Wenn ich nun des Croquetclubs erwähne, welcher manchmal einige Wochen oder Monate lang bestand, dann habe ich alles mitgetheilt, was den Bewohnern Magelangs an Vergnügungen geboten wurde. Wollte man also in die Monotonie des täglichen Lebens Abwechselung bringen, dann musste man es in der Lectüre, in gesellschaftlichen Zusammenkünften oder im Genuss der schönen Natur und der zahlreichen Ruinen suchen, an welchen die Provinz Kedu aussergewöhnlich reich ist.

Die tägliche Lectüre war die »Locomotief«, welche in Samarang herausgegeben wurde, oder der »Javabode«, welcher in Batavia täglich erscheint; erstere kostete 40 und die Batavische Zeitung 20 fl. pro Jahr. Natürlich erscheinen auf Java auch noch andere Zeitungen, z. B. in Surabaya, in Djocja ein in malayischer Sprache geschriebenes Tageblatt u. s. w., welche eine ausgezeichnete Controle der Regierung sind, ja noch mehr; wenn auch in militärischen und Beamten-Kreisen Jedermann ein trauriges Stigma hat, welcher »in den Zeitungen schreibt«, so findet dennoch die Fama regelmässig ihren Weg in die Redactionsstube, und manche Unregelmässigkeit, Nachlässigkeit oder Uebergriff der Bureaux wird rechtzeitig der Kritik der öffentlichen Meinung überliefert. Auch ohne diese stete und ununterbrochene Controle der Würdenträger hat die indische Presse geradezu einen bedeutenden Einfluss und pädagogischen Werth, der nicht hinreichend gewürdigt wird. Mit mehr oder weniger Unrecht wird das persönliche Verdienst der Redacteure hierbei geschmälert, nämlich durch die Behauptung, dass der Scheere der Löwenantheil an diesem Verdienste gebühre; dies ist wahrscheinlich richtig; aber die Mildthätigkeit hat auch oft andere Quellen als das Verlangen, den Armen zu helfen; wer wird eine mildthätige Stiftung zurückweisen, weil die Eitelkeit an ihrer Wiege sass? Ob nun der Redacteur aus der Tiefe seines Geisteslebens schöpft oder mit der Scheere bei seinen europäischen Collegen eine Anleihe macht, kümmert den Leser gar nicht; Thatsache ist, dass die indischen Zeitungen sehr instructiv und oft unterhaltend sind. Das Verdienst ist um so grösser, weil Indien keine Gemeindevertretung[191] hat, wodurch viele locale Blätter in Europa Stoff zu täglichen, meterlangen Mittheilungen erlangen.

Nebstdem war ich Mitglied zweier Lesegesellschaften; die eine hatte ihren Sitz in Magelang und bot ihren Mitgliedern eine reiche Auswahl in europäischen periodischen Zeitschriften; oft erhielt ich jeden Sonnabend 20 Nummern, wie z. B. Fliegende Blätter, Ueber Land und Meer, De aarde en haar volken, London News, Journal pour rire, Wiener Caricaturen u. s. w. Die zweite wurde von einem Civil-Arzt in Samarang verwaltet und besorgte die Fachlectüre; deutsche, holländische und französische medicinische Wochenschriften wurden jede Woche nach Magelang gesendet.

10. Capitel.

Der Buru Budur — Magelang während des Krieges mit Lombok — Soldatenfreunde — Die Religionen auf Java — Schulen für die Javanen — Die Dysenterie — Leberabscesse — Eine Expedition in den Tropen — Nochmals von Dienstboten — „Der Garten von Java“.

Die gesellschaftlichen Zusammenkünfte in Magelang waren in der Regel sehr amüsant; die erste, welche ich mitmachte, war ein Picknick am Fusse des Buru Budur (= Bårå Budur = der unzählbare Buddha?). Der Landesgerichtsrath T. hatte keine Kinder, ich hatte keine und Dr. A. war kinderlos; wir sechs und die Familie des Dr. S. beschlossen eines Tages, eine gemeinsame »Reistafel« unter den Palmen zu halten und zwar am Fusse jenes 1000 Jahre alten Tempels, welcher als ehrwürdige Ruine des alten Hindudienstes in seiner Grösse und in seinem Reichthum an Bildarbeiten alle Pyramiden Aegyptens und alle Ruinen des Alterthums hoch überragt.

So schwer es fällt, das religiöse Denken der Javanen in seinen Theilen zu erkennen, d. h. wie viel dem alt-polynesischen Glauben, wie viel dem Bramadienste, wie viel dem Buddha-Glauben und wie wenig dem Mohamedanismus angehört, so leicht haben sich die Gelehrten geeinigt, den Buru Budur als dem Buddhadienste gewidmet anzuerkennen.

