Den Rennplatz verliessen wir bald, weil er eben wie jeder andere nichts Sehenswürdiges bot; andererseits weckte er so manche Rückerinnerung aus dem Jahre 1881, welche in jeder Hinsicht sehr angenehm war. In Buitenzorg habe ich das glücklichste Jahr meines Lebens gehabt. Ich »diente« angenehm; ich hatte eine starke Privatpraxis (unter den Chinesen); ich wohnte in einem grossen und schönen Hause und hatte einen kleinen, aber sehr angenehmen Kreis von Bekannten. Das Klima der Stadt ist sehr gesund und angenehm. Wenn auch bei einer Höhe von 267 Metern die Durchschnitts-Temperatur niedriger als in Batavia war, so hatten wir in Buitenzorg oft genug des Mittags 30° C.; aber der in den Nachmittagsstunden fallende Regen erfrischte und reinigte die Temperatur, so dass man um 6 Uhr mit frischen Kräften seinen Spaziergang machen konnte, und die Nächte waren immer so viel abgekühlt, dass ein erquickender Schlaf neue Kräfte brachte. Wenn, wie es auf den Strandplätzen so häufig geschieht, auf die warmen Tage keine kühlen Nächte folgen, so ist der Aufenthalt hinter dem Mosquitonetze mehr eine Qual als eine Erholung. Man transpirirt so stark, dass die Bettwäsche nass wird, man ist gezwungen, die Leibwäsche zu wechseln, und wenn man endlich in später Nachtstunde oder in früher Morgenstunde in den Schlaf fällt, so ist er nicht erquickend; müde und matt steht man auf und erfrischt sich durch ein Schiffsbad die Glieder, um gegen 8 Uhr wieder die starke Transpiration sich erneuern zu sehen. In Buitenzorg waren die kühlen Nächte Regel. Leider bot dieser Ort aber sehr wenig geistige Genüsse. Selbst den Club konnte ich wenig besuchen, weil die angestrengte Praxis mir dazu keine Zeit liess.
Von dem Obelisk kehrten wir auf demselben Wege zurück und verliessen den Garten bei dem Thore an der Westseite, wo sich auch eine Wache befand. Diese Wachen werden in Robotdienst von den Eingeborenen abgehalten und bestehen aus zwei Mann, welche in einer steinernen Hütte sitzen; sie halten eine Gabel in der Hand, um im gegebenen Falle den Verbrecher beim Halse damit fangen zu können, und an der Hütte hängt ein grosser ausgehöhlter Baumstamm, auf den mit einem Knüttel geschlagen wird, entweder um die Stunde des Tages anzuzeigen oder Hülfe herbeizurufen. Jeden Passanten muss sie bei Nacht mit Werda! anrufen. Dieser Wache gegenüber läuft die Stationsstrasse mit dem Clubgebäude zur Rechten und einigen europäischen Wohnhäusern und dem grossen Hotel Chemin de fer zur Linken. Von diesem aus geht eine Strasse neben dem Gefängniss und der europäischen Schule nach Empang, dem Badeplatz Sukaradja und dem Landgute von Tjiomas, dessen Eigenthümer eine lange Zeit allen Warnungen der Regierung zum Trotze seinen Tyrannengelüsten gegenüber der Bevölkerung nicht entsagen wollte. Von der Eisenbahnstation geht ein Weg nach Norden zu dem Stadttheile Tjikomoh, in welchem die neue Landesirrenanstalt steht, welche allen modernen Ansprüchen an ein solches Gebäude entspricht.
