In N.. sprach ich einen Pflanzer, der die Javanen nicht anders als das »Vieh von Laban« nannte. Er erzählte mir, dass er eines Tages auf dem Sawahfelde mit einem Kuli inspiciren ging, als ihn ein heftiger Regen überfiel, ohne dass er einen Pajong (Regenschirm) bei sich hatte; »und denken Sie sich, wie brutal so ein Kuli sein kann,« fügte er hinzu, »dieser Kuli nahm ein Pisangblatt und bedeckte damit seinen Kopf! Sie begreifen, dass ich ihm eine Ohrfeige gab, dass ihm Hören und Sehen verging und er nimmermehr einen Regenschirm gebrauchen wird, wenn sein Herr ohne einen solchen im Regen gehen muss!!« Wenn solche Menschen sich ihres Lebens nicht sicher fühlen und, ich möchte fast sagen, überall einen Mord wittern, ist es verständlich, aber nicht richtig. Eine ganze Mythologie besteht auf Java über die Vergiftung aus Eifersucht und aus Rachsucht; sobald ein Europäer an einer chronischen Erkrankung des Darmes, der Lungen u. s. w. leidet, wird die geschwätzige Nachbarin bald eine eingeborene Frau gefunden haben, welche früher seine Haushälterin war, oder einen Bedienten, dem er früher eine Ohrfeige gegeben habe, und welche ihm Gift, und zwar »Pflanzengifte, welche natürlich bei der Section nicht gefunden werden können«, eingegeben hätten.

