Die Frau des Dr. A. hatte schon wiederholt diesen Tempel besichtigt; sie nahm also die Pflichten einer Hausfrau auf sich, um mit Hülfe des Tempelwächters und der mitgenommenen Bedienten für die »Reistafel« zu sorgen. Wir Andern bestiegen zunächst die Haupttreppe, welche von zwei grossen, steinernen Löwen bewacht wurde und uns zur Basis des Tempels brachte, welche die Form eines Quadrates von 151 Metern Seitenlänge hatte. Die äusseren Grundmauern bestanden aus Trachitblöcken, deren oberster Rand eine Reihe von Basreliefs einnahm ([Fig. 26]), welche den Typus des ganzen Gebäudes charakterisiren. Auf einigen Treppen stieg man auf die zweite Terrasse, auf welche wieder eine Galerie folgte, die auch eine Wand nach aussen hatte. Es sind im Ganzen zwölf Terrassen, und das Gebäude erlangt hierdurch die Höhe von ungefähr 50 Metern über dem Fuss des Berges. Diese Terrassen oder Galerien sind mit hundert Gruppen von Basreliefs verziert, in welchen Buddha meistens der Mittelpunkt der verschiedensten Scenen ist. Zahlreich sind die Nischen, in welchen er sitzt, und ebenso zahlreich sind die kleinen Kuppeln mit diesem Gotte.

Ein feenhafter Anblick war es für mich späterhin, wenn ich Abends dahin ging und der Mond den ganzen Tempel in seine silbernen Strahlen hüllte. Es war ein Zauberschloss, aus welchem von allen Seiten, von allen Ecken und Winkeln das sanfte, ruhige Antlitz des Gottes Buddha auf uns niederblickte.

Auf der Spitze des Tempels stand die grösste Kuppel von 3,6 Meter Höhe und 9,9 Meter Breite. Sie hatte eine Spitze von 9 Meter Höhe, darin war ein rundes Zimmer, in welchem früher wahrscheinlich das grösste Buddhabild, das Allerheiligste, gestanden hat.

Ich kann mich unmöglich in eine weitere Beschreibung dieses Riesentempels einlassen; die Photographie desselben ([Fig. 27]) möge dem freundlichen Leser einen schwachen Ersatz dafür bieten, und möge er mit mir die hohe Kunst der Javanen bewundern, die vor tausend Jahren geblüht und heute unter den fanatischen, kunstfeindlichen Bekennern des Islams beinahe bis auf das Niveau der Naturvölker gesunken ist.

Rhaden Saleh, dessen Mutter ich in Magelang behandelte, ist, wenn auch ein bedeutender Maler, doch der einzige Künstler, welchen Java in der Gegenwart aufweisen kann, natürlich, wenn wir von den dort lebenden Europäern absehen.


Am 2. August des Jahres 1894 war eine andere grosse Gesellschaft bei mir versammelt; es wurde 8½ Uhr, und Alle waren in so fröhlicher Laune, dass Niemand daran dachte, nach Hause zu gehen, und man das holländische Volkslied anstimmte: »Wir gehen noch lange nicht nach Haus«. Die Stunde des Nachtmahles war herangerückt, und eine Lehrerin stellte den Antrag, ein Picknick zu improvisiren, dass Jeder sein Nachtmahl in mein Haus bringen lasse, um auf diese Weise der Hausfrau ihr Amt zu erleichtern. Mit lautem Hurrah wurde dieser Vorschlag angenommen, und um 9½ Uhr sollten wir zu Tisch gehen; aber o weh! die zurückgebliebenen Gäste waren 13! Da die eine Lehrerin aufs Bestimmteste behauptete, unter solchen Verhältnissen nicht zu Tisch gehen zu wollen, liess ich meine Equipage anspannen und fuhr in den Officiersclub, der voraussichtlich noch nicht geschlossen sein würde. Ich täuschte mich nicht. Der erste Herr, welcher mir entgegentrat, war Lieutenant d’A..., welchem ich die Schwierigkeit meiner Lage auseinandersetzte und die Bitte vortrug, eine so verspätete Einladung anzunehmen; er fuhr mit mir nach Hause und — drei Wochen später war er todt!

Es war nämlich der Krieg mit Lombok[195] ausgebrochen und die Truppen waren zum grössten Theil aus der Garnison von Magelang genommen. Lieutenant d’A... war eines der ersten Opfer, welche der Leichtgläubigkeit des Truppen-Commandanten zum Opfer gefallen waren.

Die Sássak hatten schon zu wiederholten Malen bei dem Residenten von Buleléng (auf der Insel Bali) über den Despotismus ihres Fürsten geklagt. Alle Vorstellungen der holländischen Regierung, seinen mohamedanischen Unterthanen, den Sássakern nämlich, einen erträglichen Zustand zu gönnen, wie sie ihn bei ihren Glaubensgenossen auf Java und Bali kannten, fanden immer ein zustimmendes »Ja-Ja«; aber eine Veränderung brachte der Fürst weder in den politischen noch in den socialen Verhältnissen der Sássak, und am 24. Juli 1893 liess er selbst einen Controlor sechs Tage lang in Ampenan warten, um die Nachricht ihm zukommen zu lassen, dass er weder ihn, noch einen Brief empfangen wolle. Endlich musste Holland sich zur That aufraffen und organisirte 1894 eine Expedition, um unter dem Schutze von zwei Bataillonen Soldaten den Fürsten von Lombok zu einer thatsächlichen und radikalen Reorganisation seines Reiches zu zwingen. Unter dem Commando des Generals Vetter, dem der Resident Dannenborgh als Civil-Commissar und General van Ham als Stellvertreter zugetheilt wurde, zogen zwei Bataillone, also ungefähr 1000 Mann, nach Lombok (6. Juli 1894). Sie wurden aus der Garnison von Magelang genommen. In gehobener Stimmung marschirten sie aus ihren Casernen, am Ende der Stadt erwartete sie eine Commission von Bürgern, mit dem Residenten A. an der Spitze. Die Soldaten erhielten Cigarren, Bier und Genevre, und den Officieren sprach man bei einem Glase Champagner ein herzliches Lebewohl zu, ein dreimaliges Hurrah auf die Gesundheit der Königin-Wittwe schloss diese ergreifende Scene, und unter den Klängen eines Marsches zogen die Soldaten zu Fuss nach Willem I, wo sie ebenfalls festlich empfangen wurden. Am andern Morgen gingen sie per Eisenbahn nach Samarang, wo sie sofort nach der Rhede marschirten, um sich zur Reise nach Lombok einzuschiffen.

Mehrere Bivouacs wurden errichtet: auf dem Landungsplatz Ampenan, in der Hauptstadt Mataram und in der Fürstenstadt Tjakra negara. Es geschah, was zu erwarten war. Der Fürst erklärte sich zu allem bereit, was die holländische Regierung zu Gunsten der »armen Sássaker« verlangte; er trat in Unterhandlung und verkehrte sehr gemüthlich und freundschaftlich mit den Führern der Expedition, liess sich selbst Arm in Arm mit dem General Vetter photographiren und zog die Verhandlungen so in die Länge — bis alles zur Vernichtung der holländischen Armee vorbereitet war.