Was mich jedoch unangenehm berührte, war der wissenschaftliche Indifferentismus, der damals in dieser Anstalt herrschte; ein so grosses Material wurde wissenschaftlich nicht verwerthet, und was nicht direct mit der Behandlung der Patienten in Verbindung war, wurde ignorirt. Wie viele noch offene Fragen mit Bezug auf das Leben in den Tropen könnten in einem solchen Sanatorium ihre Lösung finden? Ich will nur auf die besonders praktische und wichtige Frage der Magensäure hinweisen. Fast in keiner Familie fehlt das Fläschchen Salzsäure (und Ricinusöl) und wird bei allen möglichen Formen der gestörten Magenfunction gebraucht. Ich kann mir zwar ganz gut vorstellen, dass diese ungeheuren Massen Speise, welche bei der Reistafel[65] dem Magen zugeführt werden, keine genügende Menge Salzsäure für die regelmässige Verdauung vorfinden, und dass darum eine Nachhülfe mit künstlicher Salzsäure sehr oft nöthig ist. Auch ist es auffallend, dass den Aerzten so wenig Magengeschwüre zur Behandlung kommen, und dass so selten Hyperacidität des Magens, d. h. zu grosser Säuregehalt des Magens von ihnen diagnosticirt werde; aber dies sind nur aprioristische Grundlagen für die Annahme, dass in den Tropen, im Gegensatz zu den Ländern mit einem gemässigten Klima, die Hypacidität des Magens, d. h. eine zu geringe Entwicklung der Magensäure, eine häufige, ja selbst regelmässig vorkommende Krankheit sein sollte. Pfeffer, Senf, Lombok (spanischer Pfeffer = Paprika), Peté (Parkia Africana), Assem (Tamarinda Indica), Vanille, Tjenké (Caryophyllum aromaticum), Pála (Myristica fragrans), Ketúmbar (Coriandrum sativum), Kápol (Ammonium cardamomum), Kélor (Morynga pterygosperma), Kúnir (Curcuma), Kajumanis (Cinnamomum aromaticum), Sintok (C. Sintok), Kerry, welches aus Santen (Fleisch der Cocosnuss), Curcuma, Wurzeln von Ingwer, Langkwas (Alpinia galanga), Zwiebeln, Paprika, Djinten (Anisodrilus carnosus), Kentjur (Kaempheria galanga), Ketúmbar Seré (Graminea), Lada (Pfeffer) und anderen Pflanzen besteht, sind eine stattliche Reihe von Gewürzen, welche die Rysttafel sehr schmackhaft machen und den Magen zu erhöhter Arbeit reizen. Ob nun darum allein der Magen keine hinreichende Menge von Magensäure producirt, also eine relative Hypacidität besitze, oder ob im Allgemeinen die Function des Magens in den Tropen eine träge sei und gerade darum zur erhöhten Thätigkeit durch diese Gewürze angeregt werden müsse, ist eine der vielen physiologischen Fragen, welche in den Tropen selbst entschieden werden müssen, und für deren Lösung gerade solche Sanatorien, welche über grosses Menschenmaterial verfügen, die geeignetsten Orte wären.

Auch Sindanglaya, wohin ich mich am andern Tag um 10 Uhr per Eisenbahn begab, wurde damals wissenschaftlich nicht ausgenutzt; der leitende Arzt war ein Psychiater, welcher, wenn ich mich nicht irre, jetzt Professor dieses Faches in Holland ist; aber für die vielen hundert offenen Fragen der Biologie in den Tropen ist in den Sanatorien Javas bis jetzt gar nichts gethan worden. Das bacteriologische Laboratorium in Weltevreden ist die einzige Stätte, welche sich über die Grenzen des täglichen praktischen Bedürfnisses hinaus mit wissenschaftlichen medicinischen Fragen beschäftigt.

Die weitere Eisenbahnfahrt bot wiederum schöne Panoramen und stellenweise Meisterstücke der modernen Eisenbahn-Baukunst. Den Berg Kantjana (1240 Meter hoch) umzogen wir in einem grossen Bogen, bis wir in Tjandjur die Hochebene gleichen Namens (459 Meter hoch) erreicht hatten. Hier verliessen wir die Eisenbahn, um mit einem Dos-à-dos nach Sindanglaya zu fahren.

Tjandjur war bis zum Jahre 1864 die Hauptstadt der Provinz Preanger, und seit dieser Zeit ist der Regent dieses Bezirks in jeder Hinsicht ein Rivale von seinem Collegen in Bandong. Wenn ich auch auf dieser Reise Bandong, die Hauptstadt der Provinz Bantam, nicht besuchte, sondern von Tjandjur direct nach Sindanglaya fuhr, so glaube ich doch aus verschiedenen Ursachen hier einige Worte über diese schöne Stadt Javas verlieren zu müssen. Im Jahre 1882 wurde ich nämlich jener Commission zugetheilt, welche in Batu-Djadjar, der Artillerie-Schiessstätte auf der Hochebene von Bandong, von Krupp erhaltene Kanonen untersuchen und einschiessen sollte.

