Obwohl ich mich nur zwei Tage und drei Nächte in Ambarawa aufhielt, weil, wie wir sofort sehen werden, ich schon am 28., also drei (!!) Tage später nach Tjilatjap transferirt wurde, so glaube ich doch einiges über diesen Ort und seine Festung Willem I mittheilen zu müssen.

Ambarawa und das genannte Fort liegen 476 Meter hoch auf dem Fusse des Ungarang (2048 Meter absoluter Höhe) und grenzen im Süden an den grossen Sumpf (Rawa Peníng), welcher, wie der ganze Thalkessel von Ambarawa, einem vulcanischen Einsturze sein Entstehen verdankte; das von dem umgebenden Berge strömende Wasser ergiesst sich in den Sumpf, um weiter als Fluss Tuntang, mit dem Fluss Demak vereint, der Javasee zuzuströmen. Ich hatte späterhin oft Gelegenheit, von Magelang aus per Wagen nach Ambarawa zu fahren, und immer war ich entzückt von dem schönen Panorama, welches sich um das Thal von Ambarawa nach allen Seiten ausbreitete; zahlreiche Dessas (Dörfer) umgeben den Rand des Sumpfes und die anliegenden Berghügel, die Sawahfelder in aller ihrer Farbenpracht, vom sanften Grün des jungen Reises bis zum Dunkelgelb des alten Reisstrohes. Zahlreiche Gemüsefelder und Fruchtbäume umsäumen die Peripherie des Sumpfes, welcher durch passende Ableitung des Wassers theilweise urbar gemacht war. Im Süden erheben der Telamaja (1883 Meter hoch) und der Merbabu (3116 Meter hoch) stolz ihre Häupter, und bei reiner Abendluft sieht man im Hintergrunde aus dem Merapi (2866 Meter hoch) den Rauch zum Himmel steigen.

Ambarawa selbst besteht aus den vier Ortschaften Pandjang, Ambarawa, Losari und Kupang, während das Fort Willem I 1½ Kilometer im Süden dieser Hauptstadt des gleichnamigen Bezirkes liegt. Nebst den Eingeborenen befinden sich dort einige hundert Chinesen, einige Araber, Mooren und Bengalesen. Auf dem Berge Ungarang befindet sich ein Sanatorium, vielleicht in dem schönsten Theile Javas gelegen. Veth giebt seiner Bewunderung über dieses schöne Panorama mit folgenden Worten Ausdruck:

»Dieser Bergrücken (sc. Kendil), welcher nicht mehr als 1½ km Luftlinie von Ambarawa entfernt ist und sich 300–350 Meter über das Thal erhebt, bietet eine Aussicht, welche unter die schönsten gerechnet werden kann, die Java zu geniessen giebt. Das reich bevölkerte Ambarawa, das Lager und die Festung sieht man zu seinen Füssen liegen, und wenn man dahinter den Blick über das Thal schweifen lässt, sieht man dieses wie ein Schachbrett in Fächer vertheilt. Hier wird ein Feld von Karbouwen für die neue Ernte gepflügt, dort prangt ein anderes im lichten Grün der jungen Reishalme; hier ist ein drittes in das dunkle Kleid von altem Reis gehüllt, und ein viertes ist gelb gefärbt von den Aehren, welche unter der Last der Reife ihr Haupt neigen. Kleine Wälder von Fruchtbäumen, welche die zu Dörfern vereinigten Wohnungen der Eingeborenen verbergen, liegen wie Inseln zerstreut dazwischen. Blickt man weiter hinein in den Thalkessel, dann sieht man ein grosses, weites, graues Feld, neben grossen Wasserpfützen, welches weder Acker noch Haine führt. Es ist der Sumpf, welcher durch seine todte Kahlheit ebenso sehr absticht bei der weniger reich bevölkerten und bebauten Gegend, welche sich an der anderen Seite ausbreitet, als bei jener, welche sie von Ambarawa scheidet. Aber was besonders dieses Panorama so ergreifend macht, das sind die grossen Bergprofile, welche jenseits den Thalkessel begrenzen: Im Vordergrund der Kelir, Wiragama und Telamaja, und fern im Süden der breite Scheitel des stolzen Merbabu.«

