Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat, unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen. „Ich bin Horus,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder (sic) der Göttin Isis, geboren von Isis, der herrliche Knabe, welchen Isis liebt und welcher nach seinem Vater Osiris-Onnofer begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der Beschwörende der ägyptische Gott Horus in eigener Person, um seiner Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen Rede zu stehen.
Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die betreffenden Fragen zu beantworten.
Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „zu veranlassen, daß es seine Augen schließe“. War dies erreicht worden, so rief es der Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „er veranlaßte, daß es seine Augen öffne“. Das Kind mußte sagen, was es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.
Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die Ägypter den kleinen Kindern (Paidaria) eine wahrsagende Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen, die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.
Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die Rolle des Mediums übernehmen mußte.
Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.
„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h. frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle. Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so rufe sofort den Namen Heue aus, zu sieben Malen, und befrage es nach allem, was du willst.“
„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“