Ngawie war dagegen eine kleine Garnison und hatte nur eine kleine Auswahl der gesellschaftsfähigen Menschen, während der Ort selbst nichts, gar nichts zur Abwechslung in dem täglichen monotonen Leben bot; die Menschen schliessen sich also mehr an und — manchmal entwickelt sich ein Freundschaftsverhältniss, das einen Ersatz für alle Vorzüge der Grossstadt bietet. Für jeden Fall jedoch wird man gezwungen, in »der Familie das Glück zu suchen«. Für die Zerstreuung wird durch die »Büchsen« gesorgt. Wo nur zehn Europäer wohnen, wird eine »Lesegesellschaft« errichtet, welche einen »Director« wählt. Durch einen monatlichen Beitrag von 4 bis 5 fl. wird von den 10 bis 15 Mitgliedern eine hinreichende Summe zusammengebracht, um auf die bedeutendsten und bekanntesten europäischen Wochenschriften in der holländischen, deutschen, französischen und englischen Sprache zu abonniren; man wird in jeder Lesegesellschaft ebenso gut die »Fliegenden Blätter« als die französische »L’Illustration« oder den englischen »Punch« finden. Die bedeutendsten Romane kommen sofort in die Hände des indischen Publicums, und nur wenn der »Director« der Lesegesellschaft die Wahl der Bücher dem Buchhändler überlässt, kommen Bücher »in die Büchsen«, welche für ein ganz anderes Publicum bestimmt sind, als für das in Indien, welches gewöhnt ist, die besten und neuesten Bücher zu lesen, auch wenn sie so theuer sind, dass der Einzelne sich bedenken würde, sie zu kaufen. Die Wahl der Bücher und Wochenschriften wird darum in der Regel den Mitgliedern überlassen; zu diesem Zwecke wird in dem Monat September an diese eine Liste aller möglichen Wochenschriften gesendet, und Jeder giebt an, von welcher er ein neues Abonnement wünscht. Der »Director« entscheidet hierauf im Verhältnisse zum Stande der Casse, was für das nächste Jahr bestellt werden müsse. Dieser hat aber noch eine zweite und eine dritte Quelle der Einnahmen. Zunächst haben viele Lesegesellschaften »Nachlesers«, d. h. Menschen, welche aus verschiedenen Ursachen sich begnügen, die Wochenschriften und Romane zu lesen, nachdem sie alle Mitglieder ausgelesen haben. Der Eine thut es, weil er als Nachleser nur 2 oder 1½ fl. monatlich zu bezahlen hat; ein Zweiter kann einfach nicht Mitglied werden, weil eine gewisse Zahl Mitglieder nicht überschritten werden darf. Um auf dem Laufenden der Ereignisse in Europa zu bleiben, wünscht natürlich jedes Mitglied bei Ankunft der Wochenschriften und Bücher sofort wenigstens von zwei oder drei derselben das Exemplar zu erhalten. Der Director sorgt also dafür, dass jede Woche Jeder der Mitglieder in seiner »Trommel« eine oder zwei Nummern der zuletzt erschienenen Zeitschriften erhält; diese »Trommeln« circuliren dann jede Woche einmal, und wenn 15 Mitglieder sind, bekommt jedes Mitglied die meisten Zeitschriften, wenn sie schon 15 Wochen alt sind; das ist natürlich selbst für Indien, wo man gewöhnt ist, erst in 4 bis 5 Wochen einen Brief aus Europa zu erhalten, eine veraltete Lectüre. Darum wird eine gewisse Anzahl der Mitglieder nicht überschritten, und jeder Candidat wird so lange »Nachleser«, bis er zum Mitgliede avanciren kann. Dann giebt es Pflanzer oder Beamte oder selbst Officiere, welche sich allein auf abgelegenen Plätzen befinden und wegen grosser Entfernung nicht jede Woche eine »Trommel« erhalten können; sobald eine Transportgelegenheit besteht, schickt ihm der Director der Lesegesellschaft alle von den Mitgliedern gelesenen Bücher und Zeitschriften, welche er seinerseits wieder zurückschicken muss.
Fig. 14. Reichsinsignien, getragen von den Serimpis zu Djocja, nach Dr. Gronemann.
Da für jede Beschädigung eines Buches oder einer Wochenschrift Strafe bezahlt werden muss, so sind dieselben, trotzdem sie während 15 Wochen durch die Hände von 15 Familien gegangen sind, dennoch in einem so guten Zustande, dass sie mit oder ohne kleine Reparaturen wieder auf Auction gebracht werden können. Der Director hält nämlich am Ende des Jahres eine Versammlung der Mitglieder ab, um Bericht über den Stand der Casse und über die Wahl der Bücher für das nächste Jahr zu erstatten, eine Wahl des Directors und Cassirers vorzunehmen, und zum Schlusse wird bei einem Glas Bier oder einem Gläschen Genevre eine Auction der ausgelesenen Bücher und Zeitschriften gehalten. Der Ertrag fliesst in die Casse der Lesegesellschaft, und die »Illustrationen« wandern in die Kinderstube, um von den Kindern ausgeschnitten zu werden, oder in die Zimmer kleiner eingeborener Häuptlinge oder europäischer Beamten, oder werden von den Käufern an die Bibliothek des nächsten Spitales oder der nächsten Militär-Cantine verschenkt.
