Welche Speisen die eingeborenen Fürsten erhielten, habe ich leider nicht gesehen, und ebenso habe ich vergessen, ob auch der Kaiser sich an den officiellen Toasten betheiligte; nur erinnere ich mich noch, dass das erste Glas auf die Gesundheit des Königs von Holland getrunken wurde, und dass das letzte mit den Worten: Salâmat tânah Djawa! (Heil dem Lande Java!) den üblichen Schluss der Hoftafel brachte. Der Kaiser und alle Gäste erhoben sich, der Resident gab ihm den Arm, dasselbe that der Assistent-Resident mit dem Kronprinzen, und unter den stürmischen Klängen der Gamelang verliess der »Susuhunan« das Residenzgebäude. Auch ich ging nach Hause, und zwar mit dem Bewusstsein, in Europa ein schöneres Banket und einen schöneren Festzug, aber kein interessanteres Tableau als an dem vergangenen Tage jemals gesehen zu haben.

Im grellen Gegensatze zu der lauten und stürmischen Aufregung, welche die Festzüge in Europa charakterisiren, stand die Ruhe und Gelassenheit in allen Bewegungen der Theilnehmer, und wenn nicht die Gamelangs und die verschiedenen Musikchöre Abwechslung in die Monotonie gebracht hätten, wäre Langeweile der Grundton des ganzen Schauspieles gewesen. Ich habe zwei Jahre später Gelegenheit gehabt, eine solche klang- und sanglose Auffahrt bei Hof in Djocjokerto mitzumachen, wo sich der zweite selbständige Fürst von Java befindet. Er führt denselben Titel wie der Kaiser von Solo: Sultan, Hamangku Buwana, Senapati ing-ngalaga, Ngabdu’r-rahman, Sajidîn Panatagama, Kalifahillah VII.,[98] nur dass anstatt Susuhunan = Heiligkeit Sultan, und für Paku = Nagel Hamangku = Herrscher der Welt genommen wird; auch in anderer Hinsicht ist der Unterschied zwischen dem Hofceremoniell zu Solo und dem zu Djocja sehr klein.

Am 23. November 1890 war der König von Holland gestorben, und sofort verständigten der Telegraph und die Post den ganzen indischen Archipel von dieser Trauermär. Nebstdem sollte noch ein eigenhändiges Schreiben, direct an den Sultan von Djocja (und natürlich auch an den Susuhunan = Kaiser von Solo) von Holland aus gerichtet, den officiellen Bericht bringen, dass König Wilhelm III. gestorben sei und seine Frau, »Konigin Regentes« Emma, im Namen der unmündigen Königin Wilhelmina die Regierung über Holland und seine Colonien »im Osten von dem Cap der guten Hoffnung« auf sich genommen habe. Dieser Brief kam nach Djocja zur Zeit (Anfangs Januar 1891), als ich mich dort zu meiner Erholung von dem in Tjilatjap acquirirten Malariafieber aufhielt, und eines Tages zu dem Residenten zum Nachtmahle eingeladen wurde. Gleichzeitig befand sich hier der berühmte holländische Gelehrte Snouck Hurgronje als zweiter Gast, welcher bei dem Residenten wohnte. Dieser Mann ist, wenn nicht in Europa, so doch in Holland der beste Kenner der mohamedanischen Rechte und der Gesetze, ist der arabischen Sprache vollkommen mächtig, und ihm war es auch gelungen, verkleidet als arabischer Pilger nach Mekka zu kommen und an Ort und Stelle die Gebräuche des Islam in Mekka zu studiren; er war mit seinen reichen Erfahrungen der holländischen Regierung ein verlässlicher Rathgeber in allen Angelegenheiten des Islam. Unter anderem besprachen die beiden Männer das Ceremoniell, welches bei der officiellen Mittheilung von dem Tode des Königs gehandhabt werden sollte. Als ich hörte, dass es nur aus einer kleinen Deputation bestehen sollte, ersuchte ich den Residenten, ein Mitglied derselben sein zu dürfen. Er verwies mich an den Platz-Commandanten, der natürlich nichts dagegen einzuwenden hatte, und so kam ich zu der seltenen Gelegenheit, in den Kraton bis in die Gemächer der Sultanin gelangen zu können.

Unter Kraton versteht man keinen Palast nach europäischer Nomenclatur, sondern einen Complex von Gebäuden, welche mit einer Mauer umgeben sind und von jener zahlreichen Menschenmasse bewohnt werden, die direct oder indirect zum Gefolge des Herrschers gehört. Der Kraton zu Djocja wird von ungefähr 15,000 Menschen bewohnt, ist von einer Mauer umgeben, welche 1200 Meter lang und 700 Meter breit und 3½ Meter hoch ist.

An dem festgesetzten Tage gegen 11 Uhr erschienen zwei Gala-Equipagen, in der ersten nahm nur ein Schreiber des Residenten Platz, welcher ein Polster in den Händen hielt, darauf lag in einem Couvert aus gelber Seide der officielle Brief der »Konigin-Regentes« mit der Nachricht von dem Tode S. M. des Königs von Holland; im zweiten Wagen sass der Resident mit dem Platz-Commandanten, und in den folgenden Wagen sassen der officielle Dolmetsch der javanischen Sprache, ein Controlor, der Platz-Adjutant und meine Wenigkeit.

