Die Abfuhr der Fäcalien spielt in der Ausbreitung gewisser epidemischer Krankheiten, wie z. B. der Cholera, des Typhus, der Dysenterie u. s. w. eine grosse Rolle. Ich würde jedoch die Grenzen dieses Buches zu weit überschreiten, wenn ich die Mittel besprechen wollte, welche Java von dem schädlichen Einfluss dieser mangelhaften Canalisirung der Städte befreien können.

Von den auf [Seite 197] angeführten Factoren, welche in der Aetiologie der Cholera eine Rolle spielen, werden die Abattoirs in Java am meisten stiefmütterlich behandelt. Das Thier wird in einer Schoppe aus Bambus geschlachtet, das Blut wird von dem chinesischen und europäischen Schlächter in grossen Töpfen aufgefangen und in der Küche verwendet, während der Eingeborene es in die Riolen abfliessen lässt. Die andern Abfälle werden in die nächste Senkgrube geworfen. Die Haut der Rinder und die Hörner werden zu Industriezwecken verwendet, und Niemand kümmert sich darum, ob die übrigen Abfälle durch das Faulen in der freien Luft, in oder ausserhalb der Senkgruben die Luft verpesten oder in der trockenen Zeit austrocknen, oder ob sie von den »Gladakkers« = herrenlosen Hunden des nächsten Kampongs verzehrt werden.

Die individuelle Prophylaxis der Cholera richtet sich in Java nach den jeweiligen in Europa herrschenden Ansichten; bald wird Salzsäure, bald Brandy in das Trinkwasser gegeben, bald wird nur gekochtes, bald gar kein Trinkwasser getrunken, bald werden gar keine Früchte und bald nur saure Früchte gegessen — auch gegen diese endemische Krankheit Javas erwartet man von Europa nicht nur die Mittel der Behandlung, sondern auch die der Prophylaxis.

8. Capitel.

Die Schiefertafel („Leitje“) — Die Wege der Fama — Lesegesellschaft — Ein humoristischer Landesgerichtsrath — Abreise von Ngawie — Ambarawa — Nepotismus in der Armee — In drei Tagen zweimal transferirt — Vorschuss auf den Gehalt — Die Provinz Bageléen — Essbare Vogelnester — In Tjilatjap — Polizeisoldaten — Beamte — Sehenswürdigkeiten von Tjilatjap — Officiere in Civilkleidung — Eingeborene Beamte — Gehalt eines Regimentsarztes — An Malaria erkrankt — Djocja — Der Tempel Prambánan — Die „Tausend Tempel“ — Wieder nach Ngawie — Spitalbehandlung der Officiere — Reibereien in kleinen Städten — Die Provinz Surakarta — Der Kaffeebaum — Ein Roman auf dem Vulcane „Lawu“.

Am 10. Januar 1890 wurde meine Transferirung nach Willem I beschlossen. Wie gewöhnlich erfuhr ich dies zunächst aus den telegraphischen Nachrichten in der »Locomotief«, der besten, täglich erscheinenden Zeitung von Indien. Ahnungslos sass ich Nachmittags um vier Uhr beim Thee, als mich ein »Leitje« = »Schiefertafel« des Platz-Commandanten davon verständigte. Es wird nämlich in Indien zum geselligen schriftlichen Verkehr kein Papier, sondern das »Leitje« gebraucht, welches aus einer doppelten Schiefertafel besteht. Auf die eine schreibt man seine kurze Mittheilung, und auf die zweite kann der Empfänger sofort die Antwort schreiben, weil sich der Griffel im hölzernen Rahmen befindet. Dies ist eine sehr einfache und praktische Correspondenz, welche voraussetzt, dass der Ueberbringer, der Bediente oder die Babu (Zofe), es nicht lesen können, und dass kein indiscreter Nachbar sie auffängt. Leider ist oft weder das Eine noch das Andere der Fall, und werden Privatgeheimnisse bekannt, ohne dass der Verräther eines solchen Geheimnisses geahnt wird.

