Während mein Pferd mit meinem Bedienten später folgen sollte, miethete ich ein Dos-à-dos und fuhr zunächst nach Pandaglang, das am Fusse des Vulcans Karang liegt und dann immer (schon von Serang aus) in der Richtung gegen die Südküste nach Rankas Betong, der Hauptstadt des Bezirkes Lebak. Der Assistent-Resident und der Regent waren in jeder Hinsicht tüchtige Beamte und liebenswürdige Menschen. Nur wenige Stunden verweilte ich in ihrer angenehmen Gesellschaft und gab dem Dos-à-dos den Abschied. Wenn auch die Strasse bis zum Fusse des Gunung (Berges) Kentjana per Wagen befahren werden konnte, so wählte ich doch das Reitpferd zur Reise dahin, um eine bessere Aussicht zu haben.

Während Bantam im vorigen Jahrhundert hunderte von Zuckerfabriken zählte und die Gouvernements-Kaffeecultur (besonders in Pandeglang) blühte, zog ich während meiner ganzen Reise von Serang bis Tjileles und später bis Malimping, bei welchem man schon das Rauschen und die Brandung der See hört, durch schwachbebaute Landstriche. Nur selten sah ich ein Reisfeld in Blüthe stehen; beinahe überall starrte mir das todte, schmutziggelbe, brachliegende Reisfeld entgegen und zeigte mir das drohende Gespenst der Hungersnoth.

Tjileles lag links zur Seite des Weges nach Gunung Kentjana. Ein kurzer Pfad führte mich bis zur Thüre eines Geheges. Jetzt erst sah ich, dass ich am Eingange eines kleinen Kampongs stand, der von einem dichten Gehege von grossen Fruchtbäumen umgeben war, deren Zwischenräume von einem undurchdringlichen Netze von dornentragenden Schlingpflanzen als Bambu duri u. s. w. erfüllt waren. Wie ich später auf meinen Streifzügen durch Lebak sah, hatten alle Kampongs ein solches Gehege mit einer kleinen Thür, welche in der Nacht geschlossen wurde.

Dass der Königstiger feige sei, ahnte ich nicht, als ich den Kampong betrat und mir meine Wohnung angewiesen wurde. Im Hause des Dorfhäuptlings sollte ich die vordere Veranda zur Wohnstätte angewiesen erhalten; sie sollte mein Schlaf-, Studier-, Speise- und Empfangszimmer sein. Das östliche Ende war von drei Seiten mit Bambuswänden umgeben, und die vierte Seite hatte einen Vorhang, hinter welchem mein Bett stand. Der Königstiger ist feige, aber dass er so feige sei, um sich durch eine so schwache Schutzmauer von einem nächtlichen Ueberfall abhalten zu lassen, hätte ich nicht geglaubt. Keine 15 Meter weit stand mein Schlafzimmer von dem Gehege entfernt, welches mich vor einem unerwünschten Besuche eines Königstigers schützen sollte. Wenn die Regierung für jeden unschädlich gemachten Tiger 100 fl. bezahlt (einen Preis, der für einen Kampongbewohner geradezu ein fürstliches Kapital ist), welchen Schaden müssen diese Katzen anrichten, wie schwer müssen sie zu fangen oder zu tödten sein, und wie zahlreich müssen sie hier hausen, dass die Regierung hier 100 fl. bezahlt, während sie in anderen Theilen Javas, wo allerdings nicht der Königstiger, sondern nur der Matjan tutol am häufigsten gefunden wird, nur 32 fl. bezahlt.

Der Eingeborene ist Fatalist; aber auch der Europäer muss es werden, da er ja in Indien im Innern des Landes täglich das Damoklesschwert, nicht täglich, sondern immer und immer über seinem Haupte schweben fühlt. Es war nicht die angenehmste Nacht meines Lebens, welche ich an jenem ersten Tage in dieser offenen Veranda verbrachte. Jedoch kein Rhinoceros, kein wilder Büffel, kein Tiger und keine Schlange hatten meinen Schlaf gestört.


Die javanischen Pferde sind klein aber ausdauernd; sie sind häufig nicht höher als 1,10 Meter;[37] in früheren Jahrzehnten haben die Pferde aus der Preanger-Regentschaft einen hohen und stattlichen Wuchs gehabt; die Rasse degenerirte jedoch mit jedem Tage, weil sie kaum erwachsen zum Lastentragen herangezogen wurde. Die Regierung sah diese Gefahr und griff zu dem so häufig angepriesenen Mittel, zu den Wettrennen, um durch das »Spiel« oder vielmehr durch das »Wetten« die Eingeborenen zu veranlassen, mehr Sorgfalt auf die Zucht der Pferde zu verwenden. Es wurden zu Buitenzorg schon vor zwanzig Jahren Wettrennen gehalten; vor zehn Jahren wurden dieselben auch in Magelang, der Hauptstadt der Provinz Kedu (Mitten-Java), eingeführt, weil auch die »Keduer-Pferde« mit jedem Jahre schwächer und kleiner wurden; aber hier wie dort blieben die geträumten Rassenverbesserungen aus. Nebstdem kam die Regierung durch diese Wettrennen in ein arges Dilemma. Einerseits verbietet sie die Hahnengefechte und das Wetten bei denselben, weil es bekanntermaassen die Eingeborenen demoralisirt; andererseits hält sie Wettrennen der Pferde und unterstützt sie mit hohen Beträgen. In Magelang steuerte die Regierung selbst 1000 fl. jedesmal bei, um z. B. auch dem kleinen Mann es möglich zu machen, einige Tage mit seinem Pferde fern von seinem Kampong leben zu können.

