Fig. 29. Ein Garduhäuschen = Polizeiwachstube (im Ellothale).

Wenn dieses Corps nur zu oft die Zielscheibe schlechter Witze von Seiten der Berufssoldaten und Officiere ist, so dass das Wort »Schutter« als Prototyp eines indisciplinaren und ungeschulten Soldaten in der Caserne heimisch ist, so ist die Organisation derselben doch eine richtige. Die Disciplin ist in keiner Armee Selbstzweck, sie ist nur Mittel zu dem Zwecke, ein geordnetes Zusammenleben von so viel Hunderten und Tausenden von Männern zu ermöglichen, und den Mann zu einem fügsamen und tauglichen Theil dieses grossen Mechanismus zu erziehen. Die »Schutter« sind aber nicht casernirt; ein grosser Factor, eine strenge Disciplin zu handhaben, entfällt also. Die Abrichtung und Erziehung des Schutters kann also bleiben, wie sie jetzt geübt wird. Aber die Pflicht zum Eintritt in die »Schuttery« werde verallgemeinert und das Ziel derselben möge keine »Soldatenspielerei« sein, sondern alle gesunden Männer zu kräftigen Wehrmännern heranziehen, welche in der Zeit der Noth sich und dem Staate vortreffliche Dienste leisten könnten.

Ich muss noch erwähnen, dass die unvermeidlichen Ausgaben der Verwaltung und der Musik aus dem Schutteryfonds gedeckt werden, zu welchem die »Befreiten« ihre jährliche Contribution und die »Gestraften« ihr Scherflein beitragen. Für die meisten disciplinaren Vergehen werden nämlich Geld- und keine Freiheitsstrafen auferlegt.

Die Superarbitrirungs-Commission hatte gegenüber diesen Herren oft einen sehr schwierigen Standpunkt. Einer derselben hatte z. B. über einen Herzfehler geklagt, und der Stadtarzt glaubte ihn dafür zu dem Dienste der »Schuttery« untauglich erklären zu müssen. Der Dienst dieser Leute ist nicht anstrengend; sie haben nur einmal in der Woche von 5–6 Uhr zu exercieren und sich in einigen Wochen im Jahre an der Scheibe zu üben. Nun, Herzfehler und Herzfehler können noch sehr differente Zustände sein. In unserm Falle hatte der Recrut, ein junger Halbeuropäer von 19 Jahren, ein leichtes Geräusch, wie es bei Anämie (Blutarmuth) vorzukommen pflegt. Mir ist nicht bekannt, was die Superarbitrirungs-Commission beschlossen hatte; dieses geschah im Jahre 1896, als ich noch in Magelang sass. Der junge Mann bekam jedoch eines Tages Lust, Soldat zu werden, er liess sich anwerben, bekam 300 fl. Handgeld, und sofort meldete er sich krank, er könne wegen eines Herzfehlers nicht exercieren! Dabei präsentirte er mir das Zeugniss des Stadtarztes, welcher ihn selbst für den Dienst bei der »Schuttery« untauglich erklärt hatte. Ich untersuchte ihn genau und fand, wie ich schon erwähnt habe, nur ein geringes anämisches Geräusch. Entrüstet hielt ich ihm vor, dass er auf diese Weise den Staat um so viel hunderte Gulden beschwindelt habe. Dies liess ihn natürlich kalt. Ich theilte ihm nebstdem mit, dass sein Herzfehler von keiner Bedeutung sei, dass er ganz unbesorgt seine dienstlichen Obliegenheiten verrichten könne, und dass ich es für Unwillen auffassen würde, wenn er sich jemals wieder wegen dieser fraglichen Krankheit dem Dienst entziehen würde.