Hier blieb ich von Mitte December 1882 bis Ende März 1883 und hatte oft Gelegenheit, die nahe gelegene Hauptstadt der Provinz aufzusuchen. Von Batu-Djadjar gingen zwei Strassen auf die grosse Landstrasse; die westliche endete bei der Halte Padalarang, bei welcher gewöhnlich die von Batavia kommenden Reisenden ausstiegen; die zweite führte zur Halte Tjimahi, wo seit dem Jahre 1896 ein grosses militärisches, stabiles Lager[67] sich befindet. In 1½ Stunden konnten wir Bandong bequem erreichen. Die Stadt liegt zum grössten Theile zu beiden Seiten der grossen Poststrasse und macht einen freundlichen Eindruck. Der Regent hat einen schönen Palast, dessen Empfangssaal geradezu verschwenderisch ausgestattet ist. Wenn er auch viel von seiner früheren Grösse und Reichthum verloren hat, so ist er dennoch der reichste Beamte von Java; er bezieht einen Gehalt von 20,000 fl. pro Jahr, und für jeden Pikol[68] Kaffee, der aus seinem Bezirk abgeliefert wird, einen halben Gulden Prämie, welche jedoch 40,000 fl. nicht überschreiten darf. 60,000 fl. ist ein schönes Einkommen für einen eingeborenen Fürsten. Von dem Vater des gegenwärtigen Regenten ist es bekannt, dass er nicht nur einen grossen Aufwand führte, sondern auch gegen seine europäischen Gäste in freigebiger und luxuriöser Weise die Gastfreundschaft übte. Er bezog allerdings neben seinem Gehalt von 20,000 fl. noch eine Personalzulage von 24,000 fl. und erhielt für jeden exportirten Pikol Kaffee eine Prämie von 1 fl. (bis zu einem Betrage von 80,000 fl.). (Dieser hohe Gehalt ist nämlich eine Entschädigung für den Verlust an diversen Steuern, welche der Fürst von Bandong bis zu seiner Anerkennung der holländischen Souveränität in dieser Provinz erhoben hatte.) Der alte Regent war ein grosser Freund von einem wohlgefüllten Stall mit arabischen, persischen und birmanesischen Pferden; er hielt Pferdewettrennen und Treibjagden in grossem Maassstabe. Bei seinen häuslichen Festen liess er die fürstlichen Tänzerinnen (Bedajas) auftreten ([Fig. 6]), Turniere halten und grosse Marionetten in europäischer Kleidung den europäischen Tanz persifliren. Auch hatte er eine kleine Zahl von Hadjis, welche bei festlichen Gelegenheiten das Gedebus zeigten, indem sie unter Anrufen des Propheten und des Scheikh Abdul Kadir Djilani und mit wilden Tänzen eiserne Spitzen in die Brust stachen. Man muss bei den eingeborenen Escamoteuren nicht so leicht mit dem Worte Schwindel bei der Hand sein. Ich sah damals im Club einen Klingalesen, welcher einen Knäuel Zwirn verschluckte, in der Magengegend mit einem Messer die Haut ritzte und aus der Wunde vielleicht hundert Meter Zwirn herauszog!

Den gegenwärtigen Regenten von Bandong sprach ich das erste Mal in Batu Djadjar; er war von dem Präsidenten der Commission eingeladen worden, das Telephon zu besichtigen und zu gebrauchen, welches ihm damals (im Jahre 1882) noch unbekannt und zu dem Zwecke der Controle der erzielten Treffer auf der Schiessstätte in Gebrauch war. Er kam nur mit einem kleinen Gefolge; sein Stellvertreter, der Patti, wurde auf die entfernte Station bei der ersten Scheibe geschickt, und dann wurden sie mit einander verbunden. Als der Regent durch das Telephon die Stimme seines Patti erkannte, sprang er im strengsten Sinne des Wortes vor Ueberraschung wie ein Narr herum und rief héran sakâli (Wunder über Wunder), apa pintar orang blanda (wie weise sind die Holländer!). Da wir, abgesehen von einem grossen Pavillon (mit doppelten Bambuswänden) für die Officierswohnungen und einem als Caserne, noch einen gemeinsamen Speisesaal hatten, der aus den Contributionen der einzelnen Commissionen, welche jährlich hier eintrafen, mit vollkommenem Service für zwölf Personen eingerichtet war, wollten wir den Regenten vor seinem Abschied zur »Rysttafel« einladen; er nahm es nicht an, lud uns aber für den folgenden Sonntag zu seinem Herrenabend ein.