Ueber Empang nahmen wir den Weg ins Hotel zurück, stolz darauf, »in der Oost« einen so grossen Spaziergang zurückgelegt zu haben. Meine Frau nahm ein Schiffsbad (siram) und ging in indischer Toilette[61] zur Reistafel; nach derselben gingen wir zu Bett, nahmen unsern Thee, um 4 Uhr wieder ein Bad, und um ½5 Uhr fuhren wir mit einem Wagen nach Batu-tulis = beschriebener Stein. In dem chinesischen Viertel führt neben dem chinesischen Tempel rechts ein schmaler Weg, der nur von einem Wagen bequem befahren werden kann und vier Kilometer lang ist, zu einem wunderschönen Panorama. In früheren Zeiten stand ein Gesundheits-Etablissement für militärische Reconvalescenten an diesem Orte. Ich selbst war im Jahre 1881 diesem zugetheilt; ich wohnte in Buitenzorg und fuhr täglich mit meinem Dos-à-dos oder mit meiner Victoria dahin. Das Dos-à-dos war mit einem wilden und feurigen Sandelwoodpferd bespannt, welches nur mit Mühe zu einem ruhigen Trabschritt angehalten werden konnte. Eines Tages fuhr ich nach Buitenzorg zurück, und vor mir fuhr der Spitalschef in ruhigem und gelassenem Schritt seiner makassarischen Pferde; meinem Pferde war es zu langweilig, so langsam und ruhig traben zu sollen, und es ging zum Galopp über. Ich rief dem Kutscher meines Chefs zu, so viel als möglich den Wagen zur Seite zu lenken, weil ich mein Pferd vom Galopp nicht abbringen könne; mein Eisenschimmel folgte seinem Willen, und so flogen wir neben dem Coupé des Chefs vorbei, die Gläser klirrten, die Schutzreifen beider Wagen brachen, und ein kräftiger Fluch begleitete den Kutscher, der sich in seiner majestätischen (?) Ruhe nicht stören liess und nicht um einen Finger breit von seiner vorgeschriebenen Route abwich. Bald gelang es mir, den Uebereifer meines Pferdes zu zügeln, und ich fuhr zunächst in die Wohnung des Chefs, um seine Ankunft abzuwarten. Seine Frau war eine hochgebildete feine Dame, welche der deutschen Sprache sehr gut mächtig war, und als ich ihr den Zweck meiner Morgenvisite mittheilte und hinzufügte, dass ich nicht wisse, ob ich bei meinem Chef mich über seinen Kutscher beklagen solle, dass er so eigensinnig war, nicht ausweichen zu wollen, oder ob ich mich entschuldigen müsse, weil ich ihren Kutscher beschimpft und die Fenster des Coupés zerbrochen hatte, nahm sie das Air eines strengen Richters an, der zunächst eine genaue Untersuchung der Affaire halten müsse, und befahl mir im strengen Tone zu warten, bis das corpus delicti, der Wagen, der zweite Angeklagte und der Kläger, ihr Mann, erschienen seien. Es dauerte kaum eine Viertelstunde, und der Wagen meines Chefs fuhr vor. Wir gingen zur Treppe, und auf die Frage der Hausfrau, warum die Fenster des Coupés zerbrochen seien, antwortete der Kutscher in seiner unerschütterlichen Ruhe: »Der Herr Doctor wollte vorfahren, aber ich kann doch nicht gestatten, oder sogar dazu behülflich sein, dass Jemand an seinem Vorgesetzten vorbeifahre!« Als wir alle Drei gegenüber diesen Argumenten in ein schallendes Gelächter ausbrachen, sah uns der Kutscher verwundert an, weil wir diese primitivste Höflichkeit nicht verstehen wollten, und als ich ihn hierauf frug, was er gethan hätte, wenn er dabei vom Bocke gefallen, oder mein leichter Wagen von dem Coupé seines Herrn zerschmettert und ich und mein Bedienter den Kopf zerbrochen hätten, fügte er mit der grössten Ruhe hinzu: »Tuwan Allah Kassih = Gott bescheert es.«
Das Militär-Reconvalescentenhaus zu Batu-tulis, in welchem ich ein Jahr lang thätig gewesen war, bestand aus zwei Reihen Baracken aus Bambus, welche bei meinem letzten Besuche bereits abgetragen waren. Ihm gegenüber stand der »gläserne Palast«, welcher ein einstöckiges Gebäude aus Steinen war, und dessen erster Stock eine gläserne Veranda hatte. Diese war einem der behandelnden Aerzte zur Wohnung angewiesen, während im Parterre der »Administrator« wohnte. Das Spital war abgetragen, und der »gläserne Palast« wurde nur von einem Wächter bewohnt. Noch einmal, und zwar zum letzten Male, entzückte ich mich an dem herrlichen Panorama, welches der südwestliche Theil der Veranda mir bot. Schäumend und brausend wälzt sich das Wasser des Daniflusses zwischen zahlreichen erratischen Blöcken und kleinen Steinen; Kinder spielen und springen lebensfroh in diesem seichten Wasser, über welches sich eine zierliche Brücke, nur aus Bambus verfertigt, zu dem Fusse des Salak zieht. Zahlreiche kleine Häuser und Fruchtgärten bedecken den Abhang des Berges, und ein riesiger Waringinbaum breitet seine doppelt gefärbte Krone über lachende Fluren. Das Schnauben der Locomotive, welche tief unter uns nach Buitenzorg dampfte, störte uns in der Betrachtung dieses schönen Panoramas, welches lieblicher und milder ist als jenes, welches der Salakberg den Bewohnern des Hotels Bellevue in Buitenzorg bietet.
