Alle meine Antrittsvisiten musste ich mit einem Miethwagen machen, weil ich zwar meine Equipage, aber noch keine Pferde hatte. Billig war es, für einen solchen Abend einen Wagen zu miethen; denn man zahlte nur 1,20 fl. = 2 Mark für die Stunde, oder aber, man liess den Wagen nicht warten, sondern nur »bringen« und um 8½ Uhr holen, wofür nur 1 fl. verlangt wurde. Auf den grossen Plätzen, wie Batavia, Samarang u. s. w., sind die Preise zwar nicht höher als 1,20 fl. pro Stunde, aber die »Wagenvermiether« geben nur für 3 bis 4 Stunden einen »Wagen ab«, wofür sie sich 2,50 bis 4 fl. zahlen lassen. Wegen der Unkosten brauchte ich mich also nicht zu beeilen, Pferde anzuschaffen. Aber die gemietheten Wagen waren so alt, so schmutzig und so defect, dass man glauben sollte, dass sich die Polizei gar nicht damit beschäftige. Ich muss auch sagen, dass die öffentlichen Miethwagen in Singapore und Ceylon viel netter, schöner und besser als in ganz holländisch Indien sind.
Fig. 22. Am Ziehbrunnen.
Einen Pferdemarkt hatte Magelang nicht; eine Auction war voraussichtlich vor einigen Wochen nicht zu erwarten, d. h. eine Auction, auf welcher »ein Span« Pferde verkauft werden sollte. Ich beschloss also, Pferde im Kampong kaufen zu lassen. Bald erfuhr ich die Adresse eines chinesischen Pferdeagenten, ich liess ihn zu mir kommen und theilte ihm meine Wünsche mit. Jeden Tag brachte er mir ein Paar Pferde »zur Ansicht«, und endlich wählte ich ein Paar Kedupferde; sie waren klein, 120 Centimeter hoch, schwarz, elegant und zierlich gebaut, hatten keinen Fehler, wenigstens wie der Agent behauptete, und ich konnte sie acht Tage lang probiren; er verlangte für sie 130 fl., sie waren vier Jahre alt, und er demonstrirte mir dies an der Form der Schneidezähne. Ein Pferdekenner war ich nicht, ein Thierarzt lag nicht in Garnison, weil wir weder Cavallerie noch Artillerie hatten. Ich wandte mich also an einen Officier, welcher sich seit vielen Jahren ein Reitpferd hielt. Dieser bestätigte mir die Angaben des Pferdehändlers, dass meine Pferde nicht älter als vier Jahre sein könnten. Der freie Rand der Schneidezähne schleift sich nämlich im Laufe der Jahre ab, und da diese Zähne conisch zur Wurzel ablaufen, so wird der abgeschliffene Zahnrand eine wechselnde Form und Grösse haben und besonders deutlich die Schichten des Zahnes zeigen, welche blossgelegt werden. Das geübte Auge kann daraus mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit das Alter des Pferdes bestimmen. Dieser Process hat aber seine Grenze, welche ungefähr mit dem neunten Jahre abgeschlossen ist. Der Zahn schleift sich nicht mehr ab, und von dieser Zeit an kann das Alter des Pferdes nicht mehr geschätzt werden; das Pferd »zeichnet« nicht mehr. Ich behielt die Pferde acht Tage zur Probe und liess den Kutscher das letzte Wort sprechen, ob ich sie behalten sollte. Dass sie nicht blind oder lahm waren, konnte ich selbst beurtheilen; ob sie aber Temperamentsfehler oder andere Untugenden besässen, welche sie für den Gebrauch ungeeignet machen würden — konnte ich nicht beurtheilen. Bis jetzt waren sie nur Pickulpferde gewesen, d. h. sie hatten nur Kaffee getragen. Man sieht oft Colonnen von 20 Pferden hintereinander gehen, welche je zwei Säcke Kaffee zu beiden Seiten des Rückens tragen; ein solches Pferd muss zum Ziehen eines Wagens erst dressirt werden. Zu diesem Zwecke borgte ich mir einen Lastwagen, der gewöhnlich von einem Karbouw oder Rinde gezogen wurde. Diese erste Probe gelang ausgezeichnet, ruhig und gelassen zog jedes Pferd den Lastwagen (Grobak)[169]. Jetzt sollte es sich zeigen, ob sie auch den guten Willen hätten, zusammen und gleichzeitig ihre Dienste zu leisten. Dazu hatten sie jedoch gar keine Lust. Mit gespreizten Beinen standen sie still, trotzdem die Peitsche nicht geschont wurde. Natürlich wollte mein Kutscher die landesüblichen grausamen Mittel, wie die Flamme u. s. w., anwenden, um ihren Eigensinn zu brechen. Ich gestattete aber weder dieses noch andere heroische Mittel; er durfte nicht einmal mit dem Peitschenstiel schlagen. Am andern Morgen bekamen sie nichts zu fressen und wurden wieder vor den Grobak gespannt; ihr Starrsinn blieb derselbe. Ich liess aber das Gespann umkehren, so dass sie den Stall und das Futter sehen konnten; sie zogen den Wagen an, und als sie bei dem Stall angelangt waren, bekamen sie einen kleinen Theil des Futters und mussten wieder hinaus auf die Strasse. Dies Mittel half, und nach zwei Tagen gingen sie mit dem Grobak, wohin ich wollte. Ich hatte jedoch zu früh gejubelt. Als ich sie vor meinen Mylord lege artis spannte, der sich bequem und leicht ziehen liess, da begann ihr Starrsinn eine neue Form anzunehmen. Sie bäumten sich und drohten den Wagen umzuwerfen, und zuletzt verwirrten sie sich mit den Strängen. Die Hungercur musste wieder beginnen, und endlich wurde aus ihnen ein tüchtiges Paar Dienstpferde, welches mir fünf Jahre lang vortreffliche Dienste leistete, obwohl mein Wagen geradezu ein schwerer zu nennen war.
