Es mochte ungefähr zehn Uhr gewesen sein, als der Häuptling mich aus dem Schlafe weckte mit dem Rufe: tuwan Regent ada = Der Herr Regent ist angekommen.

Der Anlass dazu war folgender: Zu meinen Obliegenheiten gehörte auch der Rapport den ich alle zehn Tage über meine Leistungen und Beobachtungen einreichen musste. In einem derselben erwähnte ich auch, dass ich auf allen meinen Wanderungen nur unbebautes Land sah, dass ich nur selten einem Büffel begegnete, und dass Hungersnoth die unvermeidliche Folge sein müsse; der grösste Theil der Bevölkerung sei ja von der Fieber-Epidemie ergriffen, könne also das Feld nicht bebauen. Die Büffel seien entweder der Viehpest erlegen oder dem tödlichen Blei der »Committirten«, welche auf Avis des Thierarztes X. alle Büffel todtschiessen mussten, welche sich im Bannkreise von einem Paal = 1½ Kilometer von einem erkrankten Büffel befanden!! Ich musste also mein Videant consules, ne quid detrimenti capiat res publica der Regierung zurufen.

Ich stand rasch auf, kleidete mich an und empfing den Regenten, der mich interpellirte, wieso ich das graue Gespenst der Hungersnoth entrollen konnte und durfte, da ich doch nicht wusste, wie gross der Vorrath an Reis sei, welcher von der vorjährigen Ernte aufgespeichert läge.

Der Eingeborene ist immer ruhig und höflich, noch mehr aber ein Regent, welcher in seiner Würde zu kurz kommen würde, wenn er nicht in gemessenen höflichen Worten seine Ansichten ausspräche. Dies that auch der Regent von Lebak, als er mich über die Gefahren einer Hungersnoth interpellirte. Nachdem er mir mitgetheilt hatte, dass der Zweck seiner Reise sei, von Kampong zu Kampong zu gehen, um persönlich die Menge des Vorrathes an Reis zu constatiren, lud er mich zu einer Partie Whist ein.

Es wurde ungefähr zwei Uhr Nachts, bis ich mich wieder den Armen Morpheus anvertrauen konnte; ich schlief am andern Morgen um neun Uhr noch den Schlaf des Gerechten, als wiederum eine Visite angekündigt wurde. Es war einer der Männer, welche bei der Viehpest-Commission angestellt waren, um, wie oben schon erwähnt wurde, nicht nur jeden kranken Büffel zu erschiessen, sondern auch jedes gesunde Thier, welches in der Nähe bis auf einen Paal = 1,5 Kilometer von einem kranken Büffel gelebt hatte. Ich muss gestehen, dass dieses Gutachten des Thierarztes X. eine radicale Cur zur Bekämpfung dieser Epidemie vorschrieb; aber es wurde mit dem Bade auch das Kind ausgegossen, und der ganze Viehstand dieser unglücklichen Provinz war in seiner Existenz bedroht.

Einstimmig erhob auch die indische Presse einen lauten Protest gegen diese unpraktische und gefährliche Procedur.

Zu meiner Ueberraschung war mein neuer Besuch ein alter Bekannter, ein Pole, den ich früher in Batavia gesprochen hatte. Der Herr D..., welcher gegenwärtig ein gut situirter Reispflanzer bei Batavia ist, theilte mir so manches über das Gebahren dieser »Committirten« mit, das geradezu haarsträubend war. Auf seinen Inspectionsreisen hat der Thierarzt in der ganzen Provinz jeden »Committirten« belobt, der den Beweis bringen konnte, gesunde Büffel erschossen zu haben. Ob es gerade ein Paal war, in dem sich ein kranker Büffel befunden hatte, oder ob es zwei oder drei Kilometer waren, kümmerte so manchen dieser Herren nicht. Sobald sie einen Büffel krank sahen, tödteten sie nicht nur diesen, sondern zogen in ihrem Rayon durch alle Kampongs und schossen alle Büffel nieder; natürlich musste die Regierung jeden erschossenen Büffel bezahlen. In wenigen Tagen war der erhaltene Preis aus den Händen des armen Bauern verschwunden, und jetzt stand er ohne Büffel da, geschwächt durch das Fieber konnte er in persona das Feld nicht bebauen — und der Herr Regent bezweifelte, dass Hungersnoth dem unglücklichen Lebak bevorstehe! Wie sein Gegenbericht abgefasst war, weiss ich nicht, aber bald nachher wurde ich nach Tjicandi versetzt.