Diese Sucht, Vergiftungsfälle als tägliche Erscheinungen hinzustellen, entspringt in der Regel dem schlechten Gewissen, die eingeborenen Bedienten nicht menschlich zu behandeln; der Javane oder Malaye findet es selbstverständlich, dass er bestraft wird, selbst durch einen Schlag, wenn er sich ein Vergehen hatte zu Schulden kommen lassen; es können aber besonders Damen nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt oft eine solche Ungeschicklichkeit zeigen, mit den Dienstboten umzugehen, dass es oft unglaublich erscheint, dass sich überhaupt noch Dienstboten bei ihnen anmelden. Von Indien kann ich geradezu behaupten, dass immer die Frau (oder der Herr) die Schuld tragen, wenn sie keine guten Bedienten erhalten können oder jeden Augenblick neue Bediente suchen müssen. Der indische Dienstbote ist bescheiden in seinen Ansprüchen; er begnügt sich oft mit einem »Zimmer im Garten«, wo sein Kamerad in Europa nicht einmal eine Stunde sich aufhalten würde; wenn er nicht geradezu provocirt wird, vergisst er niemals den Abstand zwischen »Herr und Knecht«; er ist gelassen und still, weil er niemals Alcoholica gebraucht und die Höflichkeit (besonders bei den Javanen) eine Nationaltugend ist. Es ist Regel, dass der Bediente oder der Dienstbote sich mit 3 fl. pro Monat für die Kost begnügt, wenn auch sein Gehalt 10–15 fl. beträgt. Wenn man seinen Bedienten nicht schimpft und nicht schlägt, so erhält man immer gute Bediente, welche gewiss Jahre lang in demselben Dienste bleiben; ich habe die Frau eines Collegen gekannt, welche oft fünf bis sechs Befehle auf einmal gab, und wenn dann einer oder der andere vergessen wurde, mit den heftigsten Scheltworten den Bedienten empfing. Ein guter Bedienter lässt sich nicht schimpfen, und bei einem schlechten hilft es nicht. Ihr Mann überhäufte seinen Kutscher mit den heftigsten Vorwürfen und Schimpfworten auf der Strasse, weil ein Lederriemen an seinem Wagen gebrochen war. Diese sonst so guten und braven Menschen konnten keine 14 Tage einen Dienstboten halten, während diese bei mir vier bis fünf Jahre lang blieben. Eine andere Dame wiederum zog nicht nur den Werth eines jeden zerbrochenen Tellers von dem Gehalt des Dienstboten ab, sondern berechnete jede Viertelstunde, welche er zu spät »in’s Haus« kam, mit 2–5 Cent!! Es ist unglaublich, dass diese Dame immer und immer ihre Klagelieder anstimmte »über die indischen Dienstboten, welche schlechter seien als das Vieh in Europa; denn sie lügen und sie stehlen wie die Raben«. Die Lüge ist das Lieblingskind der Tyrannei, und der Javane war bis vor kurzer Zeit ein Spielball in den Händen seiner Fürsten; es ist also wahr, dass sie oft schon aus Höflichkeit lügen; dennoch — wollen wir sie darum nicht so strenge verurtheilen wie jene Dame, weil die Wahrheitsliebe der europäischen Dienstboten auch nicht gar so hoch steht, und weil im täglichen Verkehr dieser Fehler sich selten fühlbar macht. Die zahlreichsten Fälle sind ja jene, bei welchen der Dienstbote den Preis von irgend einem zerbrochenen Glase oder einer Schale ersetzen muss. Mit dem ernstesten Gesicht in der Welt wird ein Bedienter in einem solchen Falle die Antwort geben: Sie irren sich, Herr, ich habe es nicht gethan; und wenn man vielleicht aufgeregt rufen wird: Wer denn? dann wird er, wenn möglich, mit noch ruhigerem und bescheidenerem Tone antworten: »tuwan sadja« = der Herr selbst. Da er doch bezahlen muss, nun, so macht es ihm Vergnügen, seinen Herrn in Harnisch zu jagen und im Garten bei seinen Kameraden diese Comödie zu besprechen. Wenn er dies nicht zu fürchten hat, d. h. wenn er nicht alles und jedes bezahlen muss, was er zufällig zerbricht, dann wird auch seine Wahrheitsliebe ebenso gross sein als die eines Europäers. Was das »Stehlen« betrifft, so ist dies einfach nicht wahr; der malayische Bediente ist ehrlich und viel ehrlicher als sein europäischer College. Er wird bei sehr sparsamen Damen vielleicht ein bischen Zucker, Thee oder Kaffee naschen, vielleicht wird er bei Sorglosigkeit seines Herrn hin und wieder eine Flasche Petroleum verkaufen — aber welch’ europäischer Bedienter würde dies nicht thun, wenn keine Controle geübt werden würde. Ich habe einen Advocaten in Surabaya gekannt, der seine Einnahmen ungezählt und ohne Controle seinem Bedienten übergab, wenn er nach Hause kam, und der Bediente musste das Geld in die Kasse einsperren und die täglichen Bedürfnisse damit bestreiten. Ja, wenn ein Mann so nonchalant sein kann und vielleicht zu faul ist, um nicht einmal in persona das Geld in die Kasse einzusperren — verdiente es dieser Mann nicht, dass er endlich eines Tages bemerkte, dass ihm 1400 fl. fehlten! Nun, ich will das Capitel »Bediente« nicht schliessen, ohne die Versicherung Jedermann zu geben, dass eine bescheidene Controle hinreichend ist, um jeden Bedienten als ehrlichen Mann Jahre lang halten zu können.


Das Fieber, diese Geissel der Tropen, hatte in seinem epidemischen Auftreten die Bewohner Bantams sehr schwer heimgesucht. Die Sümpfe sind die Stätte der Malaria — dies bezweifelt Niemand — ihre aufsteigenden Miasmen verpesten die Luft und bringen Menschen und Thieren den tödtlichen Keim — auch dieses bezweifelt Niemand. Wie diese in den menschlichen Organismus gelangen, hat bis auf die jüngste Zeit Niemand bezweifelt; die Luft führt das fieberbringende Gift in den Organismus. Aber Prof. Koch hat während seines zweijährigen Aufenthaltes in Englisch-Indien ein anderes ätiologisches Moment gefunden: die Mosquitos. Pulvirenti will den Nachweis bringen, »dass die Krankheit (die Malaria) allenthalben dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen«.

Meine Erfahrungen bestätigen die Beobachtungen Pulvirenti’s in vollem Maasse, während die des Prof. Koch wahrscheinlich auf einem post hoc etiam propter hoc beruhen.

