Unterdessen hatten wir die »Vorgalerie« dieses Beamten erreicht und erfreuten uns an einem bunten Bilde, welches sich vor dem Hause unsern Augen darbot. Eine grosse Allee von Tamarindenbäumen zog sich in grosser und starker Krümmung gegen den Kraton; zwischen je zwei Bäumen befand sich ein Flaggenstock, und in regelmässiger Entfernung sassen die Tumenggungs[94] oder Bupatis,[94] welche nicht dem Kraton selbst zugetheilt waren. Jeder von ihnen hatte sein zahlreiches Gefolge mit Lanzen und kleinen Fahnen bei sich, und die Farbe der Röckchen verrieth den Häuptling, dem es angehörte. Jeder Bupati hatte neben sich seine Gamelang; auch in der Pendoppo, welche vor dem Hause des Residenten stand, befand sich eine solche und eine europäische Musikbande. Die »Vorgalerie« schloss sich an eine grosse Halle, in deren Hintergrunde zwei Thronsessel auf einem Podium standen, und zwar in gleicher Höhe, und senkrecht darauf zwei Reihen schöne europäische Stühle. Gegen 5½ Uhr erschienen zwei Häuptlinge mit einem glänzenden Hut auf dem Kopfe (vide [Fig. 13]), welcher die Form eines umgekehrten Blumentopfes hatte, und theilten dem Residenten mit, dass der Susuhunan, Paku Buwana, Senapati ing-ngalaga, Ngabdu’r-rahman, Sajidîn, Panata-gama = Seine Heiligkeit, der Nagel der Welt, der höchste Commandant des Krieges, der Diener der Barmherzigkeit, der Herr der Religion und der Leiter des Gottesdienstes angezogen und bereit sei, ihn zu empfangen. Langsam und in demselben gemessenen Schritt, wie sie gekommen waren, kehrten sie nach dem Kraton zurück. Nach einer Weile bestiegen der Resident und der Assistent-Resident eine offene Equipage, um den Susuhunan zu holen.[95] Das Zeichen ihrer Würde, der goldene Sonnenschirm für den Residenten und der halb goldene, halb weisse für den Assistent-Residenten, wurde ihnen über den Kopf gehalten, und so gelangten sie in den Kraton, wo der Resident dem Susuhunan und der Assistent-Resident dem Kronprinzen den Arm giebt und zu dem Wagen des Fürsten geleiten. Es ist eine schöne, gläserne Equipage, von 8 Pferden gezogen, welche Sammt-Decken, Federbüsche tragen und von einem Pikeur geführt werden; die Equipage des Kronprinzen wird nur von 6 Pferden gezogen. Der Zug wird eröffnet von 20 Hofbedienten zu Pferde; hinter ihnen folgt eine Truppe mit Wasser, Holzkohle und Reis, welche ebenfalls mit einem goldenen Sonnenschirme beschützt werden, die europäische Leibwache des Kaisers, dann die javanische Leibwache, Hofdamen mit blossen Schultern mit den Reichsinsignien ([Fig. 14]): Ein Vogel (Peksi groeda), ein Hahn (Sawung galing), Arda wolika (ein Vogel mit einem Kopf, der halb an einen Menschen, halb an eine Schlange erinnert), zwei Elephanten (gadjah), ein Kidang (Reh) und eine Gans, welche alle aus massivem Gold verfertigt waren. Hinter diesen folgen zwei Herolde, die Equipage des Kaisers, des Kronprinzen und die übrigen Häuptlinge zu Pferde und einige Hundert zu Fuss. Sobald die Equipage des Kaisers den Kraton verlässt, dröhnen vom Fort die Salutschüsse der Kanonen, die Gamelangs ertönen in gemessenen, ruhigen Tönen, und die Häuptlinge mit ihrem Gefolge, an welchen der Zug langsam, ruhig, und ich möchte sagen lautlos vorbeizieht, neigen ihren Kopf zur Erde und erheben ihre Hände zur Stirne (Sembah); dasselbe thun die Häuptlinge (welche auf dem Boden mit gekreuzten Füssen sitzen), wenn der Kaiser die Avenue des Residentenhauses erreicht hat und den Wagen verlässt. Majestätisch, oder besser gesagt ruhig und langsam schreitet der Kaiser am Arm des Residenten und der Kronprinz am Arm des Assistent-Residenten durch den Saal zum Throne, der Teppich wird hinter ihnen sofort aufgerollt, um nicht durch plebejische Füsse entweiht zu werden, und vor dem Thronsessel lassen sich die beiden Grössen von den eingeladenen Europäern begrüssen. Die Gamelang wird in die Nähe des Thrones gebracht, der Kaiser und der Resident setzen sich gleichzeitig nieder, links von ihnen der Kronprinz und einige angesehene Pangerans, während rechts die europäischen Gäste sich niedersetzen und einen genügend grossen Raum offen halten für die Serimpis (Bayaderen). Die angesehensten Häuptlinge (Pangerans), welche in dem Zuge sich befanden, haben unterdessen in Galatenue ([Fig. 13]) ihre Equipage verlassen oder sind vom Pferde gestiegen und erscheinen nun am Eingange des Saales, um dem Kaiser und dem Residenten ihre Huldigung zu bringen. Dieses geschieht kriechend, d. h. in hockender Stellung schob Jeder abwechselnd das rechte und linke Bein vor, wobei er sich mit den ausgestreckten Händen auf den Boden stützte und in ruhigen und gemessenen Bewegungen mit dem einen Beine den Sarong zurückschleuderte, gerade wie eine Dame der Schleppe ihres Kleides jeden Augenblick ihren Platz anweist. In gemessener Entfernung bleibt er stehen oder vielmehr sitzen, neigt sein Haupt bis zum Boden, erhebt den Körper wiederum und führt die gefalteten Hände zur Stirne (Sembah). Der Kaiser selbst aber sitzt unbeweglich wie eine Statue, und ein wohl berechnetes Zwinkern mit den Augenlidern verkündet jedem Häuptlinge, in welchem Grade seine Huldigung in den Augen seines Herrn Gnade gefunden habe. Ein für den Neuling gewiss hochinteressantes Ballet, das wahrscheinlich beim zweiten Male, aber sicher beim dritten Male die Zuschauer ermüden, ja selbst langweilen muss!

