Um ½12 Uhr kam ich wieder in Paron an, und der nächste Tag (3. Januar 1889) sah mich wieder dem täglichen Leben in dieser kleinen Stadt und dem anstrengenden Dienste im Fort zurückgegeben.
In dem Fort selbst befand sich das Spital von der 6.[104] Rangklasse. Links von dem nördlichen Eingange des Forts befand sich das einstöckige Gebäude, welches im Parterre das Bureau des Verwaltungsbeamten, die Apotheke mit dem Sprechzimmer des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid«, und im ersten Stock die Säle für die Kranken enthielt. Diese waren durch eine Brücke mit einem zweiten Gebäude verbunden. Das Dach des Spitales war flach und konnte eventuell zum Spaziergange von Reconvalescenten verwendet werden. Der Eingang zum Spitale selbst war eine Treppe mit einer eisernen Thüre, welche zu einem Corridor führte. Die Säle, welche für die Sträflinge bestimmt waren, hatten eigene Thüren aus schweren eisernen Stäben, und die Fenster, welche auf den Hofraum sahen, eiserne Gitter. Die Säle für die Soldaten des Bewachungs-Detachements hatten Thüren und Fenster ohne Gitter. Die Einrichtung des Spitales bestand aus eisernen Betten mit Strohsäcken für die Patienten der 3. und 4. Klasse, und mit Matratzen mit Kapok[105] gefüllt für die Unterofficiere und Officiere und für jene Patienten der 3. und 4. Klasse, für welche eine harte Unterlage gefährlich werden konnte, wie z. B. bei Erkrankungen des Rückenmarks, bei Typhus u. s. w., bei welchen leicht Brand durch Druck entstehen kann.
Der Stand der Krankenwärter war entsprechend der 6. Rangklasse: 1 Sergeant (Ziekenvader), 2 Corporäle (Bediende), 4 europäische Wärter (Oppassers), 4 eingeborene Soldaten (Handlanger), 1 Bürger und 10 Sträflinge.
Von diesen Krankenwärtern mussten einer für die Apotheke, ein Koch und ein Unter-Koch bestimmt und ein »Handlanger« als Kutscher für den Leichenwagen angewiesen werden. Nebstdem wurden ein Sträfling der Apotheke und vier der Küche zugetheilt. Der Krankenwärter, welcher in der Apotheke die Dienste eines Gehilfen leistete, war schon seit Jahren in Ngawie und hatte sich eine bedeutende Fertigkeit im Verfertigen der Recepte u. s. w. angeeignet; das Reglement verbietet, einen solchen Mann derartige Dienste verrichten zu lassen, und gestattet nur, demselben die niedrigsten Dienste eines Apothekergehilfen anzuvertrauen, z. B. Papier schneiden, die Pillenmasse zu kneten, Pulver zu stampfen u. s. w. Es war möglich, diesem Gesetze zu entsprechen, so lange ich einen Assistenzarzt hatte; dieser musste die Recepte des Spitals und der Bürger verfertigen, und so brauchte ich wirklich den Gehilfen nur die kleinen, von dem Gesetze erlaubten Handarbeiten leisten zu lassen.
Als aber dieser mir abgenommen wurde, stand ich vor einem schwierigen Fall; ich hatte ein Spital mit 40–50 Patienten; ich musste die Armen-, Civil- und Gerichtspraxis ausüben und gewiss auch die erste Hülfe bei den besser situirten Europäern, Chinesen und Eingeborenen leisten, wenn sie den weiteren Verlauf auch dem nächsten Civil-Arzte (in Madiun) hätten anvertrauen wollen; ich musste das Gefängniss täglich besuchen, und, so lange ich keinen Doctor djawa zur Assistenz hatte (auch dieser fehlte mir einige Monate), auch die Behandlung der Prostitués auf mich nehmen, und doch bekam ich einen officiellen Verweis, als es in Samarang bekannt wurde, dass ich die Recepte von diesem nicht diplomirten Apotheker anfertigen liess!!
