Sie lautet folgendermaassen: ... »zu erklären, dass eine Krankheit dann epidemisch genannt werden müsse, wenn sie den Stand aller Krankheiten, wie er in gewöhnlichen Verhältnissen sich zeigt, überschreitet, dass aber eine Krankheit dann endemisch zu nennen sei, wenn sie sich zwar beschränkt auf den Ort, wo sie entsteht, aber gleichzeitig eine grosse Zahl Menschen angreift.«
Ich habe in Indien nur eine einzige Choleraleiche seciren sehen; ich kann daher darüber nichts mittheilen, ob unter dem Einflusse des Tropenklimas die Befunde der Choleraleichen andere als in Europa seien. Was die Symptome dieser Krankheit betrifft, so will ich sie unbesprochen lassen, weil sie dieselben wie in den gemässigten Zonen sind. Ob mehr Europäer oder mehr Eingeborene der Cholera zum Opfer fallen, ist deutlich aus den Militär-Krankenrapporten ersichtlich. Ich habe vor mir die Rapporte von den Jahren 1878 bis 1885 und 1891 bis 1895, also über 13 Jahre, und während jeder Epidemie erlagen bedeutend mehr Europäer als Eingeborene dieser Seuche; auch die Zahl der sporadischen Fälle spricht zu Gunsten der Eingeborenen.[116]
| Europäer. | Eingeborene. | |
| 1878 | 38 | 19 |
| 1879 | 5 | 4 |
| 1880 | 7 | 2 |
| 1881 | 410 | 150 |
| 1882 | 262 | 72 |
| 1883 | 326 | 128 |
| 1884 | 80 | 15 |
| 1885 | 69 | 35 |
| 1891 | 190 | 89 |
| 1892 | 91 | 34 |
| 1893 | 40 | 23 |
| 1894 | — | 2 |
| 1895 | — | 1 |
Die Behandlung der Cholera richtet sich in Indien nach den jeweilig herrschenden Ansichten in Europa. So hat z. B. Dr. J. Gronemann, gewesener Leibarzt des Kaisers von Djocja, mit sehr viel Eifer auf Grund der herrschenden Lehre der Bacteriologie die Creoline empfohlen. Sein grosser Sanguinismus über den Werth dieses Heilmittels hat nicht nur die indische Presse, sondern auch die von Holland ergriffen, und als im Jahre 1897 die Cholera wieder in Surabaya epidemisch auftrat, wurde eine Commission dahin geschickt, welche unter persönlicher Leitung dieses alten Mannes die Creoline einer wissenschaftlichen Untersuchung und Probe bei Cholerakranken unterziehen sollte. Als endlich nach vielen Schreibereien diese Commission zusammengestellt und mit Dr. Gronemann in Surabaya angekommen war, wurden die Cholerafälle mit jedem Tage weniger, so dass sie wegen Mangels an Material unverrichteter Sache nach Hause gehen mussten. Dr. Gronemann ist kein Charlatan — ich kenne ihn persönlich — sondern ein therapeutischer Optimist; in »de Locomotief« vom 5. November 1896 empfahl er den Gebrauch (gereinigter) Früchte zur Cholerazeit, und schliesst mit folgenden Worten:
»Nun noch folgende nicht unwichtige Mittheilung: Ein sehr bekannter und renommirter Doctor-djawa wurde nach einem abseits gelegenen Ort gesendet, wo in wenigen Tagen 40 Eingeborene an Cholera (oder an einer der Cholera ähnlichen Krankheit) krank geworden und (Alle) gestorben waren. Er fand dort 10 neue — nach den Symptomen zu urtheilen — an echter Cholera erkrankte Javanen. Eine bacteriologische Untersuchung, welche allein ausmachen konnte, ob die Krankheit wirklich die asiatische Cholera oder die Cholera nostras war, konnte nicht gehalten werden. Aber beide Krankheitsformen, welche miteinander nahe verwandt sind und unter derselben Erscheinung zum Tode führen, werden durch Commabacillen verursacht, welche in den Darmcanal eindringen, dort fortwuchern, untereinander sich nur wenig unterscheiden, und auf gleiche Weise schnell und sicher durch Creoline getödtet werden.«
»Der »Doctor-djawa« gab Allen Creoline nach meiner Methode, welche seit mehr denn sieben Jahren von ihm angewandt wird. Von diesen 10 Patienten starben noch 4, und 6 von ihnen blieben am Leben.«
»Hierauf liess er alle Kampongbewohner dieselbe Medicin als Prophylacticum gebrauchen, indem er ihnen weismachte, dass es Wasser von Rum sei, welches die Teufel austreiben konnte, welche diese Krankheit verursachten und ... kein einziger wurde wieder von der Krankheit ergriffen.« »Practica est multiplex.«
Ob seitdem diese Therapie der Cholera in die grosse Menge der indischen Bevölkerung gedrungen sei, ist mir nicht bekannt; aber bis nun wurde beim Ausbruch einer Cholera-Epidemie von der Regierung bis in die kleinsten und abgelegensten Dörfer der »Choleratrank von Bleeker« in hunderten und tausenden von Flaschen geschickt, weil die Eingeborenen diese »Obat sakit parut« sehr gern nahmen.
Rp.
Olei cajeputi p. II.