Den ersten »beschriebenen Stein« fanden wir zwischen zwei Bambushütten; es war ein Stein, auf welchem die Abdrücke zweier Füsse sich befanden, und zwar die des Radja Mantri, welcher auf diesem Steine so lange gestanden hatte, um nachzudenken, welche Bedeutung die vor ihm liegenden beschriebenen Steine hätten, bis seine Füsse in dem Stein sich abgedrückt hatten. Die übrigen Steine werden von den Alterthumsforschern als sprechende Ruinen des alten Reiches Padjadjaran vielfach beurtheilt und gedeutet, und von den Eingeborenen einem mohamedanischen Heiligen, dem Kean Ansantang, zugeschrieben; leider war die Zeit zu kurz, um mich mit diesen Steinen näher zu beschäftigen. Die Sonne näherte sich als eine grosse feurige Scheibe dem Horizonte, immer schneller und schneller sank sie hinter die waldreichen Gipfel des nahen Hügellandes, und als der letzte Sonnenstrahl über unsere Köpfe hinweg auf den Abhängen des Salak sich zu einem feurigen Fächer verbreitete, mahnte er uns zur Rückreise nach Buitenzorg ([Fig. 5]); denn die Dämmerung dauerte auch hier[62] nur ungefähr eine Viertelstunde, und der Weg war mit zahlreichen Steinen bedeckt.
Wir kehrten also nach Buitenzorg zurück, um am folgenden Morgen die Reise in die »Preangerprovinz« fortzusetzen. Die Nordgrenze dieser Provinz zieht über die Gipfel zahlreicher Bergriesen (Halimun 1921 Meter hoch, Salak 2215 Meter, Gedéh 3022 Meter, Sanggabuwana 1298 Meter, Tankubauprahu 2075 Meter, Bukittimpul 2208 Meter und andere hohe Berge), welche an der Ostgrenze in einen spitzen Bogen übergehen und eine zweite Gebirgskette formen, welche beinahe parallel zu der ersten läuft und bei Bandong eine grosse und einige kleine Hochebenen einschliesst. Diese Provinz erinnert in vieler Hinsicht an die Alpenländer Europas. Sie ist zwar die grösste Provinz Javas (371,001 ☐Meilen), aber auch am wenigsten bevölkert (2,000,033 Einwohner[63] mit 5391[64] auf die ☐Meile). Sie hat ein herrliches, geradezu südeuropäisches Klima, hat unzählbare warme Quellen, eine unerschöpfliche Quelle von Naturproducten (zahlreich sind die Plantagen für Thee, China, Tabak, Kaffee, Cacao, Vanille, Muscatnuss u. s. w.); aber von der Gewinnung von Mineralien ist nirgends die Rede; sollte denn nirgends z. B. Gold gefunden werden, da doch so manche Ruine einen grossen Goldreichthum in den ältesten Zeiten vermuthen lässt. Eine engherzige und kurzsichtige Gesetzgebung im Bergbauwesen hat bisher die indische Regierung im Allgemeinen gezeigt; seit Mai des Jahres 1897 ist sie diesbezüglich liberaler geworden. In Semarang, oder vielmehr in der Provinz Semarang, wurden reiche Quellen von Petroleum in Betrieb gesetzt, und das Leuchtöl der »Dordrechtischen Gesellschaft« hat in China und Japan