Weiterhin erzählte ich ihm, dass ich diesen Anfällen von Cholerafurcht auch in Ungarn, wo damals eine fürchterliche Epidemie geherrscht hatte, begegnet sei. Bei meiner Ankunft in Eperies wurden mir einige Dörfer in den Karpathen zum Platze meiner Thätigkeit angewiesen, und einer der Beamten begleitete mich, um mich dort zu installiren. Zu meinem Standplatz wollte er die Wohnung eines Försters wählen, der mitten im Gebirge wohnte und gewiss gern mir Gastfreundschaft bieten würde. Als wir dahin kamen und dieser junge Mann alle diesbezüglichen Winke meines Reisebegleiters nicht verstehen wollte, frug ihn dieser zuletzt direct, ob er mich nicht in sein Haus aufnehmen wollte. »O ja, sehr gern,« erwiderte er, »wenn mir der Herr Doctor verspricht, niemals das Wort Cholera in meinem Hause auszusprechen.« Der Mann also, der in den Karpathen allein wohnte, weder Teufel noch Bären noch Wölfe fürchtete, wurde schon durch das Wort »Cholera« in Angst versetzt. Natürlich erklärte ich hierauf meinen festen Entschluss, irgendwo anders eine Wohnung zu suchen.

Das sind zwei ausgesprochene Fälle von Choleraphobie, weil beide in einer von der Cholera inficirten Gegend auftraten, während mein Assistenzarzt keine anderen Symptome als die der Furcht zeigte. Ich wies im weiteren Verlaufe auch auf die geringe Gefahr der Ansteckung von Seiten eines Arztes hin, weil er so wenig in directen Contact mit den Entleerungen der Patienten komme. Als in Ungarn im Jahre 1873 in einigen Dörfern die Cholerakranken von ihren gesunden Angehörigen verlassen wurden, und dadurch ohne Pflege und ohne Behandlung blieben, legte sich ein Arzt, dessen Name mir leider entfallen ist, ins Bett zu einem sterbenden Cholerakranken; dieser Arzt blieb am Leben. Wenn auch drei Krankenwärter in Batavia starben, welche Cholerakranke verpflegt hatten, so sei darum der Arzt doch nicht mehr bedroht, als alle anderen Menschen, welche in demselben Orte wohnen, weil er nur selten oder niemals von den Entleerungen der Kranken beschmutzt werde, und wenn dies zufällig geschehe, er sich auch sofort reinigen und desinficiren könne. Ja noch mehr: wie viel Aerzte hätten in persona bei Cholerakranken die Tanninklystiere gegeben, ohne darum ihre Hülfeleistung mit dem Leben zu bezahlen. Wie oft hätte ich selbst, trotz meiner Cholerafurcht, den fürchterlich nervösen Erscheinungen, welche mit Diarrhöe gepaart gingen, den Cholerapatienten Morphium subcutan eingespritzt (das allerdings nicht resorbirt wurde), ich predigte tauben Ohren. Zuletzt erklärte mein Assistenzarzt — er sei krank, er leide an einem Darmkatarrh! —

»So,« erwiderte ich hierauf, »Sie sind krank; in der brennenden Sonnenhitze von vielleicht 37° kommen Sie zu mir, und Sie sind so krank, dass Sie Ihrer Transferirung nicht folgen können?! Nebstdem sind Sie gestern Abend bis in die späte Nachtstunde im Club gewesen, und Sie haben heute Vormittag nicht nur Ihren Dienst im Fort gethan, sondern sind auch in die Stadt zu Ihren Privatpatienten gefahren ... Doch wenn Sie sagen, dass Sie krank seien, muss ich es Ihnen glauben. Gehen Sie nach Hause, ich komme um 5 Uhr zu Ihnen, um Sie zu untersuchen, und ich bitte Sie, wenn möglich, mich auch Ihren Stuhl sehen zu lassen.«

Als ich um die angegebene Stunde kam, erklärte er mir, seiner Transferirung Folge zu geben.

Vier Tage später kam er zurück, und ein Brief des Landes-Sanitätschefs machte mir die heftigsten Vorwürfe über meine inhumane Handlungsweise, einen Mann den Gefahren der Cholerainfection auszusetzen, der an einem Katarrh des Dünn-, Dick- und Mastdarms leide. Ich vertheidigte mich, nach meiner Ansicht, mit vollkommenem Erfolg; wie überrascht war ich jedoch, am Ende des Jahres in meiner Conduiteliste zu lesen: Nicht hinreichend selbständig, hat sich oberflächlich gezeigt in der Erfüllung seiner Pflicht als Chefarzt gegenüber seinem Assistenzarzt. Sein militärisches Benehmen ist tadelnswerth; verrichtet seine Dienstpflichten mit Eifer, doch nicht immer in passender Weise; er verdient also keine Beförderung!!

