Nach Erhalt des Telegrammes ging ich nach Haus, beruhigte meine Frau so viel ich konnte und ging, mich beim Platz-Commandanten abzumelden. Unterwegs fiel mir aber ein, dass so eine Reise nach Tjilatjap wieder Geld und zwar sehr viel Geld kosten würde. Bei seiner Transferirung muss nämlich der Officier alles selbst bezahlen und reicht später seine »Declaration« ein, welche jedoch niemals sofort beglichen, sondern der »Rekenkamer« zur Revision vorgelegt wird. Der Officier kann jedoch 80% Vorschuss auf den Betrag seiner eingereichten Rechnung erhalten. Für die Reise von Ngawie nach Ambarawa hatte ich meine »Declaration« noch nicht eingereicht, von dem Ertrage meiner Auction hatte ich noch keinen Wechsel erhalten; ich war also court d’argent für meine Reise nach Tjilatjap, welche gewiss 300 fl. kosten würde. Ich ging also zum »Bezahlmeister« der Garnison und ersuchte ihn um einen Vorschuss auf meinen Gehalt. Der Zahlmeister, der niemals um einen Witz oder um ein scherzhaftes Wort verlegen war, richtete sich bei meinem Ansuchen stolz auf, sah mich mit drohenden Blicken an und rief entrüstet aus: »Was! ein reicher Doctor, der nicht einmal Kinder hat, verlangt Vorschuss auf seinen Gehalt! Das ist reiner Wucher! Sie wollen noch mehr Geld in die Sparbank bringen; Sie wollen noch immer Zinsen auf Zinsen auf Ihr Vermögen häufen! Das ist Schande!«

»Ja, das ist Schande,« erwiderte ich in demselben Tone der Entrüstung; »aber wessen? Da werde ich aus der Mitte Javas nach dem Norden der Insel transferirt, und drei Tage später wieder vom Norden nach dem Süden; der Regierung kostet dieses 219 fl. und mich über 300 fl.! Will also die Regierung durch uns Officiere die Unkosten der Eisenbahnen decken! Nehmen Sie jetzt an, dass ich 6 bis 8 Kinder hätte, wie viel würde ich dann verlieren? Finden Sie es also ein Unrecht, dass die Regierung dafür eine kleine Entschädigung bietet? Ich bekomme nach Recht und Gesetz, weil ich verheiratet bin, von vier Monaten, im anderen Falle von drei Monaten Gehalt einen Vorschuss, den ich nach drei Monaten in Raten von ¼ meines Gehaltes abzuzahlen anfangen muss; die 1700 fl., welche ich jetzt von Ihnen erhalte, tragen im günstigsten Falle 65 fl. Interessen (zu 4% gerechnet). Ist dieser Betrag nicht so klein, dass es eine Schande ist, darüber ein Wort, zu verlieren? Setzen Sie jedoch den Fall, dass ich 6 oder 8 Kinder hätte; würde es für mich nicht geradezu ein Unglück sein, in drei Tagen zweimal transferirt zu werden? Ich würde den Verlust nicht verschmerzen können und Schulden machen müssen.«

Diese häufigen Transferirungen sind auch die Schuld, dass sehr viele Officiere erst im Range vom Major aus ihren Schulden gegenüber der Regierung herausgekommen sind, da sie ihre alte Schuld, welche in 19 Monaten und von ledigen Officieren in 15 Monaten abbezahlt sein muss, noch nicht getilgt hatten, wieder transferirt wurden und dabei zunächst die alte Schuld abtragen mussten.

In früheren Jahren gab die Regierung jedem Arzte, und wenn ich mich nicht irre, jedem Officier, der darum das Ansuchen stellte, auch für den Ankauf von zwei Reitpferden 400 fl. Vorschuss, welcher Betrag (ebenfalls rentelos) in 20 Monaten abgezahlt sein musste. Da sich nach und nach der Missbrauch eingestellt, dass von den dazu berechtigten Officieren dieser Vorschuss genommen wurde, ohne dass sie sich factisch zwei Pferde kauften, wie z. B. in Garnisonen, wo sie sie nicht gebrauchen konnten, so hat die Regierung im Jahre 1888 damit ein Ende gemacht, indem sie diesen Vorschuss nur für den Fall bewilligte, als der Kauf der Pferde factisch geschah; zu diesem Zwecke wurde in allen Garnisonen eine Controlliste der Officiers-Pferde angelegt.