Dasselbe gilt von dem nun folgenden Tanze der Serimpis. Vier[96] junge Mädchen erscheinen mit ebenso viel Hofdamen, welche unablässig mit dem Ordnen der Toilette ihrer Schutzbefohlenen beschäftigt waren. Diese Mädchen sind die Töchter von hohen Fürsten und werden später die Nebenfrauen des Kaisers; sie haben einen Sarong, der, wie ich hörte, ein nur für sie bestimmtes Dessin hat. Das Gesicht, der entblösste Hals und Arme sind mit einer gelben Salbe (Boreh) bestrichen, und die Grenze der Kopfhaare wird durch schwarze Farbe nach unten verrückt, ebenso wie der Kronprinz die Augenbrauen durch einen dicken, schwarzen Strich gegen die Mitte der Stirne vergrössert erscheinen liess. Das Haar der Tänzerinnen hatte zahlreiche mit Diamanten und anderen Edelsteinen geschmückte Haarnadeln, und an dem Halse hingen drei goldene Halbmonde. Um die Taille befand sich ein Schleier, welchen sie bei den Tänzen zur Unterstützung der Anmuth in ihren Bewegungen zierlich zu gebrauchen wussten.

Was den Tanz dieser hübschen Mädchen betrifft, so mag er nach europäischer Auffassung kaum so genannt werden; sie verliessen nie ihren Platz, sondern drehten sich abwechselnd unter den sanften, wehmüthigen Klängen der Gamelang an Ort und Stelle; beim Auftreten und beim Verlassen des Tanzsaales machten sie ihre Sembahs.

Das ruhige und würdevolle Drehen wurde von steifen Bewegungen der Hände und Füsse begleitet; dabei wurden diese hyperextendirt, so dass z. B. die Finger und der Ellenbogen in ihren Gelenken oft einem Bogen von 190° entsprachen.

Wenn auch der Anfang mir gewiss ein gewisses ethnographisches Interesse abgewinnen musste, so wurde doch die Monotonie des Tanzes schon darum ermüdend und langweilig, weil er beinahe zwei Stunden (!!) dauerte, und auch die Gamelang nur wenig Abwechslung in ihren sentimentalen, rührenden Weisen brachte. Uebrigens fehlte mir und auch den übrigen Europäern jedes Verständniss für diesen Tanz. Die Tandakmädchen (öffentliche Tänzerinnen) ([Fig. 8]), welche man täglich auf der Strasse solche Tänze aufführen sieht, sind weniger langweilig; erstens singen sie dabei Heldenlieder (leider mit kreischender Stimme), und zweitens verlassen sie doch theilweise den Platz, auf dem sie stehen. Die Bewegungen dieser Tandakmädchen sollen eine cynische oder erotische Basis haben, und manchmal glaubte ich es auch in ihren Bewegungen zu entdecken. Dem Tanze der Serimpis jedoch fehlt nach meiner Ansicht diese Basis; hier sind diese seltsamen Bewegungen des Körpers und Verdrehungen der Hände und Füsse Selbstzweck.