Der Resident von Kedu hat das Sterile dieser Methode bald eingesehen und die Wettrennen abgeschafft; aber auch in der Preanger-Regentschaft hat man andere Mittel gesucht und gefunden, um wieder eine gute Pferderasse zu erhalten; es wurden Deckhengste eingeführt, und zwar von einem der eingeborenen Fürsten, welcher damit ein gutes Geschäft machte.

Nach Schulze’s Führer auf Java (Leipzig, Th. Grieben’s Verlag 1890) hatte im Jahre 1887 die Insel Java 2,360,600 Büffel, 1,973,750 Rinder und 701,500 Pferde. Die meisten der eingeführten Pferde stammen von den Sandelholz-Inseln Sumba, Sumbawa, Rotti, Sawu und Timor (welche im Osten der Insel Java liegen), von Makassar (Celebes) und von Australien.

Ich selbst hatte während meines Aufenthaltes auf Java zwei Pferde von Kedu, zwei von Sumba, ein Preanger und zwei Makassaren im Besitz. Die schönsten der auf Java vorkommenden Pferde sind die Battaken aus dem Innern Sumatras; sie kommen jedoch nur in geringer Zahl vor; nach ihnen kommen die Sandelwood-Pferde von Sumba, welche einen eleganten Bau besitzen, aber sehr nervös sind. Nebstdem sind sie im hohen Grade eigensinnig. Eines Tages fuhr ich in M... mit zwei Sandelwood-Pferden zu meinen Patienten, als es ihnen plötzlich einfiel, striken zu wollen. J’y suis, j’y reste mochten sie gedacht haben; sie blieben stehen, und weder die Peitsche noch Zureden brachten sie von Ort und Stelle; endlich wollte der Kutscher eine brennende Fackel holen, um sie unter den Schweif zu halten. Dies gestattete ich ebenso wenig, als ich jemals die drastischen Mittel erlaubte, welche die Eingeborenen bei der Dressur der Pferde gebrauchen; an der Kette wird ein Lederlappen mit zahlreichen kleinen Nägeln angebracht, welche dem Pferde das nach aussen Drängen abgewöhnen sollen. Die Deichsel des Wagens bekommt ein gleiches mit Nägeln ausgerüstetes Lederstückchen, um das gegen einander Drängen der Pferde unmöglich zu machen u. s. w. Ohne alle scharfen und spitzen Instrumente gelang mir jedesmal die Dressur meiner Pferde, und zwar mit dem kräftigsten Factor der Dressur: mit Geduld. Einige Jahre später bekam ich ein Paar Keduer um 110 fl.; sie waren für eine Equipage noch nicht abgerichtet und hatten vorher nur als Saumthiere im Gebirge Kaffee getragen. Zuerst liess ich sie vor einen Grobak (Lastwagen) spannen, welcher gewöhnlich von einem Büffel gezogen wird. Diesen Dienst versahen sie gerne, weil der Kutscher sie beim Zaum führte und späterhin nur mit der Stimme leitete; als sie aber, zum ersten Male vor die Equipage gespannt, eine viel leichtere Last als früher zu ziehen hatten, stürmten sie ausgelassen vorwärts und hätten beinahe Wagen und Kutscher gegen einen Baum geschleudert. Die schwache aber sichere Hand des Kutschers hielt sie jedoch fest; jetzt begann ein anderes Spiel; sie begannen sich auf die Hinterbeine aufzustellen und fielen mit den Vorderbeinen über die Stränge hinaus. Wüthend wollte der Kutscher mit dem hinteren Theil der Peitsche sie für diesen Eigensinn bestrafen; ich erlaubte es jedoch nicht; das ganze Arsenal der grausamsten javanischen Abrichtungsmittel brachte er nach und nach zum Vorschein; ich erlaubte nur, von Fall zu Fall einen Strick zwischen den beiden »Stangen« oder einen Bambusstock festzubinden, wenn sie entweder aus einander oder gegen einander drängen wollten. Endlich gelang es mir, aus ihnen gut dressirte Pferde zu machen, welche fünf Jahre bei mir schweren Dienst versahen, bis auf einen Tag niemals krank waren und bei meiner Abreise noch 175 fl. erzielten, obzwar sie schon nicht mehr »zeichneten«.