Ein solcher Fall trug sich auf Atjeh im Jahre 188. zu. Der Gouverneur der Provinz, General v. T..., beschloss eines Tages, am anderen Morgen eine grosse Expedition gegen die Atschinesen ausrücken zu lassen, und besprach diese Angelegenheit mit den vier anwesenden Bataillons-Commandanten. Diese Expedition musste geheim gehalten werden, weil der Feind überfallen werden sollte. Am andern Morgen wurde um drei Uhr Alarm geblasen, und die vier Bataillons-Commandanten waren nach einer Viertelstunde an der Spitze ihrer Truppen. Da trat plötzlich ein Hauptmann zu dem Oberst-Lieutenant B. und frug ihn, wie spät er hoffe in Y. zu sein. »Wieso wissen Sie es, dass wir nach Y. marschiren?« »O, dies habe ich gestern im Club gehört.« »Was? Sie haben es gestern Abend im Club gehört, und wir vier Bataillons-Commandanten haben dem General v. Th.. das Wort gegeben, die Expedition geheim zu halten! Gehen Sie sofort zum General, ihm dieses zu melden; denn wenn Sie es schon gestern im Club gehört haben, dann wissen es auch schon die Atschinesen, und unsere Arbeit ist umsonst; ‚der Vogel ist sicher geflogen‘.«[121] Der General war entrüstet, als er von diesem Vorfall Rapport erhielt, liess die Truppen in die Caserne zurückgehen und befahl dem Oberst-Lieutenant B., eine strenge und genaue Untersuchung zu halten, von wem der Verrath ausgegangen sei. Alle Officiere, welche den Abend vorher im Club gewesen waren, wurden vernommen, und endlich fand man die Quelle des Verraths — bei dem Oberst-Lieutenant B., welcher seinem Adjutanten ein »Leitje« mit dem Befehle geschickt hatte, ihn den folgenden Morgen um 3 Uhr von der Wohnung abzuholen.

Abends um 7 Uhr kamen alle Officiere und bekannte Bürger zu mir, um mir zu meiner Transferirung zu »felicitiren«. Die Veranda meines Hauses hatte zwei ovale Tische, um welche Schaukelstühle und gewöhnliche Stühle standen; diese waren chinesisches Fabrikat und aus Djattiholz (Tectonia grandis) verfertigt. An der Mauer hingen zwei Oleographien nach Defregger, und dazwischen befanden sich einige kleine Etagèren für Blumentöpfe. Diese Etagèren waren von einem Javanen aus dem schweren und harten Djattiholz geschnitten; sie verriethen ebenso viel Kunstsinn als Geschmack und hätten jedem europäischen Holzkünstler Ruhm und viel Geld eingetragen; sie stellten zwei schnäbelnde Tauben dar, welche ein Brettchen auf dem Rücken trugen. Der Künstler war damals schon ein alter Mann, so dass er leider nur noch kurze Zeit für seine Kunst leben konnte.

Kein einziger der Besucher dachte daran, mir und meiner Frau etwas anderes als den Glückwunsch auszusprechen, endlich von diesem »Neste« befreit zu werden. Es ist wahr, dass Ngawie eine hohe mittlere Temperatur hatte; aber es hatte damals »ein gesundes Klima«. Es ist wahr, dass die Zahl der Europäer sehr klein war; die Garnison hatte 1 Major, 2 Capitäns und 4 bis 5 Lieutenants; von den Bürgern konnten mit uns auch nur 8 Familien verkehren, so dass der gesellschaftliche Verkehr sich auf 15 Familien beschränken musste; solche kleinen Garnisonen haben aber den Vortheil, dass ein gemüthlicher und geselliger Verkehr leicht zu Stande kommt.

Eine grosse Stadt bietet eine grosse Auswahl im Kreise der Bekannten, es giebt in Batavia, Samarang u. s. w. zahlreiche Musikvereine, es besteht eine Theatergesellschaft von Dilettanten, oder es kommen hin und wieder Opern- und Operettengesellschaften aus Europa und führen in mittelmässiger Qualität die letzten Novitäten (?) in einem dazu bestimmten Gebäude auf, es giebt wissenschaftliche Vereine, Museen, welche dem Amateur Sehenswerthes in Hülle und Fülle bieten. In den zahlreichen Geschäften können die Damen, wenn auch oft nur um hohe Preise, der Mode ihre unvermeidlichen Opfer bringen. Die grossen Entfernungen bieten nicht nur zahlreiche Spazierwege, sondern zwingen auch, eine Equipage zu halten, um damit auch täglich ausfahren zu können und sich den thatsächlich hohen Genuss zu gönnen, sich um 6 Uhr beim Scheiden der Sonne an dem sanften Zephyrwinde zu erfrischen, der dem in der Equipage Sitzenden die Schweisstropfen trocknet.