Nachdem ich meinen Vorschuss erhalten hatte, ging ich zunächst nach dem Bahnhof, um zu sehen, ob mein Gepäck und besonders, ob meine Pferde wieder ohne Schaden in den Waggon gebracht worden waren. Da diese feurigen Temperamentes waren, gab ich ihnen auf die Reise keinen Reis mit, sondern befahl dem Kutscher, welcher sie begleitete, jeden Tag 2 Pikol frisches Gras zu kaufen = 125 Kilo, wofür ich ihn 20 Ct. verrechnen liess. Es war ja die Regenzeit, und in diesem Monat kann man einen Pikol Gras selbst um 6 Ct. = 6 Kreuzer = 10 Pfennige bekommen; in der trockenen Zeit steigt der Preis oft bis auf 15–20 Cts., weil es dann oft weit her, z. B. von den Ufern eines Flusses oder aus schattigen Wäldern geholt werden muss. Ganz trocken ist das Gras in Java allerdings niemals, weil der Feuchtigkeitsgehalt der Luft immer ein hoher ist, und dies ist auch die Ursache, dass grosse Lauffeuer selten in Indien vorkommen. Am andern Morgen, den 28. Januar, ging ich also um 6 Uhr früh wieder auf die Reise, um 1 Uhr kam ich in Djocja an, wo mich der Resident erwartete, dessen Frau eine Schulkameradin meiner Frau war, und lud mich ein, eine Nacht bei ihm zu logiren. Ich nahm es nicht an, weil mich das Eiltelegramm des Landes-Sanitätschefs das Aergste für den Gesundheitszustand des dortigen Arztes befürchten liess. Es war glühend heiss, das Thermometer zeigte im Schatten 35° C.; in der Restauration des Bahnhofes hatten wir ein ziemlich gutes Beefsteak mit Erdäpfeln gegessen und eine Flasche Rheinwein geleert, so dass wir gerade nicht leichten Muthes wieder die Reise fortsetzten. Bei dieser hohen Wärme ist in Indien das Fahren auf der Eisenbahn ja unerträglich. Ich hoffte eine Erleichterung zu finden, wenn ich für mich und meine Frau Karten I. Classe nehmen würde, um dadurch ein Coupé für uns Beide allein erhalten und mich des Rockes und der Schuhe entledigen zu können; aber wer kann unsern Schreck schildern, als unmittelbar vor Abgang des Zuges ein Herr sich zu uns gesellte, der, wie er mir später erzählte, dieselbe Absicht gehegt hatte. Dieser brave Mann ist seitdem gestorben. Ich kann also heute ruhig gestehen, dass wir Beide alle Flüche und Qualen der Hölle auf seinen Kopf erwünschten, natürlich nur im Flüsterton. Endlich um 6¼ Uhr Abends kamen wir in Tjilatjap an und mein Vorgänger — erfreute sich der besten Gesundheit!!


Bei meiner Transferirung von Ambarawa hatte ich die Provinzen Samarang, Surakarta, Djocjacorta, Bageléen und Banjumas durchzogen. Die ersten drei und die letzte Provinz werden uns weiterhin noch viel beschäftigen, und darum will ich an dieser Stelle nur mit wenigen Zeilen der Provinz Bageléen gedenken, weil ich einerseits sie nur per Eisenbahn durcheilt habe und sie andererseits nicht viel Sehens- und Mittheilenswerthes enthält.

Vor dem grossen Kriege von Java in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Bageléen (und Banjumas) ein Theil des westlichen Mantja[127]-negara,[128] und seine Fürsten waren Vasallen des Sultans von Solo. Hier in Bageléen, welches jetzt nicht nur die dichtbevölkertste Landschaft von Java, sondern vielleicht von der ganzen Erde ist [es wohnen ja mehr als 20,000 Menschen auf einer Quadratmeile,[129] und es besitzt bei einer Grösse von 62,07 ☐Meilen einen Ort (Purworedjo) mit 20,000 Seelen, 202 Kampongs mit 1000–5000, 679 Dessas mit 5–1000, 1327 mit 200–500, und 442 Dörfer bis 200 Seelen], wüthete früher der Despotismus seiner Fürsten mit allen seinen Qualen und Leiden für den kleinen Mann, und man muss oft die lebhafte Phantasie bewundern, mit welcher diese kleinen Despoten Steuern zu erfinden wussten. Es wurde eine Steuer für wohlgefüllte Waden erhoben, die Einäugigen mussten Steuern für die Blinden bezahlen, bei jeder Klage wegen Diebstahls musste ein gewisser Betrag erlegt werden, für die Wachthütten auf den Reisfeldern, welche nicht gebaut wurden, für das Wiegen des Reises, welcher als Zehnt eingeliefert werden musste, war ein Zoll festgesetzt, obzwar der Reis niemals gewogen wurde, für das Zählen der Reisfelder, was niemals geschah, für das Recht, den Tanzmädchen zuschauen zu können, ob man es ausübte oder nicht, wurde eine Steuer erhoben, kurz, unter 34 (!!) verschiedenen Namen wurde der kleine Mann in seinem Erträgniss des Bodens gekürzt. Im Jahre 1830 kam es endlich unter die directe Verwaltung der holländischen Regierung; sofort wurden 24 dieser diversen Steuern abgeschafft, und die üppige Tropenflora im Verein mit der humanen europäischen Regierung schufen aus den öden, unbebauten, brachliegenden Feldern eine reich bevölkerte und reich bebaute Provinz mit einer glücklichen und zufriedenen Bevölkerung.

Der Name dieser Provinz stammt aus dem altjavanischen Pageléen = penis und von der Linggasäule, welche sich bei Purworedjo, und zwar bei dem Dorfe Bageléen befindet und noch heutzutage von der Bevölkerung angebetet wird. Ueberhaupt findet man ja in Süd-Java viele Spuren des Siva-Dienstes.

Eine andere Sehenswürdigkeit ist der ausgehöhlte Felsen Karang bólang, welcher sich 181 Meter hoch über die See an der Südküste erhebt und sich wie ein Dom über die Fläche des Meeres wölbt, als Heimath von Tausenden und abermal Tausenden von Schwalben, deren essbare Nester unter dem Namen sarong burung ein starker und verbreiteter Handelsartikel geworden sind. Im Jahre 1871 wurde das Erträgniss dieser Höhle auf 25 Jahre für den Betrag von 37,100 fl. pro Jahr verpachtet. Nach Friedmann sollen jährlich 500,000 Stück gewonnen werden.[130]