Mir ist nicht bekannt, was mit der Haut und dem Skelette der getödteten Waldriesen in Java geschieht. Ihr Horn wird jedoch vielfach zu therapeutischen Diensten verwendet. In die Höhle des Horns wird Wasser gegossen und in der freien Luft eine ganze Nacht stehen gelassen. Dieses Wasser wird bei erschöpfenden Krankheiten den Patienten als Roborans gegeben. Geschabt (Rasura cornu rhinocerotis) wurde es in früherer Zeit von den europäischen Aerzten als »schmerzstillende und stärkende« Arznei vorgeschrieben. Die Chinesen wenden es bei Blutbrechen an. Am häufigsten werden Scheiben des Horns, welche in Essig aufbewahrt werden, gegen Schlangenbisse angewendet. Auch die Milchzähne dieser Thiere spielen als Amulette gegen Fieber eine grosse Rolle im Arzneischatz der Javanen; prophylaktisch verhüten sie, auf der Brust getragen, das Entstehen des Fiebers, und zu therapeutischen Zwecken wird der Rücken und die Brust der Patienten damit gerieben, bis braune Striemen die Haut bedecken.
Während Herr van S.. über die Jagd auf Rhinocerosse und Bantengs (wilde Büffel) sprach, hatte sich eine malayische Frau mit ihrem Grusse tabéh tuwan auf die Flur der Veranda der »Vorgalerie« niedergelassen, ohne übrigens ein weiteres Wort zu sprechen. Jedermann liebt es in Indien, gegenüber den »Neulingen« den Mentor zu spielen, und so ging mein Nachbar auf ein anderes Thema in einer wohlgeordneten Rede über, als er meinen fragenden Blick sich auf diese neue Erscheinung richten sah. »Das ist eine »tukang pidjit«, und zwar die berühmteste von ganz Batavia,« belehrte er mich und fasste die kleine Hand dieser Frau und zeigte sie mir; »»pidjit« heisst massiren, und das Wort tukang, welches Sie bei jedem Handwerk und Gewerbe nennen hören werden, bezeichnet eben den Handwerker; so heisst tukang pérag (Silber) der Silberschmied, tukang mendjâhit (nähen) Schneider, tukang mendjâhit buku der Buchbinder, tukang snâpang der Gewehrmacher und tukang ôbat der Apotheker u. s. w. — tukang pidjit ist also ein Masseur oder eine Masseuse. Diese kleine Hand überrascht Sie, das Werkzeug einer kräftigen Masseuse zu sein; aber ich sage Ihnen, kein europäischer Masseur, und hätte er die Hand eines Goliath, kann so kräftig als diese kleine Hand massiren; sie massirt aber gar nicht mit der Hand, sondern nur mit den Fingern, und darin liegt eben ihre Kunst und ihre Kraft; wenn ich Doctor wäre, ich würde die Muskeln der Finger einer solchen Masseuse untersuchen, ich bin überzeugt, dass sie doppelt so stark entwickelt sind, als die des grössten Europäers. Ihre Kunst besteht in pidjit, urut und krok.[17] Krok ist keine Kunst. Wenn Jemand Muskelschmerzen hat oder im Fieber liegt, welches den Patienten trotz aller inneren Arzneien nicht verlassen will, nimmt die tukang pidjit eine Kupfermünze oder ein Stück von dem Horne eines Rhinoceros und reibt damit grosse Striemen auf der Haut des Rückens und der Brust. Schwieriger ist schon das Urut. Diese Frau — selten thun es Männer — nimmt Cocos- oder Kaju-putih-Oel, bestreicht damit ihre Hand und reibt dann die Muskeln mit grösserem oder kleinerem Druck. Pidjit jedoch — ist die Kunst aller Künste. Wenn ich erschöpft von der Jagd nach Hause komme, oder wenn ich meine zehn Stunden in der Zuckerfabrik hin- und hergegangen bin, oder wenn ich Stunden lang im Zuckerrohrfelde die erkrankten Halme herausgesucht habe, dann bin ich Abends so müde, dass ich nicht in Schlaf fallen kann, bevor nicht die tukang pidjit mich »gepidjit« hat. Ich habe mich so daran gewöhnt, dass ich jeden Tag um zehn Uhr mich dieser Operation unterwerfen muss, will ich nicht Stunden lang auf den Schlaf warten. Heute jedoch will ich bei meinem Freunde soupiren und darnach ein paar Stunden l’hômbre spielen; dies ist die Ursache, dass diese Künstlerin schon jetzt um fünf Uhr mich unter die Hände nehmen muss. Adieu.«
