Gross war die Zahl der Getränke, welche den Soldaten von den Hausirern männlichen und weiblichen Geschlechts zum Kauf angeboten wurden. Hier sass eine Frau mit einem Haufen alter Cocosnüsse,[206] deren harte Schale handbreit abgeschlagen war, so dass man das weisse Fleisch derselben sehen konnte. Die Milch der Nuss, welche Klapperwasser genannt wird, ist ein erfrischendes, kühlendes, süss-säuerliches Getränk, welches jedoch bei Diarrhöe nicht genommen werden darf. Jede Nuss hat ungefähr zwei Gläser dieser bisweilen mit weissen Flocken getrübten Flüssigkeit. Dort stand ein Javane mit einem Pack grosser Bambusstöcke, welche wie eine Schreibfeder zugespitzt waren; die Namen, welche er mit kreischender Stimme den Passanten zurief, waren mir unbekannt; ich weiss also nicht, was für ein Getränk er den durstigen Soldaten für einen Cent pro Glas anbot; vielleicht war es nur warmes Zuckerwasser, welches von den Eingeborenen gern getrunken wird. Auch Tjien tjau, Zuckerwasser mit Agar-agar und den Körnern der Sulassifrucht (Ocimum gratissimum), und Tjien tjau idju wurde verkauft, das ist eine Flüssigkeit von hellgrüner Farbe, welche aus den Blättern des Cissampelos hirsuta gewonnen wird. Hier stand eine wandernde Garküche: Auf einem Dâpur stand ein thönerner Topf mit warmem Zuckerwasser und kleinen Stücken von Agar-agar und kleingeschnittenen Blättern von Djeruk purut (Papeda Rumplin). Selbst Oghio wurde verkauft, d. h. Zuckerwasser mit Agar und Eis, welches die Hausirer aus Magelang mitgebracht hatten; ein Chinese rief mit lauter Stimme Stéh als Verkürzung für das herrliche Sasâté, das sind kleine Stücke Schweinefleisch (bei den mohamedanischen Eingeborenen wird natürlich Rind-, Ziegen- oder Lammfleisch verwendet), welche in einer Kerrysauce gekocht und mit einem Stäbchen durchbohrt über dem Feuer geröstet werden.
Es würde mich zu weit führen, von allen Speisen und Getränken, welche hier feilgeboten wurden, eine ausführliche Beschreibung zu bringen; ich muss mich begnügen, den Totaleindruck dieses romantischen Bildes anzudeuten. Um 6¼ Uhr brach so ziemlich unvermittelt die Finsterniss ein, und ein Meer von kleinen Lämpchen bedeckte das bunte Lager. Um 7 Uhr kamen alle Officiere in die Veranda des Bezirkshäuptlings zum Souper. Als rangältester Hauptmann sass ich neben dem Major X. und betheiligte mich an dem lebhaften Gespräche, welches so ziemlich zeitgemäss war. Ein junger Bramarbas behauptete nämlich, dass derjenige ein schlechter Officier sei, der nicht mit Freuden in den Krieg ziehe, und wäre es nur, um eine Gelegenheit zu finden, den militärischen Willemsorden 4. Classe verdienen zu können. Major X. glaubte diesem in jeder Hinsicht beistimmen zu müssen, und entrollte hierauf ein Bild seines Gemüthslebens von der Stunde an, in welcher er den Marschbefehl erhielt, bis auf den jetzigen Augenblick. Ganz rührend war die Schilderung von dem Momente, in welchem er von seinem in Europa weilenden Sohne brieflich Abschied nahm und ihn ermahnte, falls er im Kriege fallen sollte, eine Stütze seiner Mutter und seiner Schwestern zu werden. Sie gab mir aber auch Gelegenheit, dem jungen Bramarbas auf Grund meiner Erfahrungen und Beobachtungen das Unnatürliche seines Ideenganges auseinanderzusetzen. Im Anfange der Debatte hatte dieser junge Lieutenant ein Wörtchen fallen lassen, welches dem unter den jungen Officieren landläufigen Glauben entsprach, dass der Militärarzt »eigentlich kein Officier sei«, weil er »nicht combattant« sei. Bei den älteren Officieren fand er damit keine Zustimmung, weil sie aus dem letzten Kriege in Lombok nur zu gut wussten, dass der Militärarzt alle Misèren und alles Elend des Kriegslebens wie jeder andere Officier mitgemacht habe, und dass von dem Militärarzt oft mehr als von jedem Andern gefordert werde; ich selbst hatte vor einigen Monaten Manöver mitgemacht, und musste neunmal den Truppen nachlaufen, weil neunmal Kranke sich gemeldet hatten, welchen ich Hülfe leisten musste; die