Mit mehr oder weniger Recht kann für Java der Einwand gemacht werden, dass auf dieser Insel trotz der Anwesenheit der Sawahfelder die Bevölkerung in diesem Jahrhundert so bedeutend zugenommen habe, dass überhaupt keine Volkskrankheit von Bedeutung auf Java herrschen könne.
Die Mortalität allein kann aber hierin nicht das entscheidende Wort sprechen. Die Morbidität und das Allgemeinbefinden sind ja auch Factoren, die in dieser Frage mitzusprechen haben.
In Tjilatjap, der ärgsten Fieberhöhle von Java, wohnte eine europäische Familie im Jahre 1891 seit 27 Jahren, eine zweite Familie seit 12 Jahren u. s. w., ohne durch die dort herrschende Malaria zu leiden, auch wenn diese zu der heftigsten Epidemie exacerbirte, der Tausende und abermal Tausende erlagen; diese zwei Familien haben ebenso wie Tausend andere der Eingeborenen eine gewisse Immunität erworben, die ja, folgert Prof. Koch, regelmässig mit dem Ueberstehen einer Infection verbunden sein soll.
Wenn man also behaupten will, dass der Sawahbau nicht schädlich sei, weil die Bevölkerung trotz desselben mit jedem Jahre wachse, so müsste man auch behaupten, dass die Sümpfe ungefährlich seien, und dass die Malaria eine unschädliche Krankheit sei, weil trotz derselben die Bevölkerung an Zahl zunehme; ja noch mehr; die grossen Sümpfe bei Tjilatjap werden von dem Kindermeer begrenzt, welches, wie ich mich persönlich überzeugt habe, seinen Namen mit Recht verdient: Eine Unzahl von Kindern umschwärmte uns, als ich und eine Gesellschaft den Kampong aufsuchte, welcher sich auf zwei Meter hohen Pfählen über der Sumpffläche des Dorfes erhob.
Entscheidend für die Schädlichkeiten der Sawahfelder ist allein die Frage: Kommen in der Nähe derselben zahlreiche Fieberfälle vor, welche aufhören, wenn die Sawahfelder aufgelassen werden? Dies ist thatsächlich der Fall, und seit dem Jahre 1875[120] wurde die Richtigkeit dieser Thatsache und Schlussforderung in zahlreichen Fällen nachgewiesen. Die Sawahfelder sind also eine reichliche Quelle für die Malaria; sie müssen also entweder abgeschafft oder unschädlich gemacht werden.
Nach dem ganz richtigen Principe der Holländer, die Eingeborenen so viel als möglich in ihren Sitten und Gebräuchen zu lassen, könnte das Abschaffen der Sawahfelder nur eine Frage der Zeit sein, d. h. man könnte durch Belehrungen und durch andere Mittel der Ueberredung die Javanen von der Schädlichkeit der Sawahfelder überzeugen, und es würde bei dem Conservatismus der Javanen der Regierung zunächst gelingen müssen, den Vortheilen des Baues trockener Reisfelder Anerkennung zu verschaffen und erst die folgende Generation ihn in die Praxis einführen zu lassen.
Wenn jedoch, was mir nicht bekannt ist, das Erträgniss der Sawahfelder um so viel das der Ladangs überragen sollte, dass dadurch das Interesse des Volkes leiden sollte, dann kann man sich mit palliativen Mitteln behelfen. Die Regierung kann ja verbieten, dass in einem Umkreise von 250 Metern, welcher die öffentlichen Gebäude und eventuell die Wohnstätte der Europäer und selbst die Kampongs umziehen würde, kein nasses Reisfeld angelegt wird; es ist zwar richtig, dass ein Streifen Land von 250 Meter Breite und vielleicht von 1 bis 2 Kilometer Länge ein respectables Vermögen repräsentirt; aber mit diesem Vorschlag ist ja noch nicht gesagt, dass dieser Streifen darum auch unbebaut bleiben müsse; im Gegentheile, er müsste mit Garten-Anlagen versehen, mit Fruchtbäumen als: Djerug, Mangistan, Advocaat, Duku, Langsat, Kanaris, Tamarinda, Durian, Nangka u. s. w. bepflanzt werden, um das Ueberstreichen der Miasmen zu verhüten.
Die Wasserbesorgung bleibt für Indien immer eine schwierige Frage, weil selbst artesische Brunnen nicht immer tadelfreies Wasser liefern; sie wird weiter unten ausführlicher besprochen werden.
Die Abfuhr der Fäcalien ist in Java sowie auf allen Inseln des indischen Archipels noch sehr primitiv. Als das Ideal derselben gilt strömendes Wasser, über welchem sich der Abort befindet. Ein grosser wasserreicher Strom erfüllt vielleicht (??) diesbezüglich alle Anforderungen der modernen Hygiene. Solche kommen jedoch wenig auf Java vor und können übrigens nur einer kleinen Anzahl von Wohnungen hierin gute Dienste leisten; in der Regel durchziehen Riolen die Stadt, welche zu wenig Wasser haben, um in ausgiebiger Weise die deponirten Fäces in den benachbarten Strom zu bringen. Sehr häufig besitzen die Häuser Senkgruben, welche alle Jahr einmal geleert werden. Natürlich durchdringt der flüssige Inhalt den Boden und erreicht oft genug den Brunnen. In den grossen Anstalten, Spitälern, Casernen und Gefängnissen ist das Tonnensystem in Gebrauch; täglich werden von Sträflingen die vollen Tonnen in den nahen Fluss (stromabwärts) entleert und gereinigt. Die Eingeborenen gebrauchen für ihre Bedürfnisse am liebsten den Fluss, auch wenn er selbst 2–300 Meter vom Hause entfernt ist; im andern Falle haben sie im Garten eine Senkgrube, welche mit Brettern gedeckt ist.
In den Deckel ist eine Oeffnung geschnitten, so dass der Eingeborene seine Kunst im Hocken (Djongkok M.) auch bei dieser Gelegenheit üben kann. Selbst wenn er als Bedienter bei seinem Herrn oder in einem Hotel einen Sitzplatz findet, wird er nur darauf hockend oder stehend davon Gebrauch machen. Aus hygienischen und Reinlichkeits-Gründen wäre dieses Jedermann zu empfehlen, obwohl damit andere Unannehmlichkeiten verbunden wären. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, hockend einige Minuten auf einem Brette stehen zu können oder zu wollen.