Zwei Officiere — ich selbst war damals noch ledig — hatten zwar ihre Frauen bei sich; sie bekamen aber den erwünschten Urlaub, und so gingen wir drei Tage später nach Bandong, zwei zu Pferde und die übrigen zwei in einem Kâhar sewa, d. h. einem kleinen zweirädrigen Wagen, welcher die Unbequemlichkeit im Sitzen und im Einsteigen bis zum Maximum zeigt. Im Hotel Homan nahmen wir unser Nachtmahl, und um 9 Uhr fanden wir uns bei dem Regenten ein. Es war ein schöner, reich mit Gold verzierter Empfangssaal, oder vielmehr Empfangshalle (Pendoppo M.). Kaum hatten wir den Hausherrn begrüsst, und zwar unter sanften, einschmeichelnden Tönen der Gamelang, kam ein Bedienter mit einer grossen Platte, auf welcher echt chinesische Schalen mit Kaffee-Extract standen, und Jeder nahm sich von dem Zucker und von der Milch nach Belieben. Plötzlich erhob die Gamelang einen gewaltigen Spectakel, der Regent eilte von uns zu dem Eintritt seines Pendoppo, um den Residenten zu begrüssen, dessen Ankunft eben durch diesen Tusch angekündigt wurde. Der Bediente des Residenten war mit dem goldenen Pajong erschienen und setzte sich auf der Treppe nieder mit hoch aufgerichtetem, jedoch geschlossenem Pajong, und wir alle näherten uns dem Vertreter der Regierung und wurden ebenso freundlich als leutselig von ihm begrüsst. Auf ein Zeichen des Residenten erschien auch sofort die erste Tänzerin, welche eine gewöhnliche Ronggeng war, d. h. eine öffentliche Tänzerin, welche zu diesem Zwecke von dem Hausherrn gemiethet wurde. Die Gamelang erhob nun ihre sanfte, liebliche Weise, und die Ronggeng begann ihren Tanz (?). Sie war nur mit einem Sarong bekleidet, welcher mit einem silbernen Gürtel in der Taille geschlossen war, während der obere Theil die volle Büste nur theilweise deckte; sie hatte keine Schuhe und keine Strümpfe und zeigte einen schönen, wohlgeformten, braunen Fuss; auch die Arme, Schultern und Hals waren unbedeckt; jedoch hübsche Armbänder zierten den Vorderarm, in den Ohren waren dicke, mit Diamanten besetzte Stäbe, und in dem üppigen, pechschwarzen, glänzenden und zu einem Knoten (Kondé) gebundenen Haar steckten zahlreiche grosse, mit Edelsteinen besetzte Haarnadeln. Die Stirne war theilweise mit Boreh gelb und die Augenwimpern schwarz gefärbt. Sie begann mit kreischender Stimme ein Lied, verschämt lächelnd brachte sie den Salindang[69] vor den Mund, und, ohne viel von der Stelle zu weichen, drehte sie sich langsam im Kreise und streckte bald den einen, bald den andern Arm ein wenig in die Höhe, wobei die Hand und alle Finger überstreckt waren, d. h. das Handgelenk einen Winkel von weniger als 90° und die Finger von mehr als 180° bildeten. Was sie sang, verstand ich nicht und ebensowenig die übrigen Europäer. Aber auch die anwesenden eingeborenen Häuptlinge erriethen wahrscheinlich den Inhalt der Lieder mehr als sie ihn verstanden; wenn ich mich nämlich nicht irre, sang sie nicht in sundanesischer Sprache, sondern wie die Ronggengs im eigentlichen Java, in altjavanischer (Kawi) Sprache. Bald betheiligten sich auch Männer an diesem Tanze. Den Reigen eröffnete der Regent in höchsteigener Person, indem er ebenfalls einen Salindang nahm, einen Ryksdalder (= 2,50 fl.) in die dazu bestimmte Kasse warf und nun den Bewegungen der Bidaja folgte; es lag seinen drehenden Bewegungen etwas Caricatur zu Grunde, ohne dass ich mir sagen konnte, was persiflirt werden sollte. Hierauf wurde die Schärpe auch einigen europäischen Herren angeboten, welche in gleicher Weise 1 oder 2,50 fl. in die Kasse warfen und sich Mühe gaben, nach den Regeln der Kunst zu »tandaken«. Wenn auch die Tänzerin nur wenige und sehr kleine Schritte machte, also gewissermaassen trippelte, und nur im Affect in grossen und beschleunigten Schritten im Kreise herumlief, so blieb doch der »Tandak« der Herren (welche dann Beksos genannt werden) immer eine scherzhafte Caricatur der Tänzerin; besonders die steife Haltung der Arme und Hände wollte den Männern nicht gelingen; auch gelang es ihnen niemals, das verschämte und verlegene Lächeln der Tänzerin zu imitiren, wenn ein besonders starker Tabak im Liede — welcher in der Regel die Heroenzeit Javas besingt und stark erotischen Beigeschmack hat — die Tänzerin veranlasste, eine keusche, verlegene Jungfrau darzustellen. Diese Scene wurde schon darum mit lautem ironischen Lachen der Eingeborenen begleitet, weil die Ronggengs als zweites Geschäft die Prostitution üben.