Truppen blieben nicht stehen, und ich musste oft 10–15 Minuten lang in Laufschritt nacheilen; dazu kam noch, dass ich nicht wie jeder »Combattant« Monate oder Jahre lang vorher im Marschiren geübt und trainirt war. Last not least frug ich den jungen Marssohn, wozu denn mehr Muth gehöre, im Kampfe mit dem Feinde den Säbel zu schwingen, den Revolver abzuschiessen und im vollen Eifer und Feuer sein Leben zu vertheidigen, oder wie ich es z. B. in Atjeh gethan hatte, unter dem Feuer der Truppen ruhig und gelassen den Verwundeten die erste Hülfe zu leisten und mit Ueberlegung z. B. die Quelle der Blutung zu suchen, während die feindlichen Kugeln um mich flogen und sausten. Im weiteren Gespräche betonte ich, dass nach meiner Ansicht jeder nachdenkende Officier den Krieg verabscheuen könne und müsse. Der Krieg sei ein nothwendiges Uebel, und die Soldaten seien verpflichtet, in diesem schaurigen Spiele die erste Rolle zu spielen. Der Officier, welcher für dieses traurige Amt richtige Erkenntniss habe, sei ein denkender Mensch, und wenn er den Ausmarsch zu dieser Arbeit mit Wehmuth und Schmerz antrete, so sei er ein fühlender Officier, und nicht, wie der junge Held glaube, ein schlechter Officier. In Betreff der individuellen Seite charakterisirt die momentane Stimmung beim Ausmarsche das Temperament des betreffenden Officiers. Dem Einen winkt Ehre und Ruhm, dem Andern Krankheit, Wunden und Tod; der Eine ist darum weder ein Officier mit Leib und Seele, noch ist der Andere darum ein schlechter Officier. Der Eine denkt an Frau und Kind, und der Andere an — Nichts. Beide thun ihre Pflicht, vielleicht noch mehr als die Pflicht erfordert, und ich möchte auf zwei Thatsachen hinweisen, dass die Sorge um Frau und Kind den Muth nicht lähme, und dass der sorglose Blick in die Zukunft nicht immer den Muth erhöhe. Der Herr Y. möge nur das Verzeichniss der Officiere nachsehen und nachrechnen, wie viel der Decorirten verheiratet seien, und wie viel von ihnen das Joch der Ehe noch nicht tragen; er würde finden, dass die Sorge um Frau und Kind das Pflichtgefühl gewiss nicht einschränke, und zweitens möge er constatiren, ob mehr verheiratete oder mehr ledige Officiere — mich heute um ein Medicament zur Beruhigung des Bauches ersucht haben.
Fig. 28. Ein Javane bei der Hausarbeit, d. h. ohne den Kris (Dolch), welchen er in der Oeffentlichkeit immer trägt, und zwar am Rücken, wie es [Fig. 13] zeigt.
Nach der Tafel ersuchte uns Major X., bald zu Bett zu gehen, weil der Aufbruch der Truppen um fünf Uhr stattfinden werde und wir uns daher von dem letzten Marsche gut erholt haben müssten. Als ich darüber einen verwunderten und fragenden Blick auf ihn warf, fügte der Major hinzu, dass es in den Tropen rathsam sei, die Truppen wegen der herrschenden kühlen Temperatur in den ersten Morgenstunden marschiren zu lassen; ich war jedoch anderer Ansicht. Während die anderen Officiere uns verliessen, machte ich ihn aufmerksam, dass der ganze Weg bis Ambaráwa von unzähligen Sawahfeldern umgeben sei, dass wir uns also in einem künstlichen Sumpf befänden, und dass gerade in den frühen Stunden des Morgens die bacterientödtenden Strahlen der Sonne fehlten, dass also gerade durch den Marsch die Soldaten den schädlichen Miasmen dieser Felder ausgesetzt seien; hierzu komme noch, dass die meisten Soldaten nicht früher in den Schlaf fallen würden, als sie seit Jahren gewöhnt seien; wenn um fünf Uhr abmarschirt würde, müssten sie schon um vier Uhr aufstehen, und könnten sich dann von den Strapazen des vorigen Tages nicht erholt haben. Im Ernstfalle kennt man nur ein Ziel: den Sieg, und die Gesetze der Hygiene müssten schweigen; aber in Friedenszeiten sei es geradezu Pflicht, so weit als möglich die Kräfte der Soldaten zu schonen, um jederzeit für den Ernstfall ungeschwächt die Mannschaften ihrem Ziele entgegenführen zu können. Major X. gab darauf keine Antwort — aber erst um 5 Uhr wurde Reveille geblasen, und um 6 Uhr war Alles zum Abmarsch bereit.
