In Tjilangap blieben wir nicht lange und kehrten denselben Tag zurück. Auf dem Berge Gunung Kentjana verliess uns der Assistent-Resident und der Regent, und ich und Dr. J. wollten weiter ziehen. Mein eigenes Pferd war unterdessen von einem Kuli nach Tjileles zurückgebracht worden, und ich bekam einen Gaul, der, wie mir der Eigenthümer mittheilte, die Gewohnheit hatte, beim Anziehen der Zügel zu galoppiren; nebstdem trug das Geschirr eine Stange, welche mit stumpfen Stacheln versehen war. (Diese Stange wird von den Eingeborenen gebraucht, um wilden und unbändigen Pferden das Galoppiren abzugewöhnen.) Wir mussten bergab reiten, der Berg war aber nicht so steil, dass wir absteigen mussten. Drohende Gewitterwolken zogen sich über unsere Häuptern zusammen, und im Gespräche, ob wir vor dem Unwetter noch Tjileles erreichen konnten, vergass ich die weisen Lehren, welche mir der Eigenthümer des Pferdes gegeben hatte, und unwillkürlich, wir ritten ja bergab, zog ich die Zügel an; die Stacheln der Stange stiessen in die Mundwinkel meines Pferdes, und wie ein Spielball flog ich aus dem Sattel. Dr. J. überzeugte sich nur für einen Augenblick, dass ich mir nichts gebrochen hatte, und verliess mich, um, wenn möglich, vor Eintritt des Sturmes eine trockene Stätte zu erreichen. Ich aber hatte am linken Knie eine so schmerzhafte Contusion erlitten, dass ich nicht mehr das Pferd besteigen konnte. Ich erhob mich vom Boden, fasste den Gaul beim Zügel und hinkte weiter. Ein Blitzstrahl durchzuckte den Horizont und kündigte einen heftigen Sturm an; nirgends eine Hütte, nirgends eine lebende Seele, nichts als Urwald zu beiden Seiten des Weges, und vor und hinter mir die schmale Strasse. So hinkte ich weiter, während der Regen in schweren Strömen sich über mich ergoss, der Blitz alle fünf Minuten das graue Panorama erhellte und der Donner im dreifachen Echo von einem Berge zum andern rollte. Ich zog hinkend weiter, weil ich 14 Kilometer zurücklegen musste, um nicht bei Einbruch der Finsterniss in Gottes freier Natur übernachten zu müssen. Ich fand zwar ein Wächter-Häuschen (Garduhäuschen), welches eine Baleh-Baleh, d. h. eine aus Rottang geflochtene Bank hatte, mit einem ausgehöhlten Baumstamm, auf welchen mit einer Keule geschlagen wird, um das Dorfsignal zu geben; aber kein Wächter war darin; die Bank war zwar überdeckt mit einem Dache von Atap, es waren aber so grosse Oeffnungen darin, dass ich darunter auch nicht vor dem strömenden Regen geschützt war; ich hinkte also weiter. Endlich erreichte ich Tjileles und meine Wohnung; sofort befreite ich mich von den Kleidern und von der Wäsche, welche so nass waren, als ob sie aus dem Troge einer Wäscherin gekommen wären.

Während ich wie der selige Don Quijote mit dem Zügel meine Rosinante am Arme unter dem strömenden Regen meines Weges hinkte, hatte ich alle Gefahren vor den Augen, welche ein solcher Marsch im Regen im Gefolge haben sollte und könnte.