Durch ganze zwanzig Jahre hatte ich keinen Diphtheritisfall gesehen. Wenn auch im Allgemeinen Erwachsene seltener als Kinder von dieser Krankheit ergriffen werden — der vielfach erwähnte Jahresbericht der indischen Armee vom Jahre 1895 weist keinen einzigen Fall dieser Krankheit auf —, so muss ich es dennoch für einen besonderen Zufall halten, dass ich in diesem langen Zeitraume keine einzige diphtheritische Erkrankung der Kehle zu Gesicht bekam. Der Zufall ist um so merkwürdiger, als in Indien diese Krankheit factisch häufig vorkommt und gewissen chinesischen Curpfuschern eine grosse Berühmtheit verschafft hat. Selbst der Chef-Apotheker der indischen Armee hatte vor einigen Jahren das Unglück, zwei seiner Kinder von dieser tückischen Krankheit ergriffen zu sehen. Auch er liess einen berühmten chinesischen Heilkünstler zu sich kommen, und trotzdem verlor er seine Kinder. Es ist eine traurige Erscheinung, welche ich im ersten Theile Seite 165 besprach, dass die Therapie der europäischen Aerzte bis jetzt nicht nur wenig in die tiefen Schichten der indischen Eingeborenen eingedrungen ist, sondern dass im Gegentheil die Behandlung vieler Krankheiten, wie sie von den Malayen geübt wird, die Europäer und selbst europäische Aerzte zu einem Hymnus veranlasst. Auch Dr. van der Burg schreibt über die Behandlung der Diphtheritis im zweiten Theile seines grossen Werkes,[218] Seite 380: ... Das Publicum setzt grosses Vertrauen in die Behandlung von diphtheritischer Kehlentzündung durch Chinesen, wodurch manchmal gute Resultate erzielt werden. Auch diese chinesischen Heilkünstler huldigen dem Principe aller Curpfuscher: Die günstigen Erfolge mit allen Glocken der Reclame urbi et orbi zu verkündigen; bei den übrigen Fällen ist der Rest — Schweigen.

Worauf sind denn die günstigen Erfolge der Chinesen basirt? 1. Auf die unrichtige Diagnose. Ich selbst habe im Jahre 1889 in Ngawie eine Dame mit Erfolg behandelt, welche wegen ihrer »Diphtheritis« (??) von Geneng zu mir gekommen war; sie hatte eine Stomatitis crouposa, d. h. die ganze Mundhöhle war mit einem weissen Beschlag bedeckt, welchen sie und ihre Familie für einen diphtheritischen erklärten. Auch in Europa wird gegenwärtig die Diphtheritis viel häufiger diagnosticirt, als es sein sollte. Die Anwesenheit des Löffler’schen Diphtheritis-Bacillus ist die Basis dieser Diagnose, und wenn die Serumtherapie so günstige Erfolge aufzuweisen hat, ist zweifellos diese unrichtige Basis der Diagnose Diphtheritis, wie auch Kassowitz und Andere mit Recht bemerken, der Urheber dieser Erfolge. Unschuldige Affectionen der Mundhöhle, des Rachens und des Kehlkopfes werden also von den chinesischen Curpfuschern als Diphtheritis behandelt, und der günstige Verlauf dieser Krankheiten wird von ihnen als Heilung der Diphtheritis durch ihre Therapie ausgeschrieen. 2. Giebt es zahlreiche Diphtheritisfälle, ja selbst Epidemien dieser Krankheit, welche durch ihre »Gutartigkeit« charakterisirt sind, d. h. bei jeder Therapie oft kaum 20% Todesfälle aufzuweisen haben. Dies gehört in Indien zu der Regel; nur selten geht dort der Process vom Rachen auf den Kehlkopf über und erfordert den Kehlkopfschnitt. Dies war der Fall mit jenem Patienten, welcher von Dr. W. behandelt und wegen drohender Erstickungsgefahr in das Spital geschickt wurde, und welcher der einzige Fall von Diphtheritis war, den ich in Indien beobachten konnte.

