Die Hauptstadt Purworedjo mit dem Garnisonplatz Kedong Kebo und mit dem Gunung Wangi (8 Kilom. entfernt) = Berg des herrlichen Duftes,[131] die Grotte vom Berge Lawang und Tebasan mit den zahlreichen Ueberresten des Siva-Dienstes, die Umgebung von Kabumen mit ihren warmen Quellen, Gombong mit seiner Cadettenschule und der Grotte Ragadana mit schönen Stalaktiten sowie zahlreiche Alterthümer kann ich nur andeuten, aber nicht beschreiben, weil ich niemals Gelegenheit hatte, aus Autopsie sie kennen zu lernen.
Die Provinz Banjumas, in welcher Tjilatjap liegt, habe ich nach vielen Richtungen hin durchzogen, und zwar entweder in dienstlichen Angelegenheiten oder zu meinem Vergnügen. Am häufigsten kam ich nach Babakan, wo sich längs des Meeresstrandes die Schiessstätte der Artillerie der zwei militärischen Abtheilungen Javas befindet. Nach der Hauptstadt Banjumas kam ich im Ganzen nur viermal. Das erste Mal hatte den Zweck, mich dem Residenten (Statthalter) der Provinz vorzustellen, weil dieser in civilen Angelegenheiten gewissermaassen mein Chef war.
Nachdem ich zu meiner Ueberraschung meinen Vorgänger nicht nur beim besten Befinden getroffen, sondern auch von ihm vernommen hatte, dass er schon seit einigen Wochen einer relativ günstigen Gesundheit sich erfreue, ging ich nach Hause ins Hotel, um ein erfrischendes Bad zu nehmen und hierauf trockene Leibwäsche anzuziehen. Das Hotel wurde von Frau X... geleitet, während ihr Mann gleichzeitig Schiffshändler und Kaufmann war; er hatte im Hotel einen Laden, in dem man einfach Alles zu kaufen bekam; es war ein »Tôko«, wie sie überall in Indien gefunden werden. Abgesehen von einigen Modistengeschäften in den grossen Städten, wie Batavia u. s. w., kennt der Detailhandel in Indien keine Specialitäten. In einem Tôko findet man Papier, Bücher, Gewehre, Conserven, Leinwand, Schuhe, Hüte, Lampen, Gläser, Porzellanwaaren, Petroleum, Käse, Butter, Thee, Kaffee u. s. w.
Natürlich hatte sich wie ein Lauffeuer die Nachricht verbreitet, dass ein neuer Arzt angekommen sei, und Jeder beeilte sich, diesen zu Gesicht zu bekommen. Jeder hatte also diesen Abend in diesem Tôko etwas zu kaufen; der Eine eine Kiste Cigarren, der Andere eine Schachtel Maschinenzwirn und der Dritte bestellte eine Kiste Apollinaris-Wasser u. s. w.
Die Wirthin, eine schöne und stattliche Nonna,[132] sass unterdessen bei uns in der Veranda und theilte uns von Jedem, der in den Kaufladen trat, alles Wissenswerthe mit; unglaublich schienen mir die Mittheilungen über den Herrn D...: »37 Jahre befindet er sich schon in Tjilatjap und ist nur gesund, wenn er hier ist; jedes Jahr geht er auf die Reise, und kaum hat er Tjilatjap hinter sich, so beginnt er sich unwohl zu fühlen und bekommt das Fieber. Dasselbe ist der Fall mit dem Herrn K..., der schon 17 Jahre hier wohnt und, wie Sie soeben sahen, sich eines sehr gesunden Aussehens erfreut; er hat eine schöne Tochter, welche hier geboren ist, und ebenso wie die zwei Töchter des Herrn D... nur hin und wieder ein paar Tage lang Fieber haben; sie nehmen 20 Chininpillen und bleiben dann wieder für viele Monate von den Fieberanfällen verschont.