Salatiga liegt 574 Meter hoch und erinnert in mancher Hinsicht an die Riviera. Oft hatten wir es in den Morgenstunden nicht wärmer als 12° und um 12 Uhr nur 17–18° C. Wenn ich in der Veranda des Hotels auf meinem »Faulenzerstuhl« sass und meinen Blick über den grossen Schlossplatz warf, sah ich im Nordwesten den Unarang und im Südwesten den Merbabu ihre stolzen Häupter erheben, zwischen welchen Ambarawa eingeschlossen ist, und aus welchen sich die herabstürzenden Wassermassen durch eine Bergspalte in den Fluss Tuntang ergiessen. Schon seit 250 Jahren ist Salatiga als Luftcurort bekannt, und wenn die Vasallen zu dem grossen Fürsten des Mataramischen Reiches von Semárang zogen, hielten sie ihren ersten Rasttag in Unarang und den zweiten in diesem lieblich reizenden Bergstädtchen, das nach den drei Tempeln (Selá tiga), welche hier gestanden hatten und schon im vorigen Jahrhundert niedergerissen wurden, den Namen Salatiga behielt. Zahlreiche Pensionäre wohnen hier wegen des italienischen Klimas und wegen der Billigkeit seiner Lebensmittel. Der Besitzer des Bades Kali taman und eines grossen Landgutes kam zu meiner grossen Ueberraschung vor zwei Jahren nach Karlsbad, und ihm verdanke ich so manche Aufklärung über das politische Verhältniss der Landherren Javas einerseits zu der indischen Regierung und andererseits zu der ansässigen Bevölkerung. Nebstdem hat die indische Cavallerie ihren Sitz in Salatiga; der Stab dieses Corps liegt mit zwei Escadronen in dieser kleinen Stadt, welche vielleicht 500 europäische Seelen, 3000 (?) Javanen, 500 Chinesen und 50 (?) Araber als Einwohner hat.

Leider war es mir durch meine Furunkeln unmöglich, grössere Ausflüge zu machen, und weder das Gesundheits-Etablissement Ungaran noch Pelántungan zu besichtigen. Das erstere ist wie Salatiga ein Luftcurort (318 Meter hoch), während Pelántungan grosse und reiche jodhaltige Quellen besitzt, wo Lepra- und Syphilis-Patienten Heilung von ihren Gebrechen suchen, und sich seit 1844 eine Militär-Badeanstalt befindet. Noch mehr bedauere ich es, dass mir die Gelegenheit genommen war, das viel gepriesene Dienggebirge mit seinen Naturschönheiten und seinen zahlreichen Ruinen besuchen zu können. Ich sollte Salatiga, die Provinz Samarang und die Insel Java verlassen, ohne dieses Wunderland (das Dienggebirge) auch nur gesehen zu haben.

Schon im September 1896 hatte ich für mich und meine Frau bei der französischen Schifffahrts-Gesellschaft »Passage besprochen«, und Ende März 1897 konnte ich auf die Anfrage dieser Gesellschaft, wann ich doch meine Anweisung der Regierung für die Unkosten einreichen würde, nur ausweichende Antworten geben, weil noch immer keine Erledigung auf mein Urlaubsgesuch erfolgt war. Ja noch mehr; die Zeitungen brachten, wie ich schon erwähnt habe, die Nachricht, dass der Sanitätschef das Ersuchen an die indische Regierung gerichtet hatte, wegen grossen Mangels an Militärärzten diesen keinen Urlaub nach Europa zu gewähren.

Endlich erhielt ich am 8. April die telegraphische Nachricht, dass mir der Urlaub ertheilt werde, und da die Messagerie maritime mir auf mein Ersuchen eine Cajüte auf »dem Ernest Simon«, welcher am 20. April von Singapore abgehen sollte, reservirt hatte, eilte ich sofort am folgenden Tage nach Semárang, wo es mir durch das Entgegenkommen aller Behörden ermöglicht wurde, am 12. April mit dem Reael nach Batavia abreisen zu können.