Vor 18 Jahren spielten die Bacterien noch keine so grosse Rolle in der Aetiologie aller Krankheiten, und zahlreich waren die Leiden und Schmerzen, welche der »Erkältung« zugeschrieben wurden. Ein solcher Marsch in einem heftigen Regenwetter, welcher einige Stunden dauerte, musste nach den damaligen Ansichten ein Fieber, einen Rheumatismus, ja selbst »heftige Affectionen vom Centralnervensystem« (Dr. van der Burg) zur Folge haben. Nichts von allem diesen geschah mit mir. Es ist eine bekannte Erscheinung, bei heftigem Regenwetter eingeborene Knaben und Mädchen, selbst halb europäische und rein europäische Kinder von 4–5 Jahren, in Adams Toilette in den Pfützen herumlaufen und spielen zu sehen; selbst eine Deukalionsfluth schrickt keinen Eingeborenen ab, sei es Mann oder sei es Frau, in’s Bad zu gehen, auch wenn er z. B. viele Meter weit zum Fluss hinabsteigen muss, ja noch mehr. In der Regel gebraucht der Eingeborene kein Handtuch, trocknet sich nicht nach dem Bade ab, sondern lässt einfach den Sarong, in dem er das Bad genommen hat, fallen, zieht einen trockenen an und überlässt es den Sonnenstrahlen, das Trocknen des Körpers sofort zu veranlassen. Es ist andererseits kein Zweifel, dass der Europäer eine andere Constitution als der Eingeborene hat. Aber es ist im Auge zu behalten, dass in den Tropen die Temperaturunterschiede zwischen der Körpertemperatur und der des Regens nicht so gross als in Europa sind, dass die des Regens selbst viel höher ist und derselbe viel schneller als in den gemässigten Zonen verdunstet. Wenn auch durch das Bad und durch den Regen, welcher sich unter den Kleidern ansammelt, die Poren sich schliessen, weil durch die Verdampfung des Wassers Kälte erzeugt wird und diese die peripheren Blutgefässe sich retrahiren lässt, so dauert dieser Process nur kurze Zeit. Sobald die Verdampfung abgelaufen ist, erweitern sich wieder die peripheren Blutgefässe, und eine wohlthuende Wärme durchströmt die Haut. Wenn auch die »Erkältungstheorien« bis jetzt noch zu wenig erforscht und begründet sind, so wenig selbst, dass man sie noch nicht in den Rumpelkasten der veralteten Theorien verweisen kann, so bleibt es immerhin unerklärt, wie z. B. die Bacillen der Lungenentzündung unter oben angeführten Verhältnissen in den menschlichen Organismus eindringen sollten; eine solche Sündfluth kann unmöglich diese Mikroorganismen in die Luft schweben lassen. Man müsste nur annehmen, dass diese Krankheitserreger schon vorher in den Organismus eingedrungen waren und durch die Contraction der peripheren Blutgefässe mit der unterdrückten Transpiration den Körper nicht verlassen könnten.

Ich will mich jedoch in solche Theorien nicht weiter einlassen und mich auf die Mittheilung der Thatsache beschränken, dass in den Tropen ein Spaziergang im Regen, und selbst in dem stärksten Regen, bei gesunden Menschen ein nicht unangenehmes Empfinden erzeugt; ich will jedoch betonen, dass ich nur von gesunden Menschen spreche und nicht von Patienten, welche durch Fieber oder durch Darmerkrankung u. s. w. erschöpft und darum weniger widerstandsfähig sind.

5. Capitel.

Fleischspeisen auf Java — Deng-deng — Vergiftungsfälle — Bediente — Malaria — Geographie von Bantam.

Pecuniär war mein Aufenthalt in diesem unwirthlichen, unglücklichen Bantam günstig zu nennen; denn neben meinem fixen Gehalt bekam ich 6 fl. Diäten und Meilen-Gelder für mich und für meinen Bedienten. Es bleibt aber immerhin ein magerer Trost, zu hören, das »Geld versüsse die Arbeit«. Dieses erinnert mich an die Erzählung, dass Friedrich der Grosse eines Tages in später Abendstunde einen Courier empfing und dem Intendanten befahl, dem hungrigen Courier etwas zu essen zu geben. Am andern Tage erkundigte sich der König nach dem Abendessen des Couriers. Als dieser dem König mittheilte, dass er vom Intendanten einen Thaler erhalten habe, liess er denselben kommen und steckte ihm einen silbernen Thaler in den Mund mit den Worten: »Jetzt esse Er einmal.«