Das Fort selbst wurde im Jahre 1833 von dem General van den Bosch als Mittelpunkt der Vertheidigung von Java hier angelegt, weil sich hier der grosse Weg vom Norden nach dem Süden in zwei Arme theilt und somit von den Kanonen des Forts bestrichen werden kann, und weil das Terrain eventuell unter Wasser gesetzt werden kann. Nun, die Vertheidigungsfähigkeit dieser zwei Strassen durch das Fort Willem I wird heutzutage von Niemandem mehr anerkannt, und ein europäischer Feind würde mit zwei Mörsern und zwei Gebirgskanonen, welche sich auf dem Telamaja oder Kelir befinden würden, bald das Feuer aus dem Fort zum Schweigen bringen.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind ist schon seit Jahrzehnten die ununterbrochene Sorge der Regierung, und die stets wechselnden Armee-Commandanten brachten zwar auch stets neue Ansichten, aber das Endresultat ist gleich Null; denn das Anlegen von starken Centren in den drei Militär-Abtheilungen von Java im Innern des Landes, von wo aus im gegebenen Falle die Truppen nach allen Richtungen der Windrose dirigirt werden können, ist alles, was bis jetzt geschehen ist. Der heuer ernannte General-Gouverneur von Indien ist ein Militär, und zwar der General Rozeboom, welcher, wie mitgetheilt wird, in Holland durch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Festungsbauten eine Autorität ist; wenn auch während seiner Regierungszeit,[123] welche für fünf Jahre festgestellt ist und verlängert werden kann, der Wechsel des Armee-Commandanten vielleicht derselbe wie früher sein wird, so kann diese Lebensfrage in Indien ernstlich in Angriff genommen werden. Im Laufe der letzten Jahre hat das Armee-Commando sich nur mit der »Reorganisation« der Armee[124] beschäftigt und die Rolle eines Despoten sich angeeignet, wobei natürlich ein Missbrauch dieser absoluten Gewalt nicht ausgeschlossen blieb. Der neue General-Gouverneur kann also die Frage der Vertheidigung Javas selbst in die Hand nehmen und hin und wieder den Herrschergelüsten des Armee-Commandanten mit seiner Autorität entgegentreten; unter den früheren Armee-Commandanten war es bekannt, dass sie keine andere Sorge hatten und kannten, als missliebige Personen zu entfernen und ihren Freunden ein schnelles Avancement zu besorgen, unter dem passenden Vorwande: Junge Kräfte und junges Blut in die höheren Rangstufen zu bringen. Natürlich trat die Regierung in Holland dieser Verschwendung entgegen, welche oft ein bitteres Unrecht gegen die davon Betroffenen involvirte. Aber sie fanden einen Ausweg; was die Oberregierung in Holland officiell verweigerte, erreichten sie durch »hinausekeln«. Dazu sollte manchmal das ärztliche Corps Handlangerdienste leisten. Ich sass beinahe fünf Jahre in der Superarbitrirungs-Commission und hatte als ältester (nach dem Chef) das Referat auszuarbeiten. Dessen kann ich mich jedoch rühmen: ich habe mich immer objectiv gehalten, und wenn auch z. B. in den Zuschriften des Armee-Commandanten mitgetheilt wurde, »dass natürlich unter solchen Verhältnissen nicht zu erwarten sei, dass Hauptmann X. in Zukunft gesund bleiben werde« u. s. w., und wenn auch der Chef der Commission diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstehen wollte, so liess ich mich dadurch in meinem Referat nicht beirren. Da ich auf dieses widerliche Bild nicht mehr zurückkommen werde, so will ich an dieser Stelle den Nepotismus in der indischen Armee skizziren, ohne jedoch in Details zu verfallen. Der Regimentsarzt X. ist verwandt und befreundet mit dem Armee-Commandanten und möchte gern schnell Stabsarzt werden, ohne solche aussergewöhnlichen Leistungen aufweisen zu können, welche ein aussertourliches Avancement[125] rechtfertigen könnten. Capitän Y. möchte gern sobald als möglich den Dienst als Major verlassen, um mit einer Pension von 2800 fl. in patria in der Kraft seines Lebens noch eine Civilstellung annehmen zu können. Die Vordermänner stehen ihnen im Wege, es wird also das Leid direct oder indirect dem hohen Freund und Gönner geklagt. Dieser spricht natürlich gegenüber den Chefs dieser Vordermänner das Bedauern aus, dass seine gute Absicht in Holland aus falschen Sparsamkeitsrücksichten nicht gewürdigt wurde, und dass also altersschwache[126] Männer ohne Energie den goldenen Kragen bekämen. Dieser versteht den Wink und beginnt zu »suchen«.

