Damit war das Programm für diesen Tag erledigt. Es war unterdessen 12 Uhr geworden, wir gingen nach Haus, ich zog Civilkleidung an und meine Frau die indische Toilette. Es ist nämlich in den Hotels vom ganzen indischen Archipel Sitte, dass die Damen zum Lunch, d. h. zur sogenannten »Rysttafel«, in der Haustoilette kommen, während den Herren dieses untersagt ist Auch diese Sitte hat ihre raison d’être. Die Damen verwenden im Allgemeinen mehr Sorgfalt auf die Toilette als die Herren, und es wird gewiss keine Dame zur Table d’hôte gehen, ohne auch in der Haustoilette der Eitelkeit und somit auch der Nettigkeit und der Reinlichkeit Rechnung zu tragen. Von den Männern kann dies leider nicht immer gesagt werden; zum Frühstück geht Jedermann zwischen 7–9 Uhr in der Haustoilette zur Tafel; da sieht man oft Männer in einer Kabaya erscheinen, welche das Licht der Oeffentlichkeit scheuen sollte. Es geschieht selten, dass Viele gleichzeitig ihr erstes Frühstück einnehmen, aber das zweite Frühstück, die Rysttafel, wird gemeinsam von allen Gästen des Hotels um 12½-1 Uhr genommen; es ist also besser, dass zur Table d’hôte die Herren »gekleidet« kommen. Vielleicht wäre es schicklicher, wenn auch die Damen in voller Toilette bei der Rysttafel erschienen. Sarong und Kabaya kleidet die Damen ([Fig. 21]) sehr gut; aber es ist eine Haustoilette, und es ist gewiss schicklicher, dass man nicht in einer Haustoilette unter Menschen geht. Die Engländer finden solches selbst shocking, und weder in Calcutta, noch in Singapore, noch in Ceylon sah ich die Ladies anders als in Strassen- oder Salontoilette beim zweiten Frühstück erscheinen. Wer weiss, ob nicht nach abermals 20 Jahren auch diese Unsitte wegfallen wird. Ich sah während meines 20jährigen Aufenthaltes die europäische Mode sich mit solcher Macht in Indien einbürgern, und nicht immer zum Vortheil, dass ich hoffen kann, dass sie auch die Haustoilette der Damen aufs Haus und aufs Zimmer beschränken wird.

Nach der »Rysttafel« nahm ich mein Mittagsschläfchen, darnach meinen Thee und mein Bad, kleidete mich in Civilkleidung und machte mit meiner Frau einen Spaziergang nach der Wohnung, welche mein Nachfolger in Ngawie für mich gemiethet hatte.

Auf der Westfront des Schlossplatzes zog eine schmale Gasse mit starker Neigung hinab zu den Ufern des Progoflusses.

Im ersten Drittel des Weges stand das Frauenspital, und ihm vis-à-vis das Haus, welches Dr. B... vor mir bewohnt hatte. Es stand, wie beinahe alle Häuser in Indien, in einem Garten, dessen vorderer, der Strasse zugekehrter Theil nur Blumen, z. B. Rosen, Reseda, Heliotrop, Cactus theils in Töpfen, theils in den Boden gepflanzt, während der hinter dem Hause gelegene Theil nur Fruchtbäume enthielt. Ich hatte einen Muscatbaum, zahlreiche Pisangbäume, einen Kaffeebaum, einige Melonen-, Papaya- und Manggabäume, eine Reihe von Ananassträuchern, eine kleine Plantage von Vanille, einige Pompelnussbäume und einige Palmen. An der Westseite des Hauses stand ein Pavillon für Gäste, und daran grenzte die Kudang,[166] die Küche und die Bedientenzimmer; daneben standen ein zweiter Pavillon für das Badezimmer und für die Aborte. Hinter diesen stand der Stall für zwei Pferde, an diesen grenzte ein Ziehbrunnen ([Fig. 22]) für mich und meine Nachbarn, und an der Ostseite des Hauses stand die Wagenkammer mit einem Zimmer, welches der Kutscher bewohnte.

