Ich kann nicht umhin, auch diesen Krankheitsfall zu erwähnen, weil er mir den Beweis brachte, dass der Eingeborene nicht nur »Gefühl« für seinen Herrn, sondern auch für das ihm anvertraute Thier hat.
Es war in Magelang, wo ich jeden Nachmittag um 6 Uhr einen Spaziergang machte. Eines Tages überfiel mich auf meinem Spaziergange ein heftiger Sturzregen, wie er auch in den Tropen nicht täglich vorkommt. Ich konnte mich flüchten, und zwar in die Wohnung eines mir bekannten Hauptmanns. Wie erwähnt, der Regen goss in fürchterlichen Strömen vom Himmel, als ich plötzlich meinen Kutscher vor der Veranda stehen sah; überrascht frug ich ihn, was er von mir wolle. »Das eine Pferd ist krank, und ich suchte Sie, also, tuwan = mein Herr, denn ich weiss ja, dass Sie jedesmal in dieser Strasse Ihren Spaziergang machen.« Der Capitän konnte nicht weniger als ich seinem Erstaunen Worte verleihen, dass ein Eingeborener in einem solchen Wetter 1½ Kilometer weit von Haus zu Haus seinen Herrn suchen geht, weil das Pferd unwohl geworden war! (Es hatte Retentio urinae.) Ein europäischer Kutscher hätte dieses nicht gethan!
Eine gerne und viel gebrauchte Rasse sind die von Makassar (von Celebes). Sie sind nicht hoch (höchstens 1,25 Meter), aber ausdauernd und kräftig. In dem letzten Jahrzehnt wurden vielfach australische Pferde unter dem Namen Sydneyer in Java eingeführt; es sind hoch und kräftig aber nicht elegant gebaute Pferde und laufen nicht schnell; sie haben bis jetzt nur als Luxuspferde bei den Reichen Eingang gefunden. Was ein europäisches Pferd leisten kann, weiss ich nicht aus eigener Erfahrung, meine »Keduer Pferde« jedoch, welche ich fünf Jahre lang in Magelang hatte, wurden täglich gebraucht: wenigstens zweimal des Tages hatten sie mich ins Spital, welches 1½ Kilometer von meinem Hause entfernt war, zu bringen, von dort zu holen und unterwegs meine Privatpatienten zu besuchen; häufig jedoch wurde ich ins chinesische Viertel gerufen, welches jenseits des Weges nach dem Spital lag; dadurch kam es, dass ich oft zehn bis zwölf Kilometer im Tag zurücklegte; so haben also meine Pferde fünf Jahre lang täglich ohne Ausnahme im Durchschnitt zehn Kilometer zurückgelegt, obwohl sie nur 1,20 Meter hoch waren und einen grossen Mylord zu ziehen hatten. Ihr Futter war täglich für beide 120 Kilo Gras und 3–4 Kilo Reis.
Im Jahre 1873 wurde ich von der ungarischen Regierung als Cholera-Arzt in den Karpathen angestellt, und ich sah damals das schaurige Bild eines Landes, welches von der stärksten Choleraepidemie heimgesucht war, welche jemals in Europa gewüthet hat. Aber grässlicher und ekelhafter war das Bild der durch Malaria und Hungertyphus und Viehpest heimgesuchten Provinz Bantam. Dort (in Ungarn) lagen einzelne Kranke, welche auf ihrem Marsche von der Cholera ergriffen wurden, auf dem Wege cyanotisch sich krümmend und windend unter den Krämpfen des Bauches. Zahlreich waren die Opfer, aber kurz war ihr Leiden, in wenigen Stunden hatte der Tod ihren Schmerzen ein Ende gemacht. Die unglücklichen Bantamer jedoch litten Wochen und Monate, die Kräfte erschöpften sich, sie magerten zum Skelet ab; durch die mangelnde Hautpflege, vielleicht auch durch die Dyskrasie des Blutes entstanden kleine Eiterbläschen (impetiginöser Hautausschlag), welche durch Kratzen und durch ihre eigenthümliche Wundbehandlung zu grossen Geschwüren sich entwickelten, die oft mehr als die Hälfte der Oberfläche des Körpers angegriffen hatten; solche von Noth und Elend, vom Hunger und Fieber erschöpften, abgemagerte, schmutzige, mit grossen Geschwüren und Eczemen bedeckte Skelete in hunderten und tausenden täglich sehen und behandeln zu müssen — war ein ekelerregender Anblick, während die unglücklichen Opfer der Cholera-Epidemie nur kurze Zeit unsere Theilnahme und Mitgefühl erregten. —
Es war ein Missgriff der indischen Regierung, den Krankenwärtern ein so hohes Taggeld (20 fl.) zu geben; dadurch wagten es gerade jene Männer nicht, um diese Stelle sich zu bewerben, welche, wie z. B. abgedankte Militär-Krankenwärter und ähnliche Schicksalsgenossen, die dazu am meisten geeigneten Personen waren. Meine ersten drei Krankenwärter waren ein pensionirter Hauptmann der Infanterie, ein pensionirter Intendant (mit dem Range eines Hauptmanns) und ein abgesetzter Notar. Von diesen drei »hohen Herren« erfasste nur der erste richtig seinen Beruf, ging in die entlegensten Kampongs, besuchte alle Patienten, gab nach seinem Urtheil Chininpillen, wenn er Zweifel hegte, rief er mich zu den Patienten, und vertheilte die erhaltenen Lebensmittel unter die dürftigsten und ärmsten der Armen. Der Zweite jedoch, der pensionirte Intendant, blieb auf seinem Standplatz, liess die Häuptlinge der benachbarten Kampongs zu sich kommen und gab diesen auf Grund ihrer Berichte die etwa nöthige Menge an Chininpillen und Lebensmitteln, sein Standplatz war in M...., und wie überrascht war ich, als ich eines Tages seinen Bezirk inspicirte und von allen Patienten, die ich untersuchte und frug, zu hören bekam, dass der tuwan (Herr) nicht in das Dorf käme; noch mehr war ich überrascht, als dieser gute Mann mir auf meine diesbezügliche Frage das stolze Wort zur Antwort gab: »Ich kann doch als pensionirter Intendant nicht in die Kampongs gehen und den Kulis Essen ins Haus bringen!!