Der Curiosität halber glaube ich die Behandlung der Chinesen hier mittheilen zu sollen, wie sie Dr. van der Burg beschreibt. Auch Dr. Vordermann hat s. Z. einige Recepte des chinesischen »Pulvers zum Einblasen« angegeben. Dr. van der Burg schreibt hierüber Folgendes: »Es wird von den Chinesen besonders schwache Nahrung und schwacher Luftwechsel verlangt; dann blasen sie ein röthliches oder grünliches Pulver mit einem dünnen, hohlen Bambusröhrchen auf die ergriffenen Stellen der Kehle ...« Die chemische Untersuchung des am häufigsten gebrauchten Pulvers ergab nach van der Wiel folgendes Recept:

2

Theile

Sulphuret

arsenici (tsee houang),
3

hydrargyri (tju séh),
½

Sulphas cupri (tan-fan),
3

Borax (pang sha),
2

Kampfer (ping pien),
1

Moschus (shie hiang),
3

Chloretum natrium (ché jèn),
3

Perlen (tjien tju),
3

Bezoarstein[219] (niu hoang),
2

Bambussteine (tschou houang),
2

Radix salviae multiorhizae (tan seng),
2

Galle (?) (hiem tàk),
½

der Baumrinde von? (djie tèh),
3

Excremente von Kakerlaken[220] (tay-ka-toi) und eingedämpftem Urin von Kindern (jin tchong pe),

dieses alles wird gemischt, pulverisirt und 2–3mal jede Stunde in den Mund eingeblasen!!

