In Semárang, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz,[217] schloss ich meine indische Carrière.
Nach 10jähriger, ununterbrochener Dienstzeit hat der Officier und Beamte Anspruch auf einen einjährigen Urlaub nach Europa. Er bekommt freie Reise bis nach Holland für sich und seine ganze Familie und einen Urlaubsgehalt, der je nach dem Range des Officiers zwischen 1350 und 8000 fl. pro Jahr variirt. Im Juli 1896 trat für mich dieser Zeitpunkt ein, ohne dass ich aus verschiedenen Ursachen davon Gebrauch machte. Ich wohnte ja in einer Garnisonstadt, welche ein italienisches Klima hatte; ich hatte einen kleinen, aber angenehmen Kreis von Bekannten und wohnte in einem steinernen Hause, welches mir allen Comfort erlaubte. Zweitens sind die Sommer- oder Herbstmonate keine erwünschte Zeit für eine Reise nach Europa; ungeheure Wärme und heftige Stürme sind keine angenehmen Begleiter einer Seereise. Wer es kann, schiebt seine Reise für die Monate März und April auf; thatsächlich habe ich auf meiner Reise vom 12. April bis 13. Mai des folgenden Jahres das schönste Wetter gehabt, welches man sich denken kann, nur einen einzigen Tag war die See ein wenig unruhig. Wer wie ich leicht seekrank wird, rechnet gewiss mit diesem Factor. Als ich nach Semárang (am 17. August 1896) transferirt wurde, beschloss ich, im Frühjahr 1897 von meinem rechtlichen Anspruch auf einen einjährigen Urlaub nach Europa Gebrauch zu machen. Ich hielt also wiederum Auction und gab dem Commissionär den Auftrag, bis auf meinen Mylord und meine zwei Pferde, welche ich auch in Semárang würde gebrauchen können, alles, und zwar à tout prix zu verkaufen. Besonders mein Bücherkasten hatte einen bedenklichen Umfang erhalten. Leider hatte ich versäumt, den Platzcommandanten um seine Begünstigung zu bitten, und so geschah es, dass gerade an diesem Tage grosse Feldübungen abgehalten wurden, die Officiere erst um ein Uhr nach Hause kamen, und meine Auction wegen Mangels an kauflustigen Officieren ein sehr geringes Erträgniss hatte. 1000 fl. erzielte die ganze Einrichtung meines Hauses, Glas und Essservice, alle Kleider und ein Kasten voll Bücher. Wagen und Pferde verkaufte ich drei Monate später an einen Collegen, der mir 375 fl. dafür bezahlte. In Semárang selbst miethete ich kein Haus, sondern zog in das Pavillonhotel, in welchem ich und meine Frau für 250 fl. monatlich ganze Verpflegung und zwei Zimmer erhielten. Leider sollte ich die wenigen Monate bis zu meiner Abreise noch viel Misèren zu erleiden haben. Zunächst befiel mich eine heftige Furunculosis, welche in fünf Monaten ungefähr 200 Furunkeln, natürlich verschiedener Grösse, und zwar von der einer Erbse bis zu der einer Handfläche brachte, und zweitens war ein solcher Mangel an Aerzten, dass ich trotz meines so schmerzhaften Leidens ausserordentlich intensive Arbeit auf mich nehmen musste, und der Sanitätschef mir selbst den Urlaub nach Europa verweigern wollte und bei der Regierung den Vorschlag einreichte, wegen herrschenden Mangels an Aerzten ihnen den Anspruch auf einen Urlaub nach Europa zeitlich zu suspendiren. Der Gouverneur-General wies jedoch diese Zumuthung zurück mit der Motivirung, dass der Sanitätschef rechtzeitig für neue Aerzte hätte sorgen sollen, und dass es nicht anginge, in so leichtfertiger Weise einem Officier ein ihm zukommendes Recht zu verkümmern.
Das Hotel, in welchem ich wohnte, lag an der letzten Krümmung des »Bodjong’schen Weges«, einer schönen und breiten Strasse von 1½ Kilometer Länge, und zwar gegenüber einem Garduhäuschen ([Fig. 29]); das andere Ende zierte das Haus des Residenten, und daneben das des Landes-Commandirenden, welcher den Rang eines General-Majors bekleidete.
