Noch kaum eine halbe Stunde hinter Gunung Kentjana zeigte mir der Mandur den Berg Bongkok (925 Meter[40] hoch), an dessen Fusse die Baduwies einige Kampongs bewohnten.

Wenn wir von ungefähr 3000 eingeborenen Christen[42] absehen, ist das Gross der Eingeborenen auf Java dem mohamedanischen Glauben zugethan.

Im Jahre 1382 hatten sich die Araber Malik Ibrahim, Sideh Mohammad und Saidi Rakidin in der Nähe des Goldflusses (Kali = Fluss, Mas = Gold) bei Tandes (dem heutigen Grissé) in der Nähe Surabayas als Kaufleute niedergelassen und als Missionare für die mohamedanische Religion eifrig Propaganda, und zwar mit grossem Erfolg, gemacht. Die ersten Fortschritte erzielten sie an der Küste bis Damak, von hier aus begann die gewaltthätige Unterwerfung der Eingeborenen, besonders, nachdem im Jahre 1483 das grosse mächtige Reich von Modjopahit von ihnen erobert worden war und der grösste Theil seiner Bewohner den mohamedanischen Glauben angenommen hatte. Seit dieser Zeit hat nach und nach der Islamismus sich über ganz Java bis auf zwei Colonien ausgebreitet, welche noch heute abgeschieden von den übrigen Kampongs, die eine im Westen und die andere im Osten Javas, sich befinden.

Da ich niemals im Tengergebirge, welches sich auf der Grenze der beiden Provinzen Pasaruan und Probolingo befindet, geweilt habe, ich also keinen Anlass haben werde, mich mit dieser Gegend zu beschäftigen, so will ich hier auch einiges über die »Heiden« im östlichen Java mittheilen. Wie gesagt, sie leben im Tengergebirge (2724 Meter hoch), und alle ihre Wohnungen haben die Thüren gegenüber dem Vulcane Bromo (2290 Meter). Sie sind die Nachkommen der Flüchtlinge des Reiches von Madjopahit, welche unter Anführung von Kiai Dadop putti sich dahin zurückgezogen hatten, um ihrem Glauben treu bleiben zu können und nicht der Beschneidung sich unterwerfen zu müssen. Ihre Zahl beläuft sich heute auf 3–4000 friedsame Bürger, welche zurückgezogen von der übrigen Bevölkerung von den Erträgnissen des Bodens leben, gute Unterthanen sind und jährlich im Sandmeer dem »Gunung Bromo« ihre Opfer bringen.

Der Mandur wollte mir eben auch etwas Näheres über das Leben dieser Heiden von Lebak mittheilen, als die Träger der Tragbahre sich plötzlich auf den Boden setzten; ich fiel zwar nicht vom Sessel, aber ein gehöriger Stoss schüttelte mir die Eingeweide gut durch, und überrascht frug ich den Mandur, was dieses bedeute. Gleichzeitig zeigten alle Kulis mit der Hand nach der rechten Seite des Weges und riefen: Dia (= Er), Dia, Dia. Es war ein Tiger, der unsern Weg gekreuzt hatte. Leider hatte ich es nicht gesehen, so dass ich auch diesmal, wie überhaupt niemals einen Königstiger im Freien gesehen habe. Ich habe zwar späterhin zwei kleine Tiger von einem Assistent-Residenten zum Geschenk erhalten; es waren jedoch keine Königstiger, sondern zwei mâtjan tutul = Panther. Bald hatten sich die Kulis von ihrem Schrecken erholt, hoben mich wieder in die Höhe und weiter ging es in ruhigen gemessenen Schritten über Berg und Thal. Die Sonne ging unter, die Finsterniss trat ein, und die Kulis zündeten ihre Fackeln an. Diese ôbors sind bei einer Wanderung im Gebirge Bantams unentbehrlich, weil sie dem Tiger Furcht einjagen; natürlich erreicht eine einzelne Fackel niemals ihr Ziel, aber in grossen Mengen imponiren sie doch dem Tiger, der geradezu feige genannt werden muss. Es war eine theatralisch-romantische Expedition, die ich damals unternahm. Dazu kam noch, dass ein eigenthümliches Hinderniss unseren Zug erschwerte.

Zur Bekämpfung der Viehpest, welche gleichzeitig das unglückliche Bantam heimgesucht hatte, hatte die Regierung einen Cordon um die pestfreien und inficirten Gegenden gezogen, so dass die Büffel von der einen Region in die andere nicht gelangen konnten. Dieser Cordon bestand aus einem Gehege von Bambus, welches von Truppen bewacht wurde.

Gerade auf dem Wege nach Malimping stiessen diese zwei Gehege zusammen und waren nur durch die Strasse von einander getrennt; wenn also auch durch Fackeln der Weg beleuchtet war, so geschah es doch oft genug bei den zahlreichen Krümmungen des Weges, dass die Träger vorsichtig zwischen den beiden Gehegen laviren mussten, um mich nicht zu Fall zu bringen.

Wenn wir nämlich von der grossen breiten Strasse absehen, welche, wie schon erwähnt, im Anfange dieses Jahrhunderts durch schwere Robottdienste angelegt wurde, sind alle übrigen Landwege Javas nur eine Vergrösserung und Verbreiterung der früher bestandenen Pfade. Die Eingeborenen gehen immer hinter einander und haben also kein Bedürfniss für breite Strassen; zum Transport der Lasten werden besonders im Gebirge Saumpferde gebraucht. So hat also in früheren Zeiten nur der Pfad oder eine schmale Strasse, welche für einen Grobak (Lastwagen der Eingeborenen auf zwei Rädern, der von einem oder zwei Büffeln gezogen wird) hinreichend Raum bietet, die Verbindung der einzelnen Kampongs besorgt.

Endlich um acht Uhr Abends kam ich in Malimping an und fand bei dem Söhnchen des Herrn v. d. P.. ein Erysipel auf dem rechten Unterschenkel in Folge eines vernachlässigten Fussgeschwüres. Ob da nicht wieder die Babu (das Dienstmädchen) die Behandlungsweise der Eingeborenen der Frau des Controlors aufgedrungen hat, weiss ich nicht; wahrscheinlich war dies der Fall, denn diese Dame war in Indien geboren und darum geneigt, der Behandlungsweise der Dukun einen hohen Werth beizulegen. Die Bewohner Bantams behandeln die Geschwüre auf gewiss einfache Weise. Eine (meistens alte, schmutzige) Kupfermünze wird glatt geschlagen, mit feinen Löchern siebartig versehen und mit einer Schnur auf dem Geschwüre befestigt. Nicht allein europäische Laien, sondern auch Aerzte habe ich ein Loblied auf diese Therapie der Geschwüre singen hören!! Die Kupfermünze oxydire und cauterisire durch das entstandene Kupferoxyd die Granulationen der Geschwüre!! Unserem kleinen Patienten war es dadurch übel ergangen; durch die Oeffnungen in der kupfernen Platte ist zwar der Eiter abgeflossen, aber nicht immer geschah dies; pathogene Bacterien fanden durch diese kleinen Löcher ihren Weg und Zutritt zum Geschwüre, und ein Erysipel = Rothlauf entstand, welches nicht allein das Bein, sondern auch das Leben des kleinen Mannes bedrohte. Es gelang mir, beides unserm Patienten zu erhalten.