Während der Regent in jede Scheuer kroch, um den Vorrath an Reis zu constatiren, ging ich wie gewöhnlich zu den armen Kranken, gab ihnen Chininpillen, Chinawein, Carbolwasser, und wo Mangel an Lebensmitteln bestand, gab ich Milch, welche aus der condensirten schweizerischen Milch mit gekochtem Wasser bereitet wurde, oder Enteneier und Dengdeng an Reconvalescenten. An demselben Tage liess ich einen Büffel schlachten und liess das Fleisch an die Unglücklichen vertheilen. Das Bild einer sundanesischen Frau ([Fig. 2]) schwebt mir noch heute vor Augen, welche zwar die Malaria überstanden hatte, aber wegen Mangels an Nahrung dem Hungertode nahe war. Ich flösste ihr zunächst ein wenig Chinawein ein und liess bei meinem Gastgeber eine Hühnersuppe kochen; ich hatte die Genugthuung, sie am Leben zu erhalten. Während bei meiner ersten Visite diese arme Frau einen fadenförmigen Puls und eine kaum wahrnehmbare Stimme hatte, mit schwachen Bewegungen des Armes Fliegen wegfing, welche gar nicht bestanden, und schon das unregelmässige Athmen hatte, welches nach Cheyne-Stokes den Namen führt u. s. w., kam sie noch vor meiner Abreise aus Lebak zu mir, setzte sich zu meinen Füssen nieder, wollte mir die Schuhe küssen und sprach einen langen Segenswunsch aus, der von »Tuwan Allah« ein langes Leben und alles Gute erflehen sollte.

Am andern Morgen kam Dr. J., um gemeinsam mit mir die Gegend zu durchreisen und sich persönlich von dem Gange des Dienstes zu überzeugen. Wie vorher bestimmt wurde, sollten der Regent, der Assistent-Resident und in jedem Unterbezirk der betreffende Wedono sich daran betheiligen. Wir alle waren zu Pferde, jeder von uns hatte einen Bedienten ebenfalls zu Pferde mit sich, nebstdem schloss sich uns (freiwillig) Herr D... an, so dass eine ganze Cavalcade sich in Bewegung setzte. Zunächst ging es nach Gunung Kentjana, wo wir eine Stunde ausruhten. Die Pferde mussten zum weiteren Ritt gewechselt werden, dafür hatte der Wedono gesorgt; es wurden andere Pferde gebracht und je nach dem Range des Reiters das betreffende Pferd mit dem dazu gehörigen Sattel gegeben. Ich war der Niedrigste im Range (Herr D... behielt sein Pferd, welches kräftig genug war, um nochmals 10–15 Paal zu laufen), ich bekam also das schlechteste Pferd und den schlechtesten Sattel. Hinter Gunung Kentjana fiel der Weg steil ab, bis wir zu dem Flusse Tji-Liman (?) kamen, über den eine Brücke ohne Geländer führte; sie bestand nur aus mehreren aufeinanderliegenden Bambus-Matten. Der ganze Zug flog über die Brücke, mein Pferd jedoch blieb plötzlich stehen und »steigerte«, d. h. begann, sich auf die Hinterbeine zu stellen. Es gelang mir jedoch, im Sattel zu bleiben und mit einem kräftigen Hieb der Peitsche das Pferd wieder auf die Vorderbeine zu bringen; in demselben Augenblick glitt es aber mit den Hinterfüssen aus und kam mit denselben über den Rand der Brücke. Instinctmässig warf ich mich sofort auf den Hals des Pferdes, welches die drohende Gefahr merkte und mit starkem Rucke die Hinterfüsse wieder auf die Brücke brachte. Der Fluss hatte niedrigen Wasserstand, war vielleicht zehn Meter tief, und ich wäre jämmerlich zu Grunde gegangen, wenn es dem Pferde nicht gelungen wäre, auf die Brücke seine Hinterfüsse zurückzubringen.

Noch zweimal brachte mich diese Expedition in Lebensgefahr. Ueber Berg und Thal führte uns der Weg nach Tjilangap. Während ich mit einem oder dem andern Herrn im Gespräche war, nahm wiederholt mein Pferd einen Anlauf und flog wie toll unter dem schallenden Gelächter meiner Reisegenossen der Truppe voraus. Es war ein mir unbekanntes Pferd, und diese Anfälle von Wuth zum Galopp machten mich zuletzt ängstlich; aber das Lachen der übrigen Herren beruhigte mich einigermaassen. Wiederum setzte sich ganz unerwartet mein Gaul in gestreckten Galopp, und zwar in einem Augenblick, wo nur ein schmaler Pfad auf den Berg führte; zu meiner Rechten war eine steile Wand, und zu meiner Linken ein vielleicht 100 Meter tiefer Abgrund. Ein Schwindel erfasste mich schon, es drehten sich mir schon die Bäume vor den Augen, und angstvoll drückte ich die Weichen des Pferdes, als hinter mir plötzlich Herr D. erschien und mit dem Kopfe seines Pferdes den Hintertheil meines Pferdes gegen die steile Wand drückte. »Ja, ich bin ein guter Reiter,« rief er mir zu, und verwundert blickte ich ihn an, was dieser Ausruf zu bedeuten hätte. Jetzt gestand er mir, dass er jedesmal mit seiner Peitsche mein Pferd zwischen den Hinterbeinen gekitzelt hätte, und dass dieses die Ursache des Galoppirens meines alten Gaules gewesen sei! »Sehen Sie sich diesen Abgrund an,« antwortete ich und — drehte ihm den Rücken.