Nebstdem wird ein höherer Unterricht an die Söhne von Häuptlingen ertheilt, welche das Cadre der künftigen Beamten bilden sollen. Leider muss auch von diesen Schulen gesagt werden, dass die indische Regierung im Unterrichtswesen der Eingeborenen des Guten zu viel gethan hat; es wird z. B. in den Schulen für eingeborene Lehrer viel zu viel auf die naturwissenschaftlichen Fächer verwendet — ich sah ja im Seminarium zu Bandjermasing ein vollständig eingerichtetes chemisches Laboratorium —, und in der Schule für die Söhne von Häuptlingen in Magelang wird — Nationalökonomie docirt!! Der dafür angestellte Doctor der Rechte versicherte mir zwar, dass diese Schüler der holländischen Sprache vollkommen mächtig seien; aber auf meinen Einwand, dass solche abstracte Theorien in dem Gehirn eines Javanen noch keinen Platz hätten und von den 16–18jährigen Burschen unmöglich verdaut werden könnten, konnte er mir nur entgegnen, dass in seinen Vorträgen mehr der politischen Organisation gedacht werde, obwohl er für die Nationalökonömie angestellt worden sei.

Der Vollständigkeit halber muss ich auch die im ersten Bande: Borneo erwähnten Doctor-djawa-Schulen für eingeborene Aerzte und die Schule der ambonesischen Christen in Magelang anführen.

Heiden hat die Insel Java nur sehr wenige; im Osten Javas sind die Bewohner des Tenggergebirges, ungefähr 4000, und im Westen auf dem Berge Kentjana ungefähr 2000 Seelen, welche dem Hinduglauben treu geblieben sind. In der Armee ist gegenwärtig die Zahl derselben sehr klein, weil die africanischen Compagnien aufgehoben wurden, und die Mohren, welche kein Verlangen hatten, in ihre Heimath zurückgesendet zu werden, siedelten sich in der Provinz Bageléen an.


Nach der Eroberung von Tjákranegára kehrten die Truppen denselben Weg zurück, den sie bei ihrem Auszuge genommen hatten. Das Schiff brachte sie nach Samarang, dort bestiegen sie die Eisenbahn, und 4 Stunden später kamen sie in Willem I an, wo sie ebenso herzlich als in Samarang begrüsst wurden. Am andern Tage gingen sie zu Fuss bis nach Pringsurat, wo für durchgehende Truppen ein ständiges Gebäude bestand. Da ein Marschtag 27 Kilometer beträgt und dieser Ort von Magelang 25 Kilometer entfernt ist, so konnten sie zwischen 9 und 10 Uhr in ihrer Garnison anlangen. Auf dem grossen Exercierplatz zwischen der Caserne wurden aus Bambus Hallen gebaut, und Jung und Alt, Arm und Reich war schon um 8 Uhr auf diesem Felde versammelt, um die wackeren und braven Soldaten zu begrüssen. Es war schon 10 Uhr, als die ersten Töne der Militär-Musik an unsere Ohren drangen, und lauter und immer lauter wurde der Jubel, als die Truppen zwischen den Häusern der Officierpavillons erschienen. Es war ein trauriger Anblick, und manches Herz erzitterte bei dem Gedanken, wie viel Elend und Entbehrung diese jungen Männer gelitten haben mussten, dass sie so schmutzig, so blass und so verfallen aussahen. Dennoch hatte Niemand mit ihnen Erbarmen; von Allen, die durch ihre Stellung sich berechtigt hielten, eine Ansprache zu halten, wollte kein Einziger seine schönen Worte der Menschheit vorenthalten, und so mussten diese durch Krankheit und den Marsch von 25 Kilometern ermüdeten und erschöpften Soldaten noch eine ganze Stunde lang in »Habt Acht«-Stellung den gewiss gut gemeinten, aber auch recht unzeitgemässen Redestrom über sich ergehen lassen. Endlich hatte der letzte Redner sein Hip-hip Hurrah donnernd ihnen zugerufen; das Commando: Eingerückt, marsch! erscholl, und sie zogen in ihre Caserne, wo eine Tafel für sie hergerichtet stand, und umgeben von ihren Frauen, Kindern und Freunden vergassen sie alles Leid, das sie erlitten, und alle Entbehrungen, die sie erschöpft hatten. Die Reaction blieb natürlich nicht aus. Am nächsten Tage kamen Viele ins Spital, und schon am zweiten Tage war das Spital überfüllt. Hatte die Erwartung, ihre Garnison, ihre Freunde, Frau und Kind wiedersehen zu können, sie während ihrer Reise »auf den Beinen erhalten«, so forderte nach dem Rausche der ersten Freude des Wiedersehens die Erschlaffung der überspannten Nerven ihr Recht. Die grösste Zahl bestand aus Erkrankungen des Darmes und Fieberpatienten, die Zahl der Dysenteriefälle und der Leberabscesse überstieg alle, welche ich seit meinem Aufenthalte in Borneo (1877–80) beobachtet hatte. Im Jahre 1880 herrschte im Südosten dieser Insel eine heftige Dysenterie-Epidemie. Unter dem Drucke der herrschenden Verhältnisse konnte ich nicht mehr thun, als dem Häuptlinge des Districtes und den beiden dort weilenden Missionaren einige Rathschläge für die Behandlung der Patienten und betreffs der nothwendigen hygienischen Maassregeln zu geben. Ich konnte mir weder über den Verlauf der Krankheit, noch über ihre Folgen ein Urtheil bilden, ich konnte nichts über die Ursachen und die Entstehungsweise erfahren; ich konnte aber aus den officiellen Mittheilungen einen Ueberblick über die geographische Verbreitung dieser Epidemie gewinnen. Diesmal war ich unter günstigeren Bedingungen. Mir war Zeit, Ort und das Wie des Entstehens bekannt. Die meisten der Dysenteriefälle waren Recidivisten von Lombok; aber ich bekam auch solche Kranke zur Behandlung, welche diesen Feldzug nicht mitgemacht hatten und nicht einmal auf Lombok gewesen waren. Diese Fälle blieben jedoch glücklicher Weise isolirt, und es entstand keine Epidemie, weil in Magelang dazu alle Bedingungen fehlten. Nicht locale oder meteorologische Verhältnisse habe ich dabei im Auge, denn »ohne Einfluss sind Elevation und Figuration des Bodens, sowie geologische Formation und physikalischer Charakter desselben«[200] auf das Entstehen der Dysenterie-Epidemie. Ich kann mir auch keinen grösseren geologischen und topographischen Unterschied vorstellen, als den der Länder, aus welchen Beobachtungen von Dysenteriefällen stammen. In Island und Grönland, in Africa, in Europa, in America und in China und Japan kommen Dysenteriefälle entweder vereinzelt oder in grossen Epidemien vor. Ich selbst sah den ersten Fall im Jahre 1873 in den Karpathen am Fusse des Gletschers Tartara; sieben Jahre später befanden sich die von mir beobachteten Dysenteriefälle im östlichen Randgebirge Borneos mit vorherrschender Kalkformation. Auf Lombok 1894 war der reinste Typus des Alluvium, und in Magelang die schönste tertiäre Formation. Wir müssen also dem Krankheitserreger der Dysenterie die Ubiquität stricte dictu zuerkennen. Auch seine Lebensdauer ist eine fürchterlich grosse. Schon 2000 Jahre vor Christus wird dieser Krankheit in den indischen Schriften Erwähnung gethan, und Herodot wie Hippokrates geben schon eine ausführliche Beschreibung dieser Krankheit. Dieser fürchterliche Feind der Menschheit hat also einen sehr alten Stammbaum; aber auch ihn trifft das Schicksal alles Irdischen; »er ist werth, dass er zu Grunde geht«, und er verschwindet unter dem mächtigen Einfluss der Hygiene. Bleeker erzählt in seinem Buche »Dysenteria tropica«, dass von 31879 Europäern, welche zwischen den Jahren 1816–1832, also innerhalb 17 Jahren, nach Indien gegangen waren, 24330 (!!) gestorben sind, und dass

im Jahre

1819

im

Allgemeinen

 1175

und

an

der

Dysenterie

  597

starben,

1820

 1315

  472

(Cholera)

1821

 2260

  801

1822

 1363

  572

1823

 1326

  505

Krieg
geg. Celes

1824

 1412

  423

1825

 1869

  512

Krieg
in
Java

1826

 2409

  992

1827

 3213

 1199

1828

 4243

 2126

1829

 3492

 1632

1830

 2265

 1019

1831

 1548

  629

27890

11479

Die Zahlen der behandelten Dysenteriepatienten waren[201]

im Jahre 1819  5585 Soldaten
1820  5050
1821  6963
1822  5681
1823  6063
1824  4393
1825  5719
1826  6414
1827 10985
1828 12980
1829  9818
1830  8939
1831  6490
95080

Es wurden also in diesen 13 Jahren 95080 europäische und eingeborene Soldaten an Dysenterie »inclusive Diarrhöen« behandelt, davon starben 11479, während im Ganzen 27890 mit dem Tode abgingen; also 41% (!!) der Gestorbenen fielen in diesem Zeitraume der Dysenterie und den Diarrhöen zum Opfer. Interessant ist es, dass schon für diese Zeit Bleeker berichtet: »Die dysenterischen Krankheiten haben sowohl an Extensität als an Intensität bedeutend abgenommen, so dass ihr Charakter und Behandlung viel günstiger geworden ist.« Die Abnahme der Dysenterie in der indischen Armee hält gleichen Schritt mit der Entwicklung der Hygiene. Vom Zeitraume 1878–1885 berichtet Dr. van der Burg von 6324 Dysenteriefällen mit 857 Todten, d. h. also 107 im Jahre, und in den Jahren 1891 bis 1895 kamen nur 4, 6, 2, 5 und 8 Todesfälle der tropischen Dysenterie vor, und wenn wir billiger Weise auch die katarrhale Form der Dysenterie nicht vergessen, welche in der Statistik der früheren Jahre zu der tropischen Form gerechnet wurde, so ist dennoch der Unterschied ein grosser. Im Jahre 1895 wurden in der indischen Armee von der tropischen Dysenterie 8 und von der katarrhalen Dysenterie 41 Soldaten unter 750 Todten im Allgemeinen hingerafft; d. h. 6½% der Todten waren Opfer der Dysenterie, während vor 70 Jahren 41% daran gestorben waren. So sehr sich alle diese Ziffern bestreiten lassen, steht doch diese Thatsache fest, dass die Dysenterie in Indien bedeutend an In- und Extensität verloren hat, und nach meiner Ansicht spielt die grössere Sorgfalt, welche dem Trinkwasser gewidmet wird, darin die Hauptrolle.

Trotzdem die Bacteriologie bis jetzt eine hohe Entwicklung genommen hat, stehen wir in der Dysenteriefrage noch immer einem unsichtbaren und unbekannten Feinde gegenüber. Ob nun Amöben (Amoeba coli Lösch) oder Bacterien (Bacterium coli commune) oder Paromaecium coli oder Streptokokken die Krankheitserreger der Dysenterie seien, ist noch nicht entschieden (denn auch mechanische und toxische Reizungen des Dickdarmes [z. B. Stuhlverstopfungen, Quecksilber u. s. w.] erzeugen ruhrähnliche Erkrankungen); und dennoch stehen wir in der Prophylaxis nicht ohnmächtig der Dysenterie gegenüber, wenn wir uns die Verhältnisse vor Augen halten, unter welchen bis jetzt diese Krankheitsform in ihrer verheerenden Macht Einbusse erlitten hat. Die individuelle Prophylaxis kann bei dieser Krankheit mehr leisten, als der Staat helfen kann. Niemand fürchte sich vor dem Genuss der Früchte; denn sie treten der Stuhlverstopfung entgegen und lassen im Darme eine solche Menge nicht pathogener Bacterien entstehen, dass sie die der Dysenterie überwinden können; man trage den jeweiligen Temperaturverhältnissen Rechnung. In den kalten Nächten oder Morgenstunden trage Jedermann eine Leibbinde. Das Baden möge nie mehr als ein Reinigungsmittel sein, d. h. nicht so lange dauern, bis ein Frösteln den Eintritt der Erkältung verräth. Jede Diarrhöe werde sofort sorgfältig behandelt, und lässt sich vermuthen, dass eine Anhäufung von Koth die Ursache sei, nehme man sofort ein Liqueurglas voll Ricinusöl. In der Wahl der Getränke sei Jedermann vorsichtig; so wie für die Soldaten im Kriegsfalle eine bestimmte Menge von Munition und Lebensmitteln mitgenommen wird, muss auch für das Trinkwasser gesorgt werden; vor dem Ausmarsch überzeuge sich der Commandant, dass jeder Soldat in seiner Feldflasche Thee oder schwarzen Kaffee oder vollkommen reines Wasser mitgenommen habe. Im Bivouac müssen die grossen Kessel nach dem Kochen der Speisen sorgfältig gereinigt werden, oder es müssen eigene Kessel mitgenommen werden, in denen eine hinreichend grosse Menge Wasser ¼–½ Stunde lang in der Siedhitze gekocht wird; hat man keine Gelegenheit, sich in der Nähe Eis zu verschaffen, so werden sich manche Maassregeln finden lassen, um auch in den Tropen bald die Temperatur des abgekühlten Wassers so niedrig als möglich werden zu lassen, z. B. die Gefässe in den kühlen Grund zu senken. Das Ueberschütten in kleinere Gefässe für die einzelnen Unterabtheilungen der Armee wird immer hinreichen, um dem gekochten Wasser so viel frische Luft beizumischen als nöthig ist, ihm einen erfrischenden Geschmack zu geben; ich trinke z. B. noch jetzt nur gekochtes Wasser und habe durch dieses Verfahren niemals den erfrischenden Geschmack desselben entbehren müssen. Ich weiss, dass Hunger weh thut und dass der Durst quält; aber mir ist auch aus Erfahrung bekannt, dass mit einem geringen Maasse von Selbstbeherrschung der Durst einige Stunden ertragen werden kann. Der Soldat werde also mit dem nöthigen Nachdruck auf die Gefahren des Gebrauchs von ungekochtem Wasser auf dem Kriegsterrain aufmerksam gemacht, und er wird es dann über sich bringen, lieber einige Stunden Durst zu leiden, als sich der Gefahr der Cholera, Ruhr u. s. w. auszusetzen. Uebrigens haben wir ja in den Tropen eine bis jetzt unbekannt gebliebene reichliche Quelle von chemisch reinem Wasser: die Lianen. Bei der Wahl eines Bivouacs wird ja immer dafür gesorgt, dass es in der Nähe eines Flusses oder Teiches angelegt, die Küche oberhalb und die Aborte und Badehäuser unterhalb des strömenden Wassers errichtet werden. Sollte jedoch trotz aller Vorsichtsmaassregeln die Ruhr ausgebrochen sein, dann tritt die Desinfection der Entleerungen mit der grössten Strenge und mit allen möglichen Mitteln in ihre Rechte, und wenn die Aborte nicht über einen grossen, starken Strom gebaut sind, dann ist es besser, Senkgruben zu errichten, in welche täglich eine 10 cm hohe Schicht von Asche, Gyps, Kalk oder Sand geschüttet werden muss. Eine sorgfältige Desinfection der Entleerungen wird in der Regel hinreichend sein, das Fortschreiten der Ruhrepidemie aufzuhalten, und es überflüssig machen, zu dem gewiss nicht unbedenklichen Transferiren des Bivouacs nach einer ruhrfreien Gegend übergehen zu müssen. Die Isolirung der Kranken und die grösste Reinlichkeit dürfen natürlich in einem solchen Falle nicht vergessen werden.