Der östliche Theil von Java war schon 1743 an die Compagnie abgetreten und hatte allerdings in den zahlreichen Erbfolgekriegen der Nachbarn viel zu leiden; auch als die englische ostindische Compagnie mit Hülfe der Balinesen und Chinesen in Balambangan Opium einführen wollte, und ein Aufstand in diesem Vasallenstaat von Bali 1767 ausbrach, gelang es den Holländern, ihn bald zu unterdrücken und selbst die letzten Nachkommen des gefürchteten Suropatti zu tödten. Da diese Theile des Landes durch die zahlreichen Kriege erschöpft waren, veranlasste die Compagnie eine grosse Colonisation von Madura aus und setzte Mas Alit als Regenten ein, der als Balinese dem Hinduglauben ergeben war.

Am Ende des vorigen Jahrhunderts machte sich eine bedenkliche Schwäche der Compagnie fühl- und bemerkbar, und es kostete ihr z. B. schon grosse Anstrengung, bei dem Tode des Sultans von Djocja (1792) die Prinzen des Susuhunan von Solo und die Verwandten des Sultans selbst von einem neuen Erbfolgekrieg abzuhalten und den ältesten Sohn der Sultanin am 2. April als Sultan, und seinen Sohn Mangku Bumi als Thronfolger zu ernennen. Auch in Solo regelte van Overstraten die Thronfolge. In Bantam gelang es ihr auch 1778, die Suzeränität über Sukadana an der Westküste Borneos abgetreten und von den Lampongs (Südküste von Sumatra) noch mehr Pfeffer zu erhalten, als von Bantam selbst. Aber mit jedem Jahre wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts die eingelieferte Quantität kleiner. Während im Jahre 1724 die Compagnie 19000 Bahars (= Ballen à 7–8 spanische Dollars) von Bantam und seinen Vasallenstaaten erhielt, war im Jahre 1796 dieses Quantum auf 400 gesunken. Leider waren die ganz unrichtigen Anschauungen der Handelspolitik von Seiten der europäischen Beamten mehr als der Unwillen der Bevölkerung daran Schuld. Dieselben schlechten Erfolge mit dem Kaffee und der Cultur des Indigo und des Zuckers waren die Folgen einer kurzsichtigen und egoistischen Handelspolitik, bei welcher natürlich die Beamten der Compagnie auch ihre Privatkasse nicht vergassen. Dies zeigt uns deutlich die Provinz Cheribon, welche anfänglich vier, im Jahre 1773 nur zwei Fürsten hatte und zwar Sultan Sepúh und Sultan Anom. Die Kronstreitigkeiten haben wie alle übrigen Staaten von Indien sehr bald ganz Cheribon zu einem Vasallenstaat der Compagnie gemacht, in welchem der Resident — der Tyrann wurde, dem Cheribon eine Goldgrube wurde. Nach Veth[237] lieferte sie jährlich: 1000 Kojang (= 1 Kojang = 1729 Kilo[238]) Reis, 500000 Pfund Zucker, 20000 Pfd. Wolle, 6–8000 Pfd. Indigo, 14–18000 Pikols Kaffee, Pfeffer, Zimmt, Cocosöl, Fisolen, Bast, 2000 Balken, 80000 grosse und 40000 kleine Dauben; der Hafenzoll betrug 16–20000 Ryksdaalers. Die Einkünfte des Residenten waren: 80 fl. monatlicher Gehalt, 1500 Ryksdaalers (= 2½ fl.) von dem chinesischen Fabrikanten der bleiernen Scheidemünzen (pitjis), 2000 Ryksdaalers von den Pächtern der Pässe, 10000 Ryksdaalers aus den Holzlieferungen, 12000 von dem Opium, Salz und Metalleinfuhr, 8000 von dem Export des Zuckers, 7000 von dem Reis, 9000 von den übrigen Zöllen des Hafens, von dem an die Compagnie gelieferten Kaffee 64000. Solche Einkünfte eines einzigen Beamten waren ein Symptom des unvermeidlichen Unterganges der Gesellschaft; denn sie waren nicht vereinzelt und zeigten den niederen Beamten den Weg, sich auf Kosten des kleinen Mannes zu bereichern. Die Einkünfte des Gouverneurs der Nordküste, der in Samarang seine Residenz hatte, waren ja beinahe zweimal so gross, als die Einkünfte der Residenz von Cheribon. Er hatte zwar nur einen Gehalt von 200 fl. pro Monat, aber allein aus dem Handel mit Vogelnestern[239] fielen in die Tasche dieses Beamten 100000 fl.!! Die Inseln Madura und Bavean wiederum waren für den Gouverneur der Nordostküste eine ausgiebige Milchkuh, weil bei den vielfachen Thronstreitigkeiten die Gunst dieses Gouverneurs endgiltig in die Waagschale fiel, und diese Gunst theuer erkauft werden musste. Die Robotdienste und das Aussaugesystem der einheimischen Fürsten, welche noch heutzutage der indischen Regierung sehr viele Sorge bereiten, wurden schon durch van Overstraten vor 100 Jahren bekämpft, und Samarang, wo dies dem Gouverneur besonders gelang, blühte in so hohem Maasse, dass er selbst aus hygienischer Rücksicht der Uebervölkerung entgegentreten musste, während die östlichsten Provinzen (bis Balambangan) nicht nur ein Auswandern der Bevölkerung sahen, sondern auch zum Aufstand gezwungen wurden. Auch »Batavia en Onderhoorigheden« zeigte einen bedeutenden Niedergang, weil die Regierung den Landbau aller Naturproducte von einem falschen Standpunkte regelte. Im Jahre 1710 hatten z. B. die »Ommelanden« 131 Zuckermühlen, jede durfte nicht mehr als 300 Pikols bearbeiten. Als nach dem Aufstande der Chinesen noch 52 Mühlen anwesend waren, gebot sie in der Furcht, dass zu viel Zucker fabricirt werde und der Preis zu tief sinken würde, dass die Zahl von 70, und im Jahre 1750 die Zahl von 80 nicht überschritten werde. Im Jahre 1796[240] waren nur noch 40 in Thätigkeit.

