Wie den Fachleuten bekannt ist, giebt die Ruhr häufig Anlass zur Entstehung von Leberabscessen, indem das Gift der Ruhr ins Blut aufgenommen wird und auf dem Wege zur rechten Herzkammer in der Leber deponirt wird. Vom Jahre 1876–1894, also während 18 Jahren, war ich nicht in der Lage, in den Tropen Leberabscesse zu sehen, und in den Jahren 1894 und 1895 bekam ich beinahe jeden Monat einen oder den andern Fall dieser Krankheit zur Beobachtung oder zur Behandlung. Die grosse Zahl derselben hatte natürlich auch zur Folge, dass so mancher interessante Fall vorkam, der auch den Fachmann interessiren dürfte. Bei einem Europäer z. B. stand ich Tage lang im Zweifel, ob eine gewöhnliche Entzündung des Leberüberzuges vorhanden war, oder ob ein Leberabscess die Ursache seiner Schmerzen sei; während des Gespräches mit dem Patienten bekommt er plötzlich und unvermittelt einen Hustenreiz, auf welchen die starken Brechbewegungen folgten; er hustete den typischen Inhalt eines Leberabscesses aus, nach 14 Tagen verliess er geheilt das Spital. Der Abscess hatte das Zwerchfell und die Lunge durchbohrt, mündete in einen grossen Ast der Luftröhre, brach durch und — heilte. Bei einem zweiten Patienten glaubte ich alle Symptome des Leberabscesses vor mir zu haben, und trotz wiederholter Probepunction gelang es mir nicht, den Sitz des Abscesses zu finden. Erst bei der 7. Probepunction mit einer langen Hohlnadel stiess ich auf den Eiterherd, ein Strom Eiter floss aus, ich nahm einen Theil der Rippe weg, um freien Zugang zu dem Abscesse zu finden, und ungefähr nach sechs Wochen verliess der Patient geheilt das Spital. Der Jahresausweis von 1895 berichtet nur von 38 Fällen von Leberabscessen (30 Europäer und 8 Eingeborene), wovon 9 starben (7 Europäer und 2 Eingeborene). Diese Ziffer entspricht nicht den thatsächlichen Verhältnissen, weil die Diagnosen für jeden Monat festgestellt werden müssen, und der eine Chef nach drei Tagen, der andere nach acht Tagen und ein dritter erst am Ende des Monats die Mittheilung der Diagnosen verlangt.


Brachte der Krieg mit Lombok auch den zurückgebliebenen Officieren viel Abwechselung und viel Arbeit, so sollte das Jahr 1896 diesen und also auch mir die Miseren des Kriegslebens nicht ersparen. In Atschin hatte Tuku Umar seine Maske fallen lassen und sich feierlich der Sultan-Partei angeschlossen. Ein neuer Feldzug musste wieder unternommen werden, und das 6. Bataillon, welches unterdessen auf den completen Stand eines vollkommen kriegstüchtigen Feldbataillons[202] gebracht worden war, sollte daran theilnehmen. Schon Anfangs April hatte sich das Gerücht in Magelang verbreitet, dass das 6. Bataillon wieder »nach Atjeh gehen werde«; die Gesuche der jungen Lieutenants, diesem Bataillon zugetheilt zu werden, kamen von allen Seiten nach Batavia. Wir bekamen Befehl, die Soldaten strenge auf ihre Kriegstüchtigkeit zu untersuchen. Endlich wurde den eingetheilten Officieren officiell mitgetheilt, sich marschbereit zu halten, und erst als am 23. April der Befehl kam, am 24. um 6 Uhr früh abzumarschiren, wurde ich telegraphisch angewiesen, das 6. Bataillon nach Atjeh »zu bringen«. Ein gleiches Schicksal hatten zwei Jahre früher die Aerzte, welche nach Lombok gehen sollten. Die Infanterieofficiere wussten Wochen lang vorher, dass sie (mit dem 6. und 7. Bataillon) in den Krieg marschiren mussten; die Aerzte bekamen erst 2–3 Tage vorher den Marschbefehl.[203] Im Mobilisirungsplane sind schon Wochen vorher die Zahl und die Namen der Aerzte aufgenommen, welche den Feldzug mitmachen müssen; aber die Landes-Sanitätschefs halten sich strenge an die »geheime Ordre« und theilen die Namen der angewiesenen Aerzte nicht mit; die anderen Corpschefs fürchten sich nicht, ihren Officieren zur rechten Zeit einen Wink zu geben. Ich hatte also kaum 24 Stunden Zeit, mich marschbereit zu machen. Der Inhalt des Telegramms war nicht deutlich genug, um zu wissen, ob ich das 6. Bataillon nur auf der Reise begleiten, oder ob ich auch weiterhin den Feldzug mitmachen sollte. Ich musste also für alle Fälle sorgen und mir verschaffen: Gamaschen, Revolver, dünne Matratze mit Mosquitonetz und Polster, eine Commishose, einen Helmhut,[204] Militärschuhe, Flanellhemden, Kerzen, Essbesteck, zwei Meter Lackleinwand, Feldflasche mit Becher, Zwirn und Nadel und Spennnadel und Scheere, Briefpapier, Bleistift und Taschentintenfass, Streichhölzer u. s. w. Dies alles nebst der üblichen Wäsche und den Kleidern packte meine Frau in einen Koffer, während ich die dienstlichen Angelegenheiten besorgte. Mein Gärtner erklärte sich bereit, gegen eine Erhöhung seines Lohnes um 5 fl. mit mir zu gehen, und so zogen wir am 24. April von Magelang aus. Wieder begleitete eine grosse Menschenmasse die Truppen, und am Ende der Stadt, bei dem Club des Herrn van der Steur nahm eine Commission von Bürgern von uns Abschied, und bei einem Glas Champagner drückte der Resident die üblichen Glückwünsche für unser Wohl, für den Sieg unserer Waffen im Kampfe gegen den treulosen und verrätherischen Tuku Umar, für Vaterland und Königin in herzlichen Worten aus.