Dieser »Bodjong’sche Weg« ist eine Zierde der Stadt, welche im Uebrigen vieles zu wünschen lässt. Artesische Brunnen und Dampftramway erinnern uns zwar an ihren Rang als dritte Stadt Javas, aber sie ist arm an Sehenswürdigkeiten, sie hat nur sehr wenige Plätze, kein einziges monumentales Gebäude, kein einziges Denkmal, keine Museen und nur ein unbedeutendes Theatergebäude, welches kaum diesen Namen verdient, ein Clubgebäude, eine Freimaurerloge und Gotteshäuser für die katholische, protestantische und mohamedanische Religion.
Doch ganz im Verborgenen bildet, den Meisten unbekannt, eine Perle der modernen Baukunst, die Capelle des katholischen Frauenklosters eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges. Auf dem grossen Wege nach dem Stationsgebäude, welches ebenfalls jedes architektonischen Schmuckes baar ist, steht die katholische Kirche zur rechten Seite und ihr gegenüber das Kloster der Franziskanerinnen, welche hier eine öffentliche Schule halten. Zur Seite der Schule steht eine Capelle, im Spitzbogen gebaut, welche im Innern die ganze Farbenpracht des maurischen Stiles aufgenommen hat. Es ist ein überwältigender Reichthum der Farben, welcher die Augen nicht beleidigt, sondern ergötzt.
Das Stadthaus ist ein einstöckiges Gebäude ohne Stil und ohne Schmuck. Ihm gegenüber liegt das Militär-Spital mit einigen Pavillons, und an seiner Nordseite schliesst sich die Landes-Irrenanstalt an. Das Spital ist zum grössten Theile aus steinernen Gebäuden, und der Officierspavillon besitzt acht schöne, grosse Zimmer für acht Patienten. Ein kleiner Garten grenzt an diesen und an den mittleren Pavillon, in dessen erstem Stock die Krankensäle für Gefangene sich befanden. Das Ganze ist mit einem eisernen Gitter umgeben und sieht nach dem grossen Platz, welcher von dem erwähnten Stadthause, der Moschee und der Wohnung des Regenten begrenzt ist. Hier werden Sonntags um 5 Uhr Nachmittags von der Militär-Capelle oder von der Landwehr Concerte gegeben, zu welchen sich die beau monde von Semárang einstellt. Auf der Strasse steht eine doppelte Reihe von Equipagen, und europäische, chinesische und arabische Sonntagsreiter und zahlreiche Radfahrer vervollständigen dieses schwache Bild eines Corso. Die alte und eigentliche Stadt wird von den angesehenen Europäern nicht bewohnt; diese haben ihre »Häuser« auf dem »Bodjong’schen Wege«, im Pontjol und Pendrian, welche sich auf einer beinahe parallel mit diesem gelegenen Strasse befinden. »Auf Pontjol« liegt auch das alte, jetzt verlassene Fort »Prinz von Oranje«, und zwar mitten im Sumpfe; von der Strasse aus wird es gar nicht gesehen, weil Frucht- und andere Bäume es umgeben und sein Dach über die Bäume nicht hervorragt. Die bombensichern Casematten bestehen aus meterdicken Mauern, welche den Geschützen vergangener Jahrzehnte Widerstand bieten konnten; jetzt befinden sich nur die Bureaux der Intendantur und der Genie darin.
Von den Strassen der »Stadt«, welche jenseits des rechten Ufers des Flusses Ngaran oder Semárang liegen, lässt sich leider gar nichts Rühmenswerthes sagen; sie sind schmal, ohne Bäume, haben selten ein Trottoir, dafür aber offene, stinkende Canäle; ihre Häuser sind im altholländischen Stile gebaut, ohne Garten, sie sind noch hässlicher als die »alte Stadt von Batavia«. Nebstdem sind sie häufig den Ueberströmungen ausgesetzt, so dass nur der eine Wunsch ausgesprochen werden kann, dass die »Stadt« bald verlassen werden möge, und dass auf dem grossen Wege von Randosari, welcher sich an den »Bodjong’schen Weg« anschliesst, eine neue Stadt entstehen möge.