Dieses ist in Indien ein sehr beliebtes und gern angewandtes Mittel gewisser Officiere, um den Untergebenen aus leicht motivirbaren Gründen die nöthige Assistenz abzunehmen, und dann auf diese Weise glücklich im Suchen nach Fehlern u. s. w. sein zu können. So oft ich nämlich nach Samarang schrieb, man möge mir einen Assistenzarzt senden, bekam ich entweder keine Antwort oder ich wurde auf den Mangel an Aerzten verwiesen, und dass ich mich so gut als möglich ohne Assistenz durchschlagen müsse.
Ich hatte einen Oberarzt, welcher also Anfangs October 1888 per Telegramm nach Samarang transferirt wurde, wo durch das epidemische Auftreten der Cholera eine Vermehrung der Militärärzte nöthig wurde.
Es war 3 Uhr Nachmittag, als ich in meinem Mittagschläfchen von diesem Oberarzte gestört wurde; mit einem Telegramm in der Hand klagte er mir sein Leid, sofort nach Samarang gehen zu müssen, wo die Cholera in fürchterlicher Weise herrsche und so zahlreiche Schlachtopfer fordere. Bald sah ich, dass die Furcht vor der Cholera ihn mehr beherrsche, als es sich für einen Arzt geziemt, und mehr, als es für einen Arzt in den Tropen zweckmässig ist, wo (besonders in Java) die Cholera endemisch ist und oft zu starker Epidemie exacerbirt.
Ich trachtete ihm also die Schwierigkeiten vor Augen zu halten, wenn er sich nicht seiner Cholerafurcht widersetze, und machte ihn aufmerksam, dass »der Arzt vor ansteckenden Krankheiten ebenso wenig als der Soldat vor der feindlichen Kugel« sich zurückziehen dürfe. Endlich bekannte er, dass die Furcht vor der Cholera ihn veranlasse, mich zu bitten, telegraphisch seine Transferirung zurückziehen zu lassen, weil die Choleraphobie, die Furcht vor der Cholera, eben schon eine Infection durch Choleragift sei. Da jedoch in Ngawie selbst die Cholera nicht herrschte, so war seine Furcht vor der Cholera gewiss nur psychischen Ursprungs, und ich machte ihn darauf aufmerksam, dass ich zufälligerweise aus eigener Erfahrung über das Wesen der Choleraphobie, welche gewissermaassen eine nervöse Form dieser Krankheit im leichtesten Grade darstellt, einen richtigen Einblick habe.
Ich selbst hatte nämlich im Jahre 1873 daran gelitten. In Wien herrschte in diesem Jahre die Cholera, ohne viel Opfer zu fordern. Nur 60 oder 90 Todesfälle waren vorgekommen, trotzdem die Weltausstellung Hunderttausende von Menschen dahin gelockt hatte. Es war an einem warmen Augusttage, als ich in der Donau ein Bad nehmen wollte und auf der Treppe von einem beängstigenden Gefühle ergriffen wurde; ich stieg nicht in’s Wasser, sondern kleidete mich an. Dabei hatte ich keinen anderen Gedanken, als den, an der Cholera erkrankt zu sein; ich bekam Zwicken und Kneipen in dem Bauch und eilte sofort nach der Stadt, um in einer Apotheke zehn Tropfen Laudanum zu nehmen. Die Angst in der Magengrube (Präcordialangst) nahm zu, ich bekam Diarrhöe, und in fürchterlicher Aufregung rannte ich in meine Wohnung, ohne durch die angewendeten Hausmittel beruhigt zu werden. Die Nacht brach herein, und ich sehnte mich nach dem Schlafe; aber in dem Augenblicke, als ich einschlafen sollte, wurden die Schmerzen im Bauche so arg, dass ich aus dem Bette sprang mit dem Gedanken: »Jetzt erfasst mich wirklich die Cholera.« Endlich gegen 4 Uhr schlief ich ein. Dieser Zustand dauerte vier Wochen lang und nichts half dagegen, bis ich endlich einen Entschluss der Verzweiflung fasste: aut — aut, und ich meldete mich für Ungarn an — als Choleraarzt. Während dieser vier Wochen durfte ich das Wort Cholera weder hören noch lesen, oder ich bekam die ganze Reihe der nervösen Aufregungen mit oder ohne Diarrhöe; ganze vier Wochen lang kam ich nicht vor 4–5 Uhr in den Schlaf, weil mich jedesmal beim Einschlafen das Schreckensgespenst der Cholera aus dem Schlafe riss.