Mein Aufenthalt auf der Heide von Batu Djadjar war der unangenehmste, weil langweilig, in meiner ganzen indischen Carrière. Es waren im Ganzen 40 Mann, welche sich damals an den Arbeiten der Commission betheiligten und in den günstigsten hygienischen Verhältnissen befanden. Vor ihrer Abreise wurden sie ärztlich untersucht und kamen in ein herrliches Klima. Wir hatten in der Morgenstunde zwischen 6 und 7 Uhr oft nicht mehr als 17° C., und sofort nach Sonnen-Untergang sank die Temperatur so tief, dass ich europäische Kleider anziehen musste, wenn ich mit den übrigen Officieren im Gartenhäuschen die Zeit des Nachtmahles abwarten wollte. Wenn man um 2 Uhr Nachmittags 31–32° C. im Schatten hat und die Wärme des Abends auf 22–20° C. sinkt, so empfindet man diesen Unterschied der Temperatur geradezu als Kälte. Auch bei meiner Reise nach Europa im Jahre 1897 hatte ich im rothen Meere durch die Kälte (?!) Beschwerden, obzwar das Thermometer 16° C. zeigte.
Die Soldaten hätten sich also einer ausgezeichneten Gesundheit erfreut, wenn sie nicht den Unbilden — der Liebe zum Opfer gefallen wären.[71]
Aber auch diese Krankheiten beschäftigten mich kaum eine Stunde täglich. Das Schiessen selbst forderte kein einziges Opfer. Keine Kanone war gesprungen und keine Kartätsche hatte Unheil angestiftet. Rothe Fahnen verkündeten den Bewohnern der benachbarten Kampongs die Stunde des Anfanges und des Endes des Schiessens; sie blieben also um diese Zeit ausser Schussweite und ausserhalb des verbotenen Terrains. Ich blieb jedoch nicht gänzlich von chirurgischen Arbeiten verschont. Ein Kanonier schnitt sich eines Tages mit einem Bambus in den Goldfinger der linken Hand. Mit Recht werden von den indischen Aerzten »Bambuswunden« sehr gefürchtet. Sie veranlassen sehr häufig gefährliche Folgekrankheiten, weil ein Stück Bambus nicht so scharf ist, um eine gequetschte Wunde zu vermeiden und weil — nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die Ränder mit kleinen Haaren bedeckt sind — sondern weil sich auf ihrer rauhen Oberfläche stets eine Unzahl schädlicher Bacterien befinden. Dieser Kanonier hatte sich an der Schiessstätte, wie gesagt, mit einem scharfen Stück eines Bambusrohres geschnitten; sofort wurde ich telephonisch davon benachrichtigt, und sofort konnte ich die Schnittwunde, welche ziemlich glatte Ränder hatte, antiseptisch behandeln und nähen. Nach 36 Stunden zeigten die Wundränder eine verdächtige Röthe und Spannung. Beim Oeffnen der Wundnähte flossen einige Tropfen Eiter aus; seine Temperatur stieg auf 39°, und bis zum folgenden Morgen war die Eiterung bis zum Handgelenk fortgeschritten (progrediente Phlegmone); als nach abermals 12 Stunden sich am Vorderarme rothe Streifen zeigten, der heftige Schmerz und die hohe Temperatur unverändert blieben, zögerte ich keinen Augenblick mehr, radical einzuschreiten. Ich entfernte die Quelle der Eiterung, und das Leben, der Arm und die Hand waren gerettet.