Auch ich hatte wenig von dem Bewusstsein, während meines Aufenthaltes unter diesen unglücklichen Menschen einige hundert Gulden mehr als gewöhnlich zu verdienen; ich bekam zwar täglich meinen Reis mit diversen Saucen und einigen Gemüsen und getrocknetes Fleisch und Huhn; ich musste es mir aber von Serang, d. i. ungefähr 50 Kilometer, von einem Kuli bringen lassen. Keine frische Milch, keine Erdäpfel zu haben, war ich schon längst gewöhnt; aber schwer vermisste ich täglich das Brot beim Kaffee und — die Zeitung; aber schliesslich war ich zwanzig Jahre jünger als heute, und in einem Alter, in dem die Elasticität des Körpers mit der des Geistes gleichen Schritt hält, und in dem man sich leicht und bequem in veränderte Lebensbedingungen schickt. Während meines fünfmonatlichen Aufenthaltes in Bantam habe ich kein einziges Mal frisches Rindfleisch bekommen. Wurde für die Bevölkerung hin und wieder ein Büffel geschlachtet, so machte ich aus naheliegenden Gründen davon keinen Gebrauch. Die Eingeborenen essen es gerne, obzwar das Fleisch einen süsslichen Geschmack hat, der nicht Jedermann befriedigt. (»Weisse« Karbouwen, welche nicht weiss, sondern gelblich weiss sind, werden aber niemals auf die Schlachtbank gebracht.) Kalbfleisch wird überhaupt in Indien aus mir nicht bekannten Gründen nicht auf den Markt gebracht. Aber Schafe, Hirsche, Ziegen, Kidangs (Cervus muntjac), Kantschils (Moschus javanicus), ein Sorte Hasen (Lepus nigricollis), Kaninchen (Lepus cuniculus), Schweine, Wildschweine, Pferde, Hunde, Kalongs (Pteropus edulis) kommen hin und wieder auf den Tisch. Selbstverständlich waren alle diese mehr oder weniger angenehmen Fleischspeisen aus den verschiedensten Ursachen für mich in dieser unglücklichen Provinz unerreichbar. Ich war also auf Fleisch aus Conserven angewiesen. Schinken blieb natürlich hors concours; für mich allein einen Schinken kommen zu lassen, um davon einen oder zwei Tage zu essen und das andere wegwerfen zu müssen, war zu kostspielig; er kostete ja in Batavia 8–12 fl., und in Tjileles hätte er mich sicher 14 fl. gekostet. (Der Kuli, welcher höchstens ½ Pikol = 31¼ Kilo trug, bekam ja für jeden zurückgelegten Paal = 1,5 Kilometer 5 Cts.) Würste zu geniessen, hatte ich von jeher in Indien abgelehnt; die Würste in Conserven, von denen ich natürlich jetzt spreche, kommen aus Europa und liegen oft Monate lang bei einem Importeur in den grossen Städten, und deren Provenienz ist nicht immer sicher. Sehr häufig werden Saucis de Boulogne in den Hôtels auf den Tisch gebracht, obschon vor einigen Jahren ein Fabrikant dieser Würstchen schwer bestraft wurde, weil er zur Fabrikation seiner Würstchen das Fleisch kranker Thiere verwendet hatte. Uebrigens haben alle Fleischsorten in Conserven denselben unangenehmen Geschmack von ausgekochtem Fleisch, und deren täglicher Gebrauch ist geradezu unmöglich. Nebstdem fehlen in keiner Haushaltung Büchsen mit Sardinen in Oel, Sardellen, paté de foie gras, worin die Gänseleber oft nur die Grösse einer Haselnuss hat, und alle möglichen Sorten von Geflügel, als: Fasanen, Lerchen u. s. w. Wenn man sich die Augen zubindet, kann man beim Essen dieser Vögel aus Conserven keinen Unterschied finden; sie haben alle denselben Geschmack.

Ich hatte also in Tjileles während meines Aufenthaltes von fünf Monaten keine grosse Abwechselung auf meinem Tische. Glücklicherweise ist das Deng-deng eine so schmackhafte Fleisch-Conserve, dass ich sie jeder Heeresverwaltung für den Krieg empfehlen würde. Es werden nämlich dünne Scheiben von Fleisch (Rind, Hirsche u. s. w.) von Fett und Sehnen befreit und auf beiden Seiten mit Salz, Pfeffer, Tamarinde und langkwas gut eingerieben und dann den versengenden Sonnenstrahlen zum Trocknen übergeben. Es hält sich Monate lang, ohne an seinem angenehmen Geschmack das Geringste zu verlieren. Dieses Deng-deng liess ich mir bei jedem Transport von Lebensmitteln kommen und hatte dadurch eine kleine Abwechselung mit dem Huhne, welches mir zuguterletzt auch widerstand. Meistens wurde das Deng-deng von meiner Hausfrau in Cocosöl oder in Butter gebacken; aber auch einfach über dem Feuer, z. B. auf einer Roste, gebraten, behält es seinen guten Geschmack.

Als Getränke hatte ich für mich einen kleinen Vorrath von rothem Wein und für meine etwaigen Besucher eine Flasche des unentbehrlichen Genevre mit Bitterextract im Hause. Auf meinen Wanderungen trank ich stets Klappermilch (tjai duwegan S.). Dies lehrte mich Herr v. d. P. mit Hinweis auf die in Multatuli mitgetheilten Vergiftungsfälle. Ein Beamter, der zwischen dem Dilemma steht, die Autorität der eingeborenen Fürsten nicht nur zu handhaben, sondern auch durch die Autorität dieser Fürsten zu regieren, andererseits aber gerade die Bevölkerung vor den Erpressungen dieser Fürsten zu beschützen, der kann oft in die Lage kommen, den Einen oder den Andern fürchten zu müssen; darum trank Herr v. d. P. auf seinen Inspectionsreisen nichts anderes als die Klappermilch aus den Cocosnüssen, welche in seiner Gegenwart vom Baume herabgeholt und von seinem »Oppas« geöffnet wurden. Ich selbst hegte diese Furcht nicht, schon darum, weil ich überzeugt war, dass die häufigen Vergiftungsfälle in Indien zu den Sagen gehören.