Diese »Lesegesellschaften« sind also für Indien geradezu ein bedeutender Factor der Volkserziehung, und Alt und Jung und Reich und Arm lesen in Indien viel mehr, als es ihre Standesgenossen in Europa thun.
Für mich und meine Frau war also der erste Aufenthalt in Ngawie keinesfalls bedauernswerth gewesen, und den Glückwünschen unserer Bekannten konnten wir das Bedauern entgegensetzen, Ngawie verlassen zu müssen, wo wir »gemüthliche und gesellige« Tage verbracht und gute und brave Menschen zu Freunden erworben hatten.
Unter den Anwesenden befand sich auch der Landesgerichtsrath Mr. X..., welcher sich stets eines besonders guten Humors erfreute, und in dessen Gesellschaft die Langeweile sich niemals einstellte. Plötzlich erhob er sich von seinem Sessel und verlangte mit feierlicher und ernster Miene, das Wort an den scheidenden Kameraden richten zu können; in seiner Eigenschaft als »Präsident van den Landraad« müssten ihm alle Geheimnisse der Bewohner Ngawies bekannt sein, und dank dieser Wissenschaft sei ihm zu Ohren gekommen, dass ein grosses Fass ungarischen Weines seit vierzehn Tagen in meiner Speisekammer ruhe und nur warte, von seinem köstlichen Inhalte befreit, d. h. in Flaschen abgezogen zu werden. »Wenn unser Aesculapius,« fuhr er fort, »Ngawie verlässt, dann dürfe dieses Fass, gefüllt mit feurigem Ungar-Wein, diesen Garnisonplatz nicht verlassen, es müsse in Ngawie bleiben, wo es durch seinen vierzehntägigen Aufenthalt Bürgerrecht erhalten habe und gewissermaassen Eigenthum der Stadt geworden sei. Wenn die anwesenden Officiere und Bürger das fluchwürdige Vorhaben des Hausherrn, den Wein nach Willem I mitnehmen zu wollen, ebenso entrüstet verurtheilen und verdammen würden, wie er es thue, dann sei er überzeugt, dass eine solche Fahnenflucht nicht werde stattfinden können. Er schlage also vor, das Haus des Dr. Breitenstein nicht zu verlassen, sondern aus der Cantine die Korkmaschine holen zu lassen und sofort mit vereinten Kräften ans Werk zu gehen, d. h. mit dem Abzapfen des Fasses Wein zu beginnen.« Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag von Allen angenommen — bis auf meine Frau.
Mit stummem, flehendem Blick sah sie bald mich, bald den Friedensstörer an, der ihr auf diese Weise plötzlich zehn Gäste zum Abendessen auf den Hals schaffen wollte. Herr X... verstand diesen stummen, jedoch vielsagenden Blick und fuhr in seiner Rede fort: »Meine Herren und Damen; blicken Sie jetzt in das Antlitz unserer hochverehrten Hausfrau; ist in diesen edlen Zügen nur ein kleines Winkelchen Platz für das schädlichste aller Laster, für den Geiz? Ich weiss es durch meine Spione, welche alle Geheimnisse von Ngawie verrathen, dass in der Speisekammer dieser Dame herrliche Conserven aufgespeichert liegen, und doch erbleicht sie bei dem Gedanken, uns bewirthen zu müssen; aus Geiz, nein, dieser edlen Seele sind alle Laster fremd, also auch das des Geizes. Aber meine Herren und Damen, mein scharfes Auge durchblickt nicht nur die Mauern der Speisekammer, sondern auch die des Herzens unserer Hausfrau. Dort, in der Speisekammer, sehe ich nämlich Büchsen mit Erbsen, Spargel, geräuchertem Lachs, Sardinen, condensirter Milch, Krebsen, amerikanischen Früchten, Erbsensuppe, Kalbsbries und geräucherten Heringen; hier in der Tiefe des Herzens sehe ich die Sorge der Ohnmacht, eine so ansehnliche Schaar hungriger und durstiger Gäste in würdiger Weise nach alter indischer Gastfreundschaft bewirthen zu können. Meine Herren und Damen! erleichtern wir aber auch die Sorge und Mühe unserer Gastfrau; es ist beinahe 8 Uhr; auf Jeden von uns wartet zu Hause eine Schüssel Suppe, ein Stück Beefsteak mit Erdäpfeln u. s. w.; lassen wir Boten nach allen Richtungen der schönen und grossen Stadt Ngawie geflügelten Fusses eilen, dass uns unser Abendessen hierher gesendet werde, und dem improvisirten Picknick folge dann die schöne und süsse Arbeit des Abzapfens.« So geschah es. Um 9 Uhr begann das improvisirte Souper, und um 10 Uhr die Arbeit. Die Bedienten, welche diese Arbeit schon früher einige Male gethan hatten, wurden suspendirt, an ihre Stelle traten die Gäste. Der Eine sass am Fussschemel, um die Flaschen zu füllen, der Zweite nahm sie ihm aus der Hand, ein Dritter brachte sie nach der Korkmaschine, ein Lieutenant tauchte sie in das flüssig gemachte Dammar (= Harz) u. s. w. Natürlich hatte Jeder sein Glas und benutzte jeden freien Augenblick, mit ihm zum Krahn zu gehen und sich »frisch vom Zapfen« den Labetrunk zu holen. Im Hause selbst spielte bald meine Frau, bald eine der geladenen Damen am Piano fröhliche Studentenlieder, und um 12 Uhr waren 450 Flaschen gefüllt und gelackt in der Speisekammer. Als das Fass leer war, wurde es von vier Herren auf die Schulter genommen und unter den Klängen des Trauermarsches von Chopin rund um das Haus getragen und im Garten begraben.