Endlich nahm dieser Tanz sein Ende, die europäische Militärmusik stimmte eine Polonaise an, der Resident gab dem Kaiser, der Assistent-Resident dem Kronprinzen den Arm, ihnen schlossen sich der Platz-Commandant mit der Frau des Residenten und die übrigen Honoratioren an und machten zweimal die Runde durch den Tanzsaal. Ueblicher Weise war der Schluss der Polonaise für die europäische Gesellschaft ein Rundtanz, während der Kaiser ins Nebenzimmer zur Whisttafel ging, an welcher die angesehensten und reichsten Landherren theilnahmen. Der Kaiser muss nämlich gewinnen, die böse Welt erzählt auch, dass die Farmer untereinander ein Syndicat schliessen und einen Fonds gestiftet haben, um auf Kosten aller Landherren den Verlust der Spieler zu decken.[97] Ein Souper, welches die indische Regierung bezahlt, ist der Schluss des Neujahrsfestes. Für 12 Uhr war es bestimmt, aber seine Kaiserliche Hoheit hatte anders beschlossen. Der Resident kam schon um 11½ Uhr in den Spielsalon, um quasi den Kaiser an die Zeit des Soupers zu erinnern; der Kaiser liess sich jedoch nicht stören. Endlich schlug es 12 Uhr und der Resident gab ihm einen deutlichen Wink, indem er sich an den Eingang des Spielsalons stellte, von wo er ihn per Arm an die Tafel führen sollte. Länger als zehn Minuten, vielleicht eine Viertelstunde liess er den Residenten wie einen Bedienten vor der Thüre stehen, bis er endlich sich herabliess, dem Spiel ein Ende zu machen und den gewonnenen Preis seiner Whistkunst (?) einzustreichen. Unterdessen hatte sich der Kronprinz im Tanzsaale aufgehalten und, wenn auch nicht dem Tanze, so doch in echt europäischer Weise den Freuden des Festes gehuldigt; namentlich im Flirten mit den europäischen Damen leistete er geradezu Erstaunliches, obwohl er durch die Zeichnung von grossen Augenbrauen mehr oder weniger zur Caricatur eines Menschen geworden war. Die anderen »Reichsgrössen« verfielen nicht so stark diesem Uebelstand, weil sie bis auf das Kopftuch die Uniform ihres Ranges trugen, in dem sie der Armee à la suite zugetheilt waren; der Kronprinz jedoch trug nur einen kurzen Sarong über die Lenden, und im Uebrigen beinahe ganz europäische Kleider.

Unterdessen hatte ich oder vielmehr meine Frau dem Ceremonienmeister viel Scherereien verursacht. Die vorige Nacht hatte meine Frau nur drei Stunden geschlafen, der forcirte Marsch zu Fuss zum Bahnhof hatte sie stark mitgenommen, und da sie aus Mangel an anderen Kleidern und Wäsche bis 2 Uhr in denselben Kleidern bleiben musste, so brachte ihr das Mittagschläfchen keine hinreichende Erholung. Die Schwäche überwältigte sie, und ich ging also zu einem der beiden Ceremonienmeister und theilte ihm mit, dass wir zu unserem Bedauern wegen Unwohlseins meiner Frau nicht an der Hoftafel theilnehmen könnten. Zu meiner grössten Ueberraschung gab er nur die kurze Antwort: »Unmöglich« und eilte weg, um seine weiteren Anordnungen zu treffen. Als aber das Unwohlsein meiner Frau zunahm, entfernte ich mich unbemerkt, brachte sie nach Hause, und da ich die Ursache des Unwohlseins in der grossen Ermüdung sah, ging ich beruhigt in den Tanzsaal zurück, theilte es dem zweiten Ceremonienmeister mit und bat ihn um Aufklärung des Wortes »Unmöglich« von Seiten seines Amtscollegen.

»Ich kann jetzt endlich frei Athem schöpfen,« gab er mir zur Antwort, »und Ihnen das non possumus meines Collegen erklären. Sie sehen hier zwei grosse Tische, welche in der Form eines

angeordnet sind; an dem horizontalen Tische sitzt der Kaiser, hat zu seiner Rechten den Platz-Commandanten, zu seiner Linken den Residenten und an diesen schliessen sich nach Rang und Würden die übrigen europäischen Gäste an. An dem senkrechten Tische sitzen nur eingeborene Fürsten, deren Anzahl so ziemlich feststehend ist; da nebstdem ihr Rang nach Jahrhunderte alten Vorschriften (hadat) geregelt ist, so ergiebt sich, wenn ich es so nennen kann, das Arrangement der Sitzplätze von selbst, um so mehr, da diese Fürsten ihre Frauen nicht mitbringen. Die Zahl der europäischen Gäste ist aber nicht nur variabel im Quantum, sondern auch in der Qualität; bei jeder Hoftafel muss daher aufs Neue die Sitzordnung der Gäste geregelt werden. Zufällig sind Sie mit Ihrer Frau die jüngsten und niedrigsten im Range, welche noch an diesem Tische Platz nehmen können; die übrigen europäischen Gäste erhielten einen zweiten Tisch, an welchem sie sich nach Belieben niederlassen können, weil der Rangunterschied derselben nicht mehr gross ist. Was würde geschehen sein, wenn mein College Ihre Absagung angenommen hätte? Der Platz hätte durch einen Andern eingenommen werden müssen, aber durch wen? Sie wissen, dass wir mit dem Platz-Adjutanten die Rangverhältnisse zwischen den Officieren und Civilbeamten u. s. w. regeln; wir haben uns also geeinigt, auf Sie im Range die Civil-Ingenieure folgen zu lassen. Wir haben deren zwei, welcher von Beiden hätte an der Hoftafel sitzen sollen? Jedes Jahr bekommen wir Reclamationen über das Arrangement der Sitzplätze für die Europäer, und heuer sind wir dem glücklich entronnen, nur dadurch, dass wir Ihre Absage nicht annahmen. Der Sitz blieb leer — und hâbis perkâra.« (M. die Sache ist erledigt.)