Der Hafen ist ein primitiver Landungsplatz, ohne den bescheidensten Ansprüchen der modernen Baukunde zu genügen. Auf dem Ueberschwemmungscanal (Bandjir-Canal) ruhen Hunderte von Kähnen, welche den Verkehr mit der Rhede vermitteln, und wenn wir noch die Tausende und Tausende Mosquitos erwähnen, welche sich jeden Abend aus den umgebenden Sümpfen, Sawahfeldern und Fischteichen erheben, um blutdürstig die Bewohner Semárangs zu überfallen, und der grossen Schwärme der niedlichen Reisvögel gedenken, welche den Bodjong’schen Weg beleben, dann ist alles Wissens- und Sehenswerthe dieser Stadt mitgetheilt.
Im Spitale war mein Wirkungskreis derselbe wie in Magelang. Ich hatte meinen »Saal« zur Behandlung europäischer Patienten und war wiederum Mitglied der Superarbitrirungs-Commission. Diese hatte sich auch mit bürgerlichen Angelegenheiten insofern zu beschäftigen, als jene Bürger, welche von den Stadtärzten ungeeignet zum Dienst für die Bürger- und Feuerwehr erklärt wurden, von uns superarbitrirt werden mussten. Diese Bürgerwehr befindet sich nur in den fünf Städten Batavia, Semárang, Surabaya, Djocja und Solo und hat die ganz richtige und gesunde Idee zur Basis, in Zeiten der Gefahr und des Aufruhrs, bei Mangel an Militär bei der Handhabung der Ruhe und Ordnung in diesen Städten zu assistiren; sie besteht also nur aus Europäern und Halb-Europäern, und der jeweilige Resident dieser fünf Provinzen ist der Ober-Commandant der Bürgerwehr (Schuttery), welcher im gegebenen Falle seine Truppen unter das Commando des militärischen Platz-Commandanten stellen kann. Dieses Princip, dass in Zeiten der Gefahr und der Noth die Bürger das Recht oder die Pflicht oder beides haben sollten, ihre Stadt zu vertheidigen und zu beschützen, wird aber nicht consequent durchgeführt, und dadurch wird die »Schuttery« zu einem »Veteranen-Verein« der kleinen Städte Deutschlands degradirt. Wenn es Pflicht eines jeden Bürgers ist, sein Vaterland oder seine Vaterstadt, zu vertheidigen, warum sind davon »Haus- und andere Bediente und Gemeindearme« ausgeschlossen? Wenn es ein Recht eines jeden Bürgers ist, sich in den Waffen üben zu dürfen, wieder mit dem Zwecke, in Zeiten von Aufruhr und Gefahr helfend und beschützend auftreten zu können, warum wird den genannten Personen dieses Recht vorenthalten? Warum wird diese Pflicht »hohen Beamten, Gerichtspersonen, Predigern, Apothekern, pensionirten Officieren, Eisenbahn- und Tramway-Beamten, Telephon-, Post- und Telegraphen-Beamten u. s. w. u. s. w.« nicht auferlegt? Die Kostenfrage spielt keine Rolle; denn die »Schutters« erhalten vom Staate nur die Waffen und im Bedarfsfalle einen den Soldaten entsprechenden Sold. Selbst die Uniform, welche nur für den Officier etwas kostspielig ist, bezahlen sie aus eigenem Vermögen; sie besteht aus weisser Hose und weissem Röckchen ohne Schösse. Die Officiere haben dunkle Kleider aus Tuch oder Serge und Epauletten und Fouragères (Schulterquasten mit Schnüren) aus Gold oder Silber. Die weissen Uniformen, aus russischer Leinwand oder ähnlichen Stoffen verfertigt, sind ganz hübsch und zweckmässig auf dem Exercierplatz und bei der Parade; sie haben aber den Nachtheil, dass das scharfe Licht der Tropensonne zu stark reflectirt wird. (Im abessynischen Kriege litten die Augen der englischen Soldaten dadurch, und sie waren nebstdem eine grosse Zielscheibe für den Feind.) Schon bei Manövern ist diese weisse Uniform unpraktisch, weil der geringste Schmutzfleck deutlich sichtbar ist. Im Kriege werden sie natürlich von den Soldaten und Officieren zu Hause gelassen, und für die »Schuttery« eine Ursache sein, sich an einer offenen Feldschlacht nicht zu betheiligen.