Die Katholiken sind an Zahl eine viel kleinere Gemeinde, aber sie sind reger und unternehmender; in Magelang hatte »der Pastor« ein eigenes Haus und eine kleine Kirche; zahlreich sind diese über ganz Java zerstreut. Der Sitz des Bischofs von Mauricastro ist Batavia mit einer schönen Pastorie auf dem Waterlooplatze. Selbst in Atschin ist eine »Pastorie«, und der Pastor Verbaak dient dort schon seit mehr als einem Jahrzehnt, geehrt und geachtet von Freund und Feind.

Die Mohamedaner sind in Java in grosser Zahl unter den Soldaten vertreten; von ungefähr 17000 eingeborenen Soldaten sind nur circa 1800 Christen, und zwar 12 Compagnien ambonesischer Soldaten (aus den Molukken). In der civilen Bevölkerung Javas ist der Islam die vorherrschende Religion; ungefähr 50000 Europäer und Halbeuropäer, 220000 Chinesen u. s. w. stehen circa 22 Millionen Mohamedanern gegenüber, wovon circa 11000 Araber und 5000 Armenier und Türken ihre Heimath ausserhalb Javas haben.

Auch unter den mohamedanischen Soldaten ist die Basis ihrer Religion Indifferentismus mit einem starken Beigeschmack von Fatalismus. Tuwan Allah Kassih = Gott hat es gegeben, ist das Um und Auf ihrer Lebensphilosophie. Ich habe niemals einen eingeborenen Soldaten die vorgeschriebenen religiösen Uebungen halten gesehen; bei der Geburt eines Kindes, beim Tode seiner Frau oder bei der Hochzeit seiner Tochter giebt er ein Salâmatan,[199] dem ein »Hadji« präsidiren und durch das Ableiern einiger arabischer Segenssprüche die nöthige Weihe geben muss; natürlich unterwerfen sie sich der Beschneidung, enthalten sich des Genusses des Schweinefleisches und trinken manchmal Schnaps, Bier oder Wein, ohne aber Missbrauch davon zu machen; d. h. wenn bei gewissen Gelegenheiten ein »Freischnaps« gegeben wird, finden sich immer einige eingeborene Soldaten, welche davon Gebrauch machen.