Hatte ich als Arzt sehr wenig Beschäftigung, so gab das gesellschaftliche und das tägliche Leben noch weniger Zerstreuung. Wir waren im Ganzen vier Officiere, zwei derselben waren verheiratet und hatten ihre Frauen und Kinder bei sich. Wenn des Vormittags die Männer auf der Schiessstätte sich befanden, sass die Frau des Rittmeisters X. in dem rechten Flügel des Officier-Pavillons mit ihrem Söhnchen von vier Jahren in ihrem Zimmer, im linken Flügel beschäftigte sich Frau Y. mit ihrem acht Monate alten Kindchen, und in der Mitte desselben sass ich bei meinen Büchern und las und las, bis ich dessen müde, meinen kleinen Siamang (Hylobates syndactylus[72]) von meinem Bedienten abnahm (an dessen Unterschenkel er stets hing) und vor meinem Zimmer herumlaufen liess. Dieser kleine schelmische Affe hielt sich an keine Stunde des Empfanges oder der Visite, sondern lief dann sofort in das Zimmer des Rittmeisters X. und war dem kleinen Wilhelm ein stets willkommener Spielkamerad. Diese zwei neckten sich, balgten sich im Hofraum oft Stunden lang herum, und der ärgste Hypochonder hätte sich an dem Spiel dieser zwei guten Freunde ergötzen müssen. Ich aber sass wieder in meinem Zimmer und las wieder und las wieder. Gegen die Mittagsstunde kamen die Männer nach Hause. Die verheirateten Officiere widmeten sich ihren Vaterpflichten, und ich sass noch immer beim Lesen; denn der dritte Officier, welcher neben meinem Zimmer seine Schlafstätte aufgeschlagen hatte, ging nach Ablauf seines Dienstes ein Bad nehmen, speisen und sein Mittagsschläfchen halten. Gegen 4½ Uhr brach endlich der Zauberbann die Langeweile. Lieutenant P. kam in seiner indischen Haustoilette bei mir seinen Thee trinken, und nachdem wir um 5½ Uhr unser Bad genommen und uns angekleidet hatten, gingen wir spazieren. Wir Beide nahmen den Weg nach rechts, Rittmeister X. mit seiner Frau und seinem Sohne nach links, und Lieutenant Y. erging sich mit seiner Frau, welche ihr erstes Töchterchen auf einer kleinen Matratze trug, auf einem dritten Wege in der erfrischenden kühlen Abendluft. Um 7 Uhr, also zur officiellen Visitenzeit, trafen wir uns in dem Gartenhäuschen, welches vor der Hauptfront des Officier-Pavillons stand, und besprachen den Inhalt der Zeitungen, welche unterdessen angekommen waren. Um 8 Uhr ging Jeder nach seinem Zimmer, um das Nachtmahl zu nehmen, und blieb bis zum nächsten Morgen für Jedermann unsichtbar. Innerhalb der vier Monate, welche wir auf dieser Hochebene zubrachten, kam nur zweimal eine Veränderung in dieses einförmige und langweilige Leben. Einmal kam, wie schon erwähnt wurde, der Regent von Bandong, um das Telephon zu sehen, von dem er Unglaubliches gehört hatte, und das zweite Mal besuchte uns der Commandant der indischen Armee. General Bouwmeester gehörte dem Corps der Artillerie an und interessirte sich für die neuen »Bergkanonen«, welche bei Krupp in Essen gegossen waren. Das erhaltene erste Exemplar zeigte einen sehr grossen Fehler; der Schwerpunkt der Kanone fiel nicht mit dem der Affuite in eine Linie; die Folge davon war, dass beim Abfeuern die ganze Kanone, wenn sie geremmt wurde, nicht nur sich aufstellte, sondern sogar einen Purzelbaum schlug. Der General kam mit dem Chef der Artillerie und mit dem Commandanten der Berg-Artillerie zu uns, um sich persönlich davon zu überzeugen und die Vorschläge des Rittmeisters X. zur Verbesserung dieses Fehlers zu besprechen.[73] Wir hatten also einige Tage grosse Gesellschaft und gemeinsame Tafel (ohne die beiden Damen). Bei dieser Gelegenheit brachte, wie ich späterhin vom Lieutenant P. erfuhr, der Vorsitzende der Commission eine Geldfrage zur Debatte, welche den drei Officieren der Artillerie, aber nicht meiner Person zu Gute kommen sollte.
In Batu Djadjar werden nämlich jährlich die Schiessübungen der Artillerie gehalten, und die Officiere, welche daran theilnehmen, bekommen reglementär 1,50 bis 2 fl. Tagegeld; für unseren Fall könne dieses Gesetz nicht in Anwendung gebracht werden, weil wir als »Commission« mit einem speciellen Auftrage dahin gesendet worden seien; als solche hätten wir Anspruch auf ein Tagegeld von 6 fl. Diese Angelegenheit hatte Rittmeister X. dem Armee-Commandanten zur Unterstützung vorgelegt, und zwar nur im Interesse der drei Artillerie-Officiere. Der General Bouwmeester stimmte der ausgesprochenen Ansicht bei und versprach, die betreffende »Reclamation« zu unterstützen, obwohl er fürchtete, dass bei dem herrschenden System, so viel als möglich der Sparsamkeit zu huldigen, die Aussichten auf einen günstigen Erfolg nicht sehr gross seien. Als ich von dieser Affaire erfuhr, ärgerte ich mich darüber, dass der Vorsitzende in seinem Memorandum meiner mit keinem Worte gedacht hatte, und machte ihm auch darüber in passender Weise Vorwürfe. Rittmeister X. meinte jedoch, dass er den »Doctor« ausser Betracht gelassen habe, weil dessen Arbeit in beiden Fällen dieselbe sei. Ende März war unsere Arbeit abgelaufen, und ich musste mich wegen eines Gelenkleidens wieder in das Spital zu Weltevreden aufnehmen lassen. Einen Schreiber des Hospitalchefs ersuchte ich, die »Declaratie« meiner Reise und meines Aufenthaltes in Batu Djadjar anzufertigen, und theilte ihm die diesbezügliche Debatte mit dem Rittmeister X. mit. Er warf einen Blick in meine Marschordre, welche dieser Rechnung beigelegt werden musste, und rief: »Herr Doctor, Sie bekommen 6 fl. pro Tag, also 720 fl. für die vier Monate, welche Sie in Batu Djadjar zugebracht haben; das Wort Commission steht ja darin.« So geschah es auch. Der Zufall wollte es, dass ich an demselben Tage, an dem ich die Anweisung von 720 fl. an die Steuerkasse zu Batavia erhielt, dem Rittmeister X. begegnete. Seine Reclamation hatte keinen Erfolg gehabt, und als er meine Anweisung in der Höhe von 720 fl. erblickte, rief er wüthend aus: »Die Militärärzte sind ja die Schoosshunde der Regierung«, und liess mich stehen.