Wir nahmen an einem Sonntag zwei Reisewagen, in welchen nicht nur wir zehn Personen Platz hatten, sondern noch zwei Bediente mit dem nöthigen Geschirr auf dem Bock sassen; am Ziele unserer Reise war ja ein Passantenhaus, welches von einem ausgedienten Soldaten bewacht wurde; in diesem Pesanggrâhan befanden sich nicht nur Betten, sondern es bestand auch Gelegenheit, ein Mittagessen einzunehmen; d. h. Reis, Früchte und Hühner konnten in den verschiedensten Formen den Besuchern geboten werden; die Damen unserer Gesellschaft hatten also nur für einige Speisen zu sorgen; denn auch einige Flaschen Bier, Apollinariswasser und Rothwein hielt er in Vorrath.

Schönes Wetter begleitete uns; wir nahmen den Weg durch die Mörderallee, vorbei an dem Berge Tidar auf die grosse Strasse nach Djocja; sie wird von den sie umgebenden Kampongs in gutem Zustande erhalten; sobald die Regenzeit eintritt, wird der Schotter, welcher in gewissen Abständen zu pyramidenförmigen Haufen längs des Weges in Vorrath sich befindet, über die Strasse geworfen, und die schweren Lastwagen drücken ihn in den Boden, welcher durch den Regen weich geworden ist. Ungefähr ein Kilometer vor Muntilan geht eine schmale Strasse nach Westen und zwar an das Ufer des Elloflusses. Kurz vor der Einmündung dieses Flusses in den Progofluss sahen wir einen schönen Tempel, es war der Tjandi Mendút ([Fig. 19]) aus Trachitblöcken. Er hat acht Seiten und vier einspringende Ecken, ist pyramidenförmig und hatte vielleicht eine Höhe von 25 Metern.[192] Er ist erst seit 60 Jahren ausgegraben. Auf der Westseite befindet sich eine Treppe und ein Eingang zu einer Halle von ungefähr 40 ☐Metern; die Mauer desselben bestand aus porösen Trachitsteinen und war anfangs cylinderförmig und ging in einer Höhe von ungefähr vier Metern in die Form einer spitzen Pyramide über; ich wusste nicht, was ich zunächst bewundern sollte, die kunstvolle Weise, in welcher dieser Saal gebaut war, oder die darin befindlichen Statuen. Jeder Stein ruht nämlich in der angegebenen Höhe so auf seiner Unterlage, dass er diese um einige Centimeter überragt; ein weiterer Kitt oder Verbindungsmittel der Steine war nicht zu sehen. Durch die Ausbrüche des Merapis wurde dieser Tempel so erschüttert, dass der Eingang zahlreiche Risse zeigte, d. h. dass über dem Eingange die Würfel-Steine grosse Lücken zeigten, welche den ängstlichen Gemüthern der Damen selbst den Eintritt in die Halle verleideten. Im Hintergrunde derselben sass Buddha mit herabhängenden Beinen und wie zum Beten gefalteten Händen; er ist nackt, 4½ Meter hoch, der Gesichtsausdruck erinnert an eine sanfte, gutmüthige Frau ([Fig. 25]). Zu beiden Seiten befinden sich zwei weibliche Figuren, 2½ Meter hoch, mit Ringen an den Armen und Knöcheln und Tiaras. Sollte es, wie Veth[193] vermuthet, eine ihrem Gotte dargebrachte Huldigung zweier Halbheiligen sein?

Bald verliessen wir diesen Tempel und bestiegen wieder unsere Wagen; aber schon nach einigen Minuten erreichten wir den Ello, auf welchem sich zwischen zwei grossen Rottangstricken eine Fährte befand; sie war gross genug, um die acht Pferde und die zwei Wagen aufzunehmen. Zunächst wurden diese an das jenseitige Ufer gebracht, und dann bestiegen wir diese primitive Fahrgelegenheit. Noch ungefähr zehn Minuten fuhren wir, als wir plötzlich vor einem kleinen Hügel standen, wo sich nach links der Weg wandte. Keine hundert Meter weit lag der Tempel vor uns. Der erste Eindruck liess mich kalt. Als ich im Jahre 1884 mit Urlaub nach Europa ging, verliess ich bei Ismailia das Schiff und fuhr mit der Eisenbahn nach Kairo, um die Cheops-Pyramide und die Sphinx zu sehen; auch das Massenhafte und das hohe Alter dieser Denkmäler einer untergegangenen Kunstzeit packten keine Faser meine Nerven. Ich glaubte damals überhaupt keinen Sinn für architektonische Schönheit zu besitzen; als ich aber zwei Monate später zum ersten Male das neue Rathhaus in Wien sah, da fasste mich der Zauber dieses gothischen Baues mit aller Macht. Ich trat also mehr mit Neugierde als mit Entzücken dem Buru[194] Budur näher und sah die hunderte Gruppen und die tausende Figuren, welche sich an den Wänden dieses Tempels befinden. Diese Basreliefs bringen Buddhas oder Verehrer des Buddha in allen möglichen und unmöglichen Stellungen, Scenen aus dem Leben von Fürsten, Riesen, Schlangenkönigen, Eseln, Geistern, Thierfabeln. Leider fehlt uns der Ariadnefaden, der uns in diesem Labyrinth als Führer dient.