Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen, werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben, wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren, Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind, so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen zu können.

Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte. Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher, wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern 5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft ausgeübt hatten.

Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher, wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho, um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren 1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24. Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20. März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius 1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben zu behandeln sind.

Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese astronomischen Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von 8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr. bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit, an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen. — Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33, zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von Dr. W. Meyer (s. S. 307 ff.).

Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit eine besondere Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den asiatisch-babylonischen Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt ist durch die Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell el-Amarna, von denen der größere Teil in den Besitz der Berliner Museen gelangt ist, die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs Burnaburiasch, oder, wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit dem ägyptischen König Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der eben genannte ägyptische Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. aufgeführt wird, so liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das Jahr 1400 oder etwas später anzusetzen.

Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem (unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden Residenzstädte, verhinderten eine parteilose Kritik und damit die chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen Königsreihen.

Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.

Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr. hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes chronologisches Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.

Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr. Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.