Medóno hat eine absolute Höhe von 598 Metern, und Pingit, die Grenzstation zwischen den Provinzen Kedú und Samarang, ist 686 Meter hoch. Diese 91 Meter mussten wir ersteigen, um dann in diesem Djambu-Gebirge immer bergab bis Djambu (492 Meter) und 4 Kilometer weiter bis Ambaráwa (498 Meter) nur unbedeutende Erhöhungen des Bodens überwinden zu müssen. Ich nahm also gerne den Vorschlag des »Kwartiermeesters« an, ein Dos-à-dos zu miethen, um dulce et jucunde den letzten Theil unseres Marsches zurücklegen zu können. Das vorgespannte Pferd war jedoch öfters ganz anderer Ansicht und blieb stehen oder drängte den Wagen nach rückwärts. Sofort kamen aber einige Kulis vom Train und zwangen den Gaul, anständig mit ihnen Schritt zu halten. Auf der Spitze des Berges kam uns ein deutscher Pflanzer entgegen und lud die Officiere ein, bei ihm Halt zu machen und sich durch ein Gläschen Champagner zum weiteren Marsch zu stärken. Major X. glaubte jedoch dieser wohlgemeinten Einladung kein Gehör geben zu sollen, und um circa 12 Uhr kamen wir in Djambu an, wo uns eine Commission von Bürgern aus Ambaráwa begrüsste. Zu dieser gehörte der brave Dr. P., welcher mich sofort in Beschlag nahm und zur »Reistafel« einlud. Er war in seiner Equipage und wollte mich überreden, mit dieser in die Stadt zu fahren. Ich blieb jedoch bei der Truppe, und dieser brave College war nun gezwungen, mit mir 4 Kilometer zu Fuss zurückzulegen. Die Stadt war zu unserem Empfange geschmückt, und Abends war in dem Clubgebäude des Forts Willem I ein Festabend.
Am andern Morgen brachte uns die Eisenbahn nach Semárang, wo wir sofort nach dem Hafen gingen. Hier war der Resident mit zahlreichen Damen und Herren anwesend, um uns bei einem Glase Champagner Glück zu unserer Reise und zu unseren künftigen Heldenthaten zu wünschen. Der Landes-Sanitätschef hatte natürlich (?) für mich kein einziges herzliches Wort und beschäftigte sich nur mit den »gleich hoch stehenden« Stabsofficieren, und das Benehmen dieses Mannes mir gegenüber sollte demonstrativ sein: Weil ich mit »meinem Commandanten« in Ngawie eine Meinungsdifferenz[207] gehabt hatte, musste er, der als mein Chef mein gutes Recht einer selbständigen Ansicht hätte vertheidigen sollen, urbi et orbi zeigen, dass ich auch ihm eine persona ingrata geworden sei. Ob das Prestige des militärärztlichen Dienstes dabei gewonnen hat?? — —
Ich wurde angewiesen, mich auf jenem Schiff einzuschiffen, welches die Cavallerie mit den Mauleseln überführen sollte. Ich konnte also noch einige Stunden auf das Einschiffen der Pferde und Maulesel warten. Endlich war das letzte dieser störrischen und widerspenstigen Thiere an Bord, und ein lauter Pfiff der Dampfpfeife erinnerte mich und die dienstfreien Officiere, das Schiff zu besteigen. In Atjeh angelangt, wurde mir mitgetheilt, dass meine Transferirung eine zeitliche gewesen wäre, und so kehrte ich mit dem nächsten Schiffe nach Java zurück und kam am 13. Mai, nach einer Abwesenheit von 20 Tagen, in Magelang wieder an.