Der Javane ist nur ausnahmsweise ein Zelote; mein Kutscher z. B. war in jeder Hinsicht ein rechtgläubiger Mohamedaner, er ass kein Schweinefleisch, er trank keinen Alcohol, selbst wenn er ihm als Medicament von mir gegeben wurde. Aber das Gebot »Du sollst zu Gott, dem Herrn, fünfmal des Tages beten« befolgte er nicht, denn es kostet viel freie Zeit, dieser Vorschrift gerecht zu werden; er muss sich vor dem Gebete reinigen, weil man sich nicht im unreinen Zustande Gott nähern dürfe. Auch dieses Bad ist mit strengen Regeln verknüpft, so dass man also, wie erwähnt, sehr viel freie Zeit, wie z. B. ein Hadji, oder ein Hausirer haben muss, welcher durch die Heuchelei seiner ausserordentlichen Frömmigkeit kauflustige Dorfbewohner locken will. Sein Glaube ist ja nicht echt; er hat noch den ganzen Aberglauben der alten Hindureligion, gerade wie die Mythologie der alten Indier in allen ihren Heldenliedern und ihren Wâjangs Kulit fortlebt. Aber die äusseren Ceremonien befolgt er gern, so lange sie ihm nicht zu unbequem sind, z. B. er wird kein Huhn von unbefugter Hand schlachten lassen, wenn ein Mann bei der Hand ist, der das für diese Operation angewiesene Gebet sagen kann. Ist ein solcher Dorfpriester aber nicht bei der Hand, wird er — das Huhn essen, auch wenn es nicht rituell geschlachtet wurde. Dasselbe gilt von den Salâmatans. Diese werden bei allen Phasen des täglichen, gesellschaftlichen und Familienlebens gegeben, und es erhält der Dorfpriester (modin) die Einladung, um bei dem Festmahle gegenwärtig zu sein, welches zu Ehren eines neugeborenen Kindes, des Baues eines neuen Hauses, beim Anlegen eines neuen Reisfeldes u. s. w. gegeben wird. Dieses Fest wird durch ein Gebet des Hadjis eingeleitet, und treuherzig sagen die Anwesenden bei jeder Pause ihr deutliches und lautes Amin, amin, obwohl sie kein einziges Wort von demselben verstanden haben; es ist ihnen auch gleichgiltig, was der Priester bei dieser Gelegenheit vor sich hinbrummt, wenn dieser nur in deutlicher und vernehmbarer Sprache den Anlass des Festes mitgetheilt hat, so dass Allah darüber keinen Augenblick den geringsten Zweifel hegen kann. Im Allgemeinen kümmert er sich auch mehr um die bösen Geister als um Tuwan Allah (Gott den Herrn), weil dieser gut und weise ihm nicht schadet, jene aber durch Geschenke (Opfer) bestochen werden müssen, um ihn nicht zu verfolgen. Helfen bei Krankheiten diese Opfer nicht, dann muss List gegen List gebraucht werden. Ist z. B. ein Kind krank und gelingt es der Dukun nicht, es zu heilen, so macht sie eine Puppe z. B. aus einem Stück eines Pisangstammes, welche mit alten Lappen umgeben wird. Diese Figur wird eine Zeit lang vor dem Hause des kranken Kindes liegen gelassen und hierauf begraben, um den bösen Geist glauben zu lassen, dass das Kind seinen Leiden schon erlegen sei, so dass seine Bemühungen schon überflüssig seien. Ein anderer, häufig angewendeter Streich ist folgender: Der Vater geht nach dem Brunnen, wo das Kind nach seiner Ansicht sich erkältet oder im Allgemeinen seine Erkrankung sich zugezogen hat; an dieser Stelle zündet er Weihrauch an, um den »bösen Geist« auf sich aufmerksam zu machen, öffnet seinen Gürtel und lässt das eine Ende ins Wasser fallen; ohne das andere Ende des Riemens loszulassen, entfernt er sich von diesem vom Teufel verhexten Orte (angkon), und zwar in einer der Wohnung des kranken Kindes entgegengesetzten Richtung; der böse Geist verliert dadurch die Spur des Kranken und — dieser ist gerettet.

Fig. 27. Totalansicht des Buru Budur.

Im Allgemeinen wird man nicht fehl gehen, wenn man die Quelle aller abergläubischen Gebräuche und Sitten in dem Hinduglauben der Vorväter suchen wird; aber ein kleiner Theil derselben ist auch ein Importartikel der Araber, und noch mehr der Hadjis. Diese Hadjis sind ja keine Priester stricte dictu; es sind nur Mekkapilger, welche auf ihrer Reise nach Mekka mit Mohamedanern der ganzen Welt verkehrt hatten und durch den Contact mit gleich wenig geschulten und gebildeten Männern im Austausch der gegenseitigen Anschauungen in erster Reihe das Mystische und Transcendentale angenommen haben und erst in zweiter Reihe das Positive und Rationelle des mohamedanischen Glaubens nach Hause mitnehmen. Dadurch sind sie auch gefährliche Elemente der Javanen geworden; ob aber die indische Regierung keinen Missgriff begangen hat, die Pilgerfahrt nach Mekka zu erleichtern, ist noch eine offene Frage. Je mehr Hadjis nach Java kommen, desto kleiner sollte ihr Einfluss werden; denn der Nimbus schwindet in demselben Verhältnisse, als die Zahl der Würdenträger zunimmt; die Erfahrung scheint jedoch damit nicht übereinzustimmen. Im Jahre 1888 war ein Aufstand in Bantam, der gerade durch den Einfluss der zahlreichen Hadjis entstanden war, um das »verhasste Joch der Kafirs« abzuschütteln; die Wohlfahrt des Landes, die Sicherheit des Eigenthums und der Personen, welche der Eingeborene unter der Regierung der Holländer geniesst, vergisst der Hadji, wenn er den Prang sabib (den heiligen Krieg) predigt; aber die grosse Menge der Javanen ist sich dieser Wohlthaten bewusst. Darum gelingt es niemals diesen unruhigen Friedensstörern, ein grösseres Feld für ihre Hetzereien zu finden. Seit dem grossen Javakrieg war niemals eine Provinz (Residentie) oder auch nur ein grosser Bezirk auf Java in Aufstand gegen die holländische Regierung; immer waren es nur einzelne Kampongs, welchen die Hadjis einen solchen Hass gegen die Europäer einimpfen konnten, dass sie zu den Waffen griffen. Leider scheint der türkische Consul das Treiben der mohamedanischen Priester wenn auch nicht gerade zu ermuthigen, so doch sicher auch nicht zu tadeln, obzwar die holländische Regierung den Islamismus in jeder Hinsicht unterstützt und hoch hält. Es sind ja ungefähr 15000 mohamedanische Religionsschulen auf Java mit ungefähr 230000 Schülern; also 1% der Bevölkerung lernt in solchen Schulen Schreiben (die arabische Schrift), etwas Rechnen, einzelne Capitel aus dem Koran; nebstdem giebt es auch zahlreiche Priesterschulen, in welchen die Liturgie, Dialektik und Moral des mohamedanischen Glaubens ausführlich gelehrt werden.

Die Stellung dieser Priester ist in den Dörfern keine lucrative, weil eben der Javane ausser bei festlichen Gelegenheiten seinem Seelsorger keine Geschenke giebt. Der Priester muss also theilweise selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen, und zwar durch Handel oder Landbau. Am meisten wird der Puasa oder der Fastenmonat gehalten, und am Ende desselben bringt wohl Jedermann seine Pitra dem Geistlichen des Dorfes. In Magelang sollte im Jahre 1895 die Moschee einen Neubau erhalten; der Kirchenrath fand es nicht rathsam, dafür die eigene Kasse in Anspruch zu nehmen. Bald wurde es jedoch bekannt, dass Jedermann ein gottgefälliges Werk ausüben und sicher einige Sprossen auf der Leiter zum Himmel erobern könne, wenn er sich an dem Bau betheiligte. Ich hatte damals eine Köchin, die vielleicht 60 Jahre alt war. Wenn um 1 Uhr Nachmittags und um 8 Uhr Abends ihre Arbeit beendigt war, ging sie mit einem kleinen Korbe hinab an die Ufer des Progoflusses, füllte ihn mit Steinen und brachte sie auf den Bauplatz der Moschee und warf jedesmal einen Duit (= ⅚ Cent) in die grosse, hölzerne Kiste, welche zu diesem Zwecke als Opferstock am Eingang der Moschee stand; dasselbe thaten meine übrigen Bedienten.

Das sind natürlich Ausnahmefälle, welche die Regel bestätigen, dass auf Java die Hadjis in den Dörfern von den Liebesgaben ihrer Schutzbefohlenen nicht leben können.

Ich muss noch bemerken, dass über ganz Java Volksschulen verbreitet sind, welche sich wesentlich von jenen oben erwähnten unterscheiden, welche quasi reine Religionsschulen sind. Die Kinder der Häuptlinge besuchen oft die Volksschulen der Europäer (im Jahre 1887 waren nach »Schulze’s Führer auf Java« 256 Eingeborene unter 8500 Schülern aller Volksschulen), während für das Gros der Eingeborenen sich zahlreiche Schulen befinden, in welchen Rechnen, Lesen und Schreiben, etwas Naturkunde, Geographie und Geschichte von Ostindien, Zeichnen und Singen gelehrt werden. Ich selbst habe zu wiederholten Malen Bediente gehabt, welche schreiben und lesen konnten. Wie viel Analphabeten Java in seiner Einwohnerzahl von ungefähr 25000000 besitzt, lässt sich nicht einmal annähernd angeben. Diese Zahl kann nicht klein sein, weil erst die gegenwärtige Generation unter dem Einflusse der neuen Schulen steht und bei deren Entstehen nicht sofort alle Kinder daran theilnahmen.