Wenn ich auch während meines Aufenthaltes in dieser Garnisonsstadt (im Jahre 1881) von den drei Hotels: Chemin de fer, Bellevue und Buitenzorg immer das erstere benutzt hatte, weil es ein grosses, schönes Hotel war, dessen Küche mit Recht gerühmt wurde, ging ich diesmal doch in’s Hotel Bellevue, welches mitten in der Stadt liegt und seinen Besuchern von der hinteren Veranda aus ein prachtvolles Panorama des Berges Salak bietet.
Von der Station führt eine breite Strasse links nach dem Palaste des Gouverneur-General mit dem botanischen Garten, und bei diesem vorbei rechts nach dem chinesischen Quartier und links nach dem »Campament«. Neben dem Palaste befindet sich ein kleiner Platz mit dem Postgebäude und im Hintergrunde das genannte Hotel. Es war 6 Uhr Abends, als wir ankamen, der Regen hatte aufgehört, und nachdem wir ein erfrischendes Bad genommen und Kleider und Wäsche gewechselt hatten, machten wir zunächst einen Spaziergang. Beim Postgebäude vorbei kamen wir auf die grosse Strasse, welche in das chinesische Quartier und nach Garut führt, von wo ein kleiner Weg rechts ab nach Batu-tulis geht (5 Kilometer). Im scharfen Bogen krümmt sich der Weg in die Hauptstrasse des chinesischen Kleinhandels. ([Fig. 3].) An der rechten Ecke steht das »Spukhaus«, welches ich im Jahre 1881 bewohnt hatte. Es war ein grosses Haus, welches früher ein Clubgebäude gewesen war und viele Jahre lang unbenutzt stand, weil — jeder frühere Bewohner darin gestorben war. Ihm gegenüber war der südliche Eingang zum weltberühmten botanischen Garten und zum Palast des Gouverneur-General.
Der kundige und brave Hortulanus S. Binnendyk war seitdem gestorben; jedoch Professor Treub, ein Pflanzenphysiologe von europäischer Berühmtheit, schaltete und waltete noch immer mit demselben Eifer und Tüchtigkeit, mit welcher er die Botaniker der ganzen Welt auf dieses Kleinod des Gartenbaues aufmerksam gemacht hat. Es ist jetzt mit einem physiologischen Laboratorium verbunden, wohin jährlich europäische Pflanzenphysiologen aus allen Theilen der Welt ziehen, um ihren Forschungen und Studien unter Leitung und Mithülfe des Prof. Treub obzuliegen. Im Jahre 1819 von dem damaligen Director des Departements »für Landbau, Kunst und Wissenschaft«, dem Prof. Reinwardt, errichtet, um ganz praktische Zwecke zu verfolgen, und zwar den Nutzen der grossen und üppigen Flora der inländischen Colonien zu erforschen, trat dieses Ziel bald in den Hintergrund, und die Botaniker Hasskarl, Teysmann und Treub schufen einen botanischen Garten, welcher seines Gleichen in der ganzen Welt nicht findet. Er wurde nicht nur der Sammelplatz aller tropischen Gewächse, welche systematisch gepflanzt sind und dennoch den strengsten Anforderungen der Aesthetik Rechnung tragen, sondern auch aller subtropischen Gewächse und zahlreicher Bäume des kalten Klimas. Es wurden nämlich vor 30 Jahren fünf Berge als Adnexe dieses Gartens erwählt, welche mit europäischen Gewächsen bepflanzt wurden, um ein ganzes Bild der Weltflora bieten zu können. Diese Berggärten heissen: Tji[53] Panas (1050 Meter hoch), Tji[53] Bodas (1290 Meter), Tji[53] Berem (1460 Meter), Kandang Badak (2370 Meter) und der Berg Pangerango (3020 Meter).