»Wer einen Hund schlagen will, findet immer einen Stock«, und ich sah oft die unwürdigsten Mittel anwenden, um ein solches Hinderniss aus dem Wege zu räumen. Nepotismus und Protection kommen leider überall vor; aber in einer kleinen Armee machen sie sich mehr als in einer grossen fühlbar und kommen schneller zum Bewusstsein aller Officiere; es entwickelt sich dadurch auch ein Servilismus, der geradezu lähmend auf den ganzen Dienst wirken muss. Es ist zu hoffen, dass das Princip der strengen Anciennität, welche das Gesetz vorschreibt, nicht wieder auf so schändliche Weise umgangen wird, als es unter den früheren Armee-Commandanten geschah. Doch genug von diesen Uebelständen in der indischen Armee.

Die Vertheidigung Javas gegen einen europäischen Feind resp. Amerika ist also die Hauptsorge des neuen General-Gouverneurs; so wenig es mir möglich ist, mich mit dieser Sache zu beschäftigen, so glaube ich auf einen Factor hinweisen zu müssen, der früher als Axioma galt, heute aber gewiss an Bedeutung verloren hat. Dieses Axioma lautet: Die beste Vertheidigung Javas ist — sein Klima; ein europäischer Feind, der auf Java landet, würde schon in den ersten Tagen ⅓ seiner Bemannung durch Fieber, Dysenterie oder Cholera verlieren. Dieses war wahr, hat aber heute seine Richtigkeit verloren; die Lehren der Hygiene sind Gemeingut geworden, und die Verluste einer fremden Macht würden nicht viel grösser sein als die der indischen Armee. Sie würde, um nur ein Beispiel anzuführen, für gutes Trinkwasser sorgen, und die Morbidität der Truppen würde ebenso klein bleiben wie sich die Mortalität nur um geringes steigern würde.

Das Fort Willem I wird gewiss in dem zukünftigen Vertheidigungsplane eine untergeordnete Rolle spielen, z. B. als Depot für Kriegsmaterial, wie das benachbarte Banju-Biru, welches jetzt die Hauptstation für die Feld- und Berg-Artillerie ist.

Bei meiner Ankunft wurde mir eine Wohnung ausserhalb des Forts angewiesen, und zwar im sogenannten »Campement«; d. h. die Bureaux und die Wohnungen der Officiere, welche im Fort selbst keinen Platz hatten, befanden sich vor der ersten Zugbrücke, und zwar in der Nähe des grossen Postweges, welcher bei Samarang beginnt und bei Baven sich in zwei Arme theilt. An der Ecke des »Campements« befand sich das »Windhaus«, welches mir zugewiesen wurde, und ich ersuchte »die Genie«, solche Veränderungen des Hauses vorzunehmen, dass es von dem Zuge nicht belästigt würde. Durch Abschliessen einiger Fenster sollte dies geschehen, und so verliess ich am 28. das Hotel, um meine neue Wohnung zu beziehen; meine Möbel, Kisten und Koffer waren am 27. Abends angekommen, und ich hatte drei Lastwagen gemiethet, welche sie vom Bahnhofe direct ins Haus bringen sollten. Alles war in gutem Zustande angekommen; meine zwei Sandelwood-Pferde begrüssten mich mit lautem Wiehern, und so zog ich an der Spitze der kleinen Karawane zum »Windhause«. Als ich mich diesem näherte, sah ich zu meinem Schrecken Dr. K., mit einem Telegramm in der Hand, mit meiner Frau sprechen, welche laut schluchzend und weinend mir entgegen lief: »Wieder transferirt, und zwar nach Tjilatjap, dem grössten Fieberherde von Java, wo sich nicht einmal Soldaten befinden, von wo die Garnison verlegt werden musste, weil das Fieber, die Malaria sie mordete, wo selbst die Vertheidigungskanonen der Küste verlassen werden mussten, dahin müssen wir gehen.« Dr. K. konnte nichts anderes thun als ich, und zwar mit den Schultern zucken und sagen: es muss sein. Verblüfft sahen mich die Führer der Frachtwagen an, als ich ihnen zurief: »Kombâli« (= zurück); ebenfalls die Schultern zuckend, liessen sie die Ochsen umkehren und die Lasten wieder zum Bahnhofe bringen. Glücklicherweise war der Zug schon um 6 Uhr Morgens nach Solo abgegangen; sonst hätte ich noch denselben Tag abreisen müssen, mit oder ohne Reisegepäck, denn es war eine Eildepesche, und als ich den andern Tag Abends in Tjilatjap ankam und sofort in die Wohnung des Regimentsarztes W... eilte, in der Voraussetzung, ihn schwer krank oder vielleicht schon sterbend zu finden, war er nicht zu Hause!! Als ich ihn endlich in der Infirmerie fand, kam er mir mit den Worten entgegen: »Was kommen Sie hier thun?!!«