Das »pidjit« ist ein Kneten aller Muskeln, welche zwischen die Finger gefasst werden können, und ein Massiren der Hautmuskeln und jener dünnen Muskeln, welche auf einer harten Unterlage ruhen, wie z. B. auf der Stirn. So schmerzhaft dieses Kneten und Reiben des ganzen Körpers sein kann, ein so angenehmes Gefühl sind die Folgen dieser Operation; unter den Erklärungen für das angenehme Gefühl dieser Volkssitte scheint jene die plausibelste zu sein, welche annimmt, dass mit dieser Operation die Ermüdungsproducte sofort in den Blutstrom gebracht werden, und dass die Muskeln daher von einem Ballast sofort und für jeden Fall früher befreit werden, als es durch die Ruhe allein möglich wäre. Da das Schlusstableau jeder Massage dieser Frauen eine forcirte passive Bewegung aller grossen und kleinen Gelenke ist, so werden auch pathologische Zustände, so z. B. chronische Entzündungen, rheumatische Schwellungen oder Ablagerungen der Gicht günstig durch das »pidjit« dieser Frauen beeinflusst. Ob sie aber im Stande seien, kleine unbedeutende Affectionen der Sehnen, Nerven und Muskeln, welche der Diagnose des geübten europäischen Masseurs sich entziehen, und welche sie mit dem allgemeinen Ausdruck urat sala = unrichtige Ader bezeichnen, factisch und richtig zu erkennen, muss bezweifelt werden und fordert noch die Bestätigung auf wissenschaftlicher Basis. Ebenso viel oder wenig muss bezweifelt werden, ob die Kunst des »pidjit« in der Hand der Dukuns so Hervorragendes leiste, als im Allgemeinen angenommen wird. Zweifellos steht jedoch, wie wir in Band I: »Borneo« sahen, ihre Geschicklichkeit fest, eine Frau nach Belieben steril zu machen, und zwar temporär, um ihr zum erwünschten Zeitpunkt die Fruchtbarkeit wieder zurückgeben zu können.
Fig. 3. Die Hauptstrasse im chinesischen Viertel zu Buitenzorg.
3. Capitel.
Häufige Transferirungen — Die Vorstadt Simpang — Die ersten eingeborenen Patienten — Ein Danaergeschenk — Die „Stadt“ Surabaya — Das Mittagschläfchen — Eine Nonna — Eine Abendunterhaltung — Die Beri-Beri-Krankheit — Indische Militärärzte — Die Insel Bavean und Madura — Residenties Madura und Surabaya.
Die Transportverhältnisse auf Java haben sich seit jener Zeit sehr zu ihrem Vortheile verändert. Seit dem Jahre 1891 hat einerseits die indische Dampfschifffahrts-Gesellschaft mit ihren hohen Preisen der billigen Packetfahrt-Gesellschaft weichen müssen. (Die Reise von Batavia nach Samarang kostete damals z. B. 60 fl., nach Surabaya 90 fl. und nach Telekbetong auf der Südspitze Sumatras bei einer Dauer von nicht ganz zwanzig Stunden 70 fl.!!) Andererseits hat seit dieser Zeit das Eisenbahnnetz die grössten Städte dieser Insel untereinander verbunden.
Ihre Hauptlinie geht von Batavia in einem rechten Winkel nach Maos, einer Station vor Tjilatjap, dem einzigen Hafen von Bedeutung auf der Südküste Javas. Von hier geht sie in einem grossen Bogen wieder nach der Nordküste (nach Surabaya).
Ebenso wenig als es zweckmässig wäre, hier aller Dampfschifffahrts-Gesellschaften zu erwähnen, durch welche Java mit der übrigen Welt in Verbindung steht, oder die Routen anzuführen, mit welchen die seit dem 1. Januar 1891 ins Leben getretene »Packetvaart-maatschappij« im Archipel selbst die zahlreichen grossen und kleinen Inseln untereinander verbindet — ebenso hinreichend ist ein Blick auf die Karte von Java, um diese Hauptlinie der Eisenbahn zu übersehen. Nur muss ich noch erwähnen, dass auf Java Staatsbahnen und Privatbahnen mit verschiedener Spurweite existiren, und dass die Vertheidigung Javas viel zu wünschen übrig lassen wird, so lange Truppen, welche von Surabaya oder Batavia kommen, in Solo umsteigen müssen, weil die Privatbahn Samarang-Fürstenländer schmalspurig ist, während die Staatsbahnen normale Spurweite haben.