Ich reichte meine Vertheidigung an den Armee-Commandanten ein, indem ich die einfache Thatsache mittheilte mit der Bemerkung, dass der Soldat ins Feuer und der Arzt zu ansteckenden Krankheiten gehen müsse, und dass ich so überzeugt sei, nach Recht und Gewissen gehandelt zu haben, dass ich bei Wiederholung dieses Falles wieder in gleicher Weise zu Werke gehen würde.

Während bis Ende März alle Conduite-Listen bei dem Armee-Commandanten eingelangt sein müssen, nachdem der Platz-Commandant, der Landes-Sanitätschef, der Landes-Commandant und der Sanitätschef ihre etwaigen Zusätze und Anmerkungen hinzugefügt hatten, befremdete es mich, im April noch keine Antwort auf diese Vertheidigung erhalten zu haben. Bis Ende März müssen nämlich die Conduite-Listen mit den etwaigen Vertheidigungsschriften aus dem ganzen Archipel eingegangen sein. Von Java selbst gelangen diese »Papiere« schon in den ersten Wochen des Monats Januar nach Batavia und werden sofort erledigt, d. h. entweder im Kriegs-Departement deponirt oder es werden in strittigen Fällen zur weiteren Behandlung die Erhebungen gepflegt.

Aber Anfangs Juli hatte ich noch keine Antwort; endlich hiess es, dass der Landes-Commandirende, General von K., kommen sollte, über die Garnison von Ngawie Inspection zu halten.

In üblicher Weise wurde den Officieren und Mannschaften der Tag und die Stunde angegeben, an welchen sie ihre etwaigen Ansuchen dem Landes-Commandirenden vorbringen konnten. Es war für mich eine schwere Arbeit, zu sorgen, dass sich das Spital und die Apotheke mit ihren Magazinen in reglementärer Ordnung befanden, und dass alle Rapporte bei der Hand waren, welche dem General beim Erscheinen im Spitale vorgelegt werden sollten. An den Inspectionen der Casernen und Officierswohnungen musste ich theilnehmen, um etwaige von mir angegebene hygienische Uebelstände zu demonstriren oder von anderer Seite eingebrachte hygienische Fragen zu begutachten, und ich hatte keinen Assistenten, um den Dienst in der Apotheke, im Gefängnisse, im Frauenspitale und in der Civilbevölkerung von ihm verrichten lassen zu können. Im Drange der Geschäfte vergass ich also, auch mich anzugeben und den General um Mittheilung über den Stand meiner Vertheidigungsschrift zu bitten. Jedoch an dem Revolverschiessen der Officiere betheiligte ich mich; ich sollte als letzter an die Reihe kommen und unterhielt mich unterdessen mit dem Adjutanten des Generals, einem alten Bekannten aus der Zeit meines Aufenthaltes in Sumatra, und frug ihn, ob ihm nichts bekannt sei, welche Erledigung bis jetzt, d. h. nach 6 Monaten Zeit, meine »Affaire« genommen hätte. Er glaubte, mir eine ausweichende Antwort geben zu müssen, welche mich annehmen liess, dass mein Recurs ungünstig erledigt worden sei; dies erregte mich so mächtig, dass ich, aufgerufen, an den Schiessstand zu treten, den Revolver bei dem Laufe in die Hand nahm; ein schallendes Gelächter weckte mich aus meiner Verlegenheit, doch ich schoss so gut, dass die Ehre des ärztlichen Standes als Schütze gerettet wurde. Drei Tage später erhielt ich von dem Landes-Sanitätschef die Mittheilung, dass der Armee-Commandant

».... mit Rücksicht auf die günstige Conduitebeurtheilung, welche »de Officier van Gezondheid«, Breitenstein, bis jetzt hatte, die in Colonne I mitgetheilte unrichtige Behandlung von Sachen[106] als einen vereinzelten Irrthum in gutem Glauben angesehen habe« und dass »Seine Excellenz auf Grund dieses wünscht, die im Jahre 1887 gefällte Beurtheilung vorläufig aufrecht gehalten zu sehen ...«