Ich muss aber auch bekennen, dass ihre Auffassung von »würdevollem« Auftreten uns Europäern fremd erscheint, und dass ihre Engel oder Huris einen geradezu komischen Eindruck machten; sie erschienen in weissen Kleidern von europäischer Mode und hatten eine hellfarbige Schärpe um die Taille. Da sie nebstdem keine Mieder hatten, und die weissen europäischen Kleider offenbar nicht nach Maass bestellt waren, so waren diese Engel alles, nur nicht eine engelhafte Erscheinung, wenigstens nach europäischer Vorstellung.
Auch ein Wâjang tjina habe ich gesehen und natürlich sehr häufig den Wâjang Kulit besucht.
Ein chinesisches Theater (Wâjang tjina) sah ich im Jahre 1881 während meines Aufenthaltes in Buitenzorg. Die Bühne unterschied sich wesentlich von der eines javanischen Wâjang orang. Sie hatte keinen Vorhang und keine Coulissen; jeder der Schauspieler kam aus einer und derselben Thüre im Hintergrunde auf die Bühne, neben welcher ein Chinese mit einem grossen Gong sass. Ein paar Kisten standen zur Seite, welche, wie mir ein Chinese erklärte, die Mauer und das Dach eines Nachbarhauses improvisiren sollten. Den Mangel jeder Decoration ersetzten die besonders reichen und kostbaren Costüme der Schauspieler; sie waren von Seide und strotzten von Gold. Auch die weiblichen Rollen wurden damals von Männern gegeben. Die Handlung war arm und dehnte sich endlos. Auf die Europäer machte Verschiedenes einen befremdenden Eindruck, nicht allein, weil wir die Sprache nicht verstanden, sondern auch weil die Pantomime der Chinesen uns ganz unverständlich war. Offenbar lag sehr viel in den Bewegungen des Körpers, wie es die lärmende und rauschende Musik der Gong andeutete; freilich wussten wir nicht, was es bedeutete. Jeder gesprochene Satz bekam am Ende das Lärmen der Gong; ja selbst jede Bewegung erhielt ein solches stürmisches Finale.
Am häufigsten sieht man jedoch die Wâjang Kulit, d. h. ein Marionettentheater mit Figuren aus Leder (Kulit), deren Schatten auf eine weisse Fläche geworfen werden. Ein Rahmen aus reich geschnitztem und verziertem Holze, Gewang genannt, ist mit weisser Leinwand überzogen; auf der einen Seite sind eine grosse Lampe, der Regisseur und zwei Stämme von Pisang; in diesen stecken die ledernen Figuren, welche von der Hand des Regisseurs längs des weissen Schirms bewegt werden. Zur Seite desselben sitzt die Musik, bestehend aus der Rebáb (Violine), Bambusglockenspiel (Angklong), Flöte (Suling), Holzclavier, welches mit einem Klöppel gespielt wird, Metallclavier, ähnlich dem Spielzeug unserer Kinder, mehreren Becken (Gongs), Pauken, Tambourins u. s. w. ([Fig. 7].) Der Regisseur (Dalang) brachte — es war ebenfalls in Buitenzorg im Jahre 1881, dass ich con amore die erste Wâjang Kulit beobachten konnte und mir die nöthigen Erklärungen zu Theil wurden — erst einen Berg zur Ansicht. Hierauf nahm er aus einer Kiste die pittoresken Figuren, welche auf einem Stäbchen befestigt waren; sie sind aus dem Leder der indischen Büffel geschnitten und reich mit Farben und Gold verziert; sie haben immer die bekannte Form der indischen Puppen und sehr dünne, magere Arme. Er steckte die reichlicher verzierten, die Götter und Fürsten, in den einen Bambusstamm und die Plebs in den zweiten. Unterdessen spielte die Gamelang ihre Ouverture. Mit einem Schlag auf die Kiste eröffnete der Regisseur die Vorstellung, die Musik schweigt, der Berg wird weggenommen, und halb singend, halb erzählend bringt er zunächst die Einleitung. Er beschreibt das Land, in welchem das Drama spielt, und erzählt das ganze Vorleben; im richtigen Augenblick, d. h. wo das eigentliche Drama beginnt, nimmt er mit beiden Händen die Helden des Stückes von den Bambusstämmen, und ohne bedeutende, aber doch deutliche Stimmenveränderung führt er den Dialog der Marionetten.
Der Wâjang gohlèk, welcher aus Holz verfertigte, massive und mit Kleidern behängte Figuren haben soll, ist mir aus Autopsie unbekannt; ebenso wenig hatte ich Gelegenheit, einen Topeng zu sehen, welches eine Pantomime von maskirten Männern und Frauen sein soll. Einen Topeng Babakan sah ich jedoch in Majelang von Haus zu Haus ziehen, um auf Verlangen eine Vorstellung zu geben. Ein Mann, welcher auf dem Rücken eines gemalten Pferdes aus Papier sass, eine Ronggeng und eine kleine Capelle, bestehend aus einer Gamelang, einer Gong (Becken) und einer Flöte, war das ganze Personal. ([Fig. 8].) Die Ronggeng sang einige Pantons mit kreischender Stimme, auf welche der Ritter des papiernen Pferdes manchmal Wechselgesänge folgen liess.