Ende März 1883 verliess ich Batu Djadjar, und ich habe seit dieser Zeit die Provinz Preanger nur als flüchtiger Tourist besucht, sei es, dass ich mit der Eisenbahn von oder nach Batavia fuhr, sei es — um auf den Ausgangspunkt dieses Capitels zurückzukommen — dass ich eine Erholungsreise in die Gebirge dieser Provinz machte. Auf dieser Reise (im September des Jahres 1888) kam ich per Eisenbahn nur bis Tjandjur.[74] Bei dieser Station macht die grosse Heeresstrasse, welche bei Batu Tulis sich in zwei Arme theilt, in einem grossen Bogen das Ende eines grossen Kreises, und auf ihrem östlichen Halbkreise setzten wir unsere Reise mit einem Dos-à-dos fort. Der Weg führte über den Berg Patjet (1122 Meter hoch), während wir den Berg Beser (1390 Meter hoch) mit seinen dicht bewaldeten Abhängen in allen Nüancen des Grüns zu unserer Rechten liegen sahen; an den Hügel-Gärten Tjipodas und Tjipanas (mit ihren warmen Quellen) zogen wir vorbei, und gegen fünf Uhr Abends erreichten wir das Ziel unserer Reise, den Luftcurort Sindang-Lajà (1082 Meter hoch). Zwölf Tage blieben wir hier und erfrischten unsere durch die Wärme des Nordens Sumatras erschlafften Glieder. Des Morgens hatten wir 10° C., und erst um elf Uhr wagte ich es, in dem grossen Bassin, welches durch eine grosse Pantjoran reines Bergwasser erhielt, ein Bad zu nehmen; in einem dicken Strahl stürzte das Wasser von zwei Meter Höhe herab und war so kalt, dass ich keinen Augenblick diese Douche auf mich fallen lassen konnte. Dieses Bad nahm ich mehr, um dem allgemeinen Gebrauch und der Gewohnheit zu folgen, als einem Bedürfnisse zu entsprechen. Bei einer Temperatur von 10° C. schwitzt man ja nicht, wenn man keine anstrengenden Arbeiten verrichtet. Dieses hat wieder einen sehr günstigen Einfluss auf die Abscheidung der Nieren, und da der schwächende Einfluss der hohen Temperatur auf alle Muskeln sich erstreckt und im Gebirge also fehlt, so ist auch die Blase kräftiger, der Puls wird stärker und voller, die Athmung geschieht in tieferen Zügen, die Beweglichkeit aller Gelenke ist leichter, der Durst wird weniger lästig, der Appetit erhöht, mit einem Worte: Lebenslust tritt an die Stelle der häufig künstlich gepflegten energielosen, manchmal selbst apathischen Lebensweise in den Tropen. Auch wir genossen in vollen Zügen die frische, kühle, reine Bergluft und machten des Vormittags von 9–12 Uhr Spaziergänge, ohne zu ermüden und ohne von der Tropensonne belästigt zu werden. Dass trotz dieser scheinbar bedeutenden Vorzüge diese Luftcurorte nicht regelmässig von allen Europäern und den reichen Eingeborenen benutzt werden, so wie z. B. die Bewohner der grossen Städte Europas jedes Jahr ihren Sommeraufenthalt im Gebirge nehmen, hat vielfache Ursachen. Die wichtigste derselben ist folgende: für die Dauer ist der Aufenthalt im Gebirge in der Regel nicht angenehm und — langweilig. Wenn der Reiz der Neuheit vorüber ist, machen sich eben die Schattenseiten des Gebirgslebens nur zu sehr fühlbar. In erster Reihe machen die grosse Feuchtigkeit der Luft (oft 900‰) und die zahlreichen Regenfälle den Aufenthalt im Gebirge sehr unangenehm; die Schuhe sind jeden Morgen beschimmelt, die Bettwäsche ist feucht und kühl, und wenn man sich zur Ruhe begiebt, bekommt man davon oft ein leichtes Frösteln. Die Häuser müssen aus Holz gebaut sein, sonst ist das unterste Viertel der Mauern mit braunen Flecken und grünem Schimmel bedeckt, und erst gegen neun Uhr wird der Aufenthalt in einem solchen Gebäude erträglich, d. h. wenn (in der trockenen Zeit) die Sonne, nicht behindert durch eine grössere oder kleinere Wolkenschicht, durch ihre belebenden und erwärmenden Strahlen die kühle und feuchte, oft nach Schimmel riechende Luft aus den steinernen Häusern verdrängt hat. Menschen mit Affectionen der Lungen und des Darmes befinden sich im Gebirge nicht wohl und eilen daher, wenn sie wegen Malaria Erholung ihres geschwächten Organismus im Gebirge gesucht hatten, sobald als möglich in minder hoch gelegene Orte, welche, wie z. B. Djocja, minder kalt sind und durch ihr »gleichmässig warmes Klima« den geschwächten Lungen und Därmen zuträglicher und auch angenehmer sind.