Es würde das Ziel dieser kurzen Geschichte der europäischen Ansiedelungen überschreiten, wenn ich ein Bild der Unterdrückungen entrollen würde, welche der »kleine Mann« durch seine Fürsten mit Wissen und Willen der Beamten der Compagnie zu erleiden hatte. Aber erinnern muss ich daran, weil der Verfall der Compagnie darin seine Begründung hatte. Ja noch mehr; sie zahlte ihren Beamten so kleine Gehälter, dass sie sich nach anderen Einkünften umsehen mussten. Es war also der Geiz der Compagnie die Ursache ihres Falles.

Das Privilegium endigte 1774, wurde auf zwei Jahre verlängert und dann wieder auf zwanzig Jahre, also bis zum Jahre 1796 erstreckt. Die französische Revolution mit dem Kriege gegen England brachte eine englische Flotte nach Batavia, welche die Stadt vom 23. August bis 12. November 1800 blockirte und die Waaren der Compagnie auf der Insel Onrust in Brand steckte. Nebstdem wurden von der holländischen Regierung zahlreiche Commissionen nach Java zur Untersuchung der herrschenden Verhältnisse geschickt, und im Jahre 1800 nahm der Staat alle Colonien, welche sich nicht in den Händen der Engländer befanden, in eigene Verwaltung.

Die Wogen der sturmbewegten Politik, welche im Anfange des 19. Jahrhunderts Europa in seinen Grundmauern zu erschüttern drohten, brachen sich nicht an der Küste Javas. Schon im August desselben Jahres mussten die »Schutters« von Batavia ihre Heimath gegen 5 englische Kriegsschiffe vertheidigen, und im November 1806 wurde die ganze holländische Flotte, welche aus 8 Kriegs- und 20 Handelsschiffen bestand, von den Engländern erobert (nebstdem war im Jahre 1802 ein Aufruhr in Cheribon [Nord-Java] unterdrückt worden). Im Jahre 1808 hat der ebenso energische als autokrate General Daendels, kaum in Indien angekommen, den beiden suzeränen Staaten Djocja und Solo die Ueberlegenheit der holländischen Regierung fühlen lassen und das Reich Bantam (am 22. November 1808) dem holländischen Reiche einverleibt, den alten Sultan nach Surabaya verbannt, seinen Sohn als besoldeten Sultan angestellt, die alte Königsstadt niederreissen lassen und Serang zur Hauptstadt des Landes ernannt.

Als am 17. Februar 1811 die Einverleibung[241] Hollands in den französischen Staat in Batavia bekannt wurde, trat die französische Republik als Gebieterin über Java und die übrigen Inseln des indischen Archipels auf, ohne sich länger als sieben Monate dieses Besitzes erfreuen zu können. Schon am 4. August 1811 landeten 12000 Engländer unter dem General Auchmuty in Batavia, der französische General Jamsens wurde nach einigen unglücklichen Schlachten zur Capitulation gezwungen und übergab am 17. September 1811 die Regierung in die Hände des Lieutenant-Gouverneurs Sir Stamford Raffles, als des Vertreters der »englischen Compagnie«, unter dem Protectorat der englischen Krone. Während dieses kurzen Interregnums von fünf Jahren wurde auch nominell das Sultanat von Bantam aufgehoben und zu einer gewöhnlichen Provinz (»Residentie«) von Java ernannt, dasselbe geschah mit dem Reiche Cheribon. Auch eine Verschwörung im Reiche Surakarta, um die Engländer von Java zu vertreiben, wurde entdeckt und unterdrückt. Am 19. August 1816 übernahm eine holländische Commission die Regierung Javas aus den Händen John Fendall’s, des Nachfolgers Sir St. Raffles, und seit dieser Zeit weht die holländische Flagge nicht nur auf Java, sondern auch auf den übrigen Inseln des indischen Archipels, bis auf den heutigen Tag. Noch zahlreiche Kämpfe musste Holland um den Besitz von Java führen (der grosse Javakrieg dauerte vom Jahre 1825–1830). Noch zahlreiche Aufstände, meistens von fanatischen Priestern angezettelt, musste es unterdrücken, bis es sich ungestört des Besitzes dieser herrlichen Insel erfreuen konnte. Tausende und abermal Tausende europäischer Soldaten fielen in diesen Kämpfen durch das todbringende Blei oder unter den Schwertern und Lanzen der Javanen. Doch eine köstliche Saat sprosste aus dem mit dem Blute dieser Europäer gedüngten Boden: Ruhe und Frieden unter den zahlreichen Fürsten und Despoten dieser Insel und Sicherheit des Lebens und Eigenthums der Eingeborenen. Der Bauer erntet die Frucht seiner Arbeit, der europäische, chinesische und arabische Kaufmann sendet ungestört die Schätze des Landes nach allen Theilen der Erde,[242] und durch den Segen der europäischen Civilisation, unter der Leitung der holländischen Regierung, wurde Java, um das Wort des Dichters Multatuli zu wiederholen, das Land, »welches sich wie ein Gürtel aus Smaragd um den Gleicher schlingt«. Slamat tanah Djawa!

Sach- und Namen-Register.

Inhaltsverzeichniss[243]

des 1. Bandes »Borneo« von Breitenstein, 21 Jahre in Indien.