Um 3 Uhr fuhr ich mit einem Wagen des Hotels zum Hafen. Für den Preis von 2 fl. pro Kopf brachte mich und die übrigen Passagiere eine Dampfbarcasse auf die Rhede, wo sich der kleine Dampfer Reael auf den Wellen der etwas unruhigen See schaukelte. Um 4 Uhr wurde der Anker gelöst, und geschützt von der Decke des Zeltes richtete ich zum letzten Male meine Blicke hinüber zu dem vielköpfigen Merbabu. »Die Stadt mit ihrer baumreichen Umgebung und den Bergprofilen im Hintergrund formen ein liebliches Panorama. Im Südwesten erheben sich der Prahu, der Sindoro und der Sumbing, und im Süden taucht der Telemaja auf, hinter welchem der breite, vielköpfige Scheitel des Merbabu am Horizonte erscheint. Zwischen dem Sumbing und Sindoro tritt der Unarang deutlich in den Vordergrund. Seine malerische, trachitische und mit Trachitblöcken bedeckten Vorhügel erstrecken sich bis in die Nähe der Stadt, und man kann von der Rhede aus ihre rohen Formen, ihre breiten, abgerundeten Scheitel und ihre arme Vegetation mit unbewaffnetem Auge unterscheiden. Hinter diesen ungefähr 250 Meter hohen Hügeln erhebt sich der Unarang mit sanft aufsteigenden Abhängen, welche nach und nach in das Dunkelgrün seines dicht mit jungfräulichen Wäldern bedeckten Scheitels übergehen.«

Lebe wohl, du schönes, liebliches Java! Lebe wohl! Slamat Tanah Djava!

Anhang.

Die Ansiedelungen der Europäer auf der Insel Java.[223]

Wenn auch Marco Polo (aus Venedig) schon am Ende des 13. Jahrhunderts Sumatras Boden betreten hatte, so hat doch erst im Jahre 1323 (?) ein Europäer, und zwar wiederum ein Italiener, der Mönch Fra Odorica, zum ersten Male Java aus Autopsie kennen gelernt. Was sein Landsmann Nicolo de Conti (1430?) von seinen Erlebnissen in Java mittheilte, ist nicht der Mühe werth, geschichtlich beurtheilt zu werden, ebenso wenig haben die Mittheilungen von Ludovico di Varthema aus Bologna (1505) irgend welchen historischen Werth. Im Jahre 1512 schickte der Portugiese d’Albuquerque den Mohamedaner Nakhoda Ismaïl mit einer Jonke nach den Molukken mit dem Auftrage, die östlichen Inseln zu untersuchen. Im folgenden Jahre (1513) kehrte er mit einer Ladung von Gewürzen zurück, landete auf Java, wo bei Tuban sein Schiff strandete, worauf Inam Lopez Aluim mit vier Schiffen die Staaten der Nordküste aufsuchte. Acht Jahre später kam der Portugiese Antomode Brito mit fünf Schiffen nach Java und Madura (wo seine Bemannung eine kurze Zeit gefangen gehalten wurde), und im Januar 1522 Enrique Leme (nach Sunda), Garcia Enriquez und der Portugiese Magalhães. Im Jahre 1523 sah Java wiederholt portugiesische Schiffe, und zwar in Grisé. Während Simão de Soresa und Martin Correa einem nächtlichen Anfall der Javanen durch rechtzeitige Warnung des Manuel Botelho aus Surabaya entkamen, fiel Antonio de Pina, Botelho selbst und Antonio Pessoa (1524) unter den verrätherischen Anfällen der erbitterten Javanen. Die Portugiesen unterliessen es hierauf einige Jahre lang, mit den verrätherischen Javanen des Ostens der Insel Handel zu treiben, und besuchten allein Panarukan (1526 unter Antonio de Brito und João de Morene), und im Jahre 1528 (unter Don Garcia Enriquez), nachdem Francisco de Sá (1526) ebenfalls eine unglückliche Expedition nach »Sunda«[224] unternommen hatte.[225]