einen grossen Theil des russischen und amerikanischen Petroleums verdrängt. Auch in Celebes wurden Goldminen dem Handel eröffnet; vielleicht bemächtigt sich der Handel auch des Bodens der Provinz Preanger und lässt durch fleissige Untersuchungen des Bodens der Berge neue Quellen der Wohlfahrt eröffnen. Kohlen befinden sich im Westen Javas; Gold wurde in der Provinz Krawang gefunden; Zinn auf einigen kleinen Inseln in der Nähe der Rhede von Samarang; Jodium enthalten unzählbare Quellen; Schwefel kommt in ungeheurer Masse vor, Marmor im Süden der Provinz Madiun. Petrefacten, Basalt, Porphyr, Granit, Kaolin, Kalk, Kohle, Eisen, Spath u. s. w. kommen auf Java vor, ohne dass, wenn wir vom Petroleum und von einigen heissen Mineralquellen absehen, auch nur eine einzige Gesellschaft sich gefunden hätte, um diese verborgenen Schätze Javas resp. der Provinz Preanger zu heben.
Einen ungeheuren Reichthum an warmen, heissen, kalten, an indifferenten, an Salz-, Stahl-, Schwefel- und Jodiumquellen hat Java, und die meisten von ihnen sind unbenutzt und unbekannt. Die Provinz Preanger allein hat 1 Bittersalzbrunnen (bei Kandang Wesi), 1 Mofette auf dem nördlichen Abhang des Telaga Bodas, 1 Moorwelle auf dem Salak, 1 warmen Brunnen am Gedéh, 3 warme Brunnen am Mandalawangi, 2 in Sukabumi, 2 bei Dadap, 1 auf dem Berge Breng Breng, 1 bei dem Flüsschen Tji Madja, 1 Bittersalzbrunnen bei Batur, 1 warme Quelle am Berge Patua, 1 heisse und 1 warme bei Pengalengan, 1 auf dem Tangkuban Prahu, 2 bei Lembang, 1 am Berge Guntur, 1 auf dem Papandajang, 1 im District Wanakarta, 1 bei Tassikmalaya, 1 im District Karang, 1 bei Tjiwalini, 1 bei Tjibalang; also diese eine Provinz allein hat 26 warme Quellen, wovon 2 Karlsbad eine bedeutende Concurrenz machen könnten, wenn —.
Das Ziel meiner Reise war Sindanglaya, ein mit Recht viel gepriesener Luftcurort Javas. Zunächst kamen wir (um 10 Uhr Vormittags) nach Sukabumi, welches ebenfalls ein Reconvalescenten-Spital für Soldaten besitzt; es liegt 602 Meter hoch, hat ein mildes, leicht warmes Klima und ist besonders geeignet für Reconvalescenten nach Erkrankungen der Lungen und nach allen Krankheiten, welche von Diarrhöe begleitet sind. Nebstdem befanden sich zwei Pavillons für »Patienten erster Klasse«, in welche natürlich auch Bürger aufgenommen wurden. Es ist nämlich Eigenthum eines Arztes gewesen, der für seine militärischen Patienten einen gewissen Betrag berechnete, im Uebrigen war es in jeder Hinsicht ein Privat-Sanatorium. Ich selbst bezog es für eine Nacht, und ich und meine Frau hatten eine angenehme Gesellschaft und eine gute Küche für diesen einen Tag.
Fig. 8. Eine malayische öffentliche Tänzerin mit der kleinen Capelle eines Tôpéng Babakan.[66]