In Sindanglaya bestand, wie in Sukabumi, das Sanatorium aus zwei räumlich von einander geschiedenen Theilen; der Pavillon für die Patienten 1. Classe bestand aus einem grossen hölzernen Gebäude und einigen kleineren für ganze Familien. Ein zweiter grosser Pavillon diente zur Schlafstätte für Soldaten (3. Classe), und ein kleinerer war für Unterofficiere (2. Classe) eingerichtet, welche je ein kleines Zimmerchen erhielten. In allen Gebäuden wurde Table d’hôte gehalten, wie überhaupt in allen Hotels Indiens beinahe niemals[75] à la carte gegessen wird. Die vorgesetzten Speisen waren gut bereitet und unterschieden sich nur wenig von den üblichen Menus in Europa; schon damals wurden nämlich im Gebirge zahlreiche europäische Grünzeuge mit Erfolg gepflanzt, und seit Vollendung der Eisenbahn im Jahre 1892 werden auch alle Städte der Küste reichlich mit Erdbeeren, Kraut, Salat, Rüben, rothen Rüben, Endivien, Schwarzwurzeln, Pfirsichen, Petersilie, Sellerie[76] und Erdäpfeln versehen. Die Preise derselben sind nicht besonders hoch. Im Jahre 1881 befand ich mich in Mittel-Java (in Ngawie) in Garnison; diese kleine Stadt war 9 km von der nächsten Eisenbahnstation entfernt. In der Nähe, und zwar auf dem Berge Tosari in der Provinz Pasaruan lebte ein deutscher Gärtner, welcher sich mit dem Anbau der europäischen Grünzeuge beschäftigte. Nach dem üblichen Gebrauch abonnirte ich mich bei ihm auf eine regelmässige Zusendung von europäischem Gemüse. Ich erhielt jede Woche einen grossen Korb, welcher jedoch für zwei Personen zu viel enthielt; ich theilte den Inhalt also mit einem Lieutenant, und Jeder von uns bezahlte pro Monat 4 fl. 80 Ct. = 8 Mark. In einer anderen Garnison kam regelmässig jede Woche einmal ein Hausirer mit Erdbeeren zu uns und verlangte für ein Körbchen mit 75 Stück 25 Cents = 42 Pf. Ihr Geschmack war derselbe als der in Europa; sie hatten die Grösse von der europäischen Walderdbeere. Auch alle übrigen angeführten Grünzeuge unterschieden sich gar nicht von jenen, welche in Europa gepflanzt werden; nur die Pfirsichen sind weniger saftreich und die Weintrauben sind ungeniessbar. In Grissé (bei Surabaya) habe ich sie zum ersten und zum letzten Male in Indien im Jahre 1877 wachsen gesehen. Hin und wieder bekommt man Weintrauben zu kaufen; sie stammen von Australien, haben eine dicke Schale und ihr Geschmack ist nicht angenehm. Auch Aepfel werden von diesem Welttheil auf Java importirt, ohne jedoch einem europäischen Apfel an Saft und Schmackhaftigkeit nahe zu kommen. Seit einigen Jahren besitzen die neuen Schiffe Kühlräume, wie z. B. der vor zwei Monaten in Rotterdam erbaute Dampfer. Vielleicht wird es diesem möglich sein, Aepfel und Birnen nach Indien zu bringen, obschon für den Importartikel »europäische Früchte« in Indien gar kein Bedürfniss besteht. Diese könnten höchstens den Beweis bringen, was manchmal noch bezweifelt wird, dass die indischen Früchte in jeder Hinsicht hoch über den in Europa gepflanzten stehen.
Fig. 9. Eine malayische Njai (= Haushälterin) in einfacher Haustoilette.