Längs dem Fort Rustenburg,[99] in welchem sich ein halbes Bataillon Infanterie, eine halbe Compagnie Artillerie, das Militärspital, die Magazine und der grösste Theil der Officierswohnungen befinden, und dem europäischen Clubgebäude kamen wir zunächst auf den Schlossplatz mit seinen zwei riesigen Waringinbäumen, wohin sich in früherer Zeit jene Unglücklichen (in weisse Kleider gehüllt) flüchteten, welche dem Sultan ein Bittgesuch überreichen wollten. Auch soll hier stets ein Tigerkäfig gestanden haben, in welchem jener Tiger gefangen gehalten wurde, welcher bei der Thronbesteigung eines Sultans mit einem Büffel (Karbouw) in Gegenwart des Hofes, der Beamten und des Volkes den Kampf aufnehmen musste. Da der Tiger in der Regel durch vieltägiges Hungern geschwächt war, und die Hörner des Büffels spitz geschliffen wurden, erlag immer der Tiger, und der Büffel ging immer als Sieger aus dem Kampfe hervor. An der Westseite des Schlossplatzes lag eine Moschee (missîgit) von einem Wassergraben (ohne Brücke) umgeben, so dass Jeder gezwungen war, entsprechend den Vorschriften des Islams, seine Füsse zu waschen, bevor er das Heiligthum betrat.

Vor der Bansal witana, d. i. dem Zugang zu dem eigentlichen Kraton, welches ein Gang zwischen den zwei grossen Gebäuden für den Gerichtshof war, stieg Alles aus, der Kronprinz erschien und gab dem Residenten den Arm, neben ihm ging der Platz-Commandant, und der goldene Schirm (Pajong) des Residenten liess den Kopf des Obersten unbeschützt. Der offene Raum zwischen diesem Thor und dem nächsten, Bradjanala[100] genannt, war mit Soldaten, »den Legionen« des Kaisers, ausgefüllt. Sofort werden wir uns mit diesen eingehender beschäftigen müssen, weil sie geradezu eine typische und originelle Erscheinung auf dem Hofe der beiden Kaiser zu Solo und Djocja bilden. Vor diesem Thore hielt ein europäischer Soldat Wache und gab jede Stunde durch einen Glockenschlag die Stunde des Tages an. Hier befanden sich auch zwei Pendoppo = offene Hallen, in welchen Gesandte, der Reichsverweser oder andere angesehene Personen warten müssen, um nach erhaltener Zustimmung zur Audienz vorgelassen zu werden. Wir gelangten durch das dritte Thor, »Sri Menganti«, welches uns zu den Wohnhäusern des Sultans selbst brachte, und vor dem Bangsal Kentjana = dem goldenen Pendoppo kam der Kaiser der Deputation entgegen.

Auch in der Nähe dieses Saales standen Soldaten; man muss sich vollkommen dem Eindrucke des Hofceremoniells hingeben, wenn man nicht beim Anblick dieser Helden ein lautes Lachen erschallen lassen will. Die Legionen des Sultans sind 3–4000 Mann stark und in zahlreiche Compagnien eingetheilt mit ihren eigenen Officieren, eigenen Uniformen, Fahnen; jede hat zwei Tambours und zwei Pfeifer. Die eine Compagnie, welche am meisten meine Aufmerksamkeit fesselte, hatte einen Officier mit einem gelben Frack, grünen Hosen, grossen, schwarzen Kanonenstiefeln, einem dreieckigen Hut mit einem grossen Blumenstrauss, einem grossen, breiten Säbel in der Hand und einer grossen, grünen Brille auf der Nase. Die Soldaten, welche um ihn standen, hatten ungefähr dieselbe Uniform, waren jedoch mit einer Lanze bewaffnet und hatten keine Brille, welche übrigens bei allen übrigen Officieren offenbar als Zeichen ihrer Würde auf der Nase sass. Die anderen Compagnien zeigten bedeutende und pittoreske Unterschiede; sie waren mit Krissen (Dolchen) oder Schwertern und Schild, mit Lanzen oder Gewehr bewaffnet; sie hatten einen Sarong oder kurze oder lange Hosen an; dreieckige Hüte oder spitz zulaufende Mützen oder Helme aus den diversen Jahrhunderten; der Frack war gelb, roth, blau oder schwarz; sie trugen weisse Strümpfe mit Lackschuhen oder waren blossfüssig; kurz und gut, die Uniformen der letzten 300 Jahre hatten ihre Vertreter in den Legionen der beiden Kaiser von Java ([Fig. 15]).

Als Pendoppo hatte dieser Saal keine Wände, und doch sind die Säulen, welche das Dach tragen, und dieses selbst, sofern es den Plafond dieser Halle bildet, als alt-javanische Holzschnitzereien von grossem historischen und architektonischen Werth. Zur Seite steigt das Dach schief nach oben, und seine Balken haben ihre natürliche Farbe, welche durch das hohe Alter dunkel und düster wurde. Diese Balken jedoch sowie die der Caissons des mittleren Theiles, welcher mattblau und roth ist, sind mit zahlreichen Arabesken, Blumen und Thieren in Goldfarbe bedeckt; da aber das Gold dieser Verzierungen auch nicht mehr neu und also nur mattglänzend war, so machte dieser Saal einen düsteren Eindruck. Die Einrichtung bestand nur aus zwei Thronsesseln und acht gepolsterten Stühlen, und der Boden bestand aus Marmor.

Nachdem der Resident dem Kaiser den Brief überreicht hatte, liess dieser den Reichsverweser den Brief öffnen und vorlesen; danach gingen wir uns setzen und Rheinwein trinken, welcher in schönen Gläsern herumgereicht wurde.