Das Hauptgebäude ([Fig. 23]) bestand aus vier Zimmern und zwei Veranden, welche durch einen »Gang« zwischen je zwei Zimmern miteinander verbunden waren. Nebstdem hatte ich eine »Binnengallery«, d. h. ein grosses Zimmer, welches hinter der vorderen Veranda die ganze Breite des Hauses einnahm. Bei schlechtem Wetter, d. h. wenn der Wind den Regen in die Veranda trieb, diente sie als Empfangszimmer und wurde darnach auch eingerichtet. Der Silberkasten und das Pianino fanden nebst zahlreichen Phantasiestühlen und kleinen Tischchen in diesem Raume Platz. Zum Schlafzimmer mit dem Ankleidezimmer meiner Frau wählte ich die zwei Zimmer im östlichen Flügel des Hauses, während mein Bureau und das Gastzimmer an der Westseite des Hauses lagen. Die hintere Veranda diente als Aufenthalt für meine Frau, wenn sie mit den häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war. Hier war auch das Speisezimmer mit einem langen Tisch, der durch eine Einlage selbst für zwölf Menschen Platz hatte. Auch das Büffet und der Speisekasten sowie ein kleiner runder Tisch für die Handarbeiten meiner Frau standen in diesem Zimmer. Es war eigentlich ein Salon, denn es hatte an allen vier Seiten Mauern und war eine »geschlossene Hinter-Veranda«. Da diese der Aufenthaltsort für die ganze Familie ist und die Temperatur in Magelang des Abends oft bis auf 16° C. sinkt, so ist es in einer offenen Veranda zu kalt, um in der Haustoilette das Nachtmahl einzunehmen und dann noch 1–2 Stunden zu lesen. Darum besassen die meisten Häuser von Magelang eine geschlossene »Achtergallery«, was beinahe niemals in den Städten mit hoher Temperatur, wie Batavia, Samarang u. s. w. der Fall ist.

Schon nach vier Tagen konnte ich meine Wohnung beziehen, d. h. in meinem eigenen Hause essen und schlafen. Das Bett hatte ich nämlich von Ngawie mitgenommen und überhaupt niemals unter den Hammer bringen lassen, um eben so bald als möglich in meine Wohnung einziehen zu können. Es bestand aus schwarzen Stäben mit kupfernen Verzierungen und konnte bequem zu zwei kleinen Collis gebunden werden. Die zwei Matratzen, zwei Kopfpolster und zwei Gulings (= Rollpolster) wurden ebenfalls zu zwei Collis in Matten eingerollt, und so konnte ich überall sofort nach der Ankunft meine eigene Schlafstätte haben, ohne fürchten zu müssen, dass in einem Orte[167] kein neues Bett zu kaufen war, oder dass erst nach langer Zeit eine Auction stattfinden würde, welche mir Gelegenheit bot, dieses unentbehrliche Möbelstück theuer zu erstehen. Glas- und Essservice konnte ich im chinesischen Viertel kaufen, Küchengeräthe verschaffte ich mir vom Pâsar, und auf diese Weise gelang es mir, schon am fünften Tage nach meiner Ankunft meinen regelmässigen Haushalt zu haben und meiner Frau häusliche Thätigkeit zu verschaffen. Nun traten auch die gesellschaftlichen Pflichten an uns; wir mussten alle Empfangsabende frequentiren und so viel als möglich Antrittsvisiten machen. Diese Empfangsabende sind eine sehr praktische Einrichtung und sollten sich nicht auf die Spitzen der Behörden und Officiere beschränken.

Die Städte sind in Indien gross, weil Jeder ein Haus bewohnt, das in der Regel von einem Garten umgeben ist. Die Besuchszeit ist 7 Uhr Abends, und um diese Zeit regnet es wenigstens in 100 Tagen des Jahres; es ist sehr unangenehm, wenn man Jemanden besuchen will, vielleicht wegen des Regens eine Equipage nimmt, und man findet Niemanden zu Hause. Solche jours fixes fanden in Magelang zahlreich statt; der Platzcommandant, 4 Bataillonscommandanten und ihre Adjutanten, der Resident, der Secretair, der Controlor, der Landesgerichts-Präsident, der Director der Schulen für Häuptlings-Söhne, einige Oberlehrer und einige Hauptleute. Auch ich entschloss mich, einen solchen zu halten, und theilte mit, dass ich »jeden Sonnabend zu Hause sei«. Die Empfangsabende dieser genannten Herren besuchte ich mit meiner Frau, ohne gleichzeitig die jüngeren Collegen zu vergessen, welche aus Bescheidenheit keinen jour fixe hielten. In Magelang war es nicht nöthig, eine bestimmte Reihenfolge einzuhalten, aber wehe! wenn man dieses in einem kleinen Orte thäte und es wagen sollte, erst den Controlor und dann den Assistent-Residenten oder erst den Adjutant und dann den Platzcommandant zu besuchen; ich glaube nicht, dass dies ungestraft geschehen würde. Diese »ersten« Visiten thut man nicht unangemeldet, sondern man theilt im Laufe des Vormittags mit, »dass man wünscht, Herrn und Frau X. seine Aufwartung zu machen, wenn dies gelegen käme«. Etwas Langweiligeres als solche Empfangsabende kann man sich kaum vorstellen. Dazu kommt noch, dass das Haus, oder vielmehr die Veranda des Platzcommandanten in Magelang sehr klein war und dass deshalb bei den Empfangsabenden die meisten Herren stehen mussten. Die Damen häuften sich in der einen Ecke an und fanden bald Stoff zu einem Discurs; in der andern Ecke stand ein runder Tisch, beladen mit Cigarren und Getränken, denen die Herren tüchtig zusprachen, um sich hin und wieder in den Kreis der Damen zu wagen und bei dieser oder jener ihre Anwesenheit durch eine Verbeugung und ein paar Worte in Erinnerung zu bringen. Die Jugend fand sehr bald einen Ausweg aus dieser steifen, langweiligen und ceremoniösen Gesellschaft. Vor dem Hause spielte zwar die Militärmusik ihre Salonstücke oder Arien aus verschiedenen bekannten Opern und Operetten; aber in der hinteren Veranda stand ein Piano. Die Tochter des Hauses wechselte mit ihrer Mama einen stillen Wink und darauf hin zogen die Mädchen und alle jungen Männer durch die hellerleuchtete »Binnengallery« nach der hinteren Veranda. Dort konnte die Jugend flirten und tanzen, bis die Mamas sie zur Abreise abholten, d. h. bis der Resident aufgestanden war, sich bei dem Gastgeber und der Hausfrau empfohlen hatte und seine Frau am Arme des Colonels zu ihrer Equipage gebracht worden war.