« Obwohl es ihm gelang, gegenüber dem Dr. J., meinem Chef, meine diesbezügliche Mittheilung zu entkräften durch Hinweis auf eine nicht existirende Intrigue, so verschwand er bald danach vom Schauplatze, weil die Regierung bald das Taggeld auf 5 fl. herabsetzte und dann Männer erhielt, welche für diesen Dienst die geeigneten Personen waren. Was die Intrigue betrifft, welche in der Phantasie dieses Mannes existirte, war sie nur eine faule Ausrede; für den administrativen Theil der ganzen Hülfsaction wurde nämlich ein Controlor angestellt, welcher der Bruder der geschiedenen Frau dieses Krankenwärters war. Dieser Controlor wohnte bei mir, also sei meine Anklage eine Intrigue gegen ihn gewesen. Mein Chef hatte aber bald Gelegenheit, sich zu überzeugen, dass ich nichts als Thatsachen mitgetheilt hatte, welche sein weiteres Verbleiben in dieser Dienstsphäre unmöglich machten. Der dritte meiner Krankenwärter war ein pensionirter Notar, welcher zwar genug Pflichtgefühl besass, um sich in richtiger Weise seiner Mission zu entledigen, aber seine Kräfte waren zu schwach, denn bald nach seiner Ankunft ergriff ihn die Malaria, so dass er, vom Fieber erschöpft, nach Batavia zurückkehren musste, wollte und sollte er nicht selbst das Opfer des Fiebers werden.
In einem seiner Fieberanfälle um 1 Uhr Nachmittags liess er mich holen; zwischen Tjileles und seinem Standplatze befand sich ein kleiner Wald, und ich musste darum genau berechnen, ob ich vor Sonnenuntergang zu Hause sein konnte; am helllichten Tage hatte ja kurz vorher auf dieser Strasse ein Tiger eine Frau gepackt und war mit ihr davongeeilt. Die Entfernung war ungefähr eine Stunde; der Polizist, welcher mich auf meinen Streifzügen stets begleitete, war auch der Ansicht, dass wir vor Einbruch der Dämmerung in Tjileles zurück sein konnten, und so zögerte ich keinen Augenblick, Hülfe zu bringen. Sein Kampong Tjiboga (?) lag ungefähr 500 Meter jenseits des grossen Weges. Ich beeilte mich mit meiner Ordination und stieg wieder zu Pferde. Als ich jedoch wieder auf dem grossen Wege war, sah ich, dass ich keine Cigarren hatte, liess den Polizisten warten, ritt im Galopp zurück, erhielt, ohne vom Pferde abzusteigen, die Cigarren und eilte wieder im Galopp auf den grossen Weg, um den Polizisten einzuholen. Wohin ich blickte, nirgends eine menschliche Seele, und nirgends war er zu sehen; ich zog weiter und kam endlich auch in den Wald, der den Weg kreuzte. Noch immer war kein Polizist zu sehen, auch als ich auf einen Kreuzweg stiess, ohne dass ich wusste, welcher Weg mich nach Hause führe. Rathlos stand ich da und rief Oppas,[38] Oppas, aber Niemand antwortete mir. Im Dickicht des Waldes war die Sonne nicht mehr zu sehen, und die Dämmerung trat ein (welche auf Java nicht länger als eine Viertelstunde dauert).[39] Rathlos stand ich da und blickte fragend nach allen Seiten, um einen Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; endlich unterwarf ich mich dem Fatum, liess die Zügel des Pferdes fallen und befahl Gott meine Seele. Der Gaul kannte den Weg, er »roch den Stall« und brachte mich auf die richtige Strasse.
Einmal sollte ich doch einem Tiger begegnen, ohne dass ich ihn jedoch auch gesehen hätte.
Am 24. Januar schrieb mir der Controlor v. d. P., welcher in Malimping in der Nähe der Südküste Javas wohnte, dass sein Söhnchen durch eine Wunde am Fusse heftiges Fieber bekommen habe, und ersuchte mich, sofort zu ihm zu kommen. Es war 10 Uhr Vormittags, als ich den Brief erhielt. Ich bestieg mein Pferd und zog zunächst nach Gunung Kentjana (276 Meter[40] hoch gelegen), welches 10 Paal = 15,06 Kilometer von meiner Wohnung entfernt war. Hier gab mir der Wedono[41] auf Rechnung des Herrn v. d. P. ein Mittagsmahl (de rysttafel), und unterdessen machten seine Bedienten aus ein paar Bambusstöcken und einem indischen Lehnstuhl eine Tragbahre. Gegen 3 Uhr erschien eine Truppe Kulis mit einem Mandur (= Aufseher), und abwechselnd trugen mich vier Kulis auf ihren Schultern.