Im Jahre 1536 kam der Spanier Andres de Urdaneta nach Panarukan, nachdem 1532 die Portugiesen dort ein Standbild mit dem Wappen des Königs von Portugal und drei Kreuze errichtet hatten. Dreizehn Jahre lang fehlen die Nachrichten über die Fahrten der Portugiesen nach Java, und erst 1545 kam Fernão Mendez Pinto nach Bantam, und mit 40 Mann seiner Flotte betheiligte er sich an dem Zuge des Sultans von Bantam nach Demak (Januar 1546), um gemeinschaftlich gegen den Sultan von Pasuruan zu ziehen. Trotz der colossalen Heeresmacht (Pinto spricht von 800000 Mann und 2700 grösseren und kleineren Schiffen) endigte dieser Krieg mit einer fürchterlichen Niederlage, und die Portugiesen, welche sich daran betheiligt hatten, setzten ihre beabsichtigte Reise nach China fort. Auf der Rückreise erlitten sie an der Nordküste Javas Schiffbruch, Pinto wurde mit einigen seiner Matrosen als Sclave verkauft, später jedoch freigelassen und nach den portugiesischen Schiffen gesendet, welche in dem »Hafen von Sunda« lagen. Sir Francis Drake kam auf seiner Weltumsegelung (1577–80) ebenfalls nach Java. Die Holländer kamen zum ersten Mal am 23. Januar 1596 nach Java (Bantam) und schlossen unter Cornelis de Houtman (1. Juli 1596) mit Pangéran Mangku bumi, dem Vormund des unmündigen Fürsten, einen Vertrag, demzufolge Prinz Moritz von Nassau, zum grössten Aerger der anwesenden Portugiesen, in Bantam freien Handel führen konnte, und es gelang diesen auch, die Bantamer gegen die Holländer aufzuhetzen. De Houtman wurde mit seinen Männern, welche am Strande ein Waarenlager errichtet hatten, gefangen genommen, bald aber (2. October) freigelassen und konnte unter denselben Bedingungen wie die Portugiesen und Chinesen Handel treiben. Aber schon 3 Wochen später mussten sie wieder mit Gewalt das Befolgen des Contractes erzwingen; die Flotte zog dann längs der Nordküste bis Grisé; bei Sidaju wurde das Schiff Amsterdam von feindlich gesinnten Javanen überrumpelt, und am 6. December wurden sie bei Arisbaja, auf der Insel Madura, zu einem Angriff auf einige Kähne der Javanen durch falschen Argwohn gezwungen. Nachdem sie in Bavean das unbrauchbare Schiff »Amsterdam« verbrannt hatten, zogen sie nach der Insel Bali (Januar 1597), und einen Monat später (27. Februar 1597) zogen sie längs der Südküste Javas und Africas nach Holland zurück, wozu sie ungefähr 5½ Monate nöthig hatten. Im Jahre 1598 erschien wieder eine portugiesische Flotte, um die Niederländer, von deren Abreise sie nichts wussten, von Java zu vertreiben; die Bantamer fanden es jedoch zweckmässiger, sich diese ihre Freunde vom Halse zu schaffen, überfielen ihre Schiffe, nahmen ihnen das von anderen Schiffen geraubte Gut wieder ab und empfingen wieder mit Freuden die Ankunft einer neuen holländischen Flotte (25. November 1598). Von den acht Schiffen, unter dem Commando von Jacob van Neck, gingen vier voll beladen nach Holland zurück, und die übrigen vier fuhren am 8. Januar 1599 nach Madura, wo es ihnen, wie ihren Vorgängern, sehr schlecht erging. Fünfzig Mann fielen in die Hände der Maduresen und mussten um hohes Lösegeld freigekauft werden. Nach den Molukken setzten sie ihre Reise fort und kamen am 9. August wieder nach Bantam zurück.