Zu Hause angekommen, erwartete mich ein kleiner häuslicher Krieg. Mein Diener Ali hatte im Jahre 1894 einen Officier nach Lombok begleitet und war bei dem Ueberfalle von Mataram in die Hände der Feinde gefallen. Wenige Tage danach kam er zurück und wurde auf Befehl des Commandanten sofort nach Java zurückgeschickt, weil der mehr oder weniger begründete Verdacht auf ihm ruhte, dass er von dem Feinde zurückgeschickt worden sei, um Spionendienste zu leisten. Mir wurde dieses von Niemandem erzählt, als ich ihn in meinen Dienst nahm. Mein früherer Bedienter, ein Javane ([Fig. 28]), mit dem poetischen Namen Djojo, welcher fünf Jahre bei mir gedient hatte, erklärte mir nämlich eines Tages, er müsste mich verlassen, weil ihn sein Dienst bei mir langweile. Gegen dieses Argument wusste oder wollte ich nichts einwenden und gab ihm den Abschied. Es that mir leid, ihn entlassen zu müssen, denn er war eine treue und ehrliche Seele. Im Allgemeinen sind ja die malayischen Bedienten die besten der ganzen Welt, wenn man sie nicht schimpft oder schlägt. Sie sind ruhig und gelassen, betrinken sich niemals und werden nie den Abstand zwischen sich und ihrem Herrn vergessen. Wenn vielfach über die malayischen Bedienten geklagt wird, so geschieht es immer nur von Menschen, welche überhaupt keinen Tact haben. Vielfach wird auch behauptet, man müsste der malayischen oder javanischen Sprache vollkommen mächtig sein, um den Bedienten Respect einzuflössen. Dies ist nicht richtig. Ein solcher Bedienter kennt genau seine Position, und es entspricht dem Charakter, den Sitten und Gebräuchen seiner Nation, den höheren Rang immer und überall zu respectiren; schon die Sprache der Javanen documentirt dies aufs deutlichste. Sie unterscheidet sich je nach dem Range[208] des Sprechenden in die Ngoko-Sprache und Kromo-Sprache. In dieser spricht der an Rang oder Jahren Höhere gegen den Untergebenen, welcher seinerseits immer nur in der Ngoko[209]-Sprache gegen seinen Vorgesetzten antworten darf; auch die reiche Literatur der Javanen unterscheidet diese zwei Sprachen.[210] Wenn man der javanischen Sprache mächtig ist, muss man also gegen seine Bedienten nur die Ngoko-Sprache gebrauchen, sonst glaubt er, dass man ihn höhnen will; merkt er jedoch, dass sie nur mangelhaft gesprochen wird, so wird er gewiss die grösste Toleranz zeigen. Ich selbst hatte dieses bei meiner Ankunft in Java erfahren; ich ersuchte meinen Bedienten um ein Streichhölzchen und gebrauchte das malayische Wort ajer = Wasser; ohne mich irgend den lapsus linguae fühlen zu lassen, brachte er mir das gewünschte Streichhölzchen. Zwei Jahre später kam der Sultan von Kutei (Ostküste von Borneo) zu mir; ich fragte ihn, wie es seinem »Weibe« gehe, indem ich das Wort parám-puwan gebrauchte; mit keiner Miene deutete er die Betise an, die in diesem Worte lag. Später brachte er das Gespräch auf râtu = Königin, ich musste ihn fragen, was das Wort râtu bedeutete, und in den gelassensten Worten antwortete er: Râtu heisst die Frau des Sultans oder Königs. Ich entschuldigte mich wegen meines lapsus linguae, was er jedoch als überflüssig zurückwies. Ein Pendant zu diesem Falle erfuhr ein junger Beamter, welcher zum ersten Male den Regenten seines Bezirkes beim Empfange des Residenten sprach. Er sprach ihn mit lu = »du« an;[210] lächelnd wandte sich der Regent, welcher ein sehr gebildeter Mann war, gegen den Residenten und sagte in correcter und feiner holländischer Sprache: »Die jungen Herren machen in Delft[211] bedeutende Fortschritte; vor einigen Jahren kam ein junger Beamter zu mir und sprach mich mit Kôwe,[212] und Herr X. spricht mich jetzt mit lu an.«
So tief sitzt der Respect gegenüber dem Vorgesetzten in dem Volkscharakter der Javanen, dass es immer dem Herrn zuzuschreiben ist, wenn sein Bedienter sich eines unziemlichen Wortes oder einer unpassenden Bewegung schuldig macht. Natürlich giebt es auch unter den malayischen Dienstboten mauvais sujets — gerade wie in Europa, — aber es lässt sich nicht leugnen, dass gute und brave Dienstboten sich immer bei jenen Herren melden, welche ihre Bedienten gut behandeln, d. h. bei etwaigen Nachlässigkeiten nicht schimpfen oder selbst schlagen.