Unterdessen hatten die Soldaten Zeit und Gelegenheit, von diesem ersten »Halt« den möglichst besten Gebrauch zu machen. In der Eile und Aufregung des Abschiedes von Frau und Kind (auch diesmal durften nicht mehr als 20 Frauen per Compagnie mitgehen) war vieles vergessen worden, was bei bedächtigem Thun gewiss nicht geschehen wäre. Hier öffnete der Eine den Schuh, dessen Zugriemen ihn drückte, dort entfernte sich ein Anderer, um gewissen Bedürfnissen Genüge zu leisten, ein Dritter lüftete die zu straff gebundene Cravatte, ein Anderer lief zum Train, um ein Sacktuch aus dem Tornister zu holen, ohne ihn natürlich aus der grossen Menge herausfinden zu können; ein Unterofficier bat den Herrn van der Steur, seiner Frau und seinen Kindern hülfreich zur Seite zu stehen u. s. w. Es war eben die sogenannte »Pishalte«, welche bei dem Ausmarsch von Truppen die erste unerlässliche Pause bedingt. Einige Officiere und Damen begleiteten uns bis zum »Paal« 4. Linksab befand sich ein schmaler Weg, welcher nach Kali benéng führte, welches ein sehr belebter Badeplatz für die Bewohner von Magelang ist. Eine Quelle mit frischem reinen Bergwasser entspringt an dem Fusse eines Hügels; ein Häuschen mit vier Cabinetten bietet Gelegenheit zum Auskleiden, und da das Wasser auf der einen Seite nicht tiefer als 1½ Meter wird, ist hier eine willkommene Badegelegenheit für Damen und Kinder. An der andern Seite des Häuschens hat der Bach eine grössere Tiefe und wird von den Männern gebraucht, welche des Schwimmens kundig sind. Nebstdem befindet sich dort ein europäischer Pächter, welcher auf Verlangen Getränke und Speisen liefert.

Es war unterdessen 8½ Uhr geworden, die Sonne begann schon lästig zu werden, und der Commandant der Truppen, Major X., gab Befehl, die Cravatten und Röcke im oberen Theile zu öffnen.

Major X. war für mich ein unerwünschter Commandant; im Jahre 1886 waren wir beide in Atschin und er bekleidete damals den Rang eines Oberlieutenants, und ich war schon 4 Jahre Regimentsarzt; ich duzte ihn also damals; seit dieser Zeit war er Major geworden, und ich war noch immer Regimentsarzt, stand unter seinen Befehlen, und als Zeichen seiner Herablassung sprach er jetzt gegen mich mit jy und jou (= du), ohne dass es mir die Disciplin erlaubt hätte, ein Gleiches zu thun. So ein goldener Kragen verändert in hohem Maasse den Mann. Ich hatte einen Collegen, mit dem ich Jahre lang im brieflichen Verkehre das »Du« gebrauchte; er wurde Stabsarzt und ... mit Wohlgefallen liess er sich mit Herr Stabsarzt und »Sie« tituliren.