Die Spitalpraxis brachte die erste Zeit wenig oder vielmehr gar nichts Interessantes. Das Spital selbst bestand aus Bambus-Baracken und wurde ein Jahr später verlassen; auch darüber lässt sich nichts Interessantes mittheilen. In die Privatpraxis konnte ich nur langsam kommen, weil sechs Militär-Aerzte hier waren und das europäische Publicum zu klein war, um einem einzigen Civil-Arzte hinreichend Beschäftigung zu bieten, wieviel weniger noch, einem neu angekommenen siebenten Militär-Arzte Material zuzuführen. Die chinesische Bevölkerung jedoch war nicht nur viel grösser, sondern liebte es auch, häufig den Arzt zu wechseln. Auf diese Weise bekam ich bald genug Chinesen in Behandlung; einer der ersten chinesischen Patienten war ein gewisser Kau-Sui King, welcher von Temanggong kam, mit der Mittheilung, dass er Opiophag sei, täglich 2 fl. für Opium ausgebe und neben Impotenz an habitueller Verstopfung leide; er habe nur alle acht Tage Stuhlgang, er ersuche mich also um ein Gegengift, d. h. um eine Arznei, welche ihn von der üblen Gewohnheit des Opiumrauchens abbringen könnte. Ich habe später einen zweiten ähnlichen Fall zur Beobachtung und in Behandlung bekommen, in welchem der Patient jedoch durch den Missbrauch des Opiums in hohem Maasse heruntergekommen war;[170] er war mager, hatte eine fahle Gesichtsfarbe und litt an einem hochgradigen Emphysem; eine Blutdiarrhöe hatte ihn so erschöpft, dass er dem Tode nahe war; der Puls war fadenförmig, der Herzschlag schwach zu hören — und doch gelang es mir noch, ihn dem frühzeitigen Tode zu entreissen; ich muss sofort bemerken, dass die Gefahren des mässigen Opiumgebrauches für Leib und Seele im Allgemeinen zu hoch angeschlagen werden und nicht viel grösser als die des Alcohols sind. Ich habe vielleicht in 500 chinesischen Familien (während meines 20jährigen Aufenthaltes in Indien) gewiss 1000 Patienten behandelt, ich habe zahlreiche Morphiophagen (leider waren gerade Aerzte diese unglücklichen Opfer ihrer körperlichen Leiden) unter den Europäern gesehen und ich kann mir daher ein Urtheil in dieser Sache erlauben: Der mässige Gebrauch des Opiums schadet ebenso wenig als der des Alcohols, und der Missbrauch desselben ist ebenso perniciös als der der Spiritualien. Im Jahre 1887 behandelte ich einen Collegen, welcher bis zur täglichen Dosis von 1 g Morphium gestiegen war; der Bauch war von Stichen der Injectionsspritze so bedeckt, dass er die Spritze nicht mehr gebrauchen konnte und das Morphium in Form von Pillen nahm; erst im Jahre 1899, also zwölf Jahre später, starb er. Aber auch unter den zahlreichen chinesischen Patienten fand ich nur vereinzelte Opfer dieses Genussmittels; oben erwähnter Kau-Sui King hatte bereits ein Jahr lang täglich um 2 fl. Opium gebraucht, und nur relativ wenig hatte dieses ungeheure Quantum von Opium seine Körperkraft untergraben; ebenso wenig als ich den mässigen Gebrauch des Alcohols auf Grund meiner Beobachtungen und Erfahrungen verurtheilen kann, ebenso wenig möchte ich einen Stein auf den mässigen Gebrauch des Opiums werfen, um so weniger, als die Europäer, welche sich dem ergeben, in der Regel unglückliche Patienten sind, welchen schmerzhaftes Leiden das Leben zur Last macht. Aber wie der Missbrauch des Alcohols den Menschen zum Thiere erniedrigt, ebenso sehr untergräbt der Missbrauch des Opiums Leib und Seele des Menschen. Allerdings muss ich auch noch mehr vor dem mässigen Gebrauch des Opiums als dem des Alcohols meine warnende Stimme erheben; der mässige Gebrauch des Opiums führt beinahe sicher, oder wenigstens viel leichter zum Missbrauch, als dieses der Alcohol thut. Wer in der Lage ist, und wem es die Geldmittel erlauben, wird sicher dem Morphium oder dem Opium zum Opfer fallen, wenn er einmal angefangen hat, zur Morphiumspritze zu greifen, um Erleichterung von seinen körperlichen Leiden zu finden, und darum rufe ich jedem Arzte zu: gieb keinem Patienten die Spritze in die Hand! Principiis obsta!