In dieser Hinsicht war der Resident viel günstiger situirt. Er hatte ein grosses Haus, welches früher dem »chinesischen Major«[168] gehört hatte, während das des Colonels das Bureau des Controlors gewesen sein soll.

Wenn man der Nordseite des Schlossplatzes folgte, sah man neben dem Clubgebäude das Schloss des Regenten und im Anschluss daran die Pfarrei, welche mit einigen europäischen Wohnungen parallel mit der Eisallee, in welcher mein Haus stand, gegen das Ufer des Progoflusses abfiel, ohne dieses jedoch zu erreichen. Sie endeten in jener grossen Strasse, welche unter dem Namen die »kleine Tour« bei der Eisfabrik, d. h. am Schlossplatze anfing, auf der grossen Heeresstrasse den nördlichsten Punkt der Stadt erreichte, längs des Campements zum Schlossplatze zurück den Weg durch das chinesische Viertel nahm und vor dem Berge Tidar und durch die Mörderallee bei der Eisfabrik endigte. Die grosse Tour nahm dieselbe Route, ging jedoch hinter dem Tidar durch die Landstrasse nach Selaman durch die Mörderallee zurück; für die erste hatte man ¾ und für die grosse Tour 5⁄4 Stunden mit einer Equipage nöthig, welche in mässigem Schritt fuhr.

Das Residentengebäude konnte man jedoch am bequemsten durch die Residentenallee erreichen, welche parallel mit der eben erwähnten Strasse und mit der Eisallee lief; auch sie war an ihrem südlichen Ende steil abfallend, und bei den Empfangsabenden des Residenten war die Auffahrt an dieser Stelle geradezu gefährlich; wenn auch von dem nördlichen Theile der »grossen Tour« an diesem Kreuzungspunkte bei solchen Gelegenheiten nur ausnahmsweise eine Equipage kam, so geschah es desto häufiger von dem südlichen Theile her. Sie begegneten jenen, welche aus der Residentallee kamen und durch den steilen Fall der Strasse nicht in Passschritt fahren konnten. In Galopp ging es bei dem Pavillon für Gäste vorbei und um die Ecke der Strasse vor die Hauptfront des Gebäudes mit der Aussicht auf den Garten, der damals durch die Reichhaltigkeit der Rosensorten berühmt war; am Ende desselben stand ein Gartenhäuschen, von welchem aus man eine wunderschöne Aussicht auf beide Ufer des Progoflusses hatte. Den Eingang in das Haus bewachten zwei grosse Götzenbilder. Er führte zu einer »Voorgallery«, welche gross genug war, um selbst bei aussergewöhnlich besuchten Empfangsabenden, wie z. B. bei der Hochzeitsfeier der Tochter des Residenten, alle Anwesenden bequem sitzen zu lassen. Ja noch mehr; sehr oft liess der Resident bei seinen Empfangsabenden die Militärmusik im Garten spielen, womit die Jugend nicht zufrieden war. Die »alten Herren« wurden nach der Peripherie des Saales gedrängt, wo zwei grosse »Kletstafeln« standen, die »Musik« postirte sich an dem seitlichen Eingang der Veranda, und Allen voran begann der Resident die Polonaise zu eröffnen. Die Jugend hatte den Sieg über die »alten Herren« errungen. Dem Beispiele des Residenten folgte Alles, was kein Zipperlein hatte, und trotz einer Temperatur von 25° C. bis 30° C. wird bis 8½ Uhr getanzt, bis endlich der Colonel das Zeichen zum Aufbruch gab. Der Resident A. war ein braver und behülflicher Mensch; er war ein tüchtiger Beamter. Der Colonel P. war auch ein braver und behülflicher Mensch; auch er war ein tüchtiger Officier; in den Augen der weiblichen Jugend stand dieser jedoch tief unter dem Residenten. Er war damals gewiss schon 55 Jahre und tanzte mehr und besser als alle Lieutenants und Controlors zusammen! Die weibliche Jugend bewahrt ihm gewiss heute noch ein dankbares Andenken.