Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße, besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums. Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit des Feldmaßes in ½, ¼, 1⁄8, 1⁄16, 1⁄32 geteilt, mit andern Worten, dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.
Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in der Ordnung 360, 60, 1, 1⁄60, 1⁄360 darstellten. Die geschichtliche Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als eine unentschiedene und schwebende Frage bezeichnet werden. Auf alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe, uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen mit Erfolg durchzuführen.
Der Hypnotismus bei den Alten.
Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen, welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen. Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.
Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an Mesmer und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf Cagliostro, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen, wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben wird.
Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen, welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, in welchem die sogenannte Gnosis in vollster Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den Willen des Beschwörenden auszuführen.
Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß, darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen Abrasax, Jao und Sabaoth. Selbst jüdische Gottesgelehrte und christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und chemische Prozesse berühren.
Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der materia medica verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.
Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe, ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap. A. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter. Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken. Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt, insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis, Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.
Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen, merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.