Jeder angesehene Fürst hält sich jedoch seine Privat-Tänzerin, welche, wie z. B. an den Höfen von Solo und Djocja, von hoher Abkunft und bei ihren Tänzen reich mit Gold und Edelsteinen geschmückt sind. Da nur die schönsten Mädchen dazu erwählt werden, ist damit die Wahrscheinlichkeit verbunden, entweder ein Beiweib des Sultans oder die Frau eines Prinzen oder eines anderen angesehenen Fürsten zu werden.

Während des »Tandaken« wurde den europäischen Gästen Rheinwein, rother Wein, ein Brandy- oder Whisky-Grog offerirt, und so mancher der anwesenden eingeborenen Häuptlinge verschmähte es nicht, anstatt des ihm angebotenen Thees mit Backwaaren von dem Apollinaris-Wasser mit »ein wenig Cognac«, nur »um den Geschmack zu verbessern«, ebenso häufig als seine europäischen Collegen Gebrauch zu machen. So ein Herrenabend bei einem eingeborenen Fürsten — die keusche Diana würde bei einer Beschreibung desselben ihr Antlitz verhüllen — giebt den anwesenden Ronggengs eine führende Rolle, und nachdem der Resident gegen 12 Uhr sich empfohlen hatte, ging auch ich in’s Hotel. Meine philiströse Anwandlung bedauerte ich am andern Tage lebhaft, weil mir mitgetheilt wurde, dass der Regent von Bandong auch ein Wâjang orang hatte spielen lassen.

Ich habe jedoch späterhin, und zwar in Magelang, ein malayisches Theater (Wâjang orang) wiederholt besucht, und ich muss gestehen: seine Kunst steht hoch. Auf dem Schlossplatz stand ein grosses Zelt, in dessen Hintergrunde die erhöhte Bühne auf kleinen Pfeilern ruhte. Die Coulissen waren offenbar europäischen Ursprungs und blieben für alle Stücke dieselben. Der Hintergrund war eine Thüre mit einem Vorhang, und ein zweiter trennte die Bühne vom Zuschauerraum. In den Coulissen sass ein Mann und spielte die Rebab (Violine). Auch eine Versenkung fehlte nicht. Die Schauspieler waren halbeuropäischen Ursprungs, sprachen jedoch während des Spielens nur die malayische Sprache und stellten Scenen aus der Heroenzeit Javas dar. Ich war dieser Sprache so weit mächtig, dass ich dem Gang der Handlung folgen konnte, wenn mir auch manches Lied nicht in allen seinen Theilen verständlich war. Wahre dramatische Scenen spielten sich ab, als z. B. der Awamuko (Teufel) dem Batoro Guru (dem Lehrer des Heroen) zu Füssen fiel, ihm die Schuhe küsste und in wehmüthigem Liede um Vergebung bat, während aus den Coulissen sanfte, schmeichelnde und liebliche Töne der Rebab sein Flehen begleiteten, oder als z. B. der Fischer den Göttern seine Noth klagte, dass ihn Arimuko (ein Fürst der Unterwelt) mit seinem Hasse verfolge und ihn sein Netz immer leer aus den Tiefen des Meeres heraufziehen lasse. Stets waren es Scenen und Lieder, welche von hoher dramatischer Wirkung waren und die Zuschauer mit Wehmuth und Lust erfüllten. Zum letzten Male will er sein Glück probiren und wirft das Netz hinaus in die Fluthen (hinter die Coulissen), ungeduldig schreitet er auf und ab und zweifelt und hofft, dass Amankau (= Arimuko) ihn nicht weiter mit seinem Hasse verfolge; endlich wagt er es, das Netz zu heben; es ist schwer, hoffnungsvoll zieht er immer stärker und stärker, er stützt seinen Fuss gegen einen Felsen, beugt sich zurück, das Gesicht wird roth, die Muskeln der Arme schwellen an, und endlich bringt er das Netz auf das Land; statt der viel erhofften Fische ist jedoch eine schwere Kiste darin. Das Mienenspiel bei dieser Enttäuschung war ein Meisterstück der Pantomime. Plötzlich erhebt sich der Deckel der Kiste und Amankau (Arimuko) springt heraus; er hat eine Teufelsmaske und tritt dem armen Fischer mit drohenden Worten entgegen.