« Dies waren sehr ermuthigende Worte, besonders für meine Frau, welche sich früher in den Gedanken eingelebt hatte, niemals dieses »verwünschte Fiebernest« bewohnen zu müssen, weil im Jahre 1887 die Garnison aus Gesundheitsrücksichten eingezogen worden war. Die Regierung schickt jedoch seit dieser Zeit immer einen Militärarzt dahin, weil sich kein Civilarzt bis jetzt dort angesiedelt hat. Die Zahl der Europäer in Tjilatjap und seiner Umgebung und die der Chinesen ist nämlich zu klein, um einen Civilarzt zu veranlassen, für ein Erträgniss, das kaum die Bedürfnisse des täglichen Lebens decken würde, Leben und Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Garnison war zwar aufgehoben, aber die zahlreichen militären Gebäude bestanden noch; auch die Küsten-Batterien, welche den Eingang in den Canal beherrschten, waren noch nicht entfernt und bedurften einiger Soldaten zur Bewachung; diese wenigen Soldaten standen unter dem Befehl eines Oberlieutenants »der Genie«. Uebrigens vertraten 80 Mann Pradjurits die bewaffnete Macht; das sind nach europäischen Begriffen Polizeisoldaten, welche den Verwaltungsbeamten zur Seite stehen und in erster Reihe den Bewachungsdienst in den Gefängnissen und den Transport der Sträflinge zu besorgen haben. Ihre militärische Ausbildung erhalten sie von einem europäischen Officierstellvertreter, und im Uebrigen unterstehen sie in allem und jedem dem Assistent-Residenten. Nur findet über ihre militärische Ausbildung eine jährliche Inspection von Seiten des jeweiligen Adjutanten des Landes-Commandirenden statt. Dies ist natürlich eine im Princip ganz verfehlte Organisation, wenn der Assistent-Resident es nicht gelernt hat, ein Commando über 80 Mann zu führen. Ich will zwar zugeben, dass, wenn in ernstlichen Fällen der Beamte die Hülfe des Militärs anruft, wie es z. B. bei einer Meuterei afrikanischer Matrosen im Hafen geschah, dieses höchstens ein Beweis für geringes Vertrauen zu dem Muthe dieser Polizeisoldaten sei; aber es ist geschehen, dass der Instructeur von Dorf zu Dorf gehen und jeden einzelnen Mann aufsuchen und überreden musste, sich rechtzeitig auf dem Platz der Inspection einzufinden, und dass demungeachtet der Inspecteur zur angesagten Stunde nicht die ganze Mannschaft anwesend fand, sondern Alle einzeln wie verirrte Schafe erschienen.
Wenn diese Polizeisoldaten in Casernen wohnten und ihren Instructeuren auch in jeder Hinsicht, also auch in disciplinaren Vergehen untergeordnet wären, d. h. mit anderen und wenigen Worten, wenn sie Gensdarmen wären, wie sie in zahlreichen europäischen Staaten bestehen, dann würden sie nicht nur bessere Dienste leisten, sondern auch einem dringenden Bedürfnisse entsprechen. Der antimilitärische Geist der Holländer macht sich auch in dieser Hinsicht in unangenehmer und fühlbarer Weise geltend. Der Assistent-Resident X..., der damals in Tjilatjap residirte, war gewiss ein Ehrenmann, er war als Beamter gewiss, so weit ich urtheilen kann, seinen Aufgaben vollkommen gewachsen und lebte nur für seinen Dienst; und doch waren die Pradjurits damals eine Caricatur von dem, was sie sein sollten; sie machten von der Zwitterstellung ihres Instructeurs Missbrauch, und dieser selbst — war froh, jeder Verantwortlichkeit enthoben zu sein. Wenn jedoch der Instructeur auch das Recht des Strafens hätte, und wenn sie in Casernen wohnten, welche ebenfalls ein militärisches Reglement hätten, und wenn alle Befehle des Beamten durch die Hände des Instructeurs gingen, dann hätte auch Indien ein Corps von Gensdarmen, welches nach vielen Seiten hin erspriessliche Dienste leisten könnte; denn die Polizisten der grossen Städte und des flachen Landes sind nichts anderes als persönliche Bediente des Beamten und erfreuen sich gar keines Ansehens und gar keiner Autorität. — Die Uniform der Pradjurits ist die des Militärs aus den siebziger Jahren; dunkelblaue Kleider aus Serge mit einem Kopftuche unter dem Käppi; dieses ist nach der Weise der Javanen um den Kopf geschlungen. Die Bewaffnung ist dieselbe wie die der Armee; sie haben Hinterlader und Bajonette.
Fig. 15. Eine Compagnie der »Legionen« des Sultans von Djocja.