An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel. Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v. Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher, und die geschichtlichen Lücken durch romanhafte Erzählungen und Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein wenig vorher fällt.

Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ, so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.

Zur ältesten Zeitrechnung.

Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die historische Zeitmessung umfassen.

Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu überliefern.

Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung, welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres, dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461 Wandeljahre ausfüllten.

Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie, wobei die genaue Kenntnis des Anfangstages der betreffenden Ära als die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober 312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des Sonnenjahres von 365¼ Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622), die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16. Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren Anfang nimmt.

Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden (julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden, wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer Zeitrechnung ist der Gebrauch einer angewandten Ära in keinem Falle nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen, welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde: der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten Untersuchungen bilden.

Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil, wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen Nachfolgern bezeichnet.