Wo Mosquitos sind, dort sind Sümpfe, und dort kommen Malariafälle vor; aber es giebt auch in den Tropen Landstriche, welche frei von Mosquitos sind und doch vom Fieber heimgesucht werden. Grassi konnte in allen jenen Gegenden, wo Malaria vorkommt, eine eigenartige grosse Mückenspecies nachweisen. Bei der Untersuchung dieser Insecten, nachdem sie das Blut von Malariakranken gesogen hatten, fand er die Gegenwart von geisseltragenden Elementen im Thierleibe.[45] Ohne geradezu des Köhlerglaubens mich schuldig zu machen, glaube ich gerne, dass Prof. Koch’s Beobachtungen richtig seien — sie sind ja im Ganzen und Grossen dieselben als die von Grassi, wie wir sahen — aber ich glaube nicht, dass es die einzige Ursache sei, und dass Luft und Wasser gleichfalls eine grosse Rolle spielen in der Aetiologie der Malaria.

Auch im Gebirge entstehen ja oft verheerende Fieber-Epidemien, ohne dass Mosquitos oder andere Insecten die Vermittler derselben sind. Um nur ein Beispiel von hundert anderen zu bringen: in den Achtziger Jahren wurde in Magelang ein neues Campament gebaut, d. h. Casernen mit Officierswohnungen, und zahlreiche Fieberfälle kamen unter den Arbeitern vor. Ueberall und ohne Ausnahme tritt in Java eine Fieberepidemie auf, sobald der Boden aufgelockert wird, und dieses stimmt auch mit der Behauptung von Pulvirenti, dass die Malaria dort entstehen kann, wo organische Materien in Fäulniss gerathen — Magelang hat keine Mosquitos.

Auf Borneo, wo ich an der Grenze des Diluviums sass, hatten wir keine Mosquitos, zu gewissen Zeiten aber heftige Fieberfälle, ja noch mehr. Die indische Regierung sorgt für eine zweckmässige Irrigation des Landes, um dem Reisbau in allen Theilen des Landes eine ergiebige Ernte zu ermöglichen, und wo der Boden zu diesem Zwecke aufgewühlt wird, entsteht eine Fieberepidemie, ohne dass damit eine Einwanderung von Mosquitos stattfände. Ueberall giebt es auf Java Plätze und Gegenden, welche eine Zeitlang ob ihrer »Gesundheit« berühmt sind, um nach einigen Jahren wieder von Fieberepidemien heimgesucht zu werden. Wenn auch in vielen Fällen dafür eine Ursache gefunden wird, z. B. das Anlegen von neuen Reisfeldern oder ausgedehnten Bauten, so fehlen uns dafür oft genug nachweisbare Ursachen — Mosquitos waren im Gebirge nicht eingewandert. — Es könnten vielleicht (nach Grassi) andere Insecten die Vermittler sein; aber welche? Die Hunde haben in Indien Flöhe, aber nicht die Menschen; Wanzen kommen nur in Spitälern und Gefängnissen vor. Auch Fliegen findet man; sie stechen aber nicht, und es muss erst der Nachweis gebracht werden, dass eine intacte Haut den Zutritt der Mikroorganismen gestattet, abgesehen davon, dass a priori diese Annahme beinahe unmöglich ist.

Professor Koch weilt momentan (December 1899) in Batavia, um die Entstehungsursachen der Malaria zu studiren. Das Uebertragen des Giftes (der Plasmodien) dieser Krankheit durch Mosquitos scheint, nach den spärlichen Berichten zu urtheilen, welche mir darüber bis jetzt zugänglich waren, die Hauptfrage zu sein, welche diesen Bacteriologen bei seinen Untersuchungen beschäftigt. Ich will gerne jurare in verba magistri und das Resultat seiner Arbeiten selbst kritiklos annehmen, weil er der Meister auf diesem Gebiete ist. Aber trotzdem muss ich wiederholen, was ich im ersten Bande, Seite 20 behauptet habe, dass auch das Wasser ein Vermittler der Malaria ist, und dass die indische Regierung eine grosse Unterlassungssünde begehen würde, wenn sie in der Sorge, das Land von den verheerenden Verwüstungen der Malaria zu befreien, sich auf die Vernichtung des schädlichen Einflusses der Mosquitos[46] beschränken würde.