ihnen wie von jedem Officier aufgenommen, ob er sich in feiner Gesellschaft gut bewegen könne.«

»Ich bin aber der holländischen Sprache noch viel zu wenig mächtig, um in Damengesellschaft mich »gut bewegen zu können«; ist es vielleicht nicht besser, wenn ich deshalb zu Hause bleibe?«