Noch will ich erwähnen, dass ich weder ein Tigergefecht noch ein Turnier zu sehen Gelegenheit hatte. Das Hahnengefecht aber, bei dem den kämpfenden Hähnen scharfe Messerchen an den Sporen befestigt werden, habe ich wiederholt gesehen, obzwar die holländische Regierung sie verbietet und sich alle Mühe giebt, dieses leidenschaftliche Spiel auszurotten. Auch Grillen (djankriks) und Wachteln (burung puju) werden zu Wettkämpfen gebraucht. Auch das »Drachenfliegen« ist ein beliebtes Spiel erwachsener Javanen.
Lieutenant P.. war mein Reisegenosse nach Bandong. Da zwei Tage lang das Schiessen ausgesetzt wurde, gab uns der Präsident der Commission, welcher den nächsten Tag nach Batu Djadjar zurückkehrte, noch einen Tag Urlaub, den wir dazu benutzten, den Onkel des Lieutenants P.. zu besuchen, welcher nordöstlich von Bandong die grosse Theeplantage Djati Nangos (?) administrirte. Die Besitzerin war damals (1882) ein junges Mädchen, eine Waise, welche in Europa ihre Erziehung genoss. Der Administrator, der pensionirte Resident X., wohnte in einem hübschen Landhause in der Nähe von Sumedang. Einen besonders interessanten Empfang hatten wir, als wir durch das Gehege dieser Plantage fuhren. Rehe sprangen über den Weg und blieben in einer Entfernung von wenigen Metern stehen, um uns mit ihren grossen schönen Augen zu fragen, wer wir seien und was wir hier zu thun hätten. Im Hintergrunde sahen wir selbst einige hundert zu einem Rudel vereinigt. Der Herr X. empfing uns in liebenswürdiger Weise, und da es gerade vier Uhr war, d. h. die Zeit zum Theetrinken, setzte er uns sofort eine Schale seines Eigenbaues vor. Wie war er jedoch entrüstet, als ich gewohnheitsgemäss ihn um ein wenig Milch für meinen Thee ersuchte; ja er nannte mich sogar einen Barbar, der tief, ja sehr tief unter einem Chinesen stehe. Nur ein Barbar sei im Stande, das herrliche Aroma des Theeblattes durch Zucker, Rum oder Milch zu zerstören! Interessant waren seine Mittheilungen über die Einfuhr der ersten Theestauden und der raschen Entwicklung, welche diese Pflanze im Laufe von wenigen Jahrzehnten auf Java genommen habe. Denn erst vor sechzig Jahren ging ein Amsterdamer Namens Jacobson nach China, um dort die Bearbeitung des Thees kennen zu lernen, nachdem schon der Gründer des botanischen Gartens zu Buitenzorg, Prof. Reinhardt, mit gutem Erfolg den Thee auf dieser Insel gepflanzt hatte. In einem dickleibigen Buche beschrieb Jacobson die Theecultur, entsprechend dem damaligen Stande der Wissenschaften, und seine praktischen Winke wurden Allgemeingut der javanischen Theepflanzer, welche jährlich eine ungeheure Menge produciren und exportiren.[70] Leider geschieht dies häufig unter chinesischer Marke, d. h. mit chinesischen Aufschriften und in chinesischer Verpackungsweise. Der Thee ist aber so gut, dass er unter keiner falschen Flagge zu Markte zu fahren braucht.
Der Anblick eines Theefeldes ist in keiner Hinsicht rühmenswerth; es sind niedrige Sträucher, welche in kleinen Abständen (± 1·2 Meter Entfernung), und zwar in gerader Linie gebaut sind. Zweimal des Jahres werden die Blätter gepflückt; die zarten Blätter geben die feinste Theesorte, und wenn der Baum zu alt ist, so werden die Blätter zu hart, um in den Handel kommen zu können. Die guten Sorten Thee werden nur von jungen Bäumen, und die feinsten Sorten von den jüngsten Blättern dieser Sträucher bereitet. Die Farbe der in den Handel kommenden Thees ist nur von der weiteren Bereitungsweise abhängig. Ursprünglich hat der Theebaum nur grüne Blätter. Werden sie nur an der Sonne getrocknet, so behalten sie ihre ursprüngliche Farbe; werden sie aber sofort nach dem Pflücken in Säcken oder Leinwandcylindern über einem Kohlenfeuer getrocknet, so werden sie schwarz. Während sie in der Dörrpfanne sich befinden, werden sie von Frauen besser zusammengerollt, als es durch den einfachen Trocknungsprocess geschieht, und je mehr Blätter mit den Fingern gerollt sind, desto höher ist der Preis.
Mit diesen spärlichen Mittheilungen musste ich mich begnügen, weil ich und mein Reisegenosse bereits den nächsten Tag diese Plantagen wieder verlassen mussten. In Batu Djadjar sollte das Schiessen wieder beginnen, und dies darf nach den gesetzlichen Bestimmungen niemals ohne gleichzeitige Anwesenheit eines Arztes stattfinden. Ich sah also weder das Pflücken der Blätter, noch das Rösten derselben — nicht einmal die Dörrschuppen, das Sortiren des Thees, seine Verpackung u. s. w.