Auch die Diphtheritis fordert in Indien zur Zeit der Kentering[221] die meisten Opfer. In der Regenzeit verhindern die grossen Wassermassen mechanisch die Entwickelung schädlicher Bacterien, in der trockenen Jahreszeit versengen die heissen Strahlen der Tropensonne die Keime aller zymotischen Krankheiten. In der Uebergangszeit dieser beiden Jahreszeiten (Kentering) sind die Tropen ein Riesen-Brutkasten für alle Krankheitserreger, und ebenso sind unausgesprochene Monsune, die »trockene« Regenzeit (Westmonsun) und die »nasse« trockene Zeit (Ostmonsun) für das einzelne dazu disponirte Individuum die gefährlichste Zeit. Leider ging es auch mir während des Aufenthaltes in Semárang schlecht. Wir hatten zur Zeit des Westmonsuns viele, ja selbst zahlreiche Tage, an welchen es nur wenige Stunden, und noch dazu in kleinen Mengen regnete. Die Feuchtigkeit, organische Stoffe und Wärme waren in hinreichendem Quantum vorhanden, um ein üppiges Wuchern aller möglichen schädlichen Bacterien zu veranlassen; ich bekam die Furunculosis. So schmerzhaft die ersten Furunkeln waren, so wenig störten sie mich in meinen täglichen Arbeiten. Das Spital war in der nächsten Nähe; wenn ich auch unter Beschwerden den kurzen Weg dahin zurücklegte, und auch die Behandlung von 50–60 Patienten immerhin mit einiger Bewegung verbunden war, so überwand ich doch die Schmerzen, weil einerseits damit keine Gefahr verbunden war, weil ich andererseits zu Hause die Langeweile fürchtete, und weil ein solcher Mangel an Aerzten herrschte, dass schon durch den Ausfall Eines Arztes die Patienten des Spitals hätten leiden müssen. Unterdessen (Ende Februar) hatte ich mein Gesuch um einen einjährigen Urlaub nach Europa eingereicht und hoffte, da ein solches Gesuch gewöhnlich drei Wochen zu seiner Erledigung nöthig hat, Mitte oder Ende März abreisen zu können; sie erfolgte in dieser Frist nicht. Die Furunkeln heilten zwar, es kamen aber jedoch immer neue hinzu; ich kam herunter und endlich entschloss ich mich, den Dienst einzustellen, und der Garnisonsdoctor gab mir ein ärztliches Zeugniss, dass ich wegen allgemeiner Furunculosis einen Urlaub ins Gebirge dringend nöthig hätte. Am 25. März 1897 ging ich mit der Eisenbahn nach Salatiga. Leider habe ich dadurch das »ewige Feuer« nicht gesehen, von dem Veth eine ausführliche Beschreibung bringt und 5 km entfernt von Gubuk gefunden werden soll. Aus Oeffnungen in dem Boden strömt ein brennbares Gas aus, welches, einmal entzündet, wie Einige behaupten, zwar durch Stampfen in der Umgebung, starkes Blasen oder durch Wasser ausgelöscht werden kann, sich aber durch die Berührung mit der Luft immer wieder entzündet. In Kedong Djatti, welches seinen Namen den dortigen grossen Wäldern von Djattibäumen (Tectonia grandis) entlehnt, mussten wir umsteigen, um die Strecke nach Ambarawa zur weiteren Reise zu benutzen. Nur einige Kilometer hinter dieser Station betraten wir bei Gaga dalem eine Enclave von Solo,[222] und acht Kilometer weiter erreichten wir Bringin, von welchem Salatiga auf einer schmalen Strasse zu Pferde oder mit einem Dos-à-dos in ungefähr einer Stunde zu erreichen wäre. So wie die meisten Touristen fuhr ich jedoch weiter bis Tuntang, von wo aus eine schöne breite Strasse über Salatiga nach Solo und Djocja und an die Südküste führt. Der grosse Postweg Javas, welcher längs der Nordküste dieser Insel von Batavia nach Surabaya zieht, giebt auch in Semárang einen Zweig ab, welcher sich nördlich von Ambarawa (bei Baven) in zwei Aeste theilt. Der eine umkreist die westlichen Abhänge der Grenzgebirge Merbabu, Merapi u. s. w., während der andere im Osten dieser Berge nach dem Süden Javas zieht. In Tuntang stand ein grosser Reisewagen, und gegen 7 Uhr Abends kamen wir in Salatiga an. Im »Hotel Taman« fanden wir eine aufmerksame Wirthin, ein hübsches Zimmer, eine grosse Veranda mit einer schönen Aussicht und freiem Gebrauche des Bades »Kali taman«, und zwar für 8 fl. pro Tag. Die Babu bekam von mir täglich 20 Ct., wofür sie sich das Essen bezahlte, während eine gastfreundliche Collegin des Hotels ihr eine Schlafstätte gratis anbot. Zur Reise hatte sie sich nämlich nebst einem Kistchen aus Zinkblech für ihre Schätze an Sarongs u. s. w. ein Kopfpolster mitgenommen, welches in einer Matte eingerollt war; diese Matte wurde das Schlaflager unserer Babu. Am andern Tag besuchte ich sofort das Bad Kali taman, welches ungefähr einen Kilometer vom Hotel entfernt war; es bestand aus einem grossen Bassin, in welches sich aus einer Höhe von zwei Metern ein mächtiger Strahl von frischem, hellem und kühlem Bergwasser stürzte. Ein Schwarm Goldfische bewohnte das Bassin, und als ich auf der ersten Stufe stand, kamen ein paar Hundert dieser zierlichen Fischchen auf mich zugeschwommen. Es fiel mir auf, dass die kleinen in Gold- und Silberfarbe schimmernden Fische in der ersten Reihe schwammen, und in der Peripherie die grossen mit grauem, mattem Kleide es niemals wagten, sich uns zu nähern. Jetzt wurde es mir deutlich, warum mir beim Eintritt der Wächter des Bades ein grosses Blatt, gefüllt mit gekochtem rothen Reis, um 2½ Cent zum Kauf angeboten hatte. Die Fische waren gewöhnt, von den Badegästen gefüttert zu werden; späterhin verschaffte es mir viel Vergnügen, die klugen Aeuglein von Hunderten von Fischen und Fischchen auf mich gerichtet zu sehen, sie wurden so zutraulich, dass sie sich bis an meine Füsse heranwagten.