Am andern Morgen bekam der Platz-Commandant die officielle Mittheilung von meiner Transferirung. Dr. X... sollte mich ablösen, und nach Uebergabe des »Dienstes in seinem ganzen Umfange« sollte ich nach Ambarawa gehen und mich unter die Befehle des »Eerstanwezenden Officiers van Gezondheid« von Willem I stellen. Da zu erwarten war, dass mein Nachfolger noch vierzehn Tage auf sich werde warten lassen, hatte ich genug Zeit, alle vorbereitenden Maassregeln für die Auction meiner Einrichtung treffen zu können. Ich konnte mit Sicherheit auf keinen günstigen Erfolg meiner Auction rechnen, und besprach also mit dem Auctionator für diesen Fall, meine Einrichtungsstücke nicht à tout prix zu verkaufen. Für jedes einzelne Stück »limitirte« ich den niedrigsten Preis und besprach zu gleicher Zeit mit dem Stationschef die Miethe eines halben Waggons für meine Möbel und Koffer und eines Wagens für meine Equipage und für meine beiden Pferde. Endlich kam mein Nachfolger Dr. X., dem ich den Dienst sofort übergab, und ich bekam dann vier Tage frei, um meine »persönlichen Angelegenheiten regeln zu können«. Herr v. d. V... bot mir für die letzten Tage meines Aufenthaltes in Ngawie in liebenswürdiger Weise Gastfreundschaft in seinem Hause an und gab den Abend vor meiner Abreise mir zu Ehren ein Abschiedsfest. Am 24. Februar war die Auction, welche mich insofern befriedigte, als die grossen Stücke, wie Pianino, Kasten, Equipage und Pferde zwar keinen Abnehmer gefunden hatten, die kleineren Gegenstände aber, als Nippessachen, Service u. s. w. doch noch um 817,40 fl. verkauft wurden. Nach der Auction liess ich das Pianino und die übrigen Möbelstücke mit den Kisten auf drei Frachtwagen, welche mit Ochsen bespannt waren, laden und sie in der Nacht um 3 Uhr von Ngawie wegfahren. Als ich am andern Tage, den 25. Januar, um 7 Uhr nach Paron kam, war alles bereits in den Waggon geladen, und ich verliess Ngawie nach einem Aufenthalte von 16 Monaten in einer angenehmen Stimmung. Die Verdriesslichkeiten, welche ich im Dienste erfahren hatte, traten in den Hintergrund vor den vielen Beweisen der Freundschaft und Sympathie, deren ich mich erfreuen konnte. Für den Transport meiner Möbel, für mich, meine Frau und zwei Bediente bezahlte ich 210 fl. 97 Ct.[122]
Die Reise ging mit der Eisenbahn zunächst nach Solo auf der Staatsbahn; hier musste ich umsteigen, weil die Privatbahn Samarang-Fürstenländer schmalspurig ist, und musste das Gepäck mit meinen Pferden zurücklassen; der Kutscher erhielt den Befehl, bei den Pferden zu bleiben und das Ueberladen derselben auf die andere Linie zu leiten. Eine halbe Stunde später setzte ich meine Reise fort bis Kedong-Djati, wo eine Zweigbahn mich nach Ambarawa mit dem Fort Willem I brachte. Hier kam ich um 6 Uhr Abends an und fand zu meiner Ueberraschung Dr. K., meinen Landsmann und Studiengenossen, welcher bereits im Jahre 1874 nach Indien gegangen war, als meinen künftigen Chef vor.