Der Opiumhandel ist in Indien in den Händen des Staates; dieses Monopol hat natürlich die widerlichsten und garstigsten Schmuggelscenen zur Folge, an welchen sich nicht nur Chinesen, sondern leider zu oft auch Europäer[171] betheiligen, und gerne stimme ich in den heftigen Tadel ein, welcher gegen den Schmuggel des »Höllensaftes« erhoben wird; ich würde aber auch und gerade wegen dieser widerlichen Schmuggelscenen mit so vielen Andern auch gegen den mässigen Gebrauch des Opiums meine Stimme erheben und überhaupt empfehlen, wie es s. Z. im Westen Javas in der Preangerprovinz der Fall war, die Einfuhr von Opium im Allgemeinen zu verbieten; aber hat eine Regierung das Recht und die Pflicht, dem Volke ein Genussmittel mit Gewalt zu entziehen, das wie der Alcohol nur durch den Missbrauch schädlich wird? Ich weiss es nicht.[172]
Das Opium ist bekanntlich der getrocknete Saft einer Mohnkapsel aus der Familie der Papaveraceen; als solcher kommt er unter dem malayischen Namen Madat (= ampiun J.) in den Handel. Er wird nun in warmem Wasser aufgelöst, filtrirt, abgedampft und heisst dann tjandu. Dieses präparirte Opium wird mit Zucker und feingeschnittenem Tabak oder anderen aromatischen Blättern gemischt und geraucht oder getrunken (mit Kaffee) oder gekaut (mit Tabak). Die Pfeifen, aus welchen das Opium geraucht wird, bestehen aus einem mehr oder weniger verzierten Bambusstock, an dessen Ende sich eine kleine Oeffnung befindet, mit oder ohne Pfeifenkopf.
Den momentanen Einfluss des Opiumrauchens kann ich aus eigener Erfahrung nicht beurtheilen; ich konnte mich niemals entschliessen, diesen Genuss einmal zu probiren; wenn ich die Chinesen, welche ich darüber interviewte, gut verstanden habe — es geschah in malayischer Sprache —, so ist der Opiumrausch gewissermaassen dem Nirwâna der Indier zu vergleichen, welcher mit wenigen Worten charakterisirt wird: Absolute Ruhe, Glückseligkeit, beruhend auf dem Wegfall des Gefühls der Existenz, also ein potenzirtes »Klimaschiessen«.
Die Javanen rauchen (ngesis) auch Opium; ich sprach bis jetzt nur von den chinesischen Opiumrauchern, weil ich in diesem Capitel mich vorherrschend mit diesem Volke beschäftigen will, welches Jahrhunderte lang, vielleicht 1000 Jahre lang an der Spitze der Civilisation stand und wie die Juden noch heute gleich einer ehernen Säule aus den Ruinen der Völker des Alterthums hoch über mehr als die Hälfte der Menschen hervorragt; schon zur Zeit Abraham’s, Ramses’ und Lycurgus’ blühte ein chinesisches Reich; »seitdem sind die Aegypter, Griechenland und Rom untergegangen. Die Civilisation der alten Hindus, Chaldäer, Assyrier und Perser ist verschwunden von dem Platz ihrer Entstehung; nur das chinesische Volk lebt fort, und unsere hochgerühmte Bildung von einem kleinen Theil Europas ist mit seiner Civilisation verglichen, als von gestern.«[173]
»Fan Tsjhi frug, was Humanität sei; der Meister sprach: Alle Menschen lieben; er frug, was Wissenschaft sei; der Meister sprach: Alle Menschen kennen.«