Wie gewöhnlich des Morgens fanden wir am andern Tage den Salak wolkenfrei. Unsere Zimmer mündeten in die hintere Veranda, und die kühle Morgenluft entlockte uns, die wir dieser Temperatur zwei Jahre lang entwöhnt waren, ein leichtes Frösteln; nachdem wir uns durch Unterkleider gegen diese kühle, feuchte Luft geschützt hatten, gaben wir uns bei einer Schale heissem Kaffee ganz dem Genusse dieses wunderschönen Panoramas hin. An seinem Fuss sieht man das tief gefurchte Thal von dem Tji Dani = Danifluss, mit einer hölzernen Brücke. Das braune Wasser ist von allen Seiten von grünen Laubwänden eingeschlossen; vor uns eine kleine Landzunge, wo Hütten der Eingeborenen im Gebüsch verborgen sind; zu unserer Rechten ein Hügel mit einer Gruppe von Palmen gekrönt, und links eine Reihe von mächtigen Cocospalmen. Der Hintergrund wird eingenommen von der ungeheuren Masse des dreiköpfigen, bis in die Tiefe seines Inneren zerklüfteten Salak, dessen Abhänge, seit seine Gluth erloschen ist, in schöner Abwechslung mit Wald und Gartenanlagen geschmückt sind. Neben der höchsten Spitze, dem Elephantenberg,[54] zeigt sich im Westen der eigentliche Salak und der Berg Tji Apus im Osten; thatsächlich gehören diese drei höchsten Punkte zu einem Bergrücken, welcher nichts anderes als der alte Kraterrand eines Vulcanes ist. Der Krater läuft gegen Norden hin in einer tiefen Schlucht aus, welche durch das Flüsschen Tji Apus dem angesammelten Wasser einen Ausweg schafft. Brausend und schäumend bahnt sich sein Wasser über Felsenblöcke einen Weg nach der Ebene und vereinigt sich bei Tjampea mit dem Danifluss. Reisfelder und Kaffeegärten bedecken bis zu einer Höhe von 1000 Metern den tief gelegenen Abhang, während die üppigste Vegetation von Palmen und anderen stolzen Bäumen von hier aus bis zur höchsten Spitze sich erhebt. Links vom Salak sieht man in einiger Entfernung den schlanken Kegel des Pangerango sich in die Lüfte erheben. Er ist die höchste Spitze[55] des Gebirges Gedéh, welcher Name jedoch im engeren Sinne jener weniger hohen, kahlen Felsenwand gegeben wird, die eine leichte Rauchwolke zum Himmel sendet, und im Hintergrunde das liebliche Panorama schliesst.[56]
Um ½8 Uhr nahmen wir unser Schiffsbad, um 8 Uhr unser copiöses Frühstück und um 9 Uhr gingen wir, um zunächst den botanischen Garten und das Aeussere des Palastes[57] zu besichtigen. Ich wählte zum Eintritte das südliche Thor, und eine schöne, breite Strasse mit einer Allee von Kastanienbäumen, an denen zahlreiche Orchideen in allen Farben und Grössen prangten, führte uns zur Südseite des Palastes. Prof. Treub war nicht anwesend, und so musste ich darauf verzichten, das Trockenhaus, das Glashaus und andere Schuppen, welche sich bei diesem Eingange befinden, besichtigen zu können. Auch die Wohnungen des Directors und Hortulanus befinden sich hier an der Südwestseite des Gartens. Diese Allee ist ungefähr einen Kilometer lang und hat an ihrem nördlichen Ende einen schönen Teich mit Victoria regia und Lotusblumen, und in seiner Mitte eine kleine Insel, welche dicht mit Pandaneae, Palmen u. s. w. bepflanzt ist. Die Front des Schlosses ([Fig. 4]) ist ein schönes Rondeau mit zahlreichen Säulen; hier befinden sich auch die Zimmer der Adjutanten und der Intendanten. Im Jahre 1881 hatte ich zwei Mal Gelegenheit, das Innere des Schlosses zu sehen. Das erste Mal war es ein gewöhnlicher Empfangsabend, bei welchem der General-Gouverneur, umgeben von seinen Adjutanten, Cercle hielt. Der Empfangssaal ist gross und schön; in den kleinen Sälen hängen die Porträts aller Gouverneur-Generäle, welche bis jetzt in Indien im Namen des holländischen Königs regiert hatten. Das zweite Mal gab folgender Anlass dem Gouverneur-General s. Jacob Gelegenheit, mich in Privataudienz zu empfangen. Im Jahre 1880 herrschte im Süden der Provinz Bantam eine schwere Malaria-Epidemie, und ich wurde, wie früher erzählt wurde, mit noch drei anderen Aerzten dahin gesendet, dieser armen Bevölkerung Hülfe zu leisten. Nachdem unsere Mission vollbracht war, sollte eine regelmässige Hülfe durch Zusendung von entsprechenden Medicamenten u. s. w. stattfinden.
Die Regierung fand sich hierbei im Widerspruch mit dem Sanitätschef, und zwar was die Frage betrifft, ob die Eingeborenen überhaupt andere Arzneien als das Chinin, welches damals noch sehr theuer[58] war, einnehmen würden. Vom Intendanten wurde »Seine Excellenz« auf mich aufmerksam gemacht, welcher in dieser Streitfrage aus Erfahrung gewiss einiges mittheilen könnte. Eines Tages erhielt ich also die Mittheilung, dass Seine Excellenz mich nach der Visite im Spitale zu sprechen wünsche, und dass ich zu diesem Zwecke ohne Veränderung meiner täglichen Toilette im Palast mich einfinden sollte. Um 11 Uhr kam ich in das Schloss und fand die drei Adjutanten bei der l’hombretafel. Der Marinelieutenant C. meldete mich an, und sofort befand ich mich im Arbeitszimmer Seiner Excellenz. Es war ein hohes, jedoch nicht besonders grosses Zimmer, einfach möblirt, und der grosse Bücherschrank beherrschte den Totaleindruck. Der Empfang war ein sehr liebenswürdiger, und wenn mich meine Erinnerung darin nicht trügt, bekam ich selbst beim Kommen und Weggehen einen Händedruck. Meine Erfahrung über oben erwähnte Streitfrage ist seit dieser Zeit dieselbe geblieben. Der Kampongbewohner wird bei jeder Erkrankung mit seinen einheimischen Kräutern beginnen, bei langdauernder erfolgloser Behandlung wird er das Chinin, Santonin oder das Ricinusöl der Europäer sich zu verschaffen bemühen, aber andere europäische Arzneien wird er nur unter dem Hochdruck eines europäischen Arztes oder vielleicht eines Doctor-djawas[59] nehmen.
Die anderen inneren Räumlichkeiten des Palastes habe ich niemals besichtigen können. Wenn ein Gouverneur-General seinen Posten verlässt, werden seine Möbel unter den Hammer gebracht, und bei dieser Gelegenheit strömen die kauflustigen Menschen durch das ganze Haus. Während meines Aufenthaltes in Buitenzorg hatte dieser Wechsel des Unter-Königs nicht stattgefunden; zu einem Diner wurde ich niemals eingeladen, ich kenne also von diesem Hause nur den Empfangssaal und das Arbeitszimmer. In diesem Palaste befinden sich auch die höchsten Aemter der Regierung, obzwar der eigentliche Sitz der Regierung Weltevreden ist. Der streng centralistischen Regierungsform Indiens entsprechend, ruhen alle Entscheidungen in letzter Instanz in der Hand des Gouverneur-General, und er besitzt darum ein grosses und zahlreiches Bureaupersonal, welches unter dem Namen »Allgemeines Secretariat« thatsächlich die Spindel ist, um die sich alles dreht. Es besteht aus einem General-Secretär mit zwei Gouvernements-Secretären, zwei Referendaren, einem Archivar, einem Expediteur, sechs »Hauptcommis« und 22 »Commis« und anderen Beamten für specielle Dienste, z. B. für die Statistik und für die Redaction des »Staatsblattes«.[60]
An der Ostfront des Palastes liegt ein Blumengarten mit einem schönen Vogelhause, welcher für den Privatgebrauch des Gouverneur-General und seiner Familie abgeschlossen ist. In einem Teiche steht ein kleiner Tempel mit den Gebeinen der im Jahre 1813 verstorbenen Frau des Lieutenant-Gouverneurs von Java, Th. Stamford Raffles, und auf der Westseite des Teiches und des angrenzenden Weges ist der Begräbnissplatz der jetzigen Bewohner des Palastes. Auch befindet sich in diesem Garten das Denkmal des Hortulanus Teysman, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes in Buitenzorg (1881) noch lebte, kurz darauf starb und einen bedeutenden Antheil an der jetzigen Bedeutung dieses botanischen Gartens hatte. Die systematische Anordnung nach Familien und Unterfamilien der Tropenflora war in erster Reihe im Auge behalten; schon dadurch allein ist es ein reizendes Bild. Hier ist eine Gruppe von Palmen aus allen Ländern des Tropengürtels; was für einen prachtvollen Anblick giebt uns die Allee von Fächerpalmen! Dort ist eine zierliche Gruppe von allen bekannten Sorten des Bambusrohres; über dem Teiche mit der Lotusblume und der Victoria regia neigen mächtige Waringinbäume (Ficus religiosa) ihre Wipfel, und wie ein Wald in den Lüften schweben ihre Luftwurzeln über die Fläche des Wassers. Hier sind Alleen, deren Bäume ein grünes lebendes Dach mit ihrem Laube bilden, das kein Sonnenstrahl durchdringen kann, und dort sind mächtige Waldriesen, zwischen denen sich Lianen nach allen Seiten kreuzen und uns das Bild eines Urwaldes vorzaubern. Leider bin ich kein Botaniker und muss es mir versagen, von den 300 Pflanzenfamilien mit ihren 2500 Geschlechtern und mit ihren 10,000 Arten auch nur die wichtigsten Vertreter anzuführen, und muss mich auf die wenigen Andeutungen beschränken, um jedem Botanicus zuzurufen: Gehe hin und sieh selbst!
Der grosse Weg, welcher auch befahren werden darf, führte uns auf der Westseite des Palastes vorbei zum nördlichen Hauptthor und durch dieses in die grosse, schöne Strasse, welche an dem neuen Campament, Militärspitale, dem Officiers-Club und dem Hause des Assistent-Residenten vorbei nach Tjilawar führt; am Ende der Stadt steht ein Obelisk, und an diesem vorbei führt östlich ein Weg nach Tanah Sáreal, wo jährlich bedeutende Wettrennen abgehalten werden.
Der Erfolg der Wettrennen war, abgesehen von Festlichkeiten und dem damit verbundenen Zuströmen der Fremden, wie überall auch in Buitenzorg kein nennenswerther. Die Preangerpferde, welche früher eine grosse Rasse, d. h. über 1,5 Meter hoch waren, wegen ihres schlanken und kräftigen Baues sehr gerne zu Luxuspferden gebraucht wurden, haben durch die Wettrennen nicht gewonnen. Der Regierung wurde erst durch einen der Häuptlinge der richtige Weg gezeigt, diesen Pferden ihre frühere Bedeutung wieder zu geben. Es wurden in letzter Zeit drei Deckhengste angekauft, welche auf Kosten der Regierung von Bezirk zu Bezirk gesendet werden, während der früher erwähnte Häuptling die Verbesserung der Rasse sich theuer bezahlen liess.