Ich hatte alle Ursache, auf dem Marsche auf dem vom Reglement vorgeschriebenen Platze zu bleiben, d. h. ich blieb mit der Ambulanz am Schlusse der Colonne, und hinter mir folgte der Train, welcher aus den Officiersdienern, den Lastwagen, den Kulis und den Soldatenfrauen bestand. Um 10 Uhr kamen wir nach Sedjang, wo uns die letzten Begleiter, einige Officiere zu Pferde nämlich, verliessen. Bis dahin war die Strasse beinahe wie eine Spiegelfläche. Im Hintergrunde erhoben zu unserer Rechten der Telojo und der Merbabu, und zu unserer Linken der Sumbing ihre stolzen Häupter. Hier erwartete uns der Regent von Temunggung, um uns Glück auf! zu unserer Reise zu wünschen. Die Truppen hielten ¼ Stunde Rast, weil wir einen steilen Weg zu ersteigen hatten, und um 1 Uhr erreichten wir Medono, das Endziel des ersten Tagemarsches. Wir hatten also 18 Paal = 27 Kilometer zurückgelegt, ohne dass mehr als ein einziges Mal meine Hülfe in Anspruch genommen wurde. Ein Officier hatte mich um ein Stückchen Pflaster für eine Blase an der Ferse ersucht. (Die Soldaten erhalten keine Lappen, sondern Strümpfe.) Hier in Medono hatte der »Quartiermacher«, Lieutenant-Kwartiermeester M. für uns gut gesorgt; die Soldaten bezogen das Bivouac in Prins Surat, und die Officiere fanden bei dem Häuptlinge des Bezirkes nicht nur ein gutes Bett, sondern auch ein gutes Essen.

Zunächst war es meine Pflicht, mich den Soldaten zur Verfügung zu stellen, und ich ersuchte den Major X., das Signal »für den Doctor« geben zu lassen; er sah mich an, als ob ich dem Irrenhause entsprungen wäre; er besann sich jedoch nur einen Augenblick, liess »für den Doctor« blasen und sah zu seinem Erstaunen eine stattliche Reihe von Soldaten ankommen, welche meine Hülfe gegen diverse kleine Leiden nöthig hatten. Die meisten unter ihnen klagten über Diarrhöe und ersuchten mich um »einen Bauchtrank«. Ich hatte zu meiner Verfügung zwei Verbandtaschen, eine Feldmedicinkiste und eine Feldverbandkiste, nebstdem hatte ich eine grosse Büchse mit Medicin mitgenommen, welche nicht in der officiellen Liste der Medicamente für den Feldgebrauch aufgenommen war, wie z. B. Antipyrin u. s. w. Der »Bauchtrank« bestand aus 10 Tropfen der auf [Seite 196] erwähnten Choleraessenz oder Laudanumtinctur, welche in dem Feldbecher mit Wasser gegeben wurde; aber auch einige Officiere ersuchten mich um »ein beruhigendes Mittel für den Bauch«.

Die Ankunft der Truppen war natürlich vorher bekannt gewesen, und eine grosse Schaar Klontongs (Hausirer) erwartete uns, wodurch das Lagerleben einen romantischen Anstrich bekam. Sehr Viele eilten natürlich zunächst nach dem Badehause, um durch Siram[205] den Körper zu erfrischen, Andere belagerten die Klontongs, welche erfrischende Getränke feilboten, und Einige suchten einen passenden Platz, auf welchem sie das Leder für das Würfelspiel ausbreiten konnten. Das Würfelspiel (màïn dâdu) wird an besonderen Festtagen auch in der Caserne gestattet und ist eine Concession an den Charakter der eingeborenen Soldaten. Auf dem Marsche ist es eine erwünschte und willkommene Zerstreuung in der Ruhepause, und es bleibt in der Hand des Commandanten, sie bis zu jener Zeit zu gestatten, welche der Nachtruhe gewidmet werden muss. Selbstverständlich betheiligte sich auch mancher europäische Soldat an dem Spiel. Die Hausirer mit Früchten, erfrischenden Getränken und Bäckereien machten den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend ein glänzendes Geschäft; aber auch die wandernde Garküche fehlte nicht und erfreute sich eines reichlichen Absatzes. Wenn bei Manövern in Europa die Bevölkerung ersucht wird, auf der Heeresstrasse für die durchziehenden Truppen Trinkwasser zur Verfügung zu stellen, so lässt sich wenig dagegen einwenden, ja vielleicht ist dies sehr empfehlenswerth, weil in den meisten (??) Fällen das Wasser rein und gut ist. In Indien wäre ein solches Ersuchen geradezu gefährlich, weil in den seltensten Fällen ein gesundheitsschädliches Wasser ausgeschlossen wäre. Ich muss es jedoch wiederholen, dass für das Trinken der Soldaten ebenso viel Sorge als für das Essen getragen werden sollte, und dass ebenso wenig die Besorgung des Trinkwassers als die